Geschichte für Leser. Populare Geschichtsschreibung in Deutschland im 20. Jahrhundert

Ort
Marbach
Veranstalter
Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus
Datum
25.03.2004 - 27.03.2004
Von
Philipp Müller, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Theodor-Heuss-Kolloquium 2004-04

Geschichte für Leser. Populare Geschichtsschreibung in Deutschland im 20. Jahrhundert

Die Marbacher Tagung reflektierte unter der Leitung von Wolfgang Hardtwig und Erhard Schütz die unterschiedlichen Facetten von historischer Darstellung für ein nichtakademisches Publikum. Sie entwickelte damit neue, kulturwissenschaftlich orientierte Fragestellungen, in denen überkommene disziplinäre Abgrenzungen überschritten werden. Während die Literaturwissenschaft sich zunehmend von einem engen Literaturbegriff ab- und der textuellen Verfaßtheit kultureller Wissenssysteme zuwendet, öffnet sich die geschichtswissenschaftliche Untersuchung von Historiographie den Möglichkeiten der Analyse von Narration und Sprache. Die Einladung von Historikern und Literaturwissenschaftlern bot Chancen, die Geschichtsschreibung in einem bislang kaum berücksichtigten Themenfeld interdisziplinär zu perspektivieren. Wolfgang Hardtwig hob einleitend hervor, daß die Spannung zwischen universitärer Historiographie und popularer Geschichtsschreibung in der Tradition einer alten Kontroverse zwischen Gelehrten und Literaten steht, die seit 1900 neue Intensität gewann. Die Ausweitung des literarischen Marktes, die Demokratisierung des Buchs wie die Entstehung des modernen Intellektuellen ermöglichten neue Formen der Geschichtspräsentation und standen zugleich in Beziehung mit den Veränderungen der historischen Erklärungsmuster. Das transformierte Wechselverhältnis zwischen nichtakademischen Deutungsbedürfnissen und formalen wie inhaltlichen Konstruktionsbedingungen von Geschichtsdarstellung sollte im Zentrum der Vorträge und Diskussionen stehen.

Einen durchgehenden Aspekt popularer Geschichtsschreibung machte man in ihrem Spannungsverhältnis zur Geschichtswissenschaft aus, ohne daß sich dieses auf ein eindeutiges Muster reduzieren ließ. Sebastian Ullrich stellte mit Emil Ludwig den Autor einer historischen Biographik vor, die mittels „historischer Seelenforschung“ zu einer Geschichtsdeutung zu finden beanspruchte, die den Produkten der geschichtswissenschaftlichen Zunft überlegen war. Im Sinne einer monumentalen Geschichtsauffassung habe Ludwig das Allgemein-Menschliche zum eigentlichen Gegenstand einer historischen Darstellung erklärt, die Identifikationsangebote ermöglichen und sich von einer fachwissenschaftlichen Detailforschung abheben sollte. In ähnlicher Weise stellte sich Sebastian Haffner, dessen Verknüpfung von Geschichtsschreibung und politischem Essay von Peter Schmied untersucht wurde, bewußt gegen die etablierte Fachgeschichte. Eine voraussetzungslose Geschichtsschreibung habe Haffner für ebenso unmöglich gehalten wie eine geschichtliche Darstellung aus der bloßen Aneinanderreihung gesicherter Fakten – sein Fokussieren auf literarische Gesichtspunkte und das Herstellen einer Beziehung zwischen Vergangenheit und eigener politischer Gegenwart resultierte mithin aus methodischen Überlegungen, mit denen Haffner sich über der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung zu bewegen glaubte. Golo Mann dagegen, so Holger Stunz, suchte zwar bewußt nach einem Weg neben der streng fachlichen Darstellung, verfaßte seine Schriften aber ohne Ressentiment gegen die universitäre Geschichtsschreibung. Wie Mann war auch Theodor Heuss, den Ernst Wolfgang Becker behandelte, bis zu seinem erzwungenen Rückzug Hochschullehrer, wenn auch an der privaten Berliner ‚Hochschule für Politik’. In seinen nach 1933 verfaßten Biographien hielt Heuss an den Maßstäben der Wissenschaft durchaus fest, sah in der Geschichte jedoch vor allem eine Ressource für bürgerliche Existenzformen der eigenen Gegenwart, die er durch die Herausstellung metahistorischer Kategorien der Sittlichkeit zu fördern hoffte.

