Third Junior Scholars Conference in German-Jewish History. Germans and Americans in Israel: Israelis in Germany and the United States

Ort
Washington, D.C.
Veranstalter
American University, Washington D.C.; Deutsches Historisches Institut, Washington D.C.; Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg; Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts in Deutschland
Datum
03.04.2013 - 04.04.2013
Von
Daniel Hilgert, Humboldt-Universität zu Berlin

„Normale Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind nicht möglich und nicht angemessen.“, stellte der israelische Autor Amos Oz 2005 in seinem Essay „Israel und Deutschland“ fest. Das Verhältnis sei ein besonderes und werde es auch immer sein. Trotz oder sogar wegen der besonderen Hypothek der Vergangenheit hat sich das komplexe und vielschichtige Verhältnis in den letzten Jahren erheblich gewandelt. Deutschland ist zu einem der engsten politischen und wirtschaftlichen Partner Israels aufgestiegen. Darüber hinaus bringt ein immer enger gesponnenes Netz kultureller und zivilgesellschaftlicher Kontakte den Annäherungsprozess zwischen den beiden Staaten und Völkern voran. Besonders die Vereinigten Staaten, die sich wie Deutschland als enge Verbündete Israels positionieren, haben einen besonderen Anteil an dieser Entwicklung. Israelis reisen und wohnen heute so selbstverständlich in den USA und in Deutschland wie umgekehrt. Für viele Israelis repräsentiert Deutschland nicht mehr das Land der Täter, sondern ein neues modernes Europa.

Die Third Junior Scholars Conference in German-Jewish History unter dem Thema „Germans and Americans in Israel: Israelis in Germany and the United States” versuchte die Verschiebung dieser Wahrnehmung zu hinterfragen und zu historisieren. Ziel war es, eine transatlantische Gruppe von Post-DoktorandInnen und DoktorandInnen aus den USA, Israel, Polen und Deutschland in einem zweitägigen Workshop zu einem intensiven akademischen Austausch anzuregen. Die Konferenz spiegelte aktuelle und zukünftige Entwicklungen und Forschungsfelder der deutsch-jüdischen Geschichte sowie Migrationsgeschichte in Bezug auf Methoden, Theorien, Ansätze, Fragestellungen und Quellen wider.

Das erste Panel beschäftigte sich mit den zeitgenössischen gegenseitigen Wahrnehmungen Israels und Deutschlands. KATRIN STOLL (Warschau) eröffnete mit ihrem Vortrag das Panel, in dem sie die aktuelle Debatte um das 2011 von Tuvia Tenenbom veröffentlichte Buch „I Sleep in Hitler‘s Room“ („Allein unter Deutschen“) aufgriff. In ihrer Präsentation wies Stoll auf die Kluft zwischen der deutschen Vergangenheitsbewältigung im Öffentlichen und der im Privaten hin. Während sich jene zumeist in der Errichtung von zahlreichen Gedenkstätten und einer krampfhaften Political Correctness manifestiere, bleibe die eigene Identität und Familiengeschichte von einer Aufarbeitung meist unberührt. Mit ihren Ausführungen versuchte sich Stoll an einer „Intervention“ der Debatte um Tenenboms Buch. Besonders die von Tenenbom beschriebene manische Besessenheit der Deutschen mit den Juden und Israel sei in den Fokus zu nehmen. In der anschließenden Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass der ironische und zynische Schreibstil, mit dem der Autor die oftmals schwer ertragbaren Äußerungen seiner Gesprächspartner für den Leser aufbereitet, bei der Analyse einzubeziehen seien.

