HT 2004: „Crossing Cultures“ – Transkulturelle Kommunikationsräume in der Geschichte Afrikas

Ort
Kiel
Veranstalter
Winfried Speitkamp
Datum
17.09.2004
Von
Achim von Oppen, Zentrum Moderner Orient, Berlin

Das Anliegen des Historikertages in Kiel 2004, die Entstehung von Raum als kommunikativen Prozeß - im friedlichen wie im konfliktiven Sinne - zu denken, verweist nicht nur über den Rahmen nationalgeschichtlicher, sondern auch europäischer Geschichte hinaus. Die transkontinentalen Dimensionen des Kongreßthemas zu bearbeiten, blieb leider nur allzu wenigen Sektionen vorbehalten. Prof.Dr.Winfried Speitkamp (Gießen) unternahm es verdienstvollerweise, diese Dimension im Hinblick auf gerade den Kontinent zu verfolgen, der immer wieder gern als Gegenbild Europas stilisiert und im Schatten oder gar im Abseits weltgeschichtlicher Verflechtungen gesehen wird, nämlich das subsaharische Afrika. Angeregt durch Forschungen und Debatten, die u.a. im Rahmen des SFB 434 "Erinnerungskulturen" entstanden, warf er mit dieser Sektion die Frage auf, auf welche Weise die Interaktion zwischen Europa und Afrika seit der Zeit des vorkolonialen, weltmarktbezogenen Fernhandels zur neuen "transkulturellen" Beeinflussungen und Synthesen geführt hat. Es kam in der Sektion nicht zu einer näheren Bestimmung des beliebt gewordenen Begriffs der "Transkulturalität", der hier vor allem in der Praxisform des "crossing cultures", also der kulturellen Grenzüberschreitung verstanden wurde.[1] Es wurde aber deutlich, daß es hier nicht einfach nur um "Transfers" kultureller Praktiken und Deutungsmuster zwischen Europäern und Afrikanern ging. Vielmehr waren jene Vermittlungsprozesse angesprochen, die im Zuge solcher Transfers neue kulturelle Kontexte ("Kommunikationsräume") erzeugten, die beide Seiten umfaßten, sowohl Europäer als auch Afrikaner, und in denen die transferierten Formen vielfachem Bedeutungswandel unterlagen. Den Ausgangspunkt bildete dabei in allen Beiträgen der entschiedene Versuch, diese Prozesse aus außereuropäischer Perspektive zu rekonstruieren und afrikanische Akteure dadurch aus einer Rolle zu entlassen, zu der auch die Kolonialgeschichtsschreibung, auch in ihren kritischen Varianten, beigetragen hat: der Rolle von mehr oder weniger passiven Adressaten und Opfern europäischer Ambitionen und Visionen, die dabei auch zu Projektionsflächen und Bühnen für die Hinter- und Abgründe europäischer Geschichte wurden. Aus afrikanischer Perspektive ähnelten die europäisch-afrikanischen Interaktionen vor, während und nach der kolonialen Epoche aber oft keineswegs einem "Clash of Cultures", sondern eher einem Erkundungsprozeß, der auch afrikanische Entdeckungen Europas und der Europäer einschloß.

Überblick

Das skizzierte inhaltliche Programm wurde in der Sektion, nach einer Einführung durch den Sektionsleiter, durch sechs empirische Beiträge bearbeitet, von denen jeder auch für sich beeindruckend war. Bis auf zwei wurden alle von Nachwuchshistorikern/innen gehalten, die kurz vor oder nach der Promotion stehen. Dabei mußte der erste Vortrag in absentia gehalten werden, da der Autor von dem für seine Unterstützung zuständigen Arbeitsamt keine Beurlaubung für den Historikertag erhalten hatte - ein besonders drastisches Beispiel, unter welch erschwerten Bedingungen sich junge Historiker/innen heute weiterqualifizieren müssen.