Eine Reihe weiterer Vorträge führte einen expliziten Gegenwartsbezug als Kriterium popularer Geschichtsschreibung an. Siegfried Weichlein erklärte den Wandel der katholischen Kirchengeschichtsschreibung zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und den 1950er Jahren als Abfolge verschiedener Versuche gegenwartsbezogener Traditionsstiftung. Eine Kirchengeschichte als Geschichte der europäischen Integration nach 1945 sei erst nach der Öffnung der Kirchenhistoriker hin zu einer synthetischen Ideengeschichte mit Affinitäten sowohl zum Nationalsozialismus als auch zur Ökumene möglich geworden. Meike Hermann behandelte die Berichte von Überlebenden der Konzentrationslager als Texte, die im Spannungsfeld von autobiographischer Literatur, Sachbericht und historischer Quelle die jeweiligen Deutungs- und Informationsbedürfnisse der 1950er und 60er Jahre wiederspiegeln. Habbo Knoch rekonstruierte Formen und publizistische Reichweite der populären Kriegsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg und diagnostizierte die Ausbildung einer Landserrhetorik in den Illustrierten der 1950er Jahre. Auf dem Weg der Popularisierung eines enthistorisierten Bildes des einfachen Soldaten habe dabei durchaus eine Auseinandersetzung mit dem Krieg stattgefunden und die populäre Kriegsgeschichte insofern auch zu einer konservativen Modernisierung der Bundesrepublik beigetragen. Heinz Dieter Kittsteiner präsentierte die Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers als Theorie einer organischen Abfolge von Kultur und Zivilisation, die in der Gegenwart zur Entstehung eines preußischen Sozialismus beitragen sollte, in dem die Kultur eines faustischen Geistes sich gegen den englischen Kapitalismus in eine neuen Form der Zivilisation gebracht hätte.

Diskutiert wurde in diesem Zusammenhang die Frage, ob das Betonen eines expliziten Gegenwartsbezug gegen das Herausstellen einer historischen Distanz zwischen Gegenwart und Vergangenheit als grundsätzliches Kriterium popularer Geschichtsschreibung tauge. Die Frage deckte ein Manko der Veranstaltung auf, deren Referate überwiegend von dem Verhältnis der popularen zur wissenschaftlichen Geschichtsschreibung ausgingen, dabei jedoch zu wenig in Betracht zogen, daß nicht nur die nichtakademische, sondern auch die akademische Geschichtskultur einem ständigen Wandlungsprozeß unterlag. Die Besonderheit popularer Geschichtsschreibung läßt sich nicht durch einen expliziten Gegenwartsbezug bestimmen, wenn sie im Kontext einer Geschichtswissenschaft entsteht, die ihrerseits auf Aktualisierung des Vergangenen besteht, wie dies etwa Heinrich von Sybel gefordert hat: „Der Trieb macht sich geltend, den Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart thatkräftig zu beleben, und das Alte nicht zur Ertödtung, sondern zur Fortenwicklung des Neuen zu benutzen.“ [1] Die akademische Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts folgte nicht mehr den Forderungen eines Sybel oder Treitschke, die Diskussion ließ jedoch manchmal ein Bewußtsein dafür vermissen, daß die wissenschaftsgeschichtliche Forschung den Historismusbegriff mittlerweile mit guten Gründen in Frage gestellt hat und nicht mehr von einer einheitlichen Ausrichtung akademischer Geschichtsschreibung seit Beginn des 19. Jahrhunderts ausgeht. [2] In diesem Zusammenhang hätte auch die gelegentlich angeführte Historismuskritik popularer Historiker des frühen 20. Jahrhunderts zunächst historisiert werden müssen, wenn daraus Bestimmungskriterien ihrer Geschichtsschreibung gewonnen werden sollen. Ob im 20. Jahrhundert eine notwendige oder weitgehende Identität zwischen Fachhistorie und der Position der historischen Distanz bestand, blieb in der Diskussion offen.

Dagegen mündete die ironische Frage von Michael Rutschky in seinem Vortrag über Egon Friedells ‚Kulturgeschichte der Neuzeit’, ob Geschichtsschreibung auch popular sein könne, wenn sie nicht gelesen werde, durchaus in einem produktiven Bemühen, Stellenwert, Erwartungen und Reaktionen des Lesers genauer zu bestimmen. Die Dekontextualisierung schöpferisch inspirierter, historischer Persönlichkeiten in einer Erzählung der Neuzeit als gefallener Welt mußte die Erwartung enttäuschen, in Friedells Buch ein kulturgeschichtliches Nachschlagewerk zu finden – zugleich werde es aus diesem Grund von einem breiteren Publikum gekauft.

