Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation in Mitteldeutschland

Ort
Leipzig
Veranstalter
Lehrstuhl für Sächsische Landesgeschichte, Universität Leipzig; Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e. V., Dresden
Datum
19.04.2012 - 21.04.2012
Von
Dirk Martin Mütze / Sabine Zinsmeyer, Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., Dresden

Vom 19. bis 21. April fand in Leipzig die interdisziplinäre Tagung „Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation in Mitteldeutschland“ statt. Die von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderte Veranstaltung wurde durch den Lehrstuhl für Sächsische Landesgeschichte der Universität Leipzig und das Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. in Dresden ausgerichtet. Die Tagung stand im Kontext einer großangelegten Ausstellung zum Thema „Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation in Mitteldeutschland“, welche 2013/14 in Thüringen (Mühlhäuser Museen), Sachsen (Stadtgeschichtliches Museum Leipzig) und in Sachsen-Anhalt (Kulturhistorisches Museum Magdeburg) gezeigt werden soll. Das Vorhaben, das auf die Rekonstruktion der religiösen Alltagserfahrung und -praxis des späten Mittelalters zielt, versteht sich als Teil der Reformationsdekade.

Im Gegensatz zu den bisher dominierenden theologiegeschichtlichen oder ereignisgeschichtlichen Zugängen zur ‚Vorreformation‘, wurden auf der Tagung vor allem Themenfelder in den Blick genommen, die im mitteldeutschen Raum bisher kaum untersucht wurden. Die an der Veranstaltung beteiligten Historiker, Kunsthistoriker, Archivare, Kirchenhistoriker, Museologen, Archäologen und Germanisten standen damit vor der Aufgabe, geeignete Quellen und Sachzeugen vorzustellen. Die Tagung wurde damit zu einer thematisch breiten Präsentation weithin unbekannter Materialien, die in wechselnder Perspektive und mit unterschiedlichen methodischen Zugriffen befragt wurden. Im Zentrum stand dabei der mitteldeutsche Raum, zu dem im Kern die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zählen.

In einem einführenden Vortrag präsentierten die Tagungsveranstalter ENNO BÜNZ (Leipzig) und HARTMUT KÜHNE (Berlin) die Wege der Forschung zur Frömmigkeitsgeschichte des Mittelalters im Spannungsfeld unterschiedlicher Disziplinen und boten einen Überblick zum Arbeitsstand und zur thematischen Konzeption der in Vorbereitung befindlichen Ausstellung zur Frömmigkeit im Spätmittelalter. Enno Bünz verwies hierbei darauf, dass die Erforschung der Frömmigkeit, die er im Rückgriff auf Berndt Hamm als „den konkreten Lebensvollzug des Glaubens durch eine bestimmte Lebensgestaltung“ definierte, für den mitteldeutschen Raum noch am Anfang steht. Die Feldstudien von Hartmut Kühne zeigen, welch erstaunlich große Zahl von Objekten zur Frömmigkeitsgeschichte sich bis heute in den Museen und Sammlungen, in Archiven und Bibliotheken, aber auch in den Kirchen vor Ort erhalten hat und bisher kaum im Blick der Wissenschaften stand.

Im Gegensatz zu der üblichen Wertung vorreformatorischer Frömmigkeit als im Wesentlichen städtisches Phänomen thematisierte die erste Sektion der Tagung die Frömmigkeit der Fürsten und des Adels. Ein Plädoyer für eine stärkere Wahrnehmung des Niederadels als wichtiger Trägergruppe der Frömmigkeit bildete der Vortrag von CHRISTOPH VOLKMAR (Wernigerode), der von der theoretischen Zuspitzung der Frage nach einer speziellen adligen Frömmigkeit aus, die Rolle des Adels in der Ausgestaltung von Frömmigkeit im Spätmittelalter exemplarisch bis auf die Ebene der Pfarrkirche verfolgte. So wurde beispielsweise die Memoria nicht nur als Weg der Frömmigkeitspraxis, sondern auch als eine Form ständisch-familiärer Repräsentation genutzt. Auch wurde die Sonderstellung des Adels, der zum Beispiel die Möglichkeit besaß, der Messe im privaten oder öffentlichen Raum beizuwohnen oder kostspielige Pilgerfahrten nach Rom oder ins Heilige Land zu unternehmen, thematisiert. In der Diskussion wurde deutlich, dass besonders die Funktion des Niederadels als Trägergruppe bestimmter Frömmigkeitsformen ein Desiderat der Forschung ist.

