Kirchen und Christentum im Kalten Krieg

Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Katharina Kunter / Thomas Bremer, Forschungsverbund „Kirchen und Christentum im Kalten Krieg“
Datum
03.05.2012 - 04.05.2012
Von
Sebastian Rimestad, Religionswissenschaft, Universität Erfurt

Zum zweiten Workshop des Forschungsverbundes „Kirchen und Christentum im Kalten Krieg“, der von Thomas Bremer (Münster) und Katharina Kunter (Bochum) in Zusammenarbeit mit Thomas Wagner von der Katholischen Akademie Rabanus Maurus und Hermann Düringer von der Evangelischen Akademie Arnoldshain am 3. und 4. Mai in Frankfurt am Main organisiert wurde, versammelten sich 17 Vortragende, um in fünf Panels ihre Forschungen zu den christlichen Kirchen im Kalten Krieg vorzustellen. Hinzu kam eine Abendveranstaltung, bei der die beiden Politiker und engagierten Laien Erhard Eppler und Bernhard Vogel als Gäste ihre Erinnerungen von der Interaktion zwischen kirchlicher und politischer Arbeit in der Zeit des Kalten Krieges berichteten. Die Panels waren thematisch geordnet und wurden jeweils von einem Experten des Forschungsgebietes kommentiert. Die Abstracts aller Vorträge sind auf der Homepage des Forschungsverbunds zu finden, wo auch die Kontaktdaten der Vortragenden hinterlassen sind.[1]

Die drei Vorträge des ersten Panels betrachteten unter der Überschrift ‚Vertreibung und Versöhnung‘ die Versöhnungsproblematik auf sehr unterschiedliche Weise. KATHARINA ANNA AUBELE (München) stellte ihr Promotionsprojekt zu den politischen und karitativen Tätigkeiten vertriebener Frauen vornehmlich in Westdeutschland nach 1945 vor. Dabei meinte sie in den Diskursen eine Orientalisierung des kommunistisch regierten Ostens beobachten zu können, ein Thema, das sogar bei manchen vertriebenen Frauen in ihrer Selbstbeschreibung auftauchte. Die beiden folgenden Vorträge waren der katholischen Kirche in Polen gewidmet. EVELYNE A. ADENAUER (Köln) untersuchte den von päpstlicher Seite nicht genehmigten Aufbau polnischer kirchlicher Strukturen im einst deutschen Schlesien in den ersten Nachkriegsjahren, während URSZULA PĘKALA (Mainz) sich dem Briefwechsel zwischen polnischen und deutschen katholischen Bischöfen im Jahre 1965 widmete. Dieser Briefwechsel, der von polnischer Seite als Versöhnungsgeste gedacht war, wurde aus politischen Gründen von den deutschen Bischöfen nicht als solche beantwortet und verlief sich in den politischen Debatten der Folgezeit. In seinem Kommentar zum Panel begrüßte MARTIN GRESCHAT (Gießen) die Beschäftigung mit diesen wichtigen Themen, merkte aber an, dass alle drei Vortragenden nach seiner Ansicht zu weitgehende Schlussfolgerungen aus ihren Quellen zogen. Die darauf folgende Diskussion zeigte, dass die Quellenlage in diesen Bereichen spärlich ist und der Interpretation bedarf, die zu teilweise sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen kann.