Die Beiträge untersuchten "transkulturelle Kommunikationsräume" recht verschiedener Art und Epochen, wobei die vor- und frühkoloniale Zeit auf der einen und die postkoloniale Periode auf der anderen Seite im Vordergrund standen. Entsprechend unterschiedlich waren die kulturellen Gegenstände und Praktiken - zugleich symbolischer und materieller Art - , um deren Transfer und Aneignung es jeweils ging. So verwies Reinhard Klein-Arendt (Köln) auf die oft unterschätzte Bedeutung des Imports von Feuerwaffen für die Entstehung vorkolonialer "Gewaltkulturen" in Afrika, vor allem in den Hinterländern und Herkunftsgebieten der Sklaven- und Rohstoffexporte dieser Epoche. Michael Pesek (Berlin) analysierte dagegen Rituale eher friedlicher Kontaktaufnahme und Selbstdarstellung zwischen europäischen Reisenden und ostafrikanischen Herrschern zur Zeit der Kolonisierung im späten 19. Jahrhundert. Christiane Reichart-Burikukiye (Gießen) untersuchte Formen der Inbesitznahme der Eisenbahn in "Deutsch-Ostafrika" (festländisches Tanzania) als Sinnbild und Mittel der Moderne, vor allem aus der Sicht afrikanischer Reisender, Arbeiter und Produzentinnen. Susann Baller (Berlin) präsentierte eine Fallstudie über Aneignungen von Globalität und Modernität durch Jugendliche in einem Stadtteil Dakars (Senegal), die sich vor allem in Vereinsbildungen und Konsumformen äußerten. Hartmut Bergenthum (Gießen/Berlin) zeichnete die Entwicklung der Geschichtswissenschaft im postkolonialen Kenia nach, die sich zwischen der Suche nach afrikanischer Geschichtskultur und der Übernahme transnationaler Wissenschaftsdiskurse bewegte. Winfried Speitkamp schließlich, der Leiter der Sektion, betrachtete die Entwicklung nationalstaatlicher Symbolik zwischen westlich-europäischen Vorbildern und afrikanistischen Konstruktionen von Tradition am Beispiel der drei postkolonialen Staaten Kenia, Tanzania und Kongo/Zaire.

Alle Beiträge boten nicht nur interessante empirische Fallstudien, sondern warfen darüber hinaus eine Reihe von allgemeineren Thesen und Fragen zu transkulturellen Prozessen in Afrika auf. Diese wurden während der Sitzung in einer streckenweise lebhaften Diskussion und daran anschließend hier vom Berichterstatter noch weiter akzentuiert.

"Afrikanische" Dynamiken

Ein erster Fragenkomplex bezog sich darauf, inwiefern von "afrikanischer Initiative" bei der Aneignung kultureller Symbole und Praktiken ausgegangen werden kann, wenn deren Import, etwa bei Feuerwaffen, Transportmitteln oder globalisierten Konsumgütern, eindeutig mit westlicher Dominanz in technologischer, militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht verknüpft war. Hierzu wurden u.a. Umwertungen von Symbolen und Praktiken bei deren Anwendung in Afrika angeführt. Besonders schlagende Beispiele waren etwa die Eisenbahn (Reichart-Burikukiye), Idole des globalen Fußball oder die in einer Vorstadt Dakars nachgebaute Kopie der amerikanischen Freiheitsstatue (Baller). Selbst die Anwendung von Feuerwaffen wurde in Afrika mit anderen rituellen Formen und magischen Bedeutungen verbunden als in Europa, auch wenn deren Gewicht umstritten blieb (Klein-Arendt).

Weitere Einsichten in die "afrikanische" Dynamik solcher Aneignungsprozesse könnten Fragen nach den sozialen und politischen Spannungen erbringen, die zu einer lokalen "Nachfrage" nach kulturellen Innovationen geführt haben könnten: etwa das Interesse an Waffen als neue Machtmittel in Gesellschaften ohne starkes politisches Zentrum; das Streben nach Erleichterung der beschwerlichen Karawanenreisen durch die Eisenbahn (unter Beibehaltung strikter sozialer Differenz nach Komfort-"Klassen"); Jugendkultur als Opposition gegen die ältere Generation, vor allem Politiker und Intellektuelle und als Suche nach eigenen Formen der Zugehörigkeit zum Globalen; Wissenschaft (Bergenthum) oder Staatssymbole (Speitkamp) als Felder des Strebens nach Anerkennung nicht nur im internationalen Bereich, sondern auch nach innen, zwischen Akademikern bzw. Intellektuellen, der Regierung und der übrigen Bevölkerung. Diese Aspekte blieben in den Beiträgen etwas unterbelichtetet.