JOHANNES MÖTSCH (Meiningen) behandelte die Kirchenpolitik und persönliche Frömmigkeit der Grafen von Henneberg im Zeitraum zwischen 1450 und 1550. Dabei ging er vor allem auf das Wirken des Grafen Wilhelm III. von Henneberg-Schleusingen ein, dessen Werk nach seinem Tod zunächst durch seine Frau, Gräfin Margarethe von Braunschweig-Wolfenbüttel, und später von seinen Söhnen fortgeführt wurde. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei der Stiftungstätigkeit, die sich auch in einer spezifisch Hennebergischen Wallfahrtslandschaft niedergeschlagen hat. Zu ihr gehörte neben mehreren regional bedeutenden Gnadenorten auch die sich um 1500 etablierende Wallfahrt nach Grimmenthal, deren sakrale Bedeutung, aber auch wirtschaftliche Einträglichkeit sich anhand einer außerordentlich reichhaltigen Quellenüberlieferung nachvollziehen lassen.

Auf die Frömmigkeit des Kurfürsten Friedrich des Weisen konzentrierte sich der Vortrag von THOMAS LANG (Leipzig), der sich auf die überbordende, aber lange Zeit wissenschaftlich wenig genutzte Rechnungsüberlieferung des wettinischen Hofes stützte. Insbesondere die Schatullenrechnungen über die privaten Ausgaben des Kurfürsten geben vielfältige Auskünfte über Zahlungen aus dem Bereich der Frömmigkeitspraktiken am Hof der Ernestiner um 1500. Methodisch wurde dabei deutlich, dass es erkenntnisfördernd ist, diese Ausgaben auch im Rahmen der Gesamtausgaben und der einzelnen Rechnungsposten zu sehen, um den Stellenwert der „praxis pietatis“ im Kontext der höfischen Alltagskultur ermessen zu können.

Auch ARMIN KOHNLE (Leipzig) wandte sich anschließend der Frömmigkeitspraxis Kurfürst Friedrichs des Weisen zu und kontrastierte diese mit der Herzog Georgs von Sachsen. Anschaulich präsentierte er mit dem ernestinischen Kurfürsten Friedrich das Idealbild eines spätmittelalterlichen Herrschers, der das gängige Frömmigkeitsangebot seiner Zeit ganz selbstverständlich nutzte. Im Gegensatz dazu erweist sich der albertinische Vetter Herzog Georg als Herrscher mit theologischer Bildung, der ebenso fromm war, doch seine Herrschaftsausübung zugleich als theologische Mitsprache verstand.

Die zweite Sektion, die sich der städtischen Frömmigkeit widmete, wurde durch CHRISTIAN SPEER (Halle) eröffnet, der die Stadtbücher als Quellen zu Alltags- und Frömmigkeitsgeschichte im Spätmittelalter vorstellte. Kursorisch gab er einen Überblick über den umfangreichen, in Mitteldeutschland erhaltenen Bestand. Anhand von Beispielen aus der Oberlausitz machte er aber auch auf methodische Probleme bei der Auswertung der einzelnen Eintragungen aufmerksam.

Die Kunsthistorikerin KATJA PÜRSCHEL (Halle) wandte sich der Sachüberlieferung zu und stellte das erhaltene Inventar der imposanten Pfarrkirche „Unser Lieben Frauen“ in Kemberg (13 km südlich von Wittenberg) als Beispiel für die Ausstattung städtischer Pfarrkirchen im Spätmittelalter vor. Der Großteil der vorreformatorischen Ausstattung ist verloren, doch hat sich unter anderem ein monumentales steinernes Sakramentshaus erhalten, das in Mitteldeutschland seinesgleichen sucht, dessen Errichtung aber noch der historischen Aufhellung bedarf.

