Erster Weltkrieg – auch bei uns? Regionale Zugänge zum Gedenkjahr. 14. Karlsruher Tagung für Archivpädagogik

Ort
Karlsruhe
Veranstalter
Abteilung Fachprogramme und Bildungsarbeit, Landesarchiv Baden-Württemberg
Datum
15.03.2013
Von
Julia Riedel, Abteilung Fachprogramme und Bildungsarbeit, Landesarchiv Baden-Württemberg

Unter dem Titel „Erster Weltkrieg – auch bei uns? Regionale Zugänge zum Gedenkjahr“ fand am 15. März 2013 die diesjährige Karlsruher Tagung für Archivpädagogik statt. Die Veranstaltung wurde vom Landesarchiv Baden-Württemberg mit Unterstützung der Abteilung Schule und Bildung des Regierungspräsidiums Karlsruhe und des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg, Standort Karlsruhe, ausgerichtet.

Mit 135 Anmeldungen erfreute sich die 14. Karlsruher Tagung für Archivpädagogik einer unerwartet hohen Teilnehmerzahl. Die Besucher waren aus unterschiedlichen Regionen Baden-Württembergs angereist; auch Vertreter aus anderen Bundesländern sowie Gäste aus Österreich und der Schweiz durften in diesem Jahr begrüßt werden. Erfreulich war darüber hinaus der ausgewogene Anteil von Lehrern bzw. Vertretern verschiedener Schultypen und Archivaren bzw. Archivpädagogen, sodass die Karlsruher Tagung ihrem Anspruch, ein Forum des Austausches zwischen Lehrern und Archivaren zu sein, damit wieder in besonderer Weise gerecht werden konnte.

Die große Resonanz war sicher auch dem Thema der diesjährigen Tagung geschuldet: der Erste Weltkrieg und die Frage nach regionalen Zugängen und möglichen Formen, sich dem Thema in der Schule aus lokalgeschichtlicher Perspektive zu nähern. Das Thema war von den Organisatoren gewählt worden, um pünktlich zum Schuljahresbeginn 2013/14 Unterrichtsmodule und Projektideen griffbereit zu haben. Im Mittelpunkt standen einerseits Archive mit ihren archivpädagogischen Angeboten und Quellen zum Ersten Weltkrieg. Andererseits wurde bei der Vorbereitung der Tagung bewusst versucht, den Bogen etwas weiter zu spannen und, vor dem Hintergrund bestehender Parallelen zwischen der Museums-, Gedenkstätten- und Archivpädagogik, neben Archiven auch andere Kultur-/Bildungsinstitutionen und deren Angebote mit einzubeziehen.

Nach einer kurzen Eröffnung durch CLEMENS REHM (Stuttgart), Leiter der Abteilung Fachprogramme und Bildungsarbeit des Landesarchivs Baden-Württemberg, und JULIA RIEDEL (Stuttgart), ebenfalls vom Landesarchiv Baden-Württemberg, leitete WERNER HEIL vom Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Stuttgart die Tagung mit einem Vortrag zum Thema „Der Erste Weltkrieg im kompetenzorientierten Unterricht“ ein. Am Beispiel des Unterrichtsthemas „Erster Weltkrieg“ legte Heil die Unterschiede zwischen dem herkömmlichen lernziel- und dem kompetenzorientierten Unterricht dar und beschrieb die neuen Anforderungen, die sich durch dieses Modell an die Schülerinnen und Schüler ergäben. Zentral sei hierbei, dass die Schüler lernten, mit Kategorien und Begriffen umzugehen und mithilfe dieser zu eigenen Bewertungen zu gelangen. Dass das Thema der Kompetenzorientierung nicht frei von Kontroversen ist, zeigte sich in der anschließenden Diskussion.

Ein entschiedenes Anliegen der Organisatoren war es, praxisnahe Modelle und Arbeitshilfen für die Unterrichtsgestaltung zum Thema „Erster Weltkrieg“ vorzustellen, die von Kolleginnen und Kollegen direkt im Unterricht eingesetzt werden können. Die von den beiden Gymnasiallehrern SYBILLE BUSKE (Freiburg), Landeskundebeauftragte am Regierungspräsidium Freiburg, und MARKUS FIEDERER (Meßkirch), Fachberater für Geschichte am Regierungspräsidium Tübingen, erarbeiteten archivpädagogischen Module trafen auf große Resonanz, wenngleich die beiden Workshops, die im Anschluss an den Einführungsvortrag angeboten wurden, aufgrund der erfreulich großen Teilnehmerzahl konzeptionelle Änderungen erfuhren.

