Corpus Deutscher Landkarten

Ort
Hannover
Veranstalter
Historisches Institut, Leibniz-Universität Hannover
Datum
23.03.2012 - 24.03.2012
Von
Nadine Holzmeier, Historisches Institut, FernUniversität Hagen

Vom 23.-24.3.2012 fand am Historischen Institut der Leibniz-Universität Hannover der Workshop „Corpus Deutscher Landkarten“ statt. Unter der Leitung von FELICITAS SCHMIEDER (Hagen) und MICHAEL ROTHMANN (Hannover) sollte ein Forum geboten werden, Ansätze und Schwierigkeiten des gleichnamigen Buchprojektes zur Diskussion zu stellen. Ziel war unter anderem, einen Erfahrungsaustausch zwischen den verschiedenen Bearbeitern zu ermöglichen, den Rahmen dieses Buchprojektes praktikabel abzustecken und die angestrebten Erkenntnisräume zu präzisieren.

Betrachtet man speziell die frühe Regionalkartographie, fällt einerseits ein durchaus vorhandener, regional unterschiedlich verteilter Materialreichtum auf, andererseits steht aber ein Gesamtüberblick über die einzelnen Regionen noch aus. Diese Lücke zu schließen, das regional vorhandene Wissen und Kartenmaterial auch im Vergleich sichtbar zu machen, ist eine wesentliche Zielsetzung des Buchprojektes „Corpus Deutscher Landkarten“.

Ausgehend von der Überzeugung, dass durch die regionale Streuung des Materials und den damit verbunden Schwierigkeiten diese Aufgabe nur unter Einbeziehung regionaler Experten möglich ist, soll diese Aufgabe mit Hilfe verschiedener Regionalbeiträger und ihrer Expertise bewältigt werden. Der Workshop sollte dies in einem ersten Schritt koordinieren und die bisherigen Erfahrungen zusammentragen.

Schon im einleitenden Vortrag MICHAEL ROTHMANNs (Hannover) wurde deutlich, welchen methodischen Fragen es sich im Rahmen dieses Projektes zu stellen gilt. Er skizzierte die kartographische Entwicklung von den heilsgeschichtlichen Anfängen, hin zu eher pragmatischen Funktionen und leitete auf dieser Basis über zu den konkreten Fragen, die dem Workshop jenseits der speziellen Thematiken der einzelnen Bearbeiter vorgelagert sein sollten. Schon der Arbeitstitel birgt manche Klippe, so könnte der Begriff “Corpus“ mit einem Vollständigkeitsanspruch verbunden werden, der weder möglich noch angestrebt ist, auch die räumliche Grenzziehung bedarf einer Präzision. Da der kartographisch dargestellte Raum nicht zwingend mit dem Fundort der betreffenden Karte identisch sei, müsse an dieser Stelle eine Auswahl stattfinden, gleiches gelte für den Begriff „Landkarte“ selbst. Dieser bewegt sich im weiten Feld zwischen ersten visualisierten Wegbeschreibung, über „Augenscheine“ die Grenzziehung und Herrschaftsbereiche sichtbar machten, bis hin zu Karten, die sich um maßstabsgetreue Genauigkeit bei der Darstellung eines Landstrichs bemühen. Ihnen allen ist dabei gemein, Landschaft und Raum visuell darzustellen, dennoch unterscheiden sie sich in Zweck und Form teilweise ganz erheblich, sind unter Umständen zum Beispiel nur im Zusammenhang mit anderen Dokumenten verwendet und betrachtet worden. Die Form folgte dabei oft der Funktion und Karten konnten der Dokumentation von Aushandlungsprozessen bei Grenzstreitigkeiten ebenso dienen, wie der systematischen Landerfassung. Diese Bandbreite lässt die Notwendigkeit einer Eingrenzung genauso deutlich werden, wie die damit verbunden Schwierigkeiten.

