HT 2004: Raum und Finanzen der Stadt am Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit

Ort
Kiel
Veranstalter
Gerhard Fouquet (Kiel), Hans-Jörg Gilomen (Zürich)
Datum
17.09.2004
Von
Harm von Seggern, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Am Fr., 17. Sept., 2004, dem letzten Tag des Historikertages, fand unter der Leitung von Prof. Dr. Gerhard Fouquet (Kiel), der auch die Organisation des Historikertages in Händen hatte, und von Prof. Dr. Hans-Jörg Gilomen (Zürich) eine Sektion statt, die sich dem Problemkreis der Stadtwirtschaft und den Stadtfinanzen im 15. und 16. Jahrhundert widmete. Ganz bewusst wurde dabei die traditionelle, Spätmittelalter und frühe Neuzeit voneinander trennende Grenze um das Jahr 1500 übersprungen, da diese in sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Hinsicht keine Rolle spielte. Obwohl die Erforschung der Stadtfinanzen bereits seit dem 19. Jahrhundert einen wichtigen Bereich der Stadtforschung ausmacht, wurden viele Fragen, die sich aus den Leitdimensionen Raum und Kommunikation ergeben, bisher noch nicht untersucht. Neben einem überblickenden Referat wurden in vier exemplarisch ausgerichteten Untersuchungen der Blick auf Bern, die Eidgenössischen Städte, Nürnberg und Leiden gerichtet.

Nach der Eröffnung der Sektion durch Gerhard Fouquet gab als erstes Hans-Jörg Gilomen einen umfassenden Forschungsüberblick der auswärtigen Rentenbeziehungen einer ganzen Reihe von nord- und süddeutschen sowie schweizerischen Städten. Im Einzelnen wurden anschließend die Determinanten für die Aufnahme von Krediten bei stadtfremden Gläubigern untersucht. In Bern, aber auch in Schweinfurt u.a., weigerten sich die einheimischen Bürger der eigenen Stadt Geld zu leihen, da die Stadt als notorisch säumige Schuldnerin bekannt war, während andere Städte wie Basel und Nürnberg hingegen bei eigenen Bürgern um Kredit nachsuchten und höchstens im Ausnahmefall eines Krieges sich gezwungen sahen, auf fremden Kapitalmärkten Gelder aufzunehmen. Bei den z.T. weit reichenden überörtlichen Rentenbeziehungen lassen sich, so das Hauptergebnis, gewisse Muster erkennen, die einer eingehenden Interpretation bedürfen und nicht einfach das wirtschaftliche und politische Interessensgebiet wiedergeben. Insbesondere Frankfurt, Speyer, Straßburg und für den eidgenössischen Raum Basel waren als Zentren des Geldhandels von Bedeutung.

Ganz auf die Stadt Bern ausgerichtet waren die Ausführungen von Niklaus Bartlome (Bern). Bezug nehmend auf die von Martin Körner initiierte Forschungsrichtung unternahm er eine im Rahmen des Vortrags problematisierte finanzwissenschaftlich ausgerichtete Auswertung der Berner Stadtrechnungen. Den Strukturwandel der Bernischen Herrschaft konnte er durch einen Vergleich der Rechnungsjahre 1437 und 1568/70 verdeutlichen. Im Laufe dieser ca. 130 Jahre kam es zu einer bedeutenden territorialen Ausweitung des städtischen Umlandes, das auch in herrschaftlicher Hinsicht von der Stadt durchdrungen werden konnte, indem nichtstädtische Herrschaftsträger ausgeschaltet oder mediatisiert wurden. Ein wichtiger Umstand bildete dabei die Reformation, in deren Gefolge die bis dahin bestehenden Klöster, Stifte und andere kirchliche Gemeinschaften eingezogen werden konnten. Im 16. Jahrhundert lebte die Stadt zu einem Großteil von den Einnahmen aus dem Umland, die aus Zehnten, Grundzinsen und der landwirtschaftlichen Produktion aufkamen, während im 15. Jahrhundert vornehmlich innerstädtische indirekte Steuern und Gebühren zur Finanzierung dienten.