Im zweiten Panel wurde die Thematik des Friedens in drei sehr unterschiedlichen Kontexten vorgetragen. HENNING THEIßEN (Greifswald) betrachtete die theologische Auseinandersetzung mit diesem Begriff in den Gesprächen zwischen ost- und westdeutschen evangelischen Theologen der 1970er- und 1980er-Jahre. Er kam zum Ergebnis, dass der Friedensbegriff (wie auch andere diskutierte Begriffe) von den ostdeutschen Theologen eher innerkirchlich verstanden wurde, während die Westdeutschen ihn für den Dialog mit der politischen Welt einzusetzen versuchten. Die Ostdeutschen hatten kaum eine andere Wahl, denn das SED-Regime hatte den Friedensbegriff für sich vereinnahmt, ein Thema, das auch den folgenden Vortrag von INA METZNER (Saarbrücken) betraf. Sie stellte ihr Promotionsprojekt vor, welches sich mit dem oppositionellen Antimilitarismus in der DDR der frühen 1980er-Jahre auseinandersetzt. Diese oppositionelle Strömung speiste sich ihrer Meinung nach völlig aus dem kirchlichen, vor allem evangelischen Milieu und war primär aus Opposition zu der sozialistischen Wehrerziehung entstanden, die 1978 in den Schulen der DDR eingeführt wurde. Der dritte Vortrag von SEBASTIAN KALDEN (Marburg) analysierte den transnationalen Charakter der christlich geprägten Friedensbewegung in Westdeutschland, den Niederlanden und Großbritannien in den frühen 1980er-Jahren. Diese national organisierten Friedensbewegungen, die vor allem gegen die Stationierung amerikanischer Raketen in Westeuropa gerichtet waren, weisen zahlreiche personelle, strukturelle und kommunikative Überschneidungen auf. Der Kommentar zum Panel von HEINZ-GÜNTHER STOBBE (Siegen) verwies auf die Schwierigkeit, Zeitgeschichte, die so nah an der Gegenwart ist, mit der angemessenen Distanz zu betrachten. Nichtsdestotrotz begrüßte er die Beschäftigung junger Wissenschaftler mit diesen Themen. Die Diskussion war von erhellenden Zeitzeugenberichten geprägt.

Das dritte Panel hatte zwar den Titel ‚Internationale Perspektiven‘, jedoch war nur der erste Vortrag von Internationalität geprägt, während die anderen drei eher nationale Fallbeispiele darstellten. ROLAND CERNY WERNER (Salzburg) begann mit einem Vortrag über den Vatikan als globalen Machtfaktor. Als Rom von Italien 1870 eingenommen wurde, konnte der Papst keine politische Rolle mehr spielen. Erst nach dem Ersten und besonders nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Zweiten Vatikanischen Konzil gelang es den Päpsten, sich wieder erfolgreich als politische Kraft zu etablieren, die sich für Weltfrieden und ideologiefreie diplomatische Beziehungen einsetzte. Der zweite Vortrag von VILLE JALOVAARA (Helsinki) gab einen Überblick über die Beziehungen der finnischen Lutherischen Kirche zum politischen Tagesgeschäft während des Kalten Krieges. Obgleich kirchlicherseits anfangs gegen die Sowjetunion argumentiert wurde, gelang es dem langjährigen sowjetfreundlichen Präsidenten Urho Kekkonen, eine gute Beziehung zu der Kirche aufzubauen. RÉKA JUHÁSZ (Mainz) erläuterte die Geschichte um die sogenannte ‚Bekennende Erklärung‘ ungarischer Reformierter aus dem Jahr 1955. Diese Erklärung ging nicht aus der offiziellen ungarischen Kirche hervor, die mit den Kommunisten in der Regierung eng zusammen arbeitete, sondern war ein anonym verfasstes oppositionelles Schreiben, das nach seiner Veröffentlichung in den kritischen Teilen des ungarischen Protestantismus breite Zustimmung fand. Schließlich erweiterte STEPHAN RUDERER (Münster) den Blick über Europa hinaus, mit einem Vortrag zu der anti-kommunistischen, streng katholischen Gruppe „Tradiciòn, Familia y Propiedad“ aus Südamerika. Diese einflussreiche Gruppe argumentierte mit Bezug auf Thomas von Aquin und den gerechten Krieg, dass bewaffneter Widerstand gegen kommunistische Strömungen im Dienst des Friedens durchaus berechtigt sei. Der Kommentar von KATHARINA KUNTER (Bochum) betonte die Unvereinbarkeit der vier Beiträge, die jeweils eine spezifische Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis zum Kommunismus darstellten.

