HT 2004: Freiräume – Freizeitgestaltung in Europa in der Frühen Neuzeit

Ort
Kiel
Veranstalter
Ute Lotz-Heumann, Ulrich Rosseaux
Datum
17.09.2004 - 17.09.2004
Von
Christian Hochmuth, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden,

Ute Lotz-Heumann (Berlin) und Ulrich Rosseaux (Dresden) hatten sich für die von ihnen geleitete Sektion hohe Ziele gesteckt. Zum einen sollte mit der Frage nach der Freizeitgestaltung ein von der Frühneuzeitforschung bisher nur am Rande behandeltes Thema näher untersucht werden. Zugleich war es das Ziel, den Begriff der ‚Freizeit' zu problematisieren und durch eine räumliche Dimension methodisch zu erweitern. Hier liegt auch der Anschluss an das Rahmenthema des Historikertages ‚Kommunikation und Raum'.

In einer von den beiden Sektionsleitern ausgearbeiteten Einführung stellte Ute Lotz-Heumann die zentralen Fragestellungen vor. Als grundlegendes Problem erweist sich, dass der Ausgestaltung der Freizeit bisher nur wenig Aufmerksamkeit von Seiten der Frühneuzeitforschung gewidmet wurde. Bis auf die Veröffentlichungen von Paul Münch [1] und Wolfgang Reinhard [2] liegen kaum neuere Arbeiten zu diesem Themenbereich vor, während zu den Bedingungen und Ausgestaltungen von Arbeit in der frühneuzeitlichen Gesellschaft zahlreiche Studien entstanden sind. In der Folge Paul Münchs wies Lotz-Heumann darauf hin, dass auch die Erforschung der Freizeit notwendig sei, um zu einem umfassenderen Verständnis frühneuzeitlicher Lebenswelt zu gelangen. Allerdings zeige sich in diesem Kontext die Schwierigkeit, dass in der Frühen Neuzeit eine strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit nicht auszumachen sei. Der Begriff der Freizeit berge also die Gefahr des Anachronismus in sich, bezeichne Freizeit doch Phänomene der Moderne und sei vor allem mit Vorstellungen der Individualisierung verbunden. Auf dieser Grundlage, so fasste Lotz-Heumann zusammen, etablierte sich in der Forschung das Konzept einer Dichotomie zwischen einer kollektiv gelebten und überwiegend religiös determinierten frühneuzeitlichen Festkultur auf der einen und einer individualisierten sowie säkularisierten Freizeitkultur der späten Neuzeit auf der anderen Seite.

Unter dem Begriff des Freiraums führten die beiden Sektionsleiter nun ein Konzept ein, das Abstand nimmt von dem temporalen Bezug, der dem Begriff der Freizeit inhärent ist und statt dessen die räumliche Komponente mit in den Blick nimmt, um auf diese Weise die problematische moderne Dimension des Freizeitbegriffs zu vermeiden. Damit rücken die Orte der Freizeitgestaltung in den Mittelpunkt der Untersuchung: so z.B. das (Privat-)Haus, öffentliche Räume, Konzertsäle und Theater oder Gärten und Berge - ebenso wie die sozialen und diskursiven Praktiken, die in diesen Freiräume stattfinden. Trotz allem solle die zeitliche Dimension der Freiraumgestaltung nicht unberücksichtigt bleiben, sondern gemeinsam mit den genannten räumlichen Aspekten untersucht werden.

Mit dieser inhaltlichen und methodischen Einführung lösten Lotz-Heumann und Rosseaux eine sehr rege und facettenreiche Diskussion aus. Dabei wurde überwiegend die Einschätzung geteilt, dass es problematisch ist, den modernen Freizeitbegriff auf die Frühe Neuzeit anzuwenden. Auch die Notwendigkeit weiterführender Forschung zu diesem Themenfeld ist allgemein anerkannt worden. Allerdings wurde kritisch gefragt, ob denn mit der konzeptionellen Erweiterung um die räumliche Kategorie die Probleme, die der Freizeitbegriff aufwirft, gelöst werden können. Zwar sei damit die zeitliche Ebene, die eine strikte Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit impliziere, entschärft, zugleich sei es aber gerade das Zeitregime, das die frühneuzeitliche von der modernen Gesellschaft unterscheide. Eine Beschäftigung mit den unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen von ‚Zeit' könne zudem zu spannenden und fruchtbaren Forschungsergebnissen und zu wichtigen Antworten auf spezifisch frühneuzeitliche Denksysteme führen, die unter der vorgeschlagenen räumlichen Perspektive vernachlässigt würden. Ebenso könnten sprachgeschichtliche Studien aufschlussreich sein, die sich der Frage widmen, wie denn die Zeitgenossen selbst ihre Freizeit bezeichneten.