Den Rechnungsbüchern der Kirchenfabriken als Quellen zur Frömmigkeitsgeschichte wandte sich MARTIN SLADECZEK (Jena) am Beispiel der drei Pfarrkirchen von Arnstadt in Thüringen zu. Für diese haben sich die Rechnungen aus den Jahren 1460 bis 1530 fast vollständig erhalten. Vor allem die Spenden in den Opferstöcken zeigen den Wandel der Frömmigkeit und verdeutlichen den durch die Reformation bedingten Einbruch der Einnahmen, der ab den 1520er-Jahren festzustellen ist. Ebenso sind aber auch die Zwecke, für die Geld ausgegeben wurde, für die Frömmigkeitspraxis erhellend.

ANTJE J. GORNIG (Leipzig) konzentrierte sich anhand der breiten städtischen und kirchlichen Überlieferung der Stadt Wittenberg am Übergang zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit auf die städtischen Bruderschaften. Von den 14 in Wittenberg ansässigen Bruderschaften waren allein elf mit der Stadtpfarrkirche verbunden – eine für die Größe der Stadt Wittenberg mit circa 3.000 Einwohnern ungewöhnlich hohe Zahl. Im Zuge der Reformation kam das religiöse Leben der Bruderschaften in den Jahren 1525/28 zum Erliegen.

Auch zu Beginn des zweiten Tages stand die städtische Frömmigkeit im Vordergrund. Als ein Reflex auf die grassierende Pest traten in den Jahren 1348/49 in Mitteldeutschland Geißlerzüge auf. Einzig in Thüringen und dem Harzraum formierte sich hieraus eine religiöse Bewegung von längerer Dauer. Vornehmlich die Wirkung des als Propheten verehrten Konrad Schmids sorgte nach INGRID WÜRTH (Halle) für das lange Bestehen dieser Sekte, die sich als weitgehend unbeeinflusst von anderen devianten religiösen Gruppen wie den Waldernsern erwies. Eine offene Frage blieb, ob sich die Bewegung nach den letzten Ketzerprozessen zu Beginn der 90er-Jahre des 15. Jahrhunderts auflöste oder in die frühe reformatorische Bewegung mit einfloss.

Ein handschriftliches Ablassverzeichnis, das einem Mitglied der wohlhabenden Zwickauer Familie Römer zuzuschreiben ist, stellte JULIA SOBOTTA (Stuttgart/Marburg) vor. In dem aufwändig hergestellten Kodex aus dem späten 15. Jahrhundert war der Umfang der Ablässe verzeichnet, die der Gläubige beim Besuch verschiedener Kirchen Zwickaus und des Umlandes erlangen konnte. Welche praktische Bedeutung dieses Verzeichnis für seinen Besitzer hatte, lässt sich mangels anderer Aufzeichnungen nicht sagen. Auch ist das Verhältnis dieses Verzeichnisses zu den bislang nachweisbaren Ablässen der Zwickauer Kirchen noch unklar.

Vor dem Hintergrund der differenzierten Sakraltopographie Braunschweigs erörterte HENNING STEINFÜHRER (Braunschweig) den Stellenwert der zahlreich erhaltenen Bürgertestamente für die Frömmigkeitsgeschichte, die sich als sensible Indikatoren für die Bindung der Testatoren an bestimmte Kirchen erweisen. Das Testament des wohlhabenden Bürgers Albrecht von Vechelde (1504) wurde als ein besonders herausragendes Beispiel vorgestellt, da darin fast alle kirchlichen Institutionen der Stadt im abgestuften Umfang mit Legaten bedacht wurden.

Die Sektion zu Kloster und Stift wurde durch CHRISTIAN POPP (Göttingen) eröffnet. Er stellte eine bisher wenig beachtete frühneuzeitliche Abschrift eines spätmittelalterlichen Nekrologs aus dem Kanonissenstift Gandersheim in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Dieses enthält über 270 Personennamen aus einem Zeitraum von 700 Jahren. Eine zentrale Stellung nahm dabei das Gedächtnis der liudolfingischen Stifterfamilie ein, zu der auch die Kaiser Otto II. und Heinrich II. zählen. In diesem Rekurs auf die bedeutende Geschichte des Stifts und der Stifter diente der Nekrolog auch der Legitimation und Selbstvergewisserung der Kanonissen bis in die Zeit der Reformation.