Einem ebenso aktuellen Thema widmete sich PATRICIA PIENTKA (Berlin). Berlin erfreut sich seit einigen Jahren einer überaus großen Beliebtheit unter jungen Israelis. Bereits über 30.000 hat es aus unterschiedlichsten Gründen in die deutsche Hauptstadt verschlagen. Wie Pientka festhielt, werde dieses wiederentdeckte Interesse vieler Israelis für Berlin oftmals fälschlicherweise mit einem für ganz Deutschland gleichgesetzt. Die besondere Bedeutung Berlins und Tel Aviv als Metropolen sowie die Einbettung dieses Phänomens in ihren historischen Kontext werde vernachlässigt. Diesem Defizit versuchte die Referentin in der Untersuchung der dynamischen biographischen, kulturellen und räumlichen Beziehungen zwischen Berlin und Tel Aviv seit Anfang des 20. Jahrhunderts zu begegnen. Die Diskussion wies auf diese Verbindungslinien hin und eruierte unterschiedlichste Gründe für die große Popularität Berlins. Geringere Lebenshaltungskosten bei gleichzeitig hohem Lebensstandard sowie Berlins Rolle als Partymetropole seien neben familiären Verbindungen Anreize, den Wohnort in die deutsche Hauptstadt zu verlegen.

Das zweite Panel behandelte die Innen- und Außenperspektiven auf den israelischen Staat. EVA MARIA VERST (Mainz) konzentrierte sich in ihrem Beitrag auf die Außenperspektive und behandelte deutsche Pilgerreisen in das Heilige Land nach dem Holocaust. In ihren Ausführungen machte Verst an Pilgergruppen auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Umgang mit der deutschen Vergangenheit aufmerksam. Einige christliche Reisende hätten sich in den Begegnungen mit Israelis und den Besuchen von Erinnerungsstätten teilweise mit der deutschen Schuld auseinandergesetzt, die eigene persönliche Vergangenheit aber außer Acht gelassen. Daneben habe es andere Gruppen gegeben, welche die Pilgerreise als ein rein religiöses Erlebnis verstanden. Individuelle als auch kollektive Verantwortung für das Leid der Juden in NS-Deutschland habe dabei keine Rolle gespielt. Die Diskussion machte die herausragende Bedeutung der Pilgerreisen für die deutsch-israelischen Nachkriegsbeziehungen deutlich. Noch bevor 1965 offizielle diplomatische Beziehungen aufgenommen worden seien, hätten sich die Pilger als Pioniere informeller Beziehungen zwischen Deutschen und Israelis, Christen und Juden erwiesen.

Mit einem Stück amerikanisch-israelischer Kinogeschichte beschäftigte sich SHAUL MITELPUNKT (Chicago) in seinem Beitrag. Dabei strich er die überaus große Bedeutung hervor, welche die Verfilmung des 1958 von Leon Uris veröffentlichten Roman „Exodus“ für die Staatenwerdung Israels gehabt habe. Sowohl das Buch, als auch der Film habe den heroischen und tragischen Überlebenskampf der Juden im Nahen Osten veranschaulicht und damit wesentlich zur amerikanischen Unterstützung beigetragen. Mitelpunkt hielt fest, dass der Film aufgrund des politischen Interesses und des vielversprechenden Erfolges in Hollywood in den Genuss der großzügigen Unterstützung der israelischen Regierung gekommen sei. Israelische Filmemacher hingegen, die ein anderes Bild von ihrem Land zeichneten, hätten nicht die gleiche Förderung erfahren. Im Zentrum des israelischen Narrativs habe dabei nicht der Existenzkampf einer geschundenen Nation gestanden, dessen Überleben allein von Amerikas Wohlwollen abhing. Vielmehr zeichnete es das Bild eines selbstbewussten und modernen Landes, das mit seinen Nachbarn in Harmonie lebe.