Ein weiterer Kritikpunkt wandte sich gegen die freiheitliche Konnotation des Freiraumbegriffs. Sie sei irreführend, da die Frühe Neuzeit gerade von einer starken Regulierung im Arbeits- wie im Freizeitleben geprägt war und somit auch die Freizeit nicht von obrigkeitlichen Eingriffen und Normierungen ‚frei' war. Man könnte demnach argumentieren, dass weniger die Erweiterung um den räumlichen Aspekt als vielmehr die Vorstellung problematisch sei, die Menschen der Frühen Neuzeit konnten ohne Einwirkung von Herrschaft über die Gestaltung ihrer Freiräume verfügen.

Gunther Hirschfelder (Bonn) schloss mit einem inhaltlichen und konzeptionellen Vortrag an die Einführung an. In seinem Vortrag "Zwischen Event, Ritual und Brauch. Frühneuzeitliche Freizeitkultur im Spiegel tradierter Festtermine des Jahreslaufs" unterstrich er die Bedeutung, die Festtermine für die gesamte Gesellschaft wie auch für die Individuen in der Frühen Neuzeit besaßen. Diese Termine waren dadurch gekennzeichnet, dass sie allgemein anerkannt sowie genau festgelegt waren und eine Form der (Jahres-)Zeitordnung darstellten. Bei ihrer allgemeinen Gültigkeit waren diese Festtage aber dennoch von einem heterogenen und multifunktionalen Charakter geprägt. Hirschfelder hob im Rahmen seiner Fallstudie zu den Johannisfeuer- und den Fronleichnamsfeiern hervor, dass gesellschaftlich einflussreiche Gruppen stets bemüht waren, sie in ihrem Sinne zu lenken oder zu initiieren. In dieser Hinsicht waren die individuellen Handlungsspielräume also durchaus begrenzt und auch die Nichtbefolgung der - formell wie informell ausgeprägten - Normen wurde in den meisten Fällen sanktioniert. Methodisch plädierte Hirschfelder dafür, den in der Volkskunde bereits seit den 1980er Jahren wieder häufiger verwendeten Begriff des ‚Brauchs' auch für die Geschichtswissenschaft fruchtbar zu machen. Besonders gewinnbringend könne er im Zusammenhang mit dem Ritualbegriff verwendet werden sowie im Kontrast mit dem bisher ausschließlich für moderne Phänomene verwendeten Begriff des ‚Events'. Zur Diskussion um das Konzept des Freiraums trug Hirschfelder eher indirekt bei, indem er sich konkret mit Praktiken der Freiraumgestaltung auseinandersetzte und somit den Stadtraum, in dem diese Praktiken zur Anwendung gelangen, mit Leben füllte. Hirschfelder vernachlässigte auch nicht die zeitliche Komponente, weil er ausführlich auf die Funktionen einging, die Festtermine für das frühneuzeitliche Zeitregime übernahmen.

In seinem Vortrag "Der Sonntag" setzte sich Michael Maurer (Jena) mit der Wirkungsgeschichte dieses Tags auseinander und thematisierte vor allem die Konflikte und Debatten, die sich um dessen Gestaltung ergaben. Anhand eines kirchenrechtlichen und -geschichtlichen Überblicks wurde die besondere Stellung des Sonntags deutlich, der, wie Maurer hervorhob, als eine Kulturleistung des Menschen zu verstehen sei, lasse er sich doch nicht auf natürliche, etwa astronomische, Gegebenheiten zurückführen, wie dies beim Jahres- bzw. Monatsrhythmus der Fall ist. Umso intensiver wurden die Debatten um den Sonntag geführt. Gerade Kirchenordnungen dienten hier als aussagekräftige Quellen, aus denen die normativen Vorstellungen der Kirchen ersichtlich wurden. So gab es detaillierte Vorschriften, welche Arten der Arbeit am Sonntag gestattet und wie die Öffnungszeiten von Märkten und vor allem von Gasthäusern einzuschränken waren, damit der Gottesdienstbesuch ermöglicht würde - ein Anzeichen dafür, wie sehr die Auseinandersetzungen um den Sonntag auf die Brennpunkte des sozialen Lebens in der Frühen Neuzeit abzielten. In einem nächsten Schritt diskutierte Maurer die besondere Rolle des Sonntags im vormodernen England (Sabbatarianism), die in den Berichten von deutschen Englandreisenden sehr häufig thematisiert wurde, und eröffnete damit eine europäische Dimension der Debatte um den Sonntag. In den deutschen Ländern bemühten sich schließlich Vertreter der Aufklärung darum, den Sonntag als eine anthropologische Konstante zu etablieren und leiteten damit eine Entwicklung ein, die sich im bürgerlichen Zeitalter noch verstärken sollte: die Zurückdrängung der religiösen Bedeutung des Sonntags, die sich darin zeigte, dass der Sonntag nur noch als Ruhetag galt, an dem es neben dem Kirchbesuch noch eine Reihe von anderen Gestaltungsmöglichkeiten gab, die als angemessen betrachtet wurden.