Im Mittelpunkt der Ausführungen von JÖRG VOIGT (Stade) stand das Terminierbuch der Zwickauer Franziskaner. Die Bettelpraxis der Mendikantenorden ist zwar generell bekannt, in ihrer konkreten Form aber nur selten dokumentiert. Die Zwickauer Handschrift gibt deshalb einen seltenen und recht präzisen Einblick in die Organisation und Praxis des Terminierwesens. Mit seinen über 10.000 Personennamen in über 360 Orten ist die Handschrift auch eine wichtige namen- und ortsgeschichtliche Quelle für den ländlichen Raum.

THOMAS LABUSIAK (Halberstadt) betrachtete die Bedeutung des heiligen Stephanus für die Ausstattung des Halberstädter Doms. Skulpturen und Darstellungen dieses Heiligen finden sich vor allem an Orten des Übergangs, so beispielsweise an Portalen, und sind Ausdruck für den Schutz des Heiligen für seine Kirche.

Den Quellen zur Frömmigkeitspraxis der Domstiftsarchive von Naumburg und Merseburg widmeten sich die Referate von MATTHIAS LUDWIG (Naumburg) und MARKUS COTTIN (Merseburg). Standen in dem kursorischen Überblick Matthias Ludwigs vorzugsweise Quellen zur städtischen Frömmigkeit sowie zum Verhältnis von Rat und Kirche in Naumburg im Vordergrund, nahm Markus Cottin besonders den ländlichen Bereich in den Blick. Insbesondere die Bedeutung der Pfarrei wurde facettenreich deutlich. So geben das Kopialbuch über Bestätigungen des Merseburger Bischofs Thilo von Trotha aus der Zeit um 1500 und die in der Reformationszeit angelegten Visitationsprotokolle einen außergewöhnlich anschaulichen Einblick in die Stiftungspraxis in den Dörfern des Merseburger Hochstifts.

Die Sektion des Nachmittags widmete sich den Themen Ablass, Wallfahrt und Wunder. Zu Beginn stand der Vortrag von JAN HRDINA (Prag), der den Versuch unternahm, die Vergabe der päpstlichen Ablässe für das Heilige Römische Reich zwischen 1389 und 1517 zu skizzieren. Anhand von Karten wurde dabei die Stellung Mitteldeutschlands als eine spezifische Ablasslandschaft im Gegensatz zu Süddeutschland dargestellt. Es zeigt sich, dass mitteldeutsche Empfänger insgesamt weniger stark um Ablässe supplizierten als die der südlichen Gebiete. Allerdings relativiert sich der Befund unter Einbeziehung weiterer Faktoren wie beispielsweise der Bevölkerungsdichte oder der Seelsorgestellen. Auffällig ist aber die starke Beteiligung der mitteldeutschen Landesfürsten bei der Erwerbung von Ablässen. Ab den 1470er-Jahren wurde die Ablassvergabe immer stärker durch kuriale Sammelindulgenzen bestimmt, die nicht registriert wurden, was die Beurteilung der Zeit um 1500 anhand der vatikanischen Quellen erschwert.

Das Ablasswesen stand auch im Zentrum des Referats von HARTMUT KÜHNE (Berlin). Er stellte zwei (wieder)aufgefundene Drucke vor, die in den Kontext der Ablasskampagnen des Kardinals Raimund Peraudi einzuordnen sind. Die zwei ganz unterschiedlichen Drucke geben Einblick in die praktische Umsetzung seiner Kampagnen: Ein im Stadtarchiv Mühlhausen aufgefundener Einblattdruck legt Peraudis Einnahmen aus der Ablasskampagne 1501–1504 in einzelnen Positionen offen und stellt damit eine bisher singuläre Quelle für die vorreformatorische Verkündigung der Indulgenzen zur Verfügung. Ein Makulaturfund aus Eger (Cheb), der wohl aus einer mitteldeutschen Buchbinderei stammt, nennt in großen Lettern drei römische Hauptkirchen und diente der Kennzeichnung der örtlichen Kirchen, die die römische Pilgertopografie vor Ort während der Ablasskampagnen nachbilden sollten.

