Provence-Septimanien

Ort
Marne-la-Vallée
Veranstalter
Geneviève Bührer-Thierry / Laurence Leleu / Jens Schneider, Université Paris Est Marne-la-Vallée
Datum
25.02.2011
Von
Laurence Leleu, Universität Paris Est Marne-la-Vallée; deutsche Übersetzung: Albrecht Brendler, Universität Tübingen; Miriam Czock, Universität Duisburg-Essen

Im Februar letzten Jahres fand im Rahmen des von der DFG und der ANR finanzierten Projekts „Territorium“ (http://www.univ-mlv.fr/territorium), das die Verräumlichung von Macht in den karolingischen Nachfolgereichen im Vergleich der französischen Regionen Septimanien und Provence mit zwei deutschen Regionen, Sachsen und Schwaben, untersucht, ein Workshop statt, der aus der spezifischen Perspektive der beiden südfranzösischen Regionen Erkenntnisse für das Gesamtprojekt gewinnen sollte. Das Arbeitstreffen war in zwei Teilen organisiert: Der erste Teil widmete sich der Überlieferungssituation, der zweite war der Auslotung räumlicher Beschreibungen anhand des Beispiels Septimanien gewidmet.

Eine Untersuchung der Überlieferungssituation bot sich an, da sie sich südlich der Loire grundsätzlich anders gestaltet als im Ostreich: Der Anteil der Urkunden, besonders der Privaturkunden, ist dort überwältigend, während die narrativen Quellen selten sind.

Nach einleitenden Worten von Geneviève Bührer-Thierry (Paris) und Steffen Patzold (Tübingen) hat JEAN-BAPTISTE RENAULT (Nancy), ausgehend von seinem Promotionsvorhaben über die provenzalischen Urkunden, die Provence (räumlich definiert durch die Kirchenprovinzen) als Urkundenlandschaft in der Zeit von 950 bis 1120 vorgestellt. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stand das Chartular von Saint-Victor in Marseille. Für die Zeit vor 1020 beurteilte er die Quellenlage in der östlichen Provence als extrem schlecht. Er hob hervor, dass sich die Gesamtheit des provenzalischen Raumes durch spezifische und gemeinsame diplomatische Gewohnheiten charakterisieren lässt. Ersichtlich sei dies schon an der Benutzung eines „Hausformulars“ oder auch an besonderen Präambeln (Auctoritas etenim). Die Urkunden von Saint-Victor in Marseille unterscheiden sich seit dem beginnenden 11. Jahrhundert durch zahlreiche Neuerungen im Formular von denen der Bischofsstädte, die weiterhin an der karolingischen Tradition festhalten: vor allem von den in Arles gebräuchlichen, aber auch denen in Avignon, Vaison und Apt. Besonderheiten sind das Überwiegen der religiösen Präambeln über die rechtlichen Präambeln sowie die häufige Ausstellung von Schenkungsurkunden im Rahmen des sponsalitium und die Förderung monastischer Ideale durch die Bezugnahme auf den Abt Isarn und auf Johannes Cassianus. Grundsätzlich konnte Jean-Baptiste Renault so die Sonderstellung von Saint-Victor innerhalb des provenzalischen Raumes hervorheben.

Als nächstes wandte sich RUTGER KRAMER (Wien) dem Chronicon Moissiacense zu und beleuchtete damit eine historiografische Quelle. Er ging der Frage nach, wie sich in diesem Werk der Zusammenhang zwischen dem Zentrum des Reiches (dem karolingischen Hof) und einer peripheren Region spiegelt. Dabei erhellte er, wie im Text überregionale Vorkommnisse und Interessen des Reiches in die regionalen Anliegen des septimanischen Raumes und in die lokalen der Gemeinschaft von Aniane integriert wurden. Er beantwortete damit die Frage nach dem Niederschlag geographischer Identitäten in der Historiographie. Aus dieser Perspektive muss das Chronicon Moissiacense, das man eher als Annales Anianenses bezeichnen müsste, als eine hervorragende Quelle für den Zugang zum septimanischen Blickwinkel auf die Geschichte des karolingischen Reiches gelten. Das Chronicon Moissiacense bezeugt jedoch nicht nur die regionale Perspektive, sondern weist mit der Themenwahl wie in der textuellen Gestaltung einen „Integrationswillen“ ins karolingische Modell der schriftlichen Erinnerung seitens der Gemeinschaft von Aniane auf. Im Rahmen der Fragestellung nach der unterschiedlichen Quellenüberlieferung betonte die sich dem Vortrag anschließende Diskussion die Einzigartigkeit der Chronik für den Süden Frankreichs, der ansonsten bis in das 12. Jahrhundert durch eine überwiegend urkundliche Textproduktion gekennzeichnet ist.

Der sich anschließende zweite Teil des Treffens wandte sich dann der Frage nach den territorialen Begrifflichkeiten auf der subregionalen Ebene zu.

