Towards a Conceptual History of Central and Eastern Europe in Comparative Perspectives

Ort
Temeswar
Veranstalter
Lehrstuhl für Geschichte, West-Universität Temeswar; Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Datum
25.04.2012 - 27.04.2012
Von
Valeska Bopp-Filimonov, Aachen / Bonn

Es war die zweite große Konferenz im Rahmen des von der VolkswagenStiftung geförderten Drittmittelprojektes „Begriffsgeschichte als Dekonstruktion gesellschaftlicher und politischer Kommunikation in Rumänien“. Idee des Projektes ist es, die begriffsgeschichtliche Forschungsperspektive in Südosteuropa zu erproben – einer ethnisch und sprachlich heterogenen Region, deren Geschichtsschreibung zuletzt unter kommunistischer Ägide ideologisch verkrustete und die sich auch seit den 1990er-Jahren erst zögerlich von chronologisch-positivistischen Betrachtungsweisen löst.[1]

Für jeden Historiker sind die Besonderheiten der Region eine methodische Herausforderung, zumal Kosellecks „Geschichtliche-Grundbegriffe“ sich auf einen sprachlich homogenen Raum konzentrieren und wenig Anleitung für mehrsprachige und multikulturelle Länder geben. Doch HANS ERICH BÖDEKER (Göttingen) sprach sich in seiner eröffnenden Keynote Speech explizit für die Notwendigkeit des Vergleichs und der Verflechtung – von cross, criss-cross, intercrossing und intermixing between cultures – aus. Ein Vergleich der „Grundbegriffe“ sei möglich und bedürfe keiner Metasprache, wie Koselleck meinte, weil jeder Sprechakt die Deutung des Gemeinten, also die Übersetzung in die „eigene Sprache“ zur Voraussetzung habe. Die Kunst bestehe darin, die eigene Position und den gesetzten Referenzrahmen ausreichend zu reflektieren und damit Distanz herzustellen.

Während der 23 Vorträge umfassenden Konferenz, unterteilt in sieben Panels, stellten sich die Vortragenden dem Vergleich auf unterschiedlichen Ebenen. Eine Perspektive war der vergleichende Blick auf Rumänien und Westeuropa: So untersuchte ARMIN HEINEN (Aachen) den Zeitbegriff in Westeuropa und den Umgang mit der Zeit in Rumänien. Die Kirche, das war ein Ergebnis seiner Ausführungen, fungierte in beiden Kulturkreisen in ganz unterschiedlicher Weise als Wächterin über die Zeit. Denn während im Westen die Uhr als Schiedsrichterin zwischen den Zeitanforderungen konkurrierender sozialer Gruppen diente, sei sie im rumänischen Raum zum Instrument staatlich kontrollierter Zeitpolitik geworden.

Eine andere Perspektive richtete den Blick auf den Vergleich in Südosteuropa. CONSTANTIN IORDACHI (Budapest) präsentierte eine groß angelegte Studie zu sechs Ländern und den dort zu findenden Staatsbürgerkonzepten. Dabei zeigte sich, dass die bisherigen kulturgeographischen Deutungen eher die stereotypen Wahrnehmungen westlicher Forscher widerspiegeln als der komplexen rechtlichen Realität zu entsprechen. Zu statisch seien die bisherigen Typologien zu Staats- und Nationsbildung. So erweise sich auch die Differenzierung zwischen civic und cultural citizenship als wenig hilfreich. Stattdessen müsse historical agency genauer in den Blick genommen und institutionelle Kreativität in der Aneignung von Regelwerken viel stärker als bisher berücksichtigt werden. Während man Iordachis Ansatz als funktionale Herangehensweise bezeichnen könnte, verwies DIETMAR MÜLLERs (Jena) Vergleich der Staatsbürgerschaftsdiskurse in Rumänien und Serbien auf die dahinterliegenden Vorstellungen von Nähe und Ferne, Vertrauen und Argwohn. In der Ausweitung sozialer Bezüge während der Modernisierung kam ja tatsächlich beides zusammen, funktionale Erfordernisse und überlieferte Gemeinschaftskonzepte, welche einer permanenten Neuinterpretation bedurften.

Implizit ergaben sich komparative Erkenntnisse durch zwei Präsentationen zur Begriffsgeschichte in Russland: VERA DUBINA (Moskau) präsentierte die eher starre Aneignung der Methode durch das Übersetzungsprojekt des Lexikons der Geschichtlichen Grundbegriffe ins Russische. GALINA ZVEREVA (Moskau) zeigte, wie der Begriff Zivilisation in Russland verwendet wird, um unterschiedliche Ethnien zu integrieren. Der Verweis auf die „humane“ russische Zivilisation diene als Basis einer geographisch gedachten Zivilisation, die als slawisch den eigenen Wert gegenüber der europäischen Zivilisation betonen möchte, aber auch als ein Ersatz für das innerhalb der Föderation nicht funktionierende und politisch nicht gewollte Nationskonzept diene.

