Ort
Stuttgart
Veranstalter
Hagiographischer Arbeitskreises in Hohenheim
Datum
27.04.2012 - 28.04.2012
Von
Larissa Düchting, Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Vom 27.–28. April 2012 fand die diesjährige Fachtagung mit dem Arbeitskreis für hagiographische Fragen und dem Internationalen Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschungen der Universität Erlangen-Nürnberg zum Thema „Mirakel und Magie“ in Stuttgart Hohenheim statt. Hierbei sollte unter anderem die Frage aufgeworfen werden, wie Mirakel und Magie tatsächlich zu unterscheiden seien, da es bezüglich dieser Thematik bereits in der Spätantike zu Schwierigkeiten kam. Wunder konnten die Heiligkeit einer Person oder einer Reliquie belegen und sind auch heute noch ein wichtiger Bestandteil im Heiligsprechungsverfahren. Im Arbeitskreis sollten die aus dem Mittelalter überlieferten Wunder und ihre möglichen Deutungen diskutiert werden.

Den Auftakt der Tagung machte MIRIAM CZOCK (Duisburg-Essen), die sich in ihrem Vortrag mit der Bedeutung der Reliquien zur Sakralisierung eines kirchlichen Raumes auseinandersetzte. Hierbei stellte sie fest, dass die Kirche den angemessenen Raum für den Heiligen darstellte und nicht der Heilige den Raum angemessen machte. Das relativ späte Auftreten von Kirchweihen gegen Mitte des 8. Jahrhunderts deute auf eine erst langsam wachsende Bedeutung des sakralen Kirchenraumes hin. Das Nichterscheinen von Wunderberichten in der Liturgie weist daraufhin, dass diese im Gottesdienst keine entscheidende Rolle spielten. Die Depositio der Reliquien wurde hinter einem Vorhang vollzogen und stellte somit ein Mysterium im Prozess der Kirchweihe dar.

An ausgewählten Beispielen stellte ALEXANDRA KAAR (Wien) die Funktion von Mirakeln in westfränkischen Translationsberichten des 9. Jahrhunderts vor, die aufgrund der normannischen Einfälle verfasst worden waren. Anhand der Quellen wurden vier Typen von Mirakeln herausgearbeitet: Reise-, Heilungs-, Approbations- und Strafwunder. Es wurde untersucht, ob es sich bei den Wundern, die bei diesen als „irregulär“ bezeichneten Translationen vonstattengingen, um andere handelte als bei „regulären“ Translationen, die nicht aufgrund äußeren Drucks zustande kamen. Als Charakteristikum von Berichten über „irreguläre“ Translationen konnte die Existenz teilweise außergewöhnlicher und sehr situationsspezifischer Straf- und Schutzwunder erwiesen werden.

Mit der Bedeutung des „wahren“ Kreuzes setzte sich HEIKE JOHANNA MIERAU (Göttingen) auseinander. Hierbei konnte aufgezeigt werden, dass die Bedeutung des Kreuzes erst mit der Auffindung durch Helena stark zunahm, was beispielsweise zur Abschaffung von Kreuzigungen führte. Dem wahren Kreuz wurde die Fähigkeit zur Heilung zugesprochen, daher konnte es leicht von anderen Kreuzen unterschieden werden, die diese Fähigkeit nicht besaßen. Insgesamt fällt eine weite Verbreitung dieses Kultes überregional auf, wobei Kreuzreliquien zunächst exklusiv in Konstantinopel vorhanden waren, nach 1204 aber größtenteils in den Westen verbracht wurden. Aber auch davor waren bereits einzelne Reliquien in den Westen gelangt wo sie eine große Verehrung erfahren hatten, beispielsweise in der Krone des deutschen Herrschers.

Es folgte LARISSA DÜCHTING (Erlangen-Nürnberg), die die Wunder Agrippinus‘ von Neapel, eines Bischofs des 3. Jahrhunderts, mit denen seines Amtskollegen Januarius verglich und dabei feststellte, dass in den Wunderberichten zwar die Heilungswunder quantitativ in der Überzahl waren, es aber auch zu Mirakeln bezüglich äußerer Bedrohung wie einer Belagerung durch die Sarazenen oder eines Vesuvausbruchs kommen konnte. Zudem wurde die Anzahl an Mirakelberichten aufgeführt. Allgemein fiel die geringe Zahl von Mirakelsammlungen im unteritalienischen Raum auf.