Sie führen schließlich zu der Frage, wie sehr es bei diesen Aneignungsvorgängen tatsächlich um historisch neuartige Phänomene ging. Auf Widerspruch traf etwa die These einer grundsätzlichen Friedfertigkeit afrikanischer Gesellschaften vor der Ära des Sklavenhandels; die Suche nach neuartigen Mitteln der Gewaltausübung mag schon früher eine Rolle gespielt haben. Nicht nur der Verlauf, sondern auch der Charakter kolonialer Eisenbahnstrecken als Korridore der Innovation und Modernisierung knüpfte, wie im Referat aufgezeigt, in vielen Fällen an vorkoloniale Fernhandelswege und Karawanenrouten an, an denen entlang sich Transformationsprozesse auch damals schon besonders früh und schnell vollzogen hatten.

Interaktion oder Kommunikation?

Zweitens stellte sich die Frage, wer hier eigentlich von wem lernte. Besonders der Beitrag von Pesek zeigte, daß es Aneignungen auch in umgekehrter Richtung gab. Zumindest in der Anfangszeit übernahmen Europäer bei ihren Kontakten mit afrikanischer Herrscher vielfach ihrerseits afrikanische Formen der Inszenierung von Macht, etwa die Aufführung regelrechter Kriegstänze, wobei Elemente von Kasernenhofübungen einbezogen wurden. Offensichtlich deuteten die Reisenden solche Praktiken anders als ihre "Gastgeber". Dabei erhob sich die Frage, ob hier tatsächlich von "Mißverständnissen" gesprochen werden kann, oder ob sich hier vielmehr die Notwendigkeit breiterer, anthropologischer Kategorien zeigt: in einer transkulturellen Perspektive könnte auch europäisch-militärischer Drill als "Kriegstanz" bezeichnet werden.

Dennoch blieb in den Fallstudien eher offen, ob es letztlich nur um einen Zusammenprall unterschiedlicher Rituale und Deutungen ging, bei denen sich dann beide Seiten gewissermaßen hinterrücks etwas Passendes herauspickten, oder ob bzw. wann tatsächlich eine Art von "Kommunikation" stattfand. Diese müßte sich dann auf gleicher Ebene vollzogen haben und wäre nicht nur, wozu die afrikabezogene Kolonialgeschichtsschreibung manchmal neigt, als Auseinandersetzung zwischen europäischen Stereotypen und afrikanischem Pragmatismus beschreibbar gewesen.

Aneignung und Kontinuität

Als ein dritter Problembereich, den die Fallstudien berührten, könnte die Frage der Kontinuität der transkulturellen Aneignungsprozesse und die Dauerhaftigkeit der erreichten Synthesen genannt werden. Diese Frage stellte sich besonders am Beispiel der senegalesischen Jugendkultur (Baller), mit ihren oft kurzlebigen und häufig wechselnden Institutionen, Idolen und Moden, aber auch in Bezug auf die ebenfalls wechselhafte Ikonographie des postkolonialen Staates (etwa am Beispiel Kongo-Zaires - Speitkamp) oder auf die kurze Blüte der afrikanischen Wissenschaftslandschaft nach der Unabhängigkeit (Bergenthum). Hier wie anderswo wäre, über die wechselnden Gegenstände und Formen der Aneignung hinaus, einerseits nach den historischen Konjunkturen für solche Aneignungsprozesse zu fragen, und andererseits nach deren Grundmustern oder Modi, die eventuell auch längerfristig stabil waren bzw. sind. Die Bereitschaft, geradezu das Begehren nach Zugehörigkeit zu translokalen und globalen Zusammenhängen, die sich u.a. in der Aneignung neuer Praktiken, Güter und Symbole äußert, war und ist eine sehr viel verbreitetere "afrikanische" Reaktion auf Marginalität als die lange unterstellte Tendenz zur Beharrung auf dem Traditionalen.

Das heißt nicht, daß die Unterscheidung von "Eigenem" und "Fremdem" nur europäische Beobachter beschäftigt hat. Sie bestimmte auch etliche der in den Fallstudien angedeuteten innerafrikanischen Auseinandersetzungen um "richtige" und "falsche" Symbole, sei es in Bezug auf senegalesische Jugendliche (Baller), bei kenianischen Historikern (Bergenthum) oder in der kongolesischen Heraldik (Speitkamp). Nur entspricht das Bemühen um das "Eigene" keineswegs der Herkunft seiner Protagonisten: Gerade westlich ausgebildete Intellektuelle und Politiker traten als Kritiker der Verwestlichung und als Herolde afrikanisch-traditioneller Werte auf, die wiederum z.T. ihre Verwandschaft mit europäisch-romantischen Vorstellungen nicht leugnen können.