Den Anfang machte ANDREAS RUTZ (Bonn) mit seinem Beitrag zur Kartographie im Rheinland von den Anfängen bis ca.1600. Indem er eine mögliche Systematisierung auf Grundlage des Gebrauchszweckes voranstellte, lenkte er gleich zu Beginn den Blick auf den Aspekt der Kategorisierung, welcher im Verlauf des Workshops an verschiedenen Stellen zum Gegenstand der Diskussion wurde. In seinem, als Vorüberlegung zum Buchprojekt angelegten, Vortrag stellte er verschiedene Gebrauchskategorien vor (kommerzieller Gebrauch, herrschaftlicher-administrativer und juridischer) und es wurde dabei auch deutlich, dass sich diese teilweise nicht klar voneinander abgrenzen lassen. Er konstatierte darüber hinaus für das Rheinland und seine Kartographie einen großen Forschungsbedarf und gab einen kleinen Einblick in die Schwierigkeiten der Erfassung: so sei zum Beispiel der Kartenbestand des Landes-Archivs NRW nicht systematisiert, Karten seien auf verschiedene Archive verteilt und eine Archivanfrage in der Breite brachte sehr unterschiedliche Ergebnisse. Entlang der vorgenommenen Kategorisierung beschrieb er verschiedene Ansatzmöglichkeiten zur Auffindung kartographischen Materials und ihre Handhabung in Bezug auf das Buchprojekt. So verwies er zum Beispiel auf Geschichtsblätter mit ihren historischen Karten, empfahl weiterhin den Blick in die niederländischen Deichbaupläne oder auf die teilweise sehr weit zurückreichenden Flur- und Grundstückskarten .

Während dabei ein ländlicher Raum im Betrachtungsfokus stand, setzte sich STEFAN FUCHS (Zürich) mit einem städtischen Territorium und seinem Herrschaftsbereich auseinander. Sein Beitrag thematisierte bzw. interpretierte kartographisches Wissen als Herrschaftswissen, herausgearbeitet am Beispiel der Reichsstadt Nürnberg und ihren ältesten kartographischen Darstellungen. Eine um 1500 einsetzende territoriale Verdichtung in dieser Region wurde in Beziehung gesetzt zu verschiedenen Kartendokumenten des 16. Jahrhunderts und der darin sichtbaren Entwicklung. Wichtig war dabei auch die Frage nach der Sichtbarkeit und dem Adressatenkreis solcher Stücke, hierbei rückte insbesondere eine Karte der Reichsstadt Nürnberg von 1519 in den Vordergrund, da diese zeitweise im Nürnberger Rathaus aufgehängt war. Die Frage an wen sich eine solche visuelle „Festschreibung“ eines Gebietes richtete, gewann durch den im Vortrag vorgestellten Ansatz, sie als Herrschaftsinstrument zu begreifen, eine besondere Brisanz. Wenig Hinweise gebe es auf einen Gebrauch für Verwaltungsaufgaben, gleichzeitig lassen sich repräsentativer und administrativer Gebrauch nicht immer eindeutig von einander abgrenzen, ist in eine solche Gebietskarte natürlich auch visualisiertes Verwaltungswissen.

Den Abschluss dieses ersten Tages bildete ein gemeinsamer Besuch des Hauptstaatsarchivs Hannover wo die kurzweilige und kenntnisreiche Führung durch die Kartenabteilung durch MANFRED VON BOETTICHER (Hannover) einige interessante Aspekte bereithielt. Gleichzeitig bestand die Möglichkeit sich verschiedenste, frühe Karten aus den Archivbeständen aus der Nähe anzusehen. Dieser nahe Blick, in Kombination mit der weitreichenden Kenntnis des Gastgebers, brachte manche Details und Zusammenhänge zum Vorschein und stellte auch für die versammelten Experten eine Bereicherung dar.