Im vierten Panel sollte es um die russische Orthodoxie gehen. POLINA MAIER (Würzburg) stellte das kirchenpolitische Wirken des Metropoliten Nikodim (Rotov) hinsichtlich der ökumenischen Frage dar. Die Mitgliedschaft der Russisch-Orthodoxen Kirche im Weltkirchenrat sei Ergebnis eines Ringens zwischen den theologischen Vorstellungen Nikodims, der allgemeinen Stimmung in der Kirche sowie den sowjetischen Diplomatie- und Machtbestrebungen gewesen. ALFONS BRÜNING (Nijmegen) stellte anschließend seine These vor, der Begriff Patriotismus sei in der Russisch-Orthodoxen Kirche apolitisch gedeutet worden, und er sei bewusst und vielfältig eingesetzt worden, um die Rolle der Kirche auch während der Sowjetzeit zu untermauern. Die Spannung, die dieser Begriff im Russischen zwischen Partikularität und Universalismus besitzt, ziehe sich wie ein roter Faden durch die gesamte russische Geschichte hindurch und werde heute noch von der Kirche identitätsstiftend verwendet. Der dritte Vortrag des Panels wandte sich den Orthodoxen Kirchen Estlands und Lettlands zu. SEBASTIAN RIMESTAD (Erfurt) führte aus, wie nach der Inkorporation der beiden baltischen Republiken in die Sowjetunion 1940/44 zwei parallele orthodoxe Kirchenstrukturen errichtet wurden – eine innerhalb der Sowjetunion und eine andere im Exil. Diese beiden Strukturen hätten sich ohne nennenswerte Berührungspunkte in den Folgejahren entwickelt, was die gegenwärtige Spaltung der estnischen Orthodoxie zur Folge habe. Der Kommentar von KARL PINGGÉRA (Marburg) wies auf die schwierige Quellenlage hin, die besonders im Falle von Geistlichen aus der Sowjetunion immer die Gefahr berge, nicht die gesamte Wahrheit darzustellen. Die theologischen und kirchenpolitischen Motivationen und Hintergründe verschiedener orthodoxer Stellungnahmen und Aktivitäten seien nachträglich bis zur Unkenntlichkeit politisiert worden, wobei Augenzeugenberichte von privaten Treffen immer schwer zu bewerten seien.

Das letzte Panel konzentrierte sich auf innerdeutsche Fragestellungen. CORINNA WÖRNER (Göttingen) begann mit einem Vortrag zum Leipziger Thomanerchor, der zwar immer als unpolitisch galt, jedoch der politischen Instrumentalisierung durch den SED-Staat nicht entkommen konnte. So wurde beispielsweise die Anstellung der Thomaskantoren oft als Politikum angesehen, im Westen wie im Osten, und die Konzertreisen ins westliche Ausland verringerten sich in den 1950er-Jahren drastisch. Die nächsten beiden Vorträge widmeten sich den Biographien wichtiger Kirchenmänner in der Frühphase der deutsch-deutschen Teilung. Während THOMAS SCHULTE-UMBERG (Wien) sich der Zeit Julius Döpfners als Bischof von Berlin mithilfe der Parallelbiographie seines Mitarbeiters Walter Adolph annäherte, damit zeitgenössische Überlegungen zum Verhältnis von Seelsorge und Politik verband und eine Modifikation der bisherigen Beurteilungen zu Döpfners Berliner Zeit einforderte, beschrieb HANSJÖRG BUSS (Kiel) die zunehmende Entpolitisierung des evangelischen Generalsuperintendanten der Niederlausitz, Günter Jacob. Eine solche biographische Annäherung, wie MICHAEL BEINTKER (Münster) in seinem Kommentar ausführte, kann sich mitunter als sehr authentische Form der zeitgeschichtlichen Analyse erweisen, die Möglichkeiten und Begrenzungen anhand spezifischer Fälle darstellt. Der Vortrag von STEPHAN LINCK (Kiel) betrachtete schließlich den sogenannten ‚DFU-Streit‘ in der schleswig-holsteinischen Landeskirche 1962. Dieses besondere Ereignis, als die Kirchenleitung aufgrund des Verdachts auf kommunistische Gesinnung ihre eigenen Pfarrer dem Verfassungsschutz meldete, sei bis heute in geheimen Archiven geschützt. Während die Archive der Geheimpolizei in ehemaligen sozialistischen Ländern frei zugänglich sind, besteht der westdeutsche Verfassungsschutz auf die Geschlossenheit seiner Archive.

Die Tagung präsentierte eine große Vielfalt an interessanten Fallstudien und Erfolg versprechenden Ansätzen, die es zur Beschäftigung mit den christlichen Kirchen während des Kalten Krieges gibt. Die Abendveranstaltung mit den beiden Zeitzeugen zeigte wieder einmal, dass zahlreiche Erinnerungen an die Zeit des Kalten Krieges noch lebhaft vorhanden sind, aber auch, wie sich diese Erinnerungen je nach politischer Gesinnung und persönlichem Engagement sehr unterscheiden können. Der Workshop brachte wiederholt die Spannung zwischen dem wissenschaftlichen Interesse der Nachwuchswissenschaftler und den Erinnerungen der Zeitzeugen zum Ausdruck. Die wichtige Frage, ob diese Spannung unterbrochen oder überbrückt werden sollte, blieb unbeantwortet. Es ist jedoch deutlich geworden, dass sie unvermeidbar ist. Ein weiterer Workshop im kommenden Jahr wird deshalb wieder angestrebt (voraussichtlich 3. und 4. Mai 2013).