Maurer spannte einen ideengeschichtlichen Bogen von der kirchenrechtlichen Diskussion über die normativen Ausprägungen der Debatten um die angemessene, die ‚richtige' Nutzung des Sonntags. Eine Erörterung der Praktiken, die sich an diesen Freiraum anschlossen, unterließ er allerdings, ebenso blieben seine Ausführungen überwiegend auf die städtische Lebenswelt beschränkt. Es wurde auch nicht deutlich, inwieweit Maurer mit seinem Vortrag einen Beitrag zur konzeptionellen Diskussion um den Freiraum leisten kann, da seine Ausführungen der angestrebten räumlichen Erweiterung nicht bedurft hätten.

Ulrich Rosseaux (Dresden) beschäftigte sich in seinem Vortrag "Von der Korporation zur kommerziellen Unterhaltung. Zum Strukturwandel städtischer Freizeitpraktiken in der Frühen Neuzeit" mit dem enormen quantitativen wie qualitativen Aufschwung kommerzieller Unterhaltungsangebote während der Frühen Neuzeit. Dabei konzentrierte er sich vor allem auf die Entwicklung im städtischen Raum des 18. Jahrhunderts, wo sich diese Phänomene am deutlichsten finden lassen. Während für die Teilnahme an korporativen Freizeitpraktiken die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe, etwa die Zunftzugehörigkeit oder die Mitgliedschaft im Schützenverein, Voraussetzung war, basierten kommerzielle Unterhaltungsmöglichkeiten auf einer ökonomischen Beziehung zwischen Publikum und Anbieter. Die Ausschlussgrundlage lasse sich also auf einen pekuniären und nicht mehr auf einen sozialen Anlass zurückführen. Rosseaux wies in seiner Fallstudie zur Residenzstadt Dresden eindrücklich nach, wie enorm sich das Angebot an kommerzieller Unterhaltung im Laufe des 18. Jahrhunderst erweiterte und inhaltlich ausdifferenzierte. Von besonderer Bedeutung waren dabei solche öffentlichen Veranstaltungen, in denen Wissenschaft als Attraktion gezeigt wurde, etwa in Form von chemischen und physikalischen Experimenten oder von Automaten (Androiden). Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war das Angebot in Dresden so vielfältig, dass es in den Wintermonaten fast täglich die Möglichkeit zur kommerziellen Unterhaltung gab. Aufschlussreich ist auch das Verhalten der landesherrlichen Obrigkeit in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die den Unterhaltungsanbietern mehr und mehr freie Hand ließ und z.B. das Überschreiten von Ausstellungsdauern kaum ahndete. Demnach lasse sich grundsätzlich eine deutliche Veränderung der Freizeitpraktiken im Laufe des 18. Jahrhunderts konstatieren, und Rosseaux interpretierte den Übergang zur kommerziellen Unterhaltung als Motor wie als Indiz für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Um 1800 waren dabei die Grundmuster der Unterhaltungskultur des 19. sowie des frühen 20. Jahrhunderts bereits ausgeprägt.

Man darf bei dieser Entwicklung hin zur kommerziellen Unterhaltungskultur und dem Zugewinn an Möglichkeiten zur Freiraumgestaltung, die Rosseaux auf der Grundlage seiner umfassenden Quellenarbeit eindrücklich belegte, allerdings nicht vernachlässigen, dass diese mit sozialen Brüchen verbunden war. So gab es für Arme und Bedürftige im korporativen Rahmen wohl mehr Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, als dies im Rahmen der kommerziellen Unterhaltung auf pekuniärer Basis der Fall war. Diese Entwicklung bot hinsichtlich der Freiraumgestaltung folglich nicht allen sozialen Gruppen einen Zugewinn an Optionen und Wahlmöglichkeiten. Trotz solcher Einwände im Einzelnen wurde in Rosseaux' Vortrag deutlich, dass eine Abkehr von der vorrangigen Untersuchung der temporalen Strukturen der Freizeitgestaltung sich als sehr fruchtbar erweist, rücken hiermit doch die Freiraumpraktiken und der Wandel derselben in den Vordergrund.