Theoretisch anregend war auch die Präsentation komparativer Untersuchungen zu anderen Sprachkreisen: So schilderte JAVIER FERNANDÉZ-SEBASTIÁN (Bilbao) im Anschluss an Koselleck den fundamentalen Sprachwandel vor allem in den spanischen und lateinamerikanischen Ländern nach der Ära der „atlantischen Revolutionen“. Die Machbarkeit der Welt, der im heutigen Sinne konstruktivistische Zugang zum Leben, sei als wesentlicher Bruch zu der Zeit vor der Revolution zu verstehen. MARCEL CORNIȘ-POPE (Richmond) warb für die Konzepte der Inter- und vor allem Hypertextualität und stellte eigene Projekte aus dem Bereich der vergleichenden Literaturgeschichte vor, in denen sich ständig die Frage nach der Übertragbarkeit von sprachlichen und kulturellen Traditionen, Motiven und letztlich auch Begriffen stellt.

Mehrere Vorträge untersuchten die Traditionslinien regionaler Mehrsprachigkeiten und ihre Bedeutung für die Gegenwart (GROZDANKA GOJKOV, Belgrad; VICTOR NEUMANN, Temeswar; ANDREI CUSCO, Chișinau; GERHARD-DIETER SEEWANN, Pécs). Kulturelle Kompetenz, so ein Ergebnis der Überlegungen, lässt sich in der Gegenwart nur noch begrenzt durch Vielsprachigkeit sicherstellen, weil die sozialen Netzwerke immer größer werden und den regionalen Raum überschreiten. Und auch das Englische als Verkehrssprache kann kulturelle Kompetenz nicht ersetzen. Insofern bedürfe es neuer, komplexer Ansätze, wie eben beispielsweise der vergleichenden Begriffsgeschichte, um Handlungsfähigkeit herzustellen, so Victor Neumann.

Als weitere Themengebiete wurden angesprochen und diskutiert: Das Konzept der Sattelzeiten (ZOLTÁN GÁBOR SZÜCS, Budapest, MAGNUS ILMJÄRV, Tallin), die Lokalisierung bildlicher Konzepte (MIHAELA VLĂSCEANU, Temeswar), die Rezeption der Holocaustdebatte (FELICIA WALDMANN und MIHAI CHIOVEANU, Bukarest), der konzeptionelle Wandel des Nationsbegriffs von 1840 bis 1944 (SORIN ANTOHI, Bukarest), mit dem selben Fokus die sich ändernde Vorstellung des „moderating government“ (AURELIAN CRĂIUȚU, Bloomington), während MICHAEL METZELTIN (Wien) am Beispiel des Begriffes „Verfassung“ der Frage nachging, wie Sachverhalte, für die es zunächst keine Wörter gab, zu Begriffen wurden und sich dabei permanent die Textrelation geändert habe: Gab es im Mittelalter viele Wörter, wurde „Verfassung“ in der Moderne als Gemeinschaftlichkeit und Regelung proklamierender singulärer Text verstanden, so meint der Begriff heute im Kontext der EU hypertextartig beschriebene Verfasstheit.

Auffallend war, dass die Referenten aus Süd- und Osteuropa vor allem Identitätsfragen thematisierten, während die Vortragenden aus Westeuropa sich vorrangig mit Problemen der sozialen Modernisierung auseinandersetzen (vgl. die Gesamtübersicht der Vorträge in der Konferenzübersicht unten; auf Grund der großen Zahl konnten nicht alle Vorträge resümiert werden). Daran ist ersichtlich, dass die Begriffsgeschichte in Südosteuropa mit einem normativen Anspruch auftritt, der vor allem damit zu tun hat, dass die aktuelle politische Sprache noch mit der hölzernen Sprache sozialistischer Jahre assoziiert und als Problem wahrgenommen wird. Ideologische Sprach- und Denkstrukturen (antisemitisch, chauvinistisch, nationalistisch) erschrecken die Forscher und motivieren dazu, den begriffsgeschichtlichen Zugriff als Instrument und Werkzeug auszutesten, um gegenwärtige politische Diskurse zu dechiffrieren.