Im ersten Beitrag des zweiten Tages stellte ARNOLD OTTO (Paderborn) mit der Karte von Wewelsburg eine pragmatische Karte aus der Region Westfalen vor, die deutlich andere Merkmale aufweist, als die zuvor betrachteten Exemplare. Sie stammt aus dem Kartular des Klosters Bödekken und befindet sich im Bestand des Erzbistumsarchivs Paderborn. Es handelt sich um eine Verhältnisdarstellung zur Ortsbeschreibung bzw. Findung und die Verhältnisse der einzelnen Punkte zueinander werden in eigezeichneten Ziffern und Zahlen ausgedrückt, vorhanden ist weiterhin eine graphische Wiedergabe von Grenzelementen. Trotz der auf den ersten Blick sehr knappen, schematischen Darstellungsweise, sei es jedoch mehr als ein Itinerar, wie Arnold Otto in seinem Vortrag ausführte. Karte und Kontext seien in diesem Fall eindeutig – es handle sich wohl um das Protokoll einer Grenzbegehung. Damit habe sie Rechte festgelegt und räumlich visualisiert und hebe sich daher – so die Argumentation – qualitativ von einer rein etappenbezogenen Wegdarstellung ab, könne also durchaus den frühen kartographischen Darstellungen zugerechnet werden

VOLKER RÖDEL (Karlsruhe) gab in seinem Vortrag einen reichen Überblick über verschiedene Karten aus der deutschen Südwestregion. Angefangen mit der sehr frühen Schweizerkarte von 1496 deckte er einen zeitlichen Rahmen bis Ende des 16. Jahrhunderts mit verschiedensten Kartenbeispielen ab. Eine inhaltliche Bündelung nahm er auf der Basis dreier Überbegriffe vor, er unterteilte dabei in Landkarten, Augenscheine und Militärkarten und problematisierte auch die Schwierigkeit einer klaren Abgrenzung in einigen Fällen.

Ein weiterer wichtiger, doch gänzlich anders gelagerter Aspekt fand mit dem Vortrag von ASTRID KRÜGER (Bad Homburg) den Weg in die Diskussion. Thema ihres Beitrages war die Überlieferungssituation und die unwahrscheinlichen Wege, die Kartenmaterial bisweilen nehmen konnte.
Am Beispiel einiger „eigenartiger“ Bestände aus dem Stadtarchiv Bad Homburg vor der Höhe, zeichnete sie die bewegte Geschichte dieser Archivalien nach und erklärte, wie diese aus den Reichskammergerichtsakten in Wetzlar ihren Weg nach Bad Homburg fanden. Sie machte damit einen wesentlichen Projektaspekt am konkreten Beispiel nochmals augenfällig – den der Zuordnungs- und Auffindeproblematik kartographischer Darstellungen zu den einzelnen Regionen, deren heutiger Lagerungsort nicht selten Zufällen stärker geschuldet sein kann als einer Systematik.

Im letzten Beitrag stellte ROLF HAMMEL-KIESOW (Lübeck) einige Bestände aus dem Archiv der Hansestadt Lübeck vor, welches aufgrund von Bestandsverlusten während des 2. Weltkrieges über keine sehr große Menge an früher Kartographie verfügt. Mit dem ausgewählten Beispiel wurde eine spezielle Variante in die Diskussion eingebracht, denn bei der vorgestellten Karte handelte es sich um eine Projekt bzw. Planungskarte. Sie zeigte den Stecknitzkanal, mit seiner schiffbaren Verbindung über die Elbe bis nach Hamburg die erste künstliche Binnenwasserstraße. Anlass für die Darstellung war ihr geplanter Ausbau, die Karte zeigt den den Verlauf des Stecknitzkanals mit sämtlichen vorhandenen Windungen sowie den vorgesehenen Begradigungen. Diese spezielle Kartenart warf nochmals das Problem der Definition und Abgrenzung zu anderen Visualisierungen auf, in diesem Fall bezogen auf eine Unterscheidung zwischen technischer Zeichnung/Skizze und einer Raumdarstellung, die als kartographisch im Sinne des Projektes gelten kann.

