HT 2004: Die große Welt im kleinen Raum. Städtische Kommunikationsräume in der Frühen Neuzeit

Ort
Kiel
Veranstalter
Gerd Schwerhoff
Datum
15.09.2004
Von
Rotraud Ries, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Ein internationales Historiker-Team unter Leitung von Gerd Schwerhoff - in den Startlöchern zum Aufbau eines akademischen Netzwerks zwischen Paris, Warwick und Dresden über "öffentliche Räume in der Frühen Neuzeit" - präsentierte methodisch-theoretische Überlegungen, wissenschaftstheoretische Ansätze und erste Erkundungen zum Thema "Die große Welt im kleinen Raum".[1]

Nicht-Orte, der entgrenzte, der virtuelle Raum, die Emanzipation von den wissenschaftspolitischen Schatten der Raumideologie der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts und innovative, soziologische Raum-Konzepte geben dem Thema "Raum" viele neue Perspektiven. Das soziologische Raum-Konzept, in der Sektion prominent vertreten durch die Kommentatorin Martina Löw, stellte die methodisch-konzeptuelle Grundlage: die Ablösung eines statischen, exklusiven, durch Ortsbezug und Grenzmarkierung als Container definierten, als "absolutistisch" apostrophierten Raummodells außerhalb des Sozialen durch ein relationales, handlungs- und wahrnehmungsorientiertes, flexibles Konzept polymorpher, konkurrierender und sich überlagernder Räume.

Auf dem Weg zu einer Bestimmung der spezifischen Raumbezogenheit der Frühen Neuzeit zwischen Lokalbezug und Regionalismus bzw. Globalisierung und Wissensrevolution hatten die Vorträge zum Ziel, einen exemplarischen Beitrag zum zeitspezifischen Zusammenspiel von "großer Welt" und "kleinem Raum" zu leisten. Sie konzentrierten sich auf zwei zentrale Themenbereiche: das "Gasthaus" und den "Markt".

Die ersten beiden Vorträge gehören in das in den letzten Jahren boomende, mikrogeschichtlich ausgerichtete Forschungsfeld "Gasthaus". Dabei nahm Beat Kümin (Warwick) (Wirtshaus, Verkehr und Kommunikationsrevolution im frühneuzeitlichen Alpenraum) den ländlichen Raum des Berner Oberlands in den Blick, während Susanne Rau (Dresden) (Orte der Gastlichkeit - Orte der Kommunikation. Fremde in französischen Städten der Frühen Neuzeit) Ergebnisse zu den Gasthäusern in Lyon präsentierte. In ihrem Fokus standen die Fremden, die sich vor allem zu Messen und Märkten in der französischen Stadt aufhielten. Es ging also in den beiden Vorträgen um sehr unterschiedliche Personengruppen, nämlich die ‚klassischen' Fremden in den urbanen Handelszentren, die sich auch in der Antike oder im Mittelalter finden lassen, und um die Veränderungen, die im Zuge des Proto-Tourismus europäischer Eliten im Alpenraum ausgelöst wurden.

Kümin gelang es damit, die inspirierende Tragfähigkeit des soziologischen Raum-Konzepts zu demonstrieren. Die ausgeprägt ländliche und ökonomisch rückständige Region des Berner Oberlands mit einem zwar systematischen, aber lange schlecht gepflegten Straßennetz und einem Netzwerk an Gasthäusern nahm im Zuge des Proto-Tourismus im 18. Jahrhundert wachsende Besucherströme auf. Der Wandel der Raumdeutung, nämlich die Verklärung der zuvor als bedrohlich wahrgenommenen Alpen, zog die europäischen Eliten an. Sie prägten die Raumverhältnisse in mehrfacher Weise: Verdichtung, Verbesserung und Differenzierung der Infrastruktur (Straßen, Gasthäuser) und Kommunikation (auch schichtenübergreifend), eine Konzentration der relevanten Kommunikations- und Reproduktionsbedürfnisse der Reisenden im Gasthaus sowie die Kommunikation von Erfahrungen und Gütern (Reiseberichte, Andenken) nach außen. Die vor allem an der Bewegung von Nachrichten und Personen festgemachte "Kommunikationsrevolution" der Frühen Neuzeit (Behringer) bleibt ohne diese raumkonstituierenden Knotenpunkte unvollständig.