ANDREA HAUFF (Tübingen) stellte wundertätige Prinzessinnen und Fürstinnen in Ostmitteleuropa vor, wobei sie ausgehend von Elisabeth von Thüringen weitere Verwandte untersuchte, deren Heiligsprechung angestrebt wurde. Hierbei wurden Untersuchungen angestellt, welche Art von Wundern auftraten, ob mehrheitlich Männern oder Frauen betroffen waren, in welcher Altersklasse diese sich befanden und in welchen Radius um die Verehrungsstätten die Verehrung ausstrahlte. So konnte aufgezeigt werden, wessen Kult eher lokale und welcher überregionale Bedeutung hatte. Gleichzeitig wurde festegestellt, dass die hauptsächlich von Wundern betroffene Gruppe Kinder gewesen seien.

Mit der Kontrolle von Reliquien im Mittelalter beschäftigte sich CHRISTINA RISKEN (Erlangen-Nürnberg), wobei sie sich sowohl mit der Zeit vor der Kanonisierung des Heiligsprechungsverfahrens als auch mit dem Zeitraum danach auseinandersetze. Schon früh stellte sich die Frage nach der Echtheit von Reliquien, wobei hier Wunder Antworten liefern sollten. Hierbei stellte Risken fest, dass bereits in Spätantike und Frühmittelalter die Überprüfung der Echtheit von Reliquien vorkam, wobei ein corpus incorruptum als entscheidendes Indiz dienen konnte. Nach der Kanonisierung spielten Wunder eine wichtige Rolle in diesem Prozess, da sie die Realpräsenz des Heiligen beweisen sollten. Unerklärliche Phänomene erhielten so eine rechtliche Anerkennung.

Zuletzt stellte ZAROUI POGOSSIAN (Bochum) den Märtyrer und Soldatenheiligen Sergius vor und setzte sich im Anschluss mit dessen Verehrung in Byzanz und Armenien auseinander. Hierbei fiel auf, dass der Name Sergius für Heilige mehrfach überliefert wurde – so stellt sich die Frage, ob es sich immer um den selben gehandelt habe. In der Verehrungstradition seien sie immer mehr zu einer Person verschmolzen. Hierbei sei es auch entscheidend gewesen, in welcher Region der Heilige verehrt wurde, denn in Armenien war er als Helfer für Wegsuchende bekannt, allerdings nur, wenn diese der armenischen Kirche angehörten. Ab dem 12. Jahrhundert könne ein starker Anstieg der Sergius-Verehrung postuliert werden, während vorher sein Kult eher auf einige Regionen begrenzt erschien.

Insgesamt konnte in den Vorträgen die Bedeutung von Wundern für die mittelalterliche Lebenswelt aufgezeigt werden, wobei der Begriff Magie eher zurückhaltend Verwendung fand und hier wieder die Schwierigkeiten bezüglich der Unterscheidung von Mirakel und Magie offenkundig wurden.

Konferenzübersicht:

Miriam Czock (Duisburg-Essen): Reliquien und Heilige in der Liturgie des Frühmittelalters - Garanten für Sakralität?

Alexandra Kaar (Wien): Der Heilige auf der Flucht. Die Funktion von Mirakeln in westfränkischen Translationsberichten des 9. Jahrhunderts

Heike Johanna Mierau (Göttingen): Heilen mit dem „wahren“ Kreuz. Das Vertrauen auf die magische Kraft einer besonderen Reliquie

Larissa Düchting (Erlangen): Agrippinus von Neapel - Wunderwirkende Bischöfe in Unteritalien

Andrea Hauff (Tübingen): Wundertätige Prinzessinnen und Fürstinnen in Ostmitteleuropa. Wunder und Wunderberichte im Vergleich

Christina Risken (Erlangen): Die Kontrolle von Reliquien im Mittelalter. Zwischen gewissenhafter Überprüfung und der Bestätigung durch Wunder

Zaroui Pogossian (Bochum): The One who Grants Wishes: St. Sergius in the Armenian Tradition

Zitation
Tagungsbericht: Mirakel und Magie, 27.04.2012 – 28.04.2012 Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 30.06.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4289>.