Im Abschlusskommentar bemerkte MARTIN BURKE (New York), dass aus seiner Sicht noch eine Konzeptualisierung der Begriffe Central- and Eastern Europe angebracht sei. Darüber hinaus regte er an, noch interdisziplinärer zu arbeiten, um den Gegenständen näher zu kommen, sich auch mit bereits vergleichend arbeitenden Kollegen noch intensiver auszutauschen. Hans Erich Bödeker vermisste Begriffe wie „Differenz“ und diversity, wohingegen Victor Neumann den Standpunkt verteidigte, dass gerade sprachlich(-ideologische) Barrieren ein Problem politischer und ethnischer Konflikte seien und es daher gelte, das Gemeinsame herauszuarbeiten. Insgesamt zeigte die Abschlussdebatte, dass man es sich vermutlich einfacher macht, die Historische Semantik breiter angelegt zu lassen und individuelle Themen- und Methodenzuschnitte zu wählen. Schon Kosellecks Großprojekt Geschichtliche Grundbegriffe geriet in seinem Bemühen um Einheitlichkeit in Schwierigkeiten und weist eine gewisse Statik auf. Auf zukünftige Aneignungen und die Weiterreise der Begriff(sgeschicht)e darf man gespannt bleiben.[2]

Konferenzübersicht:

Opening of the conference

Welcoming Addresses:
Marilen Pirtea (Timişoara)

Introductory Remarks:
Victor Neumann (Timisoara): Reinhart Koselleck and the Timişoara’s School of Conceptual History

Introductory Lecture:
Marcel Cornis-Pope (Richmond): Theoretical and Methodological Challenges in Writing Intercultural Literary History: Reflections on Two Recent International Projects

Keynote Speech & Debate

Hans-Erich Bödeker (Göttingen): The Circulation of Concepts: Reasons, Modes, Consequences

1st Panel

Javier Fernández-Sebastián (Bilbao): Conceptual Change in an Age of Revolutions. Entering a New Regime of Conceptuality

Zoltán Gábor Szücs (Budapest): Two ’Sattelzeiten’ of the Hungarian Political Thought

Magnus Ilmjärv (Tallinn): Collective Memory in the Post-Soviet Estonia

Keynote Speech & Debate

Armin Heinen (Aachen): The Historicity of Time. Path-Dependence of Time Concepts in Western Europe and Romania

2nd Panel

Mihaela Vlăsceanu (Timişoara): The Concepts of Time and Space Reflected by the Baroque Art from Banat

Vera Dubina (Moscow): Lost in Translation: History of Concept in Russia and on Russian History

Moderator: Ovidiu Pecican (Cluj)

3rd Panel

Felicia Waldman (Bucharest): Conceptualizing the Holocaust in Romanian and Other East and Central European Public Policies

Mihai Chioveanu (Bucharest): Into the Danger Zone. The Tapestry and Sophistry of Cleansing Nation Statism in Interwar Romania.

Moderator: Gerhard-Dieter Seewann (Pécs)

4th Panel

Grozdanka Gojkov (Belgrade): European Identity and Cross-Cultural Sensitivity

Miodrag Maticki (Belgrade): The Idea of Illyrism in a Literary-historical Context

Gerhard-Dieter Seewann (Pécs): Problems of Minority Historiography

Moderator: Marcel Cornis-Pope (Richmond)

Keynote Speech & Debate

Victor Neumann (Temeswar): Multi- and Interculturality – Key Concepts Defining East-Central Europe. The Cases of Banat and Transylvania as Border Regions

5th Panel

Galina Zvereva (Moscow): “Civilization” as a Tool of Shaping the Nation State: a Comparative Analysis of Public Discourse Practices in Russia and Ukraine in the 2000s

Sorin Antohi (Bucharest): The Concept of Nation in Central and Eastern Europe from National Palingenesis to Ethnic Ontology (1840s–1940s)

Andrei Cusco (Chişinău): The ‘Language of the Nation’ in Early 20th-Century Bessarabia: Defining an Elusive Concept in a Contested Borderland

Moderator: Martin Burke (New York City)

6th Panel

Constantin Iordachi (Budapest): The Political Language of Citizenship in Post-Ottoman Balkans

Dietmar Müller (Jena): Citizenship in Southeastern Europe. Orientalism and Ethnonationalism vs. the Political Nation

6th Panel

Aurelian Crăiuţu (Bloomington): Moderation and Liberalism: a Historical Perspective

Michael Metzeltin (Vienna): Thoughts on the Formation of the Concept ‘Constitution’

Valeska Bopp-Filimonov (Aachen): Semantics of the Socialist Past in Romania and the GDR. Different Approaches in Dialogue

Moderator: Martin Burke (New York City)

Abschlusskommentar: Martin Burke, Hans Erich Bödeker, Victor Neumann

Anmerkungen:
[1] Vgl. die Gesamtdarstellung des Projektes auf der Homepage der RWTH Aachen: <http://www.histinst.rwth-aachen.de/aw/cms/HISTINST/Zielgruppen/neuzeit/projekte/~vok/begriffsgeschichte/?lang=de> (30.07.2012).
[2] Bezugnehmend auf das Zitat von Hans Erich Bödeker: „Concepts don‘t travel, they are travelled“ in der ersten Keynote Speech.

Zitation
Tagungsbericht: Towards a Conceptual History of Central and Eastern Europe in Comparative Perspectives, 25.04.2012 – 27.04.2012 Temeswar, in: H-Soz-Kult, 01.09.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4356>.
Redaktion
Veröffentlicht am
01.09.2012
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