Die Handels-, Messe- und Finanzstadt Lyon zog aus ökonomischen Gründen Fremde an. Da die Quellen dafür fehlen, ist eine genauere Quantifizierung nicht möglich, es haben jedoch mit Sicherheit die "Orts-" gegenüber den "Staatsfremden" überwogen und die phasenweise sich in der Stadt aufhaltenden Fremden gegenüber den längerfristig dort lebenden Personen. Raus Perspektive war auf die raumkonstituierende Wirkung der Gasthäuser, auf die Akteure und ihre Handlungsdimensionen gerichtet. Sie präsentierte anhand von Karten die Cluster, in denen sich die Fremden nach geographischen und funktionalen Kriterien in der Stadt einlogierten: in der Nähe zum Eingangsstadttor und zu den zentralen Handelsplätzen. Weitere individuelle, u.U. auch normativ bedingte Entscheidungskriterien wie die Nationalität/ Sprache oder die Konfession sind nur punktuell greifbar, jedoch als handlungsleitend zu vermuten. Als Orte der Kommunikation, und insbesondere der spontanen Soziabilität, wurden die multifunktionalen Gasthäuser an zwei Beispielen vorgeführt, nämlich dem Warenhandel und dem hoch kodifizierten Spiel. Beide Begegnungs- und Kommunikationsformen verursachten vielfach Konflikte, die vor Gericht ausgetragen wurden und somit in den Akten überliefert sind. Mit seiner Platzierung und Vernetzung im Stadtraum, seiner funktionalen Ausstrahlung und als Ort der Kommunikation und der potenziellen Gewalt, so das Fazit Raus, wird das Gasthaus zur Quintessenz der Urbanität, bildet gesellschaftliche Strukturen ab, hinterfragt und verändert sie.

Im Vergleich mit den Ergebnissen zu den Gasthäusern im Berner Oberland muss dieses Fazit allerdings differenziert werden. Denn nicht der Kommunikationsraum "Gasthaus" an sich ist ein Zeichen von Urbanität - er findet sich genauso auf dem Lande - , sondern allenfalls die Verdichtung solcher Kommunikationsräume und die höhere Anzahl der Begegnungen. Ferner dürften spezifische Formen ökonomischer Konflikte ein besonderes Kennzeichen des Stadtraumes gewesen sein.

Die Chancen des raumsoziologischen Modells, das nicht mehr nur von Containern spricht, sind am urbanen Raum Lyon jedoch deutlich geworden. Räume traten in Konkurrenz zueinander, konnten sich überlappen und wurden von verschiedenen Handlungsoptionen der Akteure unterschiedlich gewichtet. Offen, bzw. weiter zu untersuchen, bleibt die Frage, inwieweit die "große Welt" im "kleinen Raum" Spuren hinterließ, ob etwa einzelne Gasthäuser spezialisiert waren auf eine national oder sprachlich definierte Klientel. Des weiteren, wie die Kommunikationsströme zurück aus dem "kleinen Ort" in die "große Welt" verliefen. Hier steht der Forscher/ die Forscherin vor erschwerten Bedingungen, weil Kaufleute weniger an der Produktion von Reiseberichten oder anderen Ego-Dokumenten beteiligt waren, als die europäischen Eliten des 18. Jahrhunderts, die ins Berner Oberland reisten.

Der zweite Teil der Sektion war eher handels- und wirtschaftsgeschichtlich ausgerichtet und auf "Märkte" und "Markt" fokussiert. Jochen Hoock (Paris) (Markt und Märkte im frühneuzeitlichen Europa) schöpfte aus seinem reichen Wissen über die Wissenschaftsgeschichte und die Kaufmannsliteratur der Frühen Neuzeit. Sein Vortrag folgte überwiegend einer wahrnehmungsorientierten Perspektive.

Die Forschungsgeschichte hat "Markt" und "Märkte" lange Zeit getrennt behandelt: seit den 70er Jahren die strukturellen und konjunkturellen Rahmenbedingungen des Handels, dann seine Sozial- und Institutionengeschichte. Auf der anderen Seite standen anthropologisch-ethnographische Analysen der Tauschbeziehungen sowie Forschungen zur akkulturierenden Wirkung der Jahrmärkte. Diese Dualität eines bedingungs-, system- oder fachorientierten Zugriffs einerseits gegenüber einer handlungs- und beziehungslogischen Herangehensweise andererseits wird erst allmählich aufgebrochen.

Als konkretes Beispiel für eine ergiebige Kombination der verschiedenen methodischen Zugriffe dienten die Forschungen zu einem Buchhaltungstraktat des Antwerpener Exulanten van Damme (1606). Es ist detailliert auf seine Plausibilität für die Strukturen und Organisationsformen eines Handelsunternehmens am Ende des 16. Jahrhunderts überprüft worden und beweist die komplexen Interdependenzen, die räumliche Staffelung und komplementäre Struktur von lokalem, regionalem und internationalem Handel, die Beziehungen zwischen "großer Welt" und "kleinem Raum".

