Gegenbilder – literarisch/filmisch/fotografisch. Internationales und interdisziplinäres Forschungskolloquium

Ort
Bamberg
Veranstalter
Bamberger Graduiertenschule für Literatur, Kultur und Medien
Datum
08.06.2012 - 09.06.2012
Von
Kathrin Wimmer, Bamberg

Wir leben in einer Welt voller Bilder. Unser Denken funktioniert in Bildern, die menschliche Kommunikation bedient sich verschiedener Sprachbilder und das mediale Zeitalter überrollt uns mit einer wahren Flut aus bewegten und unbewegten Bildern. Die Moderne greift dabei nicht nur auf den reichen Bilderschatz vergangener Jahrhunderte zurück, sondern es werden auch traditionelle Motive variiert, verändert und verworfen. Das ursprüngliche Bild wird ergänzt durch Gegenbilder und Alternativkonzepte. Letztlich ringen sie alle, Bilder und ihre Gegenbilder, um die Deutungshoheit.

Die Veranstalter Corina Erk und Christoph Naumann eröffneten als Promovierendenvertreter der Bamberger Graduiertenschule für Literatur, Kultur und Medien den Workshop „Gegenbilder – literarisch/filmisch/fotografisch“ und stellten das anspruchsvolle Tagungsprogramm vor, das sich in fünf Sektionen gliederte. Jedes Panel näherte sich aus einer anderen Perspektive dem Themenbündel „Gegenbild“ an.

Zunächst widmete sich die Nachwuchstagung den „Nationalen (Gegen-)Bildern“. Ausgewählte Erinnerungsdiskurse sollten darlegen, inwiefern sich das kulturelle Gedächtnis von der Historie unterscheidet und welcher Bilder sich nationale Identitäten bedienen. DOMINIKA GORTYCH (Posen) eröffnete das Kolloquium mit ihren Ausführungen zum polnischen Shoah-Diskurs, seiner literarischen Rezeption und der Wahrnehmung in Deutschland. Während nach dem 2. Weltkrieg der polnische Opfermythos aufgebaut worden sei, habe sich in den 1970er- und 1980er-Jahren ein tiefgreifender Wandel durchgesetzt, der sich zuerst in der Literatur abzeichnete (zum Beispiel Jan Błoński, Tadeusz Słobodzianek, Bożena Keff, Ewa Kuryluk). Mit neuen Formen des Erzählens werde nun der verfolgten polnischen Juden gedacht und das Trauma verarbeitet. Die Auseinandersetzung bringe auch das nationale Selbstverständnis ins Wanken – und damit auch einen neuen Selbstfindungsprozess in Gang.

INA MARKOVA (Wien) ging der Frage nach, wie österreichische Geschichtsschulbücher die NS-Zeit präsentieren und welche Strategien den Geschichtsdarstellungen zugrunde liegen. Eindrücklich konnte sie zeigen, dass die „Politik der Wahrheit“ von Bildern gesteuert wird. Da es bis in die 1970er-Jahre lediglich drei Geschichtsschulbücher für Österreich gegeben habe, sei es ein Leichtes gewesen, die Jahre 1938 bis 1945 als „ungezählte Jahre“ zu verdrängen. Bilder und Darstellungen fehlen demnach in den Geschichtsbüchern völlig. Dem liege eine bewusste Strategie zugrunde, denn es mangle wahrlich nicht an Bildmaterial aus dieser Zeit. Mit der Neuauflage der Geschichtsschulbücher Ende der 1980er-Jahre kam es auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und das Verschweigen durch fehlende Visualisierung wurde und wird zunehmend aufgegeben.

EVA ZIMMER (Würzburg) erläuterte in ihrem Vortrag den Wandel des schweizerischen Schulwandbilder-Werkes. Die schulischen Wandbilder hätten rund 150 Jahre als Ideenträger fungiert und prägten die nationale und soziokulturelle Identität. Die künstlerischen Darstellungen hätten vornehmlich eine anheimelnde Farb- und Bildsymbolik bedient, Stereotype aufgegriffen und die Stabilität und Ordnung der Welt betont. Mitte der 1990er-Jahre habe sich die Botschaft des Schweizerischen Schulwandbilder-Werkes grundsätzlich gewandelt, als kreative, künstlerisch hochwertige Bilder die Gegenwart auf abstrakte Weise abbildeten. Die Schulen hätten auf diese Innovationen schockiert reagiert und kündigten die Abonnements zumeist auf – das Schulwandbild sei zum Schreckensbild wertkonservativer Schulen geworden.