Im abschließenden Vortrag widmete sich Ute Lotz-Heumann (Berlin) dem Thema "'Ergötzungen und gesellschaftliche Lustbarkeiten'. Der frühneuzeitliche Kurort als Freiraum?". Nach ihren Ausführungen zeichnete sich der moderne wie auch der frühneuzeitliche Kurort durch seine Multifunktionalität aus: Er war ein Ort der Geselligkeit und der Freizeit ebenso wie der Gesundheitspflege und -wiederherstellung. Dabei nahm die Bedeutung der Freizeitfunktion ebenso wie die soziale Ausdifferenzierung am Kurort im Laufe der Frühen Neuzeit kontinuierlich zu. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass Gemeinschaftsbäder durch Bäder ersetzt wurden, die nach sozialen Gruppen getrennt waren, und sich auch zwischen den Kurorten eine ständische Differenzierung etablierte. Im zeitgenössischen Kontext wurden Kurorte als Orte wahrgenommen, die vom Alltag entrückt waren und somit auch die Möglichkeit zur ausgelasseneren Unterhaltung (Tanz, Spiel etc.) boten - in diesem Sinne können Kurorte als Freiräume charakterisiert werden. Auf der anderen Seite diente der Aufenthalt an Kurorten dem Erlernen spezifisch adliger Umgangsformen; Etikette sowie adlige Distinktion stand im Vordergrund. Dies zerstörte den Charakter des Kurorts als Freiraum. Von daher muss die Frage, ob Kurorte als Freiräume zu betrachten sind, differenziert beantwortet werden. Lotz-Heumann ging auch ausführlich auf den räumlichen Aspekt der Unterhaltung an Kurorten ein. Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die räumliche Ausgestaltung von Kurorten und deren Anlage im städtisch-ländlichen Raum. So erforderte z.B. die zunehmende Bedeutung von Spaziergängen die Erschließung von Räumen, da die Anlage beschatteter Alleen eine Grundvoraussetzung von Kurorten wurde.

In diesem Zusammenhang wurde der Mehrwert des Freiraumkonzepts ersichtlich. Allerdings erwies sich die Vernachlässigung des Aspekts des Zeitregimes als problematisch. Diesem fiel nämlich eine wichtige Rolle zu, da ein recht strikter Zeitplan den Tageszeiten je verschiedene Tätigkeiten in Kurorten zuwies.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass in der Einführung und in den beiden Vorträgen der Sektionsleiter Ute Lotz-Heumann und Ulrich Rosseaux das Potential deutlich wurde, das in der konzeptionellen Erweiterung des Freizeitbegriffs um eine räumliche Komponente liegt. Die größere Aufmerksamkeit, die unter dieser Perspektive den Orten und den sozialen und kulturellen Praktiken, die an diesen stattfinden, gewidmet wird, erweist sich als fruchtbar und anschlussfähig an Trends neuerer geschichtswissenschaftlicher Forschung. Problematisch ist allerdings, wie mit der freiheitlichen Komponente des Begriffsfelds umgegangen werden soll. In allen vier Vorträgen - und auch aus den Diskussionsbeiträgen der Zuhörer - wurde deutlich, wie sehr obrigkeitliche Bestimmungen und formelle wie informelle Normierungen das Feld der Freiräume strukturierten. Auch darf die angestrebte Neuausrichtung nicht dazu führen, dass der Blick auf Zeitregime und -wahrnehmung völlig verstellt wird.

Trotz allem haben die Sektionsleiter mit ihrer konzeptionellen Neuausrichtung einen wichtigen Beitrag zur Erforschung frühneuzeitlicher Unterhaltungs-, Freizeit- und Festkultur unter einer erweiterten Perspektive geleistet und zudem spannende und vielschichtige Diskussionen angeregt - was ein nicht zu unterschätzender Verdienst ist.

Anmerkungen:
[1] Münch, Paul, Lebensformen in der frühen Neuzeit: 1500-1800, Berlin 1998.
[2] Reinhard, Wolfgang, Lebensformen Europas. Eine historische Kulturanthropologie, München 2004.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2004: Freiräume – Freizeitgestaltung in Europa in der Frühen Neuzeit, 17.09.2004 – 17.09.2004 Kiel, in: H-Soz-Kult, 13.10.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-465>.
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Veröffentlicht am
13.10.2004
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