Im dritten Teil seines Vortrags ging Hoock auf die raumabhängige und raumbildende Funktion von Märkten ein, auf den Zusammenhang zwischen Territorium und Marktraum, mithin die regionale, politische und kommerzielle Basis des modernen Marktraumes. Zurückgehend auf Turgot in der Mitte des 18. Jahrhunderts entstand der Begriff vom Markt als individualisiertem Aktionsmodell. Damit wurde aus der räumlichen und zeitlichen Staffelung von Märkten die abstrakte Vorstellung vom "Markt". Dieser Prozess hängt u.a. damit zusammen, dass, so jedenfalls ein geläufiges Entwicklungsmodell der Forschung, eine langsame Homogenisierung der Rahmenbedingungen und individuellen Handlungsmuster stattfand, die, wenn es sie überhaupt gegeben hat, nicht einfach und gradlinig verlief. Eine Chance eines "spatial turn" wäre, dass hier Analysen Maßstäbe setzen, die die gesamtwirtschaftlichen Verhältnisse mit unternehmerischem Handeln und Strategien in Bezug setzen. Hierfür - und das gilt natürlich auch für alle anderen in dieser Sektion angesprochenen Themen - ist eine breite empirische Forschung unabdingbar.

Wolfgang Kaiser (Paris) (Zwischen Loggia und Fondouk. Transkultureller Handel und Kommunikation zwischen Südeuropa und dem Maghreb in der Frühen Neuzeit) löste dies exemplarisch für den Mittelmeerraum ein und relativierte in seinem Fazit eine der Mastererzählungen der Frühneuzeitforschung. Denn um die gleichzeitige Präsenz des Unvereinbaren, das gleichzeitige Agieren in verschiedenen Kontexten analysieren zu können, ist ein kritisch-analytischer, ein experimenteller Zugriff auf den hafenstädtischen Raum als "permanente piazza" nötig. Und dann entpuppt sich die "Kommunikationsrevolution" der Frühen Neuzeit für den Mittelmeerraum als so revolutionär nicht, sondern eher als die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auf der Basis jahrhundertealter intensiver Beziehungen. Dies explizierte Kaiser anhand von drei thematischen Schwerpunkten: 1. Die im Titel genannten Handelsorte befragte er auf ihre immanenten Zwangsverhältnisse und Asymmetrien, auf ihre Zugänglichkeit und Sichtbarkeit. Von ihnen waren Piazza und Loggia als europäische Versionen des Handelsortes zugleich konkrete Orte und Metaphern der Handelssprache wie der kaufmännischen Praxis, Institutionalisierungen mit Normen und Zwängen. Den eigenen Stadtvierteln mit konsularischer Residenz in Nordafrika eignete demgegenüber ein zwiespältiger Charakter zwischen Kontrolle, Privileg und elementarem Schutz, Herberge, Notariat und Ort der Konfliktregelung. Vergleichbare Rechte und Sichtbarkeit wurde muslimischen und osmanischen Kaufleuten in Europa nicht gewährt; die Ausnahme, der Fondaco dei Turchi in Venedig (1621) lag nicht nur gegenüber dem Ghetto der Juden, sondern ähnelte auch einem solchen. 2. Formen und raumzeitliche Verläufe der Navigation und des Seehandels zeigen die hohe Pluralität der Handlungs- und Bewusstseinsräume der Akteure und verweisen auf die Bedeutung der forschungstechnisch schwer greifbaren, weil geheimen "prattiche", die sich aus variablen Summen von Erfahrungen und Beziehungen speisten. 3. Die Ökonomie des Loskaufs von Gefangenen zwischen Südeuropa und Nordafrika offenbart eine zwar gewinnträchtige, aber im Unterschied zu sonstigen Handelspraktiken ohne Vertrauensbasis konstruierte, spezifische und zunehmend organisierte Form interkulturellen Handels.

In ihren je unterschiedlichen Zugriffen haben die Referenten überzeugend belegt, welche Chancen das raumsoziologische Konzept bietet. Damit wurde ein weiter Bogen aufgespannt dessen, was der empirischen Untersuchung wert wäre. Dies ist durchaus legitim angesichts der Tatsache, dass die internationale Forschergruppe gerade erst mit ihrer Kooperation zur Erforschung des öffentlichen Raumes in der Frühen Neuzeit begonnen hat. Und wenn auch die spezifische Raumvorstellung der Frühen Neuzeit nicht mehr explizit angesprochen wurde, so mag doch das Unentschiedene, das an verschiedenen Stellen aufleuchtete ein Kennzeichen für den spezifisch frühneuzeitlichen Charakter der behandelten Objekte sein. Doch auch dies gilt es durch weitere Untersuchungen, die ja geplant sind, zu hinterfragen.