"Kontaktzonen"

Viertens und letztens schließlich ergaben sich einige interessante Rückschlüsse zum Konzept der "transkulturellen Kommunikationsräume", das dieser Sektion zugrundelag - in bewußtem Anklang an das übergreifende Kongreßthema. So wurde in der Diskussion die Frage gestellt, ob es überhaupt sinnvoll sei, von "Räumen" zu sprechen, da dieser Begriff zu geographisch und zu abgegrenzt klinge. Dagegen konnte überzeugend argumentiert werden, daß "Raum" am besten als Metapher für einen übergreifenden Rahmen des Zusammentreffens unterschiedlicher kultureller Praktiken und Deutungen und unterschiedlicher Akteure geeignet erscheine - eine Metapher, die dank dem "spatial turn" in den Sozialwissenschaften kaum mehr essentialistisch oder als Container gedeutet werden könne. Die "Räume", um die es in den Fallstudien ging, bezeichneten allesamt Grenzsituationen oder "Kontaktzonen" [2], die durchaus offen waren (im räumlichen wie kulturellen Sinne) und als solche erst im Laufe des Prozesses entstanden bzw. konstruiert wurden.

Die Begrifflichkeit des "Raums" hätte allerdings ihre Berechtigung verloren, wenn Transkulturalität bzw. Innovationsbereitschaft sich nicht an bestimmten Punkten (räumlicher, sozialer oder auch historischer Art) gebündelt und dadurch von anderen Orten unterschieden hätten. Nun ging es in allen Fallstudien zweifellos um spezifische, insofern auch abgrenzbare Situationen kultureller Begegnung und Transfers. Die Frage allerdings, wie (sehr) sich diese "Kontaktzonen" von "normalen" gesellschaftlichen Kontexten unterschieden, wie porös sie gegenüber ihrer Umwelt waren und ob bzw. wie eigentlich eine Weitervermittlung der dort geschaffenen Synthesen vonstatten ging, wurde zwar in einigen Beiträgen angesprochen (z.B. bei den Eisenbahnkorridoren Reichhart-Burikukiyes), aber kaum weiter verfolgt. Von besonderem Interesse wäre hier das Ineinandergreifen "innerer" und "äußerer" Kontaktzonen und Kommunikations- bzw. Aushandlungsformen.

Unabhängig davon bleibt schließlich die Frage, wie das, was in solchen Kommunikationsräumen geschah, begrifflich am besten gefaßt werden könnte. Das auch in der Einleitung zur Sektion angesprochene Problem war, daß selbst die Begrifflichkeit der reflexiven Kulturwissenschaften ("Hybridisierung", "Kontakt", oder auch "Transkulturalität") noch immer von der Idee eigenständiger "Kulturen" durchzogen ist, die sich zunächst getrennt entwickeln und erst dann in Interaktion treten.[3] Es waren aber ganz offensichtlich nicht einfach "europäische" und "afrikanische", "lokale" und "globale" Kulturen, die sich hier erstmals begegneten und interagierten. Dagegen spricht das Vorhandensein früherer Kontakte und lokaler Kulturen, bestimmt durch Aushandlung, "interne" Differenzierungen und Interaktionen. Vielmehr legten die Ergebnisse dieser anregenden Sektion den Schluß nahe, daß "transkulturelle Kommunikation" nicht als (außergewöhnliches) Ergebnis, sondern vielmehr als Ausgangspunkt und umfassender Inhalt kultureller (und historischer) Prozesse begriffen werden muß. Sie sind der Ort, an dem Kulturen und ihre Träger ein Stück weit erst entstehen.

Anmerkungen:

[1] In der US-amerikanischen Diskussion werden hierunter vor allem Praktiken interkultureller Begegnung und Verständigung gefaßt, vgl. z.B. Storti, C., The Art of Crossing Cultures. Yarmouth, 1989; 2. 2001.
[2] Clifford, James, Routes: Travel & Translation in the Late 20th Century, Berkeley 1997.
[3] Eine gewisse Alternative könnte das Konzept der "cultural mobility" von Stephen Greenblatt bieten , vgl. z.B.: Greenblatt, Stephen, Culture. In: Lentricchia, Frank, und Thomas McLaughlin (Hg.), Critical terms for literary study. Chicago und London 1995, 2. Auflage, 225-232).

Zitation
Tagungsbericht: HT 2004: „Crossing Cultures“ – Transkulturelle Kommunikationsräume in der Geschichte Afrikas, 17.09.2004 Kiel, in: H-Soz-Kult, 20.10.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-486>.