Sybille Buske präsentierte in einem Vortrag ihr Unterrichtsmodul zu Kriegserfahrungen und Alltag in Freiburg und zeigte exemplarisch die Stärken eines landeskundlich orientierten Geschichtsunterrichts auf. Text- und Bildquellen aus dem Stadtarchiv Freiburg bilden die Grundlage für einen regionalen Zugang zur Geschichte des Ersten Weltkriegs, bei dem ansonsten oft große abstrakte historische Ereignisse und Prozesse „im Kleinen“ konkretisiert und damit für Lernende anschaulich und verständlich werden. Die universalgeschichtliche Kontextualisierung des regionalen Beispiels ist dabei ebenso erforderlich wie der Bezug auf aktuelle Konflikte und kriegerische Auseinandersetzungen. Im Umgang mit originalen Archivquellen schulen die Lernenden nicht nur ihre Empathiefähigkeit, sondern auch ihre Analysefähigkeit und Quellenkritik; Kompetenzen wie Urteilsfähigkeit, Entscheidungs-/Handlungsfähigkeit und Medienkompetenz werden gefördert.

Der Workshop von Markus Fiederer wurde aus Platzgründen geteilt: Für die eine Gruppe erfolgte der methodische Einstieg ins Thema über Sequenzen aus dem Filmklassiker nach dem Roman von Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues“ (1929) von Lewis Milestone und einer auf Video aufgezeichneten, durch einen Schüler auf Basis einer Originalquelle vorgetragenen Propagandarede. In einem zweiten Teil erhielten die Teilnehmer nähere Informationen zum konzeptionellen Aufbau des Unterrichtsmoduls und die Möglichkeit, sich sowohl das Quellenmaterial als auch die didaktisch aufbereiteten Unterrichtsmaterialien zum Modul genauer anzusehen. Neben einer Vielzahl von Reproduktionen, überwiegend Bildquellen, konnte auch ein Blick auf verschiedene Originalquellen aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Sigmaringen, geworfen werden mit Informationen zu einzelnen Quellenbeständen und der Überlieferung zum Zeitraum 1914 bis 1918 im Staatsarchiv Sigmaringen. Das Hauptaugenmerk wurde auf die Dokumentation „Schule im Krieg“ des Lehrers Franz Keller (1875-1950) gelenkt (Landesarchiv StAS Dep. 1 T 6-7 Nr. 18 und 40), der Inhalt und Ablauf von Unterrichtsstunden in den Kriegsjahren genau protokollierte. Er hielt nicht nur seine Gedanken zu dem, was Schule im Krieg idealerweise leisten sollte, fest; in seiner Sammlung finden sich auch Schülerarbeiten – Zeichnungen, Aufsätze – aus der Kriegszeit, die den Schulalltag in diesen Jahren dokumentieren. Das Thema „Schule“ eignet sich hier in besonderer Weise dazu, die Zeit des Ersten Weltkriegs auf eine für die Schüler verständlichere, greifbarere Ebene zu bringen.

Beide Module waren als Beispiele für einen Rahmen zu verstehen, der jeweils den lokalen Bedingungen und Bedürfnissen angepasst werden kann und durch einen Austausch der Quellen einen „regionalen Zuschnitt“ erlaubt. Die Arbeits- und Quellenmaterialien beider Module stehen mit Hintergrundinformationen und Methodenvorschlägen auf dem Landesbildungsserver Baden-Württemberg zum Download bereit.[1]

Der „Markt der Möglichkeiten“ am Nachmittag zeichnete sich durch ein vielfältiges und breites Angebot aus. Insgesamt stellten sich zwei Schulen, sechs Archive und fünf Kultureinrichtungen bzw. Förderorganisationen vor. Die Schülerinnen des Gymnasiums am Mosbacher Berg aus Wiesbaden gaben zu Beginn eine kurze Einführung in ihr gelungenes Ausstellungsprojekt „Wiesbaden – im Krieg? Deutschland und die Welt – im Krieg!“ und schilderten in wenigen Worten, wie sie bei der Konzeption und Umsetzung der Ausstellung vorgegangen und welche Erfahrungen, zum Beispiel in der Archivarbeit, sie im Verlauf des Projekts gesammelt hatten.[2] Bei der anschließenden Führung durch die Ausstellung wurden Einzelheiten zu Inhalt und Konzeption der Ausstellung näher erläutert und Fragen der Besucher beantwortet. Eine ebenfalls eindrückliche Präsentation von Arbeiten im Kontext der vergangenen beiden Geschichtswettbewerbe des Bundespräsidenten erhielten Interessierte durch die anwesenden Schüler des Bismarck-Gymnasiums in Karlsruhe.