Konferenzübersicht:

Panel I: Vertreibung und Versöhnung

Katharina Anna Aubele: „Identitätsbezüge, Ordnungsvorstellungen und Hilfsmaßnahmen vertriebener Frauen innerhalb kirchlicher Strukturen in der Frühphase des Kalten Krieges (1945–1960)“

Evelyne A. Adenauer: „Die Rolle der Katholischen Kirche Polens bei der Eingliederung Schlesiens in den polnischen Staat 1945–1951“

Urszula Pękala: „Zwischen Versöhnung und politischen Interessen: Der Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe (1965)“

Kommentar: Martin Greschat, Gießen

Panel II: Friede

Henning Theißen: „Bestrebungen in der EKU zu einem christlichen Friedenszeugnis in den Jahren deutsch-deutscher Entspannungspolitik“

Ina Metzner: „Der ‚bewaffnete Frieden‘ – Oppositioneller Antimilitarismus in der DDR 1978–1990“
Sebastian Kalden: „Christlicher Protest gegen Pershing II und Cruise Missiles. Transnationale Beziehungen der christlichen Friedensbewegung in Großbritannien, den Niederlanden und der Bundesrepublik 1979–1985“

Kommentar: Heinz-Günther Stobbe, Siegen

Panel III: Internationale Perspektiven

Roland Cerny Werner: „Der Fall der römischen Stadtmauer – Der Vatikan als globaler Machtfaktor im Jahrhundert des Kalten Krieges“

Ville Jalovaara: “Church and Politics in Finland during the Cold War”

Réka Juhász: „Auf der Spur der ‚Bekennenden Erklärung‘ von 1955. Eine Studie zum protestantischen Widerstandsrecht am Beispiel Ungarn“

Stephan Ruderer: „Kreuzzug gegen den Kommunismus. Tradición, Familia y Propiedad (TFP) in Chile und Argentinien“

Kommentar: Katharina Kunter, Bochum

Panel IV: Russische Orthodoxie

Polina Maier: „Beitrag vom Metropoliten Nikodim (Rotov) zum Eintritt der Russisch-Orthodoxen Kirche in den Weltkirchenrat“

Alfons Brüning: „Patriotismus: Loyalitäten Russisch-Orthodoxer Geistlicher der 1960er Jahre zwischen ‚Heiligem Russland‘ und Sowjetpatriotismus“

Sebastian Rimestad: „Die Orthodoxen Kirchen von Estland und Lettland in der Sowjetunion und im Exil“

Kommentar: Karl Pinggéra, Marburg

Panel V: Deutschland

Corinna Wörner: „Thomanerchor und Thomaskantorat als Propagandainstrument der DDR?“

Thomas Schulte-Umberg: „Seelsorge und Kirchenpolitik. Julius Döpfners Berliner Jahre (1957–1961)“

Hansjörg Buss: „Günter Jacob: Kirchenverständnis, Zeitdiagnose und kirchliches Handeln“

Stephan Linck: „Der ‚DFU-Streit‘ in der schleswig-holsteinischen Landeskirche 1962“

Kommentar: Michael Beintker, Münster

Zeitzeugengespräch

Bernhard Vogel (CDU), Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz (1976–1988) und Thüringen (1992–2003) sowie Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (1972–1976) und der Konrad-Adenauer-Stiftung (2001–2009).

Erhard Eppler (SPD), Bundestagsabgeordneter (1961–1976), Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit (1968–1974) sowie zahlreiche Ämter in der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Moderator: Thomas Bremer, Münster

Anmerkung:
[1] <http://www.uni-muenster.de/FB2/oekumene/forschen/kalterkrieg.html> (04.06.2012).

Zitation
Tagungsbericht: Kirchen und Christentum im Kalten Krieg, 03.05.2012 – 04.05.2012 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 12.06.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4264>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.06.2012