Anschließend begaben sich LINA NIKOU (Hamburg) und GAL ENGELHARD (Haifa) auf die Spuren des jüdischen Erbes in Deutschland. In ihren Beiträgen untersuchten sie die Besuchsprogramme deutscher Städte für ihre im NS vertriebenen jüdischen EinwohnerInnen und deren Nachkommen. Nikou analysierte hierbei die Entwicklung der Besuche anhand der Städte München, West-Berlin und Hamburg. Die Initiierung und weitere Entwicklung der Programme, die Interaktion zwischen den Städten und ihren früheren Bürgern sowie die Erfahrungen der Besucher auf der Reise standen dabei im Vordergrund. Die Suche nach einer verlorenen Heimat und damit nach der eigenen Identität, so Nikou, spiele für alle Besucher eine wesentliche Rolle. Dabei sei diese Heimat nicht unbedingt an Deutschland als Land gebunden. Vielmehr hätten die Emigranten ihre Erinnerungen an die Stadt oder Region geknüpft, aus der sie stammten. Gal Engelhard konzentrierte sich in seinem Beitrag auf die Begegnungen der Gastgeber und Besucher in den Besuchsprogrammen der Städte Berlin, Halberstadt, Leipzig, Nürnberg und Rexingen und ihre Funktion als jüdisch-nichtjüdische Kontaktzone. Mittels interpretativer ethnographischer Forschungsmethoden analysierte Engelhard generationsübergreifend Lebensgeschichten jüdischer Besucher und nichtjüdischen Gastgeber – und die daraus resultierenden Narrative. Engelhard stellte fest, dass diese Narrative kulturelles Gedächtnis, Zeit, Raum und Identität vertraten, vermittelten und konstruierten. Die anschließende Debatte hob hervor, dass die Besuchsprogramme auf lokaler Ebene initiiert und ausgeführt worden seien und sich damit oftmals stark voneinander unterschieden. Als besonders herausragendes Beispiel für die Besuchspolitik wurde München genannt, das sich entgegen seiner sonst hinterherhinkenden Vergangenheitsbewältigungspolitik hierbei besonders früh und intensiv betätigt habe.

Nicht nur die deutschen Juden, sondern auch die italienischen sahen sich durch das verheerende Ausmaß des Holocaust veranlasst, neue Zentren des jüdischen Lebens zu etablieren und den kulturellen und religiösen Mittelpunkt nach Amerika und Israel zu verlagern. Gleichwohl blieben auch hier die Verbindungslinien zur alten Heimat bestehen. SHIRA KLEIN (Orange) beleuchtete die vielschichtigen Erfahrungswelten jüdisch-italienischer Flüchtlinge, die sich in den 1930er- und 1940er-Jahren zur Auswanderung in die USA veranlasst sahen. Sie schilderte, wie sich die optimistischen Erwartungen, welche die italienischen Emigranten an die Vereinigten Staaten als einen sicheren Hafen für alle Verfolgten Europas knüpften, rasch nach ihrer Ankunft zerschlagen hätten. Trotz ihrer jüdischen Identität seien sie dem Verdacht der Unterstützung und Spionage im Auftrage Mussolinis ausgesetzt gewesen. Das habe diese jedoch nicht davon abgehalten, sich als Soldaten, Propagandisten oder Geheimdienstler für den Sieg der USA einzusetzen. In der Diskussion ging Shira Klein der Frage nach, in welchem Maße sich das Verhältnis jüdischer Emigranten aus Italien und Deutschland zur Bevölkerung ihrer alten Heimat voneinander unterschied. Während die deutsche Bevölkerung von deutsch-jüdischen Emigranten fast ausnahmslos als Teil eines Unterstützerkollektivs des Nationalsozialismus betrachtet worden sei, hätten die italienischen Juden die überwiegende Mehrheit der Italiener von der Schuld freigesprochen.

Eine andere Form der Migration beschrieb ORI YEHUDAI (Chicago). Im Mittelpunkt seines Vortrags stand die konfliktreiche Emigration israelischer Staatsbürger über Deutschland und Europa als Transitkorridore in weitere Länder. Dabei verdeutlichte er, wie die Untersuchung von Emigration das Verständnis von Staatenbildungsprozessen erleichtern kann. Yehudai verwies darauf, dass der junge israelische Staat sowie die jüdischen Gemeinden in Europa den Auswanderern mit Unverständnis begegnet seien und das Verlassen Israels als antizionistischer Akt und Bedrohung für die neue jüdische Heimat bewertet hätten. Die Entscheidung Israel den Rücken zu kehren, habe dabei individuelle Gründe gehabt. Familienzusammenführung, sprachliche Schwierigkeiten, das Klima oder der Kriegsdienst in Israel seien nur einige davon. Wie Yehudai betonte, hätten sich diese oftmals ganz individuellen privaten Entscheidungen aufgrund ihrer Tragweite rasch in der öffentlichen Arena wiedergefunden. Die anschließende Debatte hob die Diskrepanz zwischen Restriktion von Emigrations- und gleichzeitig Immigrationsbewegungen in Israel hervor und veranschaulichte, wie Europa als „stepping stone“ auch nach dem Holocaust eine bedeutende Stellung für Juden behalten habe.