Die Abschlussdiskussion bündelte die in den Beiträgen angerissenen Ansatzpunkte und Probleme, Diskutanten waren UTA LINDGREN (München), UTA KLEINE (Hagen) und PATRICK GAUTIER DALCHE (Paris). Leitfrage und Grundproblem war das weitere Vorgehen im Rahmen des Buchprojektes, deutlich wurde Klärungsbedarf hinsichtlich Systematisierung und Schwerpunktsetzung bei der Materialauswahl, außerdem wurden verschiedene Arten der Erhebung und Auffindung von geeigneten Karten abgewogen. Die Einrichtung einer regional übergreifenden Kartendatenbank erschien den Teilnehmern mehrheitlich als eine im Rahmen dieses Projektes nicht zu leistende Aufgabe. Es wurde weiterhin dafür plädiert, den Kartenbegriff nicht zu eng zu fassen, da sonst gerade die frühen, noch viel stärker experimentell angelegten Manuskriptkarten herausfielen. Damit würde aber gerade die spannende Frage nach den Gründen für die sich herausbildende Gebrauchskartographie ohne Not in den Hintergrund gerückt, könne doch ein solches Corpus die Bearbeitung auch dieser Fragestellung künftig zumindest im Ansatz erleichtern. Ein ordnender Zugriff ist jedoch gerade angesichts der Verschiedenartigkeit der Untersuchungsgegenstände und ihrer Herkunft unerlässlich. So wurde ein pragmatisches Vorgehen, basierend auf dem vorhanden Bestand als sinnvoll empfunden, wobei die Region einen ersten Schwerpunkt darstellen soll.

Die in vielen Beiträgen deutlich gewordene Dominanz der Reichkammergerichtsakten im Gesamtbestand früher Kartographie, ließ eine Sortierung nach Funktion insgesamt als eher ungeeignet und einengend erscheinen – Offenheit scheint, besonders wegen der häufig fließenden Übergänge und der teilweise deutlichen Sinnbezogenheit auf weitere Dokumente, an dieser Stelle besonders geboten.So sollen regionale Typen und Varianten, exemplarisch dargestellt und bestimmt durch das vorhandene Material, in diesem Buchprojekt vergleichbar zur Darstellung kommen – dies für möglichst viele unterschiedliche Regionen. Gleichzeitig bleibt der konzeptuelle Fortgang in besonderem Maße von den erschlossenen bzw. sich noch erschließenden Beständen aus den einzelnen Regionen abhängig und damit in Bewegung.

Konferenzübersicht:

Vorsitz: Michael Rothmann (Hannover)

Michael Rothmann (Hannover): Einführung

Andreas Rutz (Bonn): Kartographie im Rheinland von den Anfängen bis ca. 1600

Stefan Fuchs (Zürich): Kartographie als Herrschaftswissen: Die ältesten kartographischen Aufnahmen des Territoriums der Reichsstadt Nürnberg

Manfred von Boetticher (Hannover): Führung in der Kartenabteilung des Hauptstaatsarchivs Hannover

Vorsitz: Uta Kleine (Hagen)

Arnold Otto (Paderborn): Die Karte von Wewelsburg – Anfänge pragmatischer Kartographie in Westfalen

Volker Rödel (Karlsruhe): Frühe Kartographie im deutschen Südwesten

Astrid Krüger (Bad Homburg): Kartographische Überlieferung aus den Akten des Reichskammergerichts am falschen Ort – das Beispiel des Stadtarchivs Bad Homburg vor der Höhe

Vorsitz: Felicitas Schmieder (Hagen)

Rolf Hammel-Kiesow (Lübeck): Karten aus dem Bestand des Archivs der Hansestadt Lübeck

Schlussdiskussion
Uta Lindgren (München)
Uta Kleine (Hagen)
Patrick Gautier Dalche (Paris)

Zitation
Tagungsbericht: Corpus Deutscher Landkarten, 23.03.2012 – 24.03.2012 Hannover, in: H-Soz-Kult, 18.07.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4317>.