Die Entwicklung der Pilger- und Wallfahrten im mitteldeutschen Raum untersuchte CARINA BRUMME (Berlin) anhand der Verbreitung von Pilgerzeichen. Dabei zeigt sich, dass besonders die Aachenfahrten, mit den dortigen Heiltumsweisungen ab der Mitte des 14. Jahrhunderts innerhalb der mitteldeutschen Wallfahrtsaktivitäten eine markante Rolle spielten. Pilgerzeichen erweisen sich allenthalben als wichtige Indikatoren der spätmittelalterlichen Frömmigkeitspraktiken. Allerdings haben sich im Untersuchungsgebiet solche Pilgerzeichen vor allem auch auf Glocken erhalten, während Bodenfunde selten sind.

Die als Wunder empfundenen Erscheinungen von Kreuzeszeichen auf Menschen und Kleidung, die in den Jahren 1500 bis 1503 vielfach im süd- und westdeutschen Raum dokumentiert wurden und selbst in Albrecht Dürers Gedenkbuch-Aufzeichnungen Eingang fanden, thematisierte STEFANIE FUNCK (Marburg). Sie verdeutlichte, dass besonders auch der Buchdruck für die Verbreitung der Wunderberichte genutzt wurde. Dieser Vortrag berührt auch das Thema der in den zwei Jahrzehnten vor der Reformation im humanistischen Milieu praktizierten Wunderzeichenpublizistik und deren Fortwirkung in frühen reformatorischen Druckschriften.

VOLKER HONEMANN (Berlin) wandte sich im Abendvortrag in ebenso anschaulicher wie unterhaltsamer Weise der Bedeutung des geistlichen Schauspiels in mitteldeutschen Städten zu. Indem er die Nachrichten zu Urhebern, Organisatoren, Akteuren und zu den Aufführungsorten analysierte, wurde deutlich, dass das geistliche Schauspiel als Massenmedium mit einer Breitenwirkung ähnlich der Predigt zu verstehen sei. Honemann verwies auf die herausragende Bedeutung des Osterspiels, welches jedoch zunehmend durch das Prozessionsspiel verdrängt wurde. Die vorgestellten Beispiele, unter anderem aus Hof, Dresden, Löbau und Leipzig, lieferten ein anschauliches Bild dieser herausragenden Ereignisse des Kirchenjahres.

Die Sektion des dritten Tagungstages widmete sich den Vermittlungsformen und den Normen der Frömmigkeit. Sie wurde durch den Vortrag von HEINER LÜCK (Halle) eingeleitet, der durch MARTIN OLEJNICKI (Halle) verlesen wurde. Lück verdeutlichte anhand historischer und bauhistorischer Quellen, dass „das Recht ohne Gott“ im Mittelalter nicht denkbar war. So widmete er seine Aufmerksamkeit dem Kirchengebäude als multifunktionalem Rechtsort. Dort schloss man Verträge, hielt Gericht (Tür, Tor, Pforte) oder strafte (Kirchenpranger). Auch Gesten und Rituale wie „Eidleistung“, „Sühnekuss“ und „Sühnekreuzsetzung“ wurden in diesem Zusammenhang näher analysiert, um deutlich zu machen, wie stark das spätmittelalterliche Rechtsleben mit den Frömmigkeitspraktiken verwoben war.

ANDREAS ODENTHAL (Tübingen) zeigte die Vielfältigkeit liturgischer Handlungen in der Übergangsphase zwischen dem alten und dem neuen Glauben auf. Er machte anhand repräsentativer Beispiele deutlich, dass sich der Übergang der Liturgie weitaus fließender gestaltete und Unterschiede in der praktischen Ausführung zum Teil kaum wahrnehmbar waren. Ersichtlich wurde zudem, dass liturgische Gegenstände wie Kaseln, Kelche oder Messbücher auch weit über die Reformationszeit hinaus in Gebrauch blieben.