MIRNA ZEMAN (Paderborn) sprach in ihrem Beitrag über die „Nation als Marke“. Der Prozess des Nation Branding versuche, dem jeweiligen Standort das Image einer Handelsmarke zu verschaffen, um national und international anziehend zu wirken. Nationale Slogans würden neuerdings patentiert und in immer kürzeren Abständen würden neue Bilder und Inszenierungen lanciert. Doch damit konterkariere und gefährde sich der Erfolg selbst: Der „jump on the brandwagon“ mache die Botschaften immer austauschbarer und abstruser. Mit der Neuerzählung des Nationalen gerate auf fatale Weise auch die Aufarbeitung der Geschichte in Vergessenheit.

In der zweiten Sektion wurde das Thema „Selbst- versus Fremdbild“ in den Blick genommen. CORINA ERK (Bamberg) beschäftigte sich mit der Frage, wie der RAF-Mythos und die Erinnerung daran in den Filmen „Schattenwelt“ und „Es kommt der Tag“ transportiert werden. Sie stellte fest, dass die RAF-Protagonisten sich nun nicht mehr als Idole eignen würden. Vielmehr seien gebrochene Helden, die ihrerseits in familiäre Konfliktsituationen eingebettet sind, zu sehen. Damit sei ein Gegenbild zu den heroisierten Pop-Ikonen des RAF-Mythos geschaffen, wobei die nachfolgende Generation den Terroristen auf erschreckende Weise ähnle: Die Kinder würden als Zerrbild der Elterngeneration dargestellt und agierten selbst mit Gewalt und Rache. Dass der Historisierungsprozess des RAF-Terrorismus längst nicht abgeschlossen sei, zeigten vielfältige Rezeptionen und Adaptionen.

MAREIKE GRAMER (Bamberg) widmete sich den ‚Superhelden‘ der jüdischen Erinnerungskultur. Die Frage, wem es zustehe, von der jüdischen Vergangenheit zu erzählen, werde durch den Diskurs der„sekundären Zeugenschaft“ aufgegriffen. Interessanterweise bediene die Nachwelt vor allem die sympathetische Identifikation mit einem unvollendeten, fehlerhaften Helden, der vom Täter zum Opfer werde. Der Held verunsichere den Leser durch grausame Handlungen und fordere seine Identifikationsbereitschaft heraus. Dadurch werde das antiheroische Ethos zum Gegenbild des typischen Helden und durchbreche die Illusion einer wahrheitsgetreuen Erinnerung.

NINA REXHEPI (Bamberg) sprach über die Krise der Männlichkeit am Beispiel von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ und Dürrenmatts „Die Ehe des Herrn Mississippi“ sowie „Der Besuch der alten Dame“. Sie konstatierte die Wandelbarkeit von Geschlecht, da Identität als performativer Akt verstanden werden müsse. Die Männlichkeit lasse sich ex negativo aus dem Gegenbild der Weiblichkeit definieren und dementsprechend würden vielerlei Bilder von Männlichkeit miteinander konkurrieren. Während Werther mit seiner Umwelt in Konflikt gerate und sich letztlich nur durch Suizid der gestörten Ordnung entziehen könne, müssten auch die Protagonisten bei Dürrenmatt ihre Männlichkeit transformieren, würden dabei aber ihre Identität und ihr politisches Ansehen verlieren.

Der folgende Kolloquiumstag begann mit dem dritten Themenkomplex: „Poetologische Gegenbilder“. JULIA ECKERT (Bamberg) deutete den Roman „Schoßgebete“ von Charlotte Roche als Gegenentwurf zu feministischen Texten. Sie untersuchte dafür vor allem Rezensionen und Blogeinträge. Es zeichne sich ab, dass sich der Verkaufserfolg durch die Skandalisierung erklären lasse. Die Tatsache, dass eine weibliche Autorin einen dezidiert erotischen Roman verfasst habe und zudem die Grenzen zwischen Autorin und Protagonistin bewusst verschwimmen lasse, hätte für Aufsehen gesorgt. Es stelle sich nun die Frage, ob die Haltung der „Anti-Emanze“ als Bindeglied zwischen dem alten und neuen Feminismus zu verstehen sei. Nach der Literaturkritik sei es nun die Aufgabe der Literaturwissenschaft, Stellung zu nehmen.

ALETTA HINSKEN (Gießen) zeigte in ihrem Vortrag, dass die Popliteratur sich mit der Unmöglichkeit, Neues zu schaffen, nicht abfinden wolle. In dem Wissen, dass alle Texte immer auch auf kollektive Bilder und Themen rekurrieren, greife die Popliteratur ganz bewusst auf das kulturelle Archiv zurück und entwerfe dabei ein neues Genre. Ohne Scheu vor Plagiaten seien Zitate und Samples zu Collagen zusammengefügt und damit in einen neuen Sinnzusammenhang eingeschrieben worden. So würden die Schlagworte „copy and paste“ die Transformation von Identität und literarischem Wissen beschreiben. Doch dabei blieb es laut Hinsken nicht: Pop sei nicht mehr Provokation, sondern vielmehr Tradition geworden.