Dr. Oliver Landolt (Schwyz) legte in seinem Beitrag dar, dass und wie es anlässlich der Einführung des so genannten Wochenpfennigs, einer direkten Steuer, in vielen oberdeutschen und eidgenössischen Städten zu einem Informationsaustausch kam. Die Frage ist von besonderer Bedeutung, denn diese Kopfsteuer wurde um die Mitte des 15. Jahrhunderts in relativ kurzer Zeit in zahlreichen Städten erhoben, vor allem um die Finanznöte zu beheben, die wegen des Armagnakeneinfalls 1443/44 und des Alten Zürichkriegs 1449/50, entstanden waren. Im süddeutschen Raum fand diese Art der Kopfsteuer vor allem im Reichskrieg gegen den Herzog von Burgund 1474/75 Anwendung. Da die Einführung neuer Steuern oft mit einer Erhebung der Stadtgemeinde gegen den Rat beantwortet wurde, sicherten sich die Städte bei anderen Kommunen ab und erkundigten sich nach den Modalitäten der Einziehung. Innerhalb der Gemeinde konnte auf Grund dieser eingeholten Informationen ein Konsens hergestellt werden und der Wochenpfennig für eine bestimmte Zeit auferlegt werden.

Eine nähere Untersuchung der Gläubiger der großen Reichsstadt Nürnberg stellte PD Dr. Bernd Fuhrmann (Siegen) vor, der das Ewiggeldbuch des Nürnberger Rats auswertete, in welchem die als Ewigrenten aufgenommenen Kredite über die Jahre 1426-1467 verzeichnet sind; andere Kredite sind in anderen, nicht überlieferten Büchern erfasst worden, so dass über den gesamten Kreditbedarf der Stadt keine allgemeine Aussagen gemacht werden können, zumal selbst in den Stadtrechnungen noch weitere Ewiggelder erwähnt werden. Als Tendenz lässt sich erkennen, dass die Großgläubiger nicht in Nürnberg wohnten, sondern in weiter entfernten Städten, während die eigenen Bürger nur geringe Beträge bei ihrem Rat anlegten. Selbst Niederadlige und geistliche Institutionen, vertreten durch ihre Pfleger, traten als Kreditgeber auf. Ein wichtiges Motiv für die Geldanlage spielte die Versorgung von hinterbliebenen Ehefrauen und Kindern, für die die Ehemänner bzw. Väter noch bei Lebzeiten Vorsorge trafen, wobei dieses Phänomen nicht nur bei Kaufleutefamilien, sondern auch bei Handwerkern anzutreffen ist. Eine sozialgeschichtliche Auswertung ist jedoch schwierig, da nur selten nähere Angaben zu den Namen zu finden sind.

Ebenfalls eine Quelle in den Mittelpunkt der Untersuchung rückte Dr. Harm von Seggern (Kiel), der ein von der Stadt Leiden anlässlich der Belagerung von Neuss durch den Herzog von Burgund geführtes "Register der Hauptleute und Reitergesellen" in den historischen Kontext stellte und inhaltlich auswertete. Die Stadt Leiden hatte wie andere niederländische Städte dem Landesherrn ein Kontingent für dessen Feldzug gegen die kurkölnischen Landstände zu stellen, jedoch kam die Stadt diesem Begehren nur äußerst zögerlich nach und die Truppen verließen sofort das Feldlager, als die Stadt die Bezahlung einstellte. Zwischen der Stadt und den im Feld liegenden Verband gab es eine stete Korrespondenz, die um die Frage der Bezahlung kreiste. Von größerem militärischem Wert war der Verband höchstwahrscheinlich nicht, er verließ das Lager vor Neuss im Febr./März 1475, als die Reichstruppen erst heranzogen. Zahlreiche Ähnlichkeiten konnte mit dem distanzierten Verhalten anderer Städte bei ähnlichen Ereignissen festgestellt werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich in den mitunter als spröde verschrienen Finanzquellen zahlreiche Hinweise finden lassen, die im Zusammenhang mit der Raumüberwindung und Fragen der Kommunikation im weiteren Sinne stehen. Dieses bedeutet, dass die Städte im Spätmittelalter keineswegs als geschlossene Einheiten verstanden werden dürfen, sondern stets in ihrem wirtschaftlichen und politischen Umfeld gesehen werden sollten. Überdies wurde deutlich, dass die Kommunikation bzw. genauer der Informationsaustausch zwischen den Städten wesentlich besser funktioniert hat als bisweilen in der Forschung angenommen wurde.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2004: Raum und Finanzen der Stadt am Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit, 17.09.2004 Kiel, in: H-Soz-Kult, 22.10.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-450>.
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Veröffentlicht am
22.10.2004
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