Im Zentrum der Untersuchungen von JOHANNES TRIPPS (Leipzig) stand ein bislang wenig beachtetes Phänomen der spätmittelalterlichen Memoria, nämlich die Praxis, prunkvolle Grabplatten oder Tumben durch Holzkästen und -abdeckungen zu schützen und zu verhüllen. Dabei wurden diese Kästen, die zum Teil sehr aufwendig gestaltet waren, bis weit in die Frühe Neuzeit erneuert, was dafür spricht, dass auch nach der Reformation gewisse Memorialpraktiken weiter gepflegt wurden.

Auf die Bedeutung von Inschriften für die spätmittelalterliche Frömmigkeitsgeschichte verwies HANS FUHRMANN (Halle). Zwar kommen in spätmittelalterlichen Inschriften Begriffe wie „fromm“ oder „Frömmigkeit“ kaum vor, doch lassen sich den epigraphischen Zeugnissen vielfältige andere Hinweise auf Frömmigkeitspraktiken der Zeit entnehmen. Dies wurde zum Beispiel anhand von Ablassinschriften verdeutlicht, die an den Außenfassaden der Kirchen über die zu erlangenden Indulgenzen informierten.

Einer ganz besonderen Form von Frömmigkeitszeugnissen widmete sich das Referat von BARBARA PREGLA (Halle), die diverse Textilien aus dem Domschatz zu Halberstadt vorstellte. Diese vermeintlichen „Marienmäntelchen“ dienten als Schmuck von Heiligenfiguren und sind mit kostbarem Schmuck versehen. Die hier aufgenähten Metallapplikationen und weitere mutmaßliche Votivgaben sind im Hinblick auf ihre Provenienz und Funktion noch ungeklärt.

HANS-GEORG STEPHAN (Halle) präsentierte erste Ergebnisse zu aktuellen Grabungen in Wittenberg und versuchte, diese für die Frömmigkeitsgeschichte zum Sprechen zu bringen. Im Fokus seiner Untersuchungen standen Fragmente von Kachelöfen aus dem Augustiner-Eremiten-Kloster, dem Schloss, dem Rathaus und verschiedenen Bürgerhäusern. Er rekonstruierte die Motive, zu denen in den Bürgerhäusern vor allem die Darstellungen von beliebten Heiligen (Katharina, Dorothea, Margarethe) gehörten. Hingegen zeigen die Kacheln, die im Schloss gefunden wurden, eher profane Motive. Weitere Forschungen müssen klären, ob es womöglich sogar einen „Boom“ der Heiligenkacheln in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gab.

Die Leipziger Tagung führte die Vielfalt und die große Menge an Sachzeugnissen und schriftlichen Quellen zur Frömmigkeit am Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit vor Augen. Als besonders aufschlussreich erwiesen sich Quellengruppen wie Rechnungsbücher, Testamente, liturgische Texte und Prozessionsordnungen, deren Erschließung und Erforschung für Fragen der Frömmigkeitsgeschichte zumeist noch ganz am Anfang stehen. Die Tagung schärfte den Blick für zahlreiche alte und neue Themenbereiche, deren Untersuchung zu einem besseren Verständnis der vorreformatorischen Verhältnisse in Mitteldeutschland beizutragen vermögen.

Die Tagungsergebnisse werden in die geplante, eingangs erwähnte Ausstellung einfließen. Der Tagungsband wird in den „Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde“ erscheinen.

Konferenzübersicht:

Eröffnung und Grußworte

Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Volker Rodekamp, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig

Claus-Peter Hasse, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am

Kulturhistorischen Museum Magdeburg

Thomas T. Müller, Direktor der Mühlhäuser Museen

Einführung in das Tagungsthema

Enno Bünz (Leipzig)/Hartmut Kühne (Berlin)

Sektion „Fürsten – Grafen – Adel“

Johannes Mötsch (Meiningen): Frömmigkeitswandel in den letzten drei Generationen der Grafen von Henneberg

Christoph Volkmar (Wernigerode): Mächtig fromm? Entwürfe adliger Religiosität um 1500

Thomas Lang (Leipzig): „1 gulden 3 groschen aufs Heyltum geopfert“. Fürstliche Rechnungen als Quellen zur Frömmigkeitsgeschichte um 1500