MADLEN REIMER (Bamberg) verglich die Problematik des autobiographischen Schreibens in „Auslöschung. Ein Zerfall“ von Thomas Bernhard mit „Malina“ von Ingeborg Bachmann. In beiden Texten scheine ein autobiographisches Schreiben vorzuliegen, doch in beiden Fällen sei eher von einer Anti-Autobiographie auszugehen: Die Erzählungen würden nur scheinbar auf die jeweiligen Autoren zurückgreifen, zudem würden die Texte die Kategorien von Fiktionalität und Nicht-Fiktionalität hinterfragen und die Narration als fragwürdig und unsicher inszenieren. Der „autobiographische Pakt“ nach Lejeune greife nicht. Da der Tod des Schreibenden nötig sei, damit die Autobiographie wahr bleibe, erschreiben und vernichten die beiden Texte den Erzähler als „Lebendig-Toten“. Doch in der Schrift wird das auszulöschende Ich bewahrt. Das Anti-Autobiographische Schreiben greife demnach nicht das beschriebene, sondern das erschriebene Leben auf.

DAVID ASSMANN (Bonn) referierte als Letzter in der Sektion „Poetologische Gegenbilder“. Er beschäftigte sich mit dem Literaturbetrieb und arbeitete die These heraus, dass die gegenwärtige Literatur sich nicht mehr als Opfer des Marktes verstehen wolle, sondern ihrerseits „Marketingorgien und Dockjufickschen“ gezielt aufgreife, um den Kampf um mediale Aufmerksamkeit zu gewinnen. Der Autor inszeniere sich immer mehr als „Schriftsteller-Darsteller“. Klaus Modicks „Bestseller“ sei ein gelungenes Beispiel dafür: Schon der Titel wirke wie ein paratextuelles Etikett und mache das Buch zum Verkaufsschlager. Insgesamt oszilliere der Roman zwischen Realität und Fiktion, zwischen Literaturbetriebsreflexion und -praxis.

MARIE GUNREBEN (Bamberg) eröffnete das vierte Panel, das mit dem Titel „Traditionen und Brüche“ überschrieben war. Ihr Vortrag widmete sich dem gegenwärtigen Altersdiskurs und wies zugleich anhand von John von Düffels „Houwelandt“ und Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“ nach, dass sich eine Vielzahl von Texten den gängigen Alterszuschreibungen entzögen. Denn während Politik, Feuilleton und Forschung das Bild des rüstigen Rentners propagierten, weiche die Literatur vom Konzept des „weisen Alten“, das bereits in der Antike existiere, zunehmend ab. So sei der Patriarch Jorge kein Weiser nach Seneca, sondern ein weltfremder und menschenfeindlicher Alter, seine totalitaristische Brutalität stehe der Altersweisheit gegenüber. Bei Geiger werde das Paradoxon des skurrilen, wahnsinnigen Weisen aufgegriffen. Damit seien die beiden Alterstexte als Gegenentwürfe zu den aktuellen und politischen Diskursen zu verstehen.

NINA SCHIMMEL (Basel) ging in ihrem Vortrag auf die Inszenierung des „bösen Kindes“ ein. Unter allen Bösewichten sei es besonders schockierend, da es unschuldig und böse zugleich sei. Der Film „The Bad Seed“ lote die Hemmschwellen der Zuschauer aus, da Kindern im Allgemeinen keine grausame Bösartigkeit zugetraut würde. Es stelle sich auch die Frage, ob Kinder, die ja nicht schuldfähig seien und denen prinzipielle Unschuld zugeschrieben werde, überhaupt nach allgemeinen Kriterien als „böse“ definiert werden dürften. Der Film von 1955 thematisiere die Frage nach der Vererbbarkeit von Kriminalität. Letztlich müsse aber auch das böse Kind, das als Gegenbild des üblichen Verbrechers fungiere, beseitigt werden – hier durch den deus ex machina in Form eines Blitzschlages.

KATHARINA WEISS (München) postulierte zunächst eine Rückkehr der Religion in den politischen, ästhetischen und massenmedialen Diskurs, bevor sie anhand der amerikanischen Serie „Galactica“ und Patrick Roth‘s Roman „Magdalena am Grab“ aufzeigte, wie heterogen religiöse Motive, Traditionen und Figuren wiedererweckt worden seien. Als Vorbilder hätten tradierte Urbilder gedient, die für die Gegenwart aktualisiert wurden. Allerdings sei es nötig, sie erst zu erklären und die Devianz zu markieren, bevor die archaischen Weltbilder zur gegenwärtigen Weltdeutung genutzt werden könnten. Die Enttabuisierung der Religion sei demnach als ein „wi(e)derholender Vorgang“ zu verstehen.