Auch JANNIS PANAGIOTIDIS befasste sich mit der israelischen Emigrationsbewegung der 1950er-Jahre. Wie Yehudai verwies er in seiner Untersuchung auf die konfliktreiche Emigration und Existenz deutscher Juden und ihrer in Israel geborenen Kinder in West-Deutschland. Während die israelische Öffentlichkeit den erwachsenen Emigranten unmoralischen Materialismus und unsolidarisches Verhalten vorgeworfen habe, sei den Kindern eine Opferrolle zugeschrieben worden. Als die eigentlich erste Generation von Israelis seien sie gegen ihren Willen in das „Land der Täter“ verschleppt und daran gehindert worden, ihren Beitrag am zionistischen Traum zu leisten. Dabei betonte Panagiotidis, dass auch in diesem Zusammenhang die Konflikte aus dem Kontext des israelischen Staatswerdungsprozesses heraus zu verstehen seien. Die Bindung der Kinder an Deutschland habe den zionistischen Bemühungen um die Festigung des israelischen Staates und der antideutschen Boykottstimmung widersprochen. Wie die Diskussion verdeutlichte, sei die Stärkung des jüdischen Lebens in Deutschland durch diese Migrationsbewegung jedoch nicht in ihrer Isolierung und Abtrennung von Israel gemündet. Vielmehr hätten die Debatten in der israelischen Öffentlichkeit zu einer intensiveren Beschäftigung zionistischer und israelischer Institutionen mit dieser neuen Diaspora-Generation geführt.

Der Beitrag von DANI KRANZ verlegte die Untersuchung der Migration jüdischer Israelis nach Deutschland auf den Zeitraum seit den 1990er-Jahren. Dabei standen das Ausmaß, die Motivation und die Ambivalenz der Migration im Zentrum. Kranz warf dabei verschiedene Fragen auf: Wie werden die Israelis in die deutsche Gesellschaft aufgenommen, wie verändert sich damit ihre jüdische Identität und Bindung an Israel, welche Identität bildet sich letztlich heraus? Die Diskussion ging auf die Besonderheiten israelisch-jüdischen Lebens in Deutschland im Schatten des Holocaust ein. Während für Emigranten aus Israel in den USA das „Jüdischsein“ eine identitätsstiftende Bedeutung einnehme, entwickle sich für Israelis in Deutschland das „Israelischsein“ zur konstituierenden Identität. Gleichzeitig bewahrten sie eine größere Distanz zu den jüdischen Gemeinden und nahmen in einem geringeren Maße am religiösen Leben teil.

Die zweitägige Konferenz zeigte die verflochtenen Beziehungen im Dreieck Israels, Deutschlands und den USA, die sich in Reflexionen zu Migrationsbewegungen und kulturellen Verbindungen nach dem Holocaust widerspiegelten. Die transnationale Perspektive ermöglichte es, den Blick auf die deutsch-jüdische Geschichte zu öffnen. Deutschlands ambivalente Rolle als Ort der Vernichtung, aber auch als Ort der Herkunft des deutschen Judentums nahm dabei in allen Beiträgen einen zentralen Raum ein. Die verschiedenen Beiträge mit ihren unterschiedlichen Forschungsinteressen machten die Dynamik der Entwicklungen der deutsch-jüdischen Geschichte sichtbar, und unterstrichen gleichzeitig die Komplexität der jüdischen Identität.

Konferenzübersicht:

Welcome Remarks
Hartmut Berghoff
Stefan Hördler
Michael Brenner
Miriam Rürup

Session 1: Cultural Relationships – Cultural Reflections
Chair: Sybille Steinbacher (Vienna)

Katrin Stoll (Warsaw): What about the German Obsession with Israel and “the Jews”? Tuvia Tenenbom’s Travelogue on Contemporary Germany

Patricia Pientka (Berlin): Berlin and Tel Aviv: Dynamic Relationships between the Spree and the Yarkon

Session 2: Inside and Outside Views on Israel
Chair: Pamela Nadell (AU)

Eva