Zunächst befasste sich DIDIER PANFILI (Paris) mit dem Gebrauch der Begriffe pagus und comitatus in den Chartularen der Toulouser Gegend und des Quercy des 9.-11. Jahrhunderts mit dem Ziel, eine Geographie ihrer Benutzung zu erstellen. Er konnte zeigen, dass das Quercy und das Haut-Toulousain Räume sind, in denen der comitatus nicht in Erscheinung trat und der pagus vorherrschte. Damit unterscheiden sich diese Gegenden vom Großteil des Südens, in dem sich seit der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts die Bezeichnung comitatus großer Beliebtheit erfreute. Ein treffendes Beispiel dafür bietet das Chartular von Notre-Dame de La Grasse. Dort ist der Gebrauch des Begriffs comitatus an die Ausübung der potestas auf einem hohen Niveau gebunden, während pagus für Rand- und Grenzräume wie die Grafschaft Toulouse reserviert gewesen zu sein scheint. Der Unterschied im Sprachgebrauch der beiden benachbarten Räume scheint eine Zugehörigkeit des Quercy und des Haut-Toulousain zu einer „aquitanischen“ Form der Raumgliederung nahezulegen. Damit wäre ein Bereich von weiträumigen, deutlich ländlichen Grafschaften angesprochen, wo der pagus vorherrschte, der wiederum in vicariae und ministeria unterteilt war. Charakteristisch für die mediterrane Raumgliederung waren hingegen kleinere Grafschaften, mitunter sogar sehr kleine Einheiten: hier erhielt der comitatus den Vorzug. Die Differenz zwischen den beiden territorialen Strukturen könnte sich aus der mehr oder weniger starken Dichte der alten civitates erklären und auf einen unterschiedlichen Grad der Delegation von Macht verweisen.

Danach nahm JEAN-FRANÇOIS BOYER (Limoges) eine Beschreibung der kleineren räumlichen Einheiten, nämlich pagus, vicariae und centenae, im frühmittelalterlichen Aquitanien vor. Der Norden dieser Region entpuppte sich aufgrund der großen Ausdehnung der pagi, die eine zusätzliche administrative Unterteilung nötig machte, als besonders geeignet für seine Studie. Unter Rückgriff auf fünf reichhaltige Chartulare aus dem Limousin zeigte er auf, dass die Bezeichnungen von den Schreibern zwischen der Mitte des 9. und dem Ende des 10. Jahrhunderts zur Lokalisierung von Besitz benutzt wurden. Im Verlauf des 11. Jahrhunderts kam es allerdings zu einem abrupten Rückgang des Gebrauchs der vorgenannten Begriffe, die schließlich gänzlich durch andere Termini wie castrum ersetzt wurden. Boyer stellte außerdem fest, dass im Süden des Limousin, wo die Quellenlage günstiger ist, die Verteilung der vicariae anscheinend der Pfarrgliederung entsprochen habe. Ein weiterer Aspekt seiner Überlegungen galt der Fortdauer der lokalen Verwaltung von gallo-römischen und merowingischen vici, insbesondere merowingischen Münzwerkstätten, als sekundäre Machtzentren neben dem Hauptort der civitas, was eine lange Tradition der Lokalverwaltung in manchen Gegenden nahelegt. Ein solches System dürfte weitgehend auf den materiellen Mitteln beruht haben, die aus den zahlreichen und teilweise sehr ausgedehnten fiskalischen Besitzungen in Aquitanien flossen.

Die Schlussdiskussion erlaubte, ausführlich auf die für das Projekt entscheidenden terminologischen Fragen zurückzukommen und unterstrich die Notwendigkeit, Vorsicht bei der Interpretation walten zu lassen, da die Begriffe in ihrer Bedeutung nicht statisch waren, sondern im Kontext, dem Zeitpunkt oder dem Gebrauchsort variieren konnten. Die Teilnehmer haben besonders den dynamischen Charakter des Begriffs pagus betont, der je nach Fall unterschiedliche Bedeutungen annehmen und außerdem eine identitätsstiftende Dimension beinhalteten konnte, welche der eher administrative comitatus-Begriff semantisch nicht bereithielt.

Das Treffen machte deutlich, dass die einzelnen regionalen Bereiche weit von einem uniformen und homogenen Profil entfernt waren. Vielmehr sind Nuancierungen wichtig, vor allem im Blick auf die Machtausübung auf einer niedrigeren Ebene, die deutlich individualisierte Untereinheiten hervorbrachte. Schlussendlich ist die vor allem von der französischen Forschung in der Vergangenheit betonte Zäsur um die Jahrtausendwende durch nichts zu bestätigen. Die karolingische Epoche hinterlässt ein hartnäckiges Vermächtnis, welches sich sowohl im Wortgebrauch als auch in der Machtpraxis widerspiegelt – mithin ein Erbe, das bis mindestens zur Mitte des 11. Jahrhunderts gut sichtbar ist.

Bei diesem Bericht handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Französischen.[1]

Konferenzübersicht:

Geneviève Bührer-Thierry und Steffen Patzold: Begrüßung und Einführung

Jean-Baptiste Renault: Centres d'écriture et région diplomatique: Saint-Victor de Marseille et la Provence

Kommentar: Miriam Czock

Rutger Kramer: Le „Chronicon Moissiacense“

Kommentar: Laurence Leleu

Jean-François Boyer: Les circonscriptions médiévales en Aquitaine

Kommentar: Jens Schneider

Didier Panfili: Toulousain et Quercy aux IXe-XIe siècles: des exceptions territoriales dans l'espace méridional?

Kommentar: Hélène Débax

Anmerkung:
[1] Die französische Version des Berichts erscheint in den „Annales du Midi“, Bd. 124, Nr. 278 (avril-juin 2012).

Zitation
Tagungsbericht: Provence-Septimanien, 25.02.2011 Marne-la-Vallée, in: H-Soz-Kult, 05.06.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4256>.