CHRISTOPH NAUMANN (Bamberg) referierte in der fünften und letzten Sektion: „Parallelwelten“. Er behan-delte die Arbeiterfotografie der Weimarer Zeit als Instrument der Aufklärung und des sozialen Kampfes. Das Bürgertum habe Machteinbußen befürchtet und daher die Fotografie wegen ihrer Unkontrollierbarkeit als neues Leitmedium verpönt. Die Mediengeschichte zeige, dass die Fotografie das erste Medium sei, das der breiten Masse in die Hände gefallen sei. Doch mit der Metapher der „Bilderflut“ werde auch deutlich, welche Problematik die Massenfotografie mit sich bringe: Bilder seien eher der Manipulation als der Aufklärung zuträglich. Erklärtes Ziel der proletarischen Medienamateure sei es gewesen, die Realität ungeschönt zu zeigen und als Entdecker der gesellschaftlichen Rückseite zu fungieren.

Das Forschungskolloquium „Gegenbilder – literarisch/filmisch/fotografisch“ der Bamberger Graduiertenschule für Literatur, Kultur und Medien stieß auf große Resonanz und bündelte ein breites Spektrum von Ansätzen, Theorien und Forschungsfragen. Die Stärke dieser Nachwuchs-Tagung lag in der Verknüpfung interdisziplinärer und intermedialer Diskurse, die allesamt einen Einblick in die gegenwärtige Forschungslandschaft gewährten und fruchtbare Ergebnisse für die einzelnen Fachgebiete brachten.

Konferenzübersicht:

Sektion 1: Nationale (Gegen-)Bilder

Dominika Gortych (Posen): Identitätsstiftende Gegenbilder in der Literatur. Zum polnischen Shoah-Diskurs und seiner Rezeption in der deutschen Öffentlichkeit

Ina Markova (Wien): (NS-)Zeit im Bild. Visuelle Vergangenheitsrepräsentation und strategischer Bildgebrauch im österreichischen Geschichtsschulbuch nach 1945

Eva Zimmer (Würzburg): Bruch mit der traditionellen Widerständigkeit gegen die Moderne – Oder: der Untergang des schweizerischen Schulwandbilder Werkes

Mirna Zeman (Paderborn): Kapitalkonforme (Gegen-)Stereotype: Nation als Marke

Sektion 2: Selbst- versus Fremdbild

Corina Erk (Bamberg): „Man konnte doch nicht mit Kindern kämpfen!“ Zur filmischen Retrospektive auf die RAF – Auf dem Weg zum ‚Familienterrorismus‘?

Mareike Gramer (Bamberg): Defiance. Helden-Bilder und Bilderverbot in deutschsprachig-jüdischer Literatur

Nina Rexhepi (Bamberg): „Werther“ als Bild des in die Krise geratenen Mannes – und das Motiv krisenbehafteter Männlichkeit bei Friedrich Dürrenmatt

Sektion 3: Poetologische Gegenbilder

Julia Eckert (Bamberg): „Schoßgebete“ und Bauchschmerzen – Spezifika eines Romans als Gegenentwurf zum feministischen Diskurs

Aletta Hinsken (Gießen): Der Bruch mit der Tradition – Romankonzept und Figurenkonstellation als Gegenbilder

Madlen Reimer (Bamberg): Die „Antiautobiografie“ – Eine Inszenierung der Fragwürdigkeit des Ich

David Assmann (Bonn): Marketingorgien und Dockjufickschen. Literaturbetrieb als literarisches Gegenbild

Sektion 4: Traditionen und Brüche

Marie Gunreben (Bamberg): Das weise Alter. Zur Neuinszenierung eines traditionsreichen Modells in deutschsprachigen Gegenwartstexten

Nina Schimmel (Basel): „Die böse Saat“ oder: Kinder des Grauens

KatharinaWeiss (München): Deviante Wi(e)derschreibung – Die nonkonformistische Re-Aktualisierung von Religion

Sektion 5: Parallelwelten

Christoph Naumann (Bamberg): Bildkulturen der Weimarer Zeit – Vom Bedeutungszuwachs des Visuellen hin zur Bilderflut

Zitation
Tagungsbericht: Gegenbilder – literarisch/filmisch/fotografisch. Internationales und interdisziplinäres Forschungskolloquium, 08.06.2012 – 09.06.2012 Bamberg, in: H-Soz-Kult, 11.07.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4324>.