Neben den Schülerinnen und Schülern waren auf dem „Markt der Möglichkeiten“ 12 weitere Projektgruppen vertreten. Das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen, als eines der insgesamt sechs teilnehmenden Archive, stellte sich mit dem von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützten Schülerprojekt „Zeitreisen – Vermittlung von Alltags- und Mentalitätsgeschichte“ vor. Die Abteilungen des Landesarchivs Baden-Württemberg – Generallandesarchiv Karlsruhe, Hauptstaatsarchiv Stuttgart und Staatsarchiv Freiburg – präsentierten die hauseigenen Bestände zum Thema „Erster Weltkrieg“. Insbesondere wurde auf das grenzüberschreitend angelegte Ausstellungsprojekt „Menschen im Krieg. 1914-1918 am Oberrhein“ hingewiesen.[3]

Interesse fand das 2010 in Zusammenarbeit mit einem Bielefelder Gymnasium durchgeführte Schulprojekt des Stadtarchivs Bielefeld, im Rahmen dessen die Schüler die Geschichte eines im Jahre 1915 zu Demonstrationszwecken angelegten Modell-Schützengrabens auf der Ochsenheide aufarbeiteten. Zur Umsetzung in anderen Archiven eignet sich das im Stadtarchiv Bietigheim-Bissingen durchgeführte Projekt „Spurensuche“, bei dem Schüler auf der Grundlage von Gedenktafeln zu Gefallenen des Ersten (und Zweiten) Weltkrieges im Archiv Nachforschungen zur Biografie einer dort aufgeführten Person betreiben. Eindruck machte das Stadtarchiv Gescher im Kreis Borken mit dem professionell ausgearbeiteten Archivmodul „Die Industrialisierung im Westmünsterland“, das beispielgebend für ähnliche Module zum Ersten Weltkrieg sein könnte. Dass sich auch der virtuelle Raum für Informationsangebote zum Thema „Erster Weltkrieg“ eignet, demonstrierte das Stadtarchiv Speyer mit Online-Präsentationen des Stadtarchivs, unter anderem mit einer auf Flickr eingestellten virtuellen Ausstellung.

Während das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg Besucher mit einem Quiz zum Thema „Erster Weltkrieg“ an seinen Präsentationsstand mit Publikationen, Fördermöglichkeiten und Angeboten für Schulen lockte, warb der Landschaftsverband Rheinland für das Verbundprojekt „Mitten in Europa – Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“ und die sich daran anschließenden Veranstaltungen und (schulischen) Angebote. Als Ansprechpartner aus dem Bereich der Gedenkstätten- und Museumspädagogik standen Vertreter des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. und des Wehrgeschichtlichen Museums Rastatt zur Verfügung, die von ihrer Jugendarbeit am „Lernort Kriegsgräberstätte“ berichteten bzw. in die Sammlungen des Museums und den Ausstellungsschwerpunkt „Erster Weltkrieg“ einführten.

Schließlich konnten sich die Besucher über die Tätigkeit des Freiburger Netzwerks Geschichte informieren, das für das kommende Jahr eine neue Wettbewerbsausschreibung zum Thema „Erster Weltkrieg“ plant. An einem weiteren Stand wurden prämierte Arbeiten des Geschichtswettbewerbs der Körber Stiftung vorgestellt, die das Thema „Erster Weltkrieg“ zum Gegenstand hatten, darunter die Aufzeichnung einer Theaterproduktion einer Schülerin der 7. Klasse mit dem Titel „Helden im Himmel – Theaterstück in sechs Szenen. Junge Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Waren sie Helden?“, die im Jahr 2009 mit einem 1. Preis ausgezeichnet worden war. Bei der Vorstellung des landeskundlichen Informationssystems LEO-BW – Landeskunde entdecken online konnten sich die Besucher über Recherchemöglichkeiten und Inhalte, unter anderem zum Thema „Erster Weltkrieg“, und die Verwendung des Landeskunde-Portals im Unterricht (WebQuest zu LEO-BW auf dem Landesbildungsserver Baden-Württemberg [4]) informieren.