Der Konnex zwischen historischer Darstellung und Erwartungen an orientierende Geschichtsdeutungen von Seiten nichtakademischer Leser wurde auf mehreren Ebenen diskutiert. Auf eine spezifische Bestimmung popularer Geschichtsschreibung zielten jene Vorträge, die sich mit den Deutungsbedürfnissen bestimmter Gruppen auseinandersetzten. Till Kössler beschrieb die Entwicklung einer popularen Geschichtsschreibung der sozialistischen Arbeiterbewegung zwischen 1900 und 1933. Die sozialistische Geschichtsschreibung habe versucht, das Bewußtsein einer eigenen Tradition zu schaffen, aufgrund der Spannung zwischen didaktischem Anspruch und Leserinteressen der Arbeiter sei die Integrationskraft dieser Geschichtsschreibung jedoch begrenzt geblieben. Neben der Kontinuität der Deutungsmuster zeigte Kössler eine zunehmende Öffnung zugunsten von Formen historischer Belletristik, die den ausschließlichen Wahrheitsanspruch der sozialistischen Geschichtsinterpretation in Frage stellten. An der Geschichtsschreibung der völkischen Bewegung im Kontext der 1920er Jahre demonstrierte Uwe Puschner, wie die Heterogenität der verschiedenen völkischen Organisationen und die Hermetik der Prämissen ihrer Geschichtsdeutung es verhinderten, daß die völkischen Schriften über einen engeren Kreis von Anhängern hinausgelangten. In den Darstellungen sei es vor allem um den geschichtlichen Nachweis der Ursprünge der germanischen Rasse und ihrer Bedeutung für die kulturelle Entwicklung Westeuropas gegangen, jede Gruppe habe jedoch eigene Akzente der Rezeption gesetzt und damit die Ausbildung eines völkischen Literaturkanons unmöglich gemacht.

In weiteren Beiträgen wurde die Reflektion allgemeinerer kultursozialer Bedingungen von Geschichtswahrnehmung und Geschichtsinterpretation in Tagebüchern, Sachliteratur und Kriegsberichten diskutiert. Wolfgang Hardtwig thematisierte das Tagebuch der Kriegs- und Nachkriegszeit als Versuchslabor von Zeitdiagnosen, an dem sich der Wandel des Verhältnisses von privater Existenz und allgemeinem Geschichtsverlauf aufzeigen lasse. In der Wende des literarischen Tagebuchs – und nur von diesem war die Rede – von der persönlichen Innen- zur faktualen Außenschau und der Reduktion auf nicht unmittelbar vermittelte, verkleinerte Sinneinheiten manifestiere sich nach dem Ende geschichtsmetaphysischer Deutungsmuster die Entstehung einer modernen Form der Chronistik. Erhard Schütz konzentrierte sich auf Verfahren und Muster der Popularisierung in den Berichten der Kriegsgefangenen nach 1945. In Wanderausstellungen, Unterhaltungsromanen und Fernsehbildern sei eine populare Opferikonographie entwickelt worden, auf deren medialer Folie auch die erste wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas ihre Deutungen habe vornehmen müssen. In den Gefangenen habe man Märtyrer für die Volksgemeinschaft sehen wollen, deren Schicksal die Wahrnehmung der Konzentrationslager verdeckte. Ute Daniel zeigte, daß die Kriegsberichterstattung vom Krimkrieg bis in den Ersten Weltkrieg hinein höchst realistisch sein konnte, gerade weil sie die prinzipielle Legitimität der Kriegswelt in Frage stellte. An den Implikationen des Anspruchs auf Authentizität durch Augenzeugenschaft ließ sich der Bezug zur zeitgenössischen Geschichtswissenschaft diskutieren: Unter Berufung auf Carlo Ginzburg wurde vorgeschlagen, narrative Anschaulichkeit und narrative Distanzierung voneinander zu unterscheiden, denen die jeweilige Integration von Augenzeugenberichten und Fußnoten in die historische Darstellung korrespondiere.