Die unterschiedlichen Facetten, die in bezug auf das raumsoziologische Modell präsentiert wurden und darauf abzielten, die Relevanz dieses Modells zu bestätigten, waren am Ende der Sitzung Gegenstand eines größtenteils überraschenden Kommentars von Martina Löw (Darmstadt). Denn sie nahm vieles von dem, was in den Vorträgen unter dem "Raum"begriff verhandelt worden war, zum Anlass für theoretisch-methodische Überlegungen zum Begriff "Ort". Eine Begründung dafür blieb sie schuldig; doch ihre Reflexionen erwiesen sich bei genauerem Hinsehen als Erweiterung und Schärfung des theoretisch-konzeptuellen Instrumentariums und könnten damit für die weitere Diskussion wichtige Impulse geben. Gleichzeitig mutete die Emphase, mit der sie die Bedeutung der "Orte" für die Sozial- und Geisteswissenschaften hervorhob, "weil sie uns mit einer materiellen Basis konfrontieren, die die Erdgebundenheit des Handelns sichtbar macht", wie das Erstaunen der Theoretikerin angesichts der dem Historiker doch eher vertrauten ‚Bodenhaftung' von Akteuren an.

Im Gegensatz zum "Raum" wird der Begriff "Ort", so Löw, zwar als different zu diesem wahrgenommen, als fachwissenschaftlicher Begriff jedoch kaum theoretisch reflektiert. Dies mag mit an der logischen Sperrigkeit des Begriffs liegen. Denn als Bindeglied zwischen Face-to-Face Kommunikation und gesellschaftlicher Strukturierung trägt der "Ort" eine duale Bedeutung: Am Ort werden Handlungen vollzogen in direkter Interaktion und als Bezugnahme auf die Welt (Ort als Basis des Handelns). Er bildet als Mikroraum den kleinsten möglichen Raum (Ort als Raum).

Zum Verhältnis von globalem Raum und "Ort" bemerkte Löw: "Die große weite Welt ... ist am Ort angewachsen", der Ort trägt eine Bedeutung als "Ausgangspunkt für die Herstellung des Globalen". Als fixierter Punkt auf der Erdoberfläche, Fixpunkt leiblicher Existenz und Verortung der Akteure können in ihm makrogesellschaftliche Entwicklungen wurzeln, wird Medialisierung bzw. Globalisierung der Kommunikation "als stets neu zu erbringende soziale Herstellungsleistung gefasst". Der Mikroraum hingegen ist ein Raum neben anderen und "öffnet die Perspektive für verschiedene Reichweiten des Handelns und die prägende Wirkung der unterschiedlichen Räume auf Handeln".

Eine eindeutige theoriestrategische Entscheidung zwischen den differenten Ortsbegriffen fällte Löw nicht - oder doch nur implizit: Sie entfaltete das Konzept weiter, "Raum und Ort gleichermaßen konsequent als Ergebnis eines performativen Handlungsvollzugs" zu entwerfen, der dann auch für die Makrodimension gilt. Unter Rekurs auf Anthony Giddens und Pierre Bourdieu öffnet sich damit die Perspektive hin zur Identifikation, wird die symbolische Besetzung von Orten, ihre Labilität (Kümin) deutlich, und wurzelt die Definition des Fremden (Rau) in der Präferenz des Eigenen, das über und mit dem Ort konstruiert ist. Der Raum hingegen, wie ihn besonders Kaiser dargestellt hat, betont die Differenz. In diesem Unterschied mag die Chance liegen, "Raum und Ort als sozial- oder geisteswissenschaftliche Fachbegriffe zu unterscheiden. [...] Über den Ort verstehen wir die Herausbildung des Identischen, über den Raum die Einschreibung von Differenz."

Konzeption und Perspektiven der Sektion eröffneten ein breites internationales Tableau, auf dessen weitere Füllung man gespannt sein darf. Ob dies allerdings auch in der mündlichen Präsentation der Vorträge optimal vermittelt werden konnte, mag sich jeder Referent noch einmal selbstkritisch fragen. Er hat, wie auch der interessierte Leser dieses Berichts, die Chance zum audio-visuellen Nachvollzug der Sektion: http://www.historikertag2004kiel.de/archiv.html

Anmerkung:
[1] Vgl. Rau, Susanne; Schwerhoff, Gerd (Hgg.), Zwischen Gotteshaus und Taverne. Öffentliche Räume in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Köln 2004

Zitation
Tagungsbericht: HT 2004: Die große Welt im kleinen Raum. Städtische Kommunikationsräume in der Frühen Neuzeit, 15.09.2004 Kiel, in: H-Soz-Kult, 12.11.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-484>.