Bei der abschließenden Diskussion im Plenum wurde hervorgehoben, dass die Besucher viele Impulse und Ideen für Projekte in ihrer Umgebung erhalten hatten. Es kam zum Austausch zwischen Lehrern und Archivaren über die Leistungen, die das Archiv Schulen bieten kann, und über die Wünsche bzw. Bedürfnisse von Lehrern, die Archive bei ihren Angeboten berücksichtigen sollten. Auch die anwesenden Schüler beteiligten sich an der Abschlussdiskussion: Auf die Frage, welche Kompetenzen im Archiv geschult werden könnten, stellten sie dar, dass sie durch die Arbeit mit Originalquellen einen wesentlich authentischeren Einblick in historische Ereignisse bekommen hätten. Durch die Erkenntnis, dass zu einem Zeitraum in der Vergangenheit lokale zeithistorische Dokumente existierten, die zeigten, dass sich historische Prozesse auch „vor der Haustür“ abgespielt hätten, würden geschichtliche Ereignisse in ihren Augen erst „wahr“ werden. Die Lektüre der Zeitzeugnisse und die Aufgabe, die Quellen eigenständig zu interpretieren und zu analysieren, habe – so eine Schülerin – für sie einen großen Gewinn bedeutet und sie habe es sehr geschätzt, dass man ihr und ihren Kolleginnen die Unikate im Archiv anvertraut habe.

Als Empfehlung für das Thema der kommenden archivpädagogischen Tagung in Karlsruhe wurde angeregt, statt eines archivisch-methodischen Themas wieder einen inhaltlichen Zugang zu einem konkreten historischen Thema bzw. Ereignis zu wählen, der schultypenübergreifend Relevanz für alle Lehrpläne besitzt. Darüber hinaus wurde vorgeschlagen, den Umgang mit alten Schriften zum Thema eines Workshops zu machen und Arbeitshilfen in diesem Bereich anzubieten.[5]

Konferenzübersicht

Begrüßung
Clemens Rehm, Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Fachprogramme und Bildungsarbeit

Einführung und Moderation
Julia Riedel, Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Fachprogramme und Bildungsarbeit

Vortrag
Werner Heil, Lehrbeauftragter der Universität Stuttgart, Fachleiter für Geschichte am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Stuttgart, „Der Erste Weltkrieg im kompetenzorientierten Unterricht“

Workshops: Vorstellung von archivpädagogischen Modulen zum Ersten Weltkrieg

Workshop 1

Sybille Buske, Berthold-Gymnasium Freiburg, Landeskundebeauftragte am Regierungspräsidium Freiburg, „Kriegserfahrung und Alltag in einer deutschen Kleinstadt: Das Beispiel Freiburg“

Workshop 2

Markus Fiederer, Martin-Heidegger-Gymnasium Meßkirch, Fachberater für Geschichte am Regierungspräsidium Tübingen, Archivpädagoge (Staatsarchiv Sigmaringen), „Der Krieg als Geschenk an die Jugend? Sigmaringer Bürger im Ersten Weltkrieg“

Markt der Möglichkeiten

Vorstellung von Projekten und Angeboten auf dem Markt der Möglichkeiten
Julia Riedel, Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Fachprogramme und Bildungsarbeit

- Archive verschiedener Sparten mit Quellen zum Ersten Weltkrieg
- archivpädagogische Angebote
- erfolgreiche Schulprojekte
- prämierte Arbeiten von Geschichtswettbewerben
- Förderprogramme und mögliche Projektpartner
- pädagogische Angebote und Informationsmöglichkeiten im Internet

Schlussdiskussion

Anmerkungen:
[1] <http://www.schule-bw.de/unterricht/faecheruebergreifende_themen/landeskunde/modelle/epochen/zeitgeschichte/weltkrieg1/> (26.03.2013).
[2] Vgl. hierzu ein von Nicole Rock-Knüttel mit der Projektleiterin durchgeführtes Interview in den Hessischen Archivnachrichten: Nicole Rock-Knüttel, Erlebniswelten Jugendlicher 1914/18. Eine archivpädagogische Annäherung an die Altersgenossen von damals – Interview mit einer Lehrerin, in: Archivnachrichten aus Hessen 12/1 (2012), S. 80-83.
[3] <http://www.landesarchiv-bw.de/web/54808> (27.03.2013).
[4] <http://www.schule-bw.de/unterricht/faecher/geschichte/unterricht/methzugaenge/leo/> (27.3.2013).
[5] Nähere Informationen zu den Ergebnissen der Abschlussdiskussion unter: <http://www.landesarchiv-bw.de/web/54638> (Tagungsbericht) (26.3.2013).

Zitation
Tagungsbericht: Erster Weltkrieg – auch bei uns? Regionale Zugänge zum Gedenkjahr. 14. Karlsruher Tagung für Archivpädagogik, 15.03.2013 Karlsruhe, in: H-Soz-Kult, 22.05.2013, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4810>.