Zu Recht behandelte die Tagung populare Geschichtsschreibung nicht als Transfer szientistischen Wissens durch nichtwissenschaftliche Formen der Verbreitung, sondern als prinzipiell eigene Form der Wissensproduktion, die sich durch die Abgrenzung von der Fachgeschichte und die Korrespondenz zwischen den Rezeptionshaltungen eines nichtakademischen Publikums und geschichtlichen Deutungsangeboten untersuchen läßt. Vorträge und Diskussionen stellten ein breites Spektrum ideologischer und kultureller Aspekte zur Deutung der Beziehung zwischen Text und Leser bereit, wobei allerdings die Analyse des Verhältnisses von Textstrukturen und Rezeption, wie sie in der Forschung der neueren Narratologie geleistet wird, weitgehend unberücksichtigt blieb. [3] Eine Ausnahme bot der Vortrag von David Oels, der in seinem Referat über archäologische Bestseller der 50er Jahre die Erzählstruktur der Sachbücher von Ceram, Pörtner und Werner Keller in der literarischen Tradition des Tatsachenromans verortete, indem er sie als Radikalisierung der tradierten Sachlichkeit des Genres auswies. Die Trümmerwelt archäologischer Artefakte ging demnach mit einem Brüchigwerden der Geschichte einher; Oels brachte diesen Befund mit dem aus der Rezeptionsästhetik bekannten Begriff der „Leerstelle“ in Verbindung, dem zufolge textuelle Unbestimmtheit die Aktualisierungsbedingungen verkörpert, die ein Text seinem Leser anbietet. [4] Die entstandenen Leerstellen in der Narration des archäologischen Sachbuchs hätten dem Leser der Nachkriegsjahre Raum für gegenwartsbezogene Deutungen geboten – so habe sich Cerams Darstellung des Untergangs altägyptischer Hochkultur in Analogie zum Sieg amerikanischer Zivilisation über deutsche Kultur lesen lassen.

Vor dem Hintergrund der Welle jüngerer Veröffentlichungen unterschiedlichster Formen der sachlichen und persönlichen Darstellungen der Geschichte des 20. Jahrhunderts und den mit ihnen einhergehenden Abgrenzungsversuchen der institutionalisierten Geschichtswissenschaft ist die Aktualität der Tagung kaum zu übersehen. Die Prägung des allgemeinen Geschichtsbildes und der historischen Erinnerung war noch nie Sache einer kulturellen Institution allein, sondern geht aus dem Spannungsfeld von popularer Wissensvermittlung, fiktionaler Geschichtsdarstellung und wissenschaftlicher Erforschung vergangener Begründungszusammenhänge (u.a.) hervor. Statt von der postulierten Einheit einer gesellschaftlichen Geschichtskultur auszugehen, wies die Tagung auf die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtungsweise hin und trug dazu bei, das Verhältnis zwischen popularer Geschichtsdarstellung und nichtakademischen, historischen Deutungsbedürfnissen zu historisieren. Die gelieferten Ansätze zur Erschließung des Themenfeldes werden in einem für 2005 geplanten Band veröffentlicht.

Anmerkungen:
[1] Sybel, Heinrich von, „Ueber den Stand der neueren deutschen Geschichtsschreibung (Marburg 1856)“, in: ders., Kleine historische Schriften, München 1869, S. 353.
[2] Vgl. in Anlehnung an Ernst Schulins frühe Forschungsergebnisse Muhlack, Ulrich, „Einleitung“, in: ders. (Hg.), Historisierung und gesellschaftlicher Wandel in Deutschland im 19. Jahrhundert, Berlin 2003, S. 15f. Eine differenziertere Darstellung der Historismuskritik der 1920er Jahre bietet Hertfelder, Thomas, Franz Schnabel und die deutsche Geschichtswissenschaft. Geschichtsschreibung zwischen Historismus und Kulturkritik (1910-1945), Göttingen 1998, S. 42f. u. S. 88ff.
[3] Vgl. den Überblick bei Herman, David, Story Logic. Problems and Possibilities of Narrative, Lincoln 2002, S. 13ff.
[4] Vgl. Iser, Wolfgang, Die Appellstruktur der Texte. Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung literarischer Prosa, Konstanz 1970.

Zitation
Tagungsbericht: Geschichte für Leser. Populare Geschichtsschreibung in Deutschland im 20. Jahrhundert, 25.03.2004 – 27.03.2004 Marbach, in: H-Soz-Kult, 15.05.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-428>.
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Veröffentlicht am
15.05.2004