Armin Kohnle (Leipzig): Wandel adliger Frömmigkeitspraxis in der Reformationszeit. Das Beispiel der Wettiner

Sektion „Städtische Frömmigkeit I“

Christian Speer (Dessau): Mitteldeutsche Stadtbücher als Quellen der Frömmigkeitsgeschichte um 1500

Katja Pürschel (Halle): Die Kirchenausstattung der Stadtpfarrkirche von Kemberg

Martin Sladeczek (Jena): Kirchenfabriken und Frömmigkeit: Die Arnstädter Pfarrkirchen um 1500

Antje J. Gornig (Leipzig): Die Rechnungen der Wittenberger Bruderschaften als Quellen zur vorreformatorischen Frömmigkeitsgeschichte

Eröffnung der Ausstellung „Eine Buchstadt entsteht. Leipzigs Bücherwesen um 1500“

Festvortrag: Gerd Brinkhus (Tübingen): Faszination Wiegendruck. Von Ausstattung, Käufern, (Rand-)notizen und Fragmenten

Sektion „Städtische Frömmigkeit II“

Ingrid Würth (Halle): Spätmittelalterliche Ketzerbewegungen in Thüringen: Das Beispiel der Geißlersekte bis 1493

Julia Sobotta (Stuttgart/Marburg): Ein bürgerliches Ablassverzeichnis aus Zwickau

Henning Steinführer (Braunschweig): Braunschweiger Bürgertestamente als Quellen zur Frömmigkeitsgeschichte um 1500

Sektion „Kloster und Stift“

Christian Popp (Göttingen): Totengedenken im spätmittelalterlichen Kanonissenstift. Das Gandersheimer Jüngere Necrolog

Jörg Voigt (Stade): Das franziskanische Terminierwesen und das Terminierbuch der Zwickauer Franziskaner

Thomas Labusiak (Halberstadt): Frömmigkeitspraxis am Halberstädter Dom um 1500

Matthias Ludwig (Naumburg): Quellen zur Frömmigkeitspraxis um 1500 aus Naumburg

Markus Cottin (Merseburg): Quellen zur Frömmigkeitspraxis um 1500 aus Merseburg

Sektion „Ablass, Wallfahrt, Wunder“

Jan Hrdina (Prag): Päpstliche Ablässe in Mitteldeutschland um 1500. Eine Forschungsperspektive aufgrund der Quellen des Vatikanischen Archivs

Hartmut Kühne (Berlin): Raimund Peraudi und der Türkenkreuzzugsablass in Deutschland: Zwei unbekannte Drucke

Carina Brumme (Berlin): Pilgerzeichen als Indikatoren der Entwicklung des spätmittelalterlichen Wallfahrtswesens in Mitteldeutschland

Stefanie Funck (Marburg): „Daz grost wunderwerck, daz ich all mein dag gesehen hab“ – Die Kreuzeserscheinungen der Jahre 1500 bis 1503

Abendvortrag

Volker Honemann (Berlin): Geistliche Schauspiele in mitteldeutschen Städten um 1500

Sektion „Vermittlungsformen und Normen der Frömmigkeit“

Heiner Lück (Halle): Rechtspraxis, Kirche und Religion um 1500

Andreas Odenthal (Tübingen): Altgläubig oder lutherisch? Veränderungen des Gottesdienstes im Zeitalter der Konfessionalisierung

Johannes Tripps (Leipzig): Die Pracht der Inszenierung: Grabmäler in Mitteldeutschland

Hans Fuhrmann (Halle): Inschriften als Quellen zur Frömmigkeitsgeschichte um 1500

Barbara Pregla (Halle): Die Marienmäntelchen des Halberstädter Domschatzes als Quellen zur Frömmigkeitsgeschichte im Spätmittelalter

Hans-Georg Stephan (Halle): Heiligenbilder auf Wittenberger Kacheln um 1500

Schlusswort

Enno Bünz (Leipzig)

Zitation
Tagungsbericht: Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation in Mitteldeutschland, 19.04.2012 – 21.04.2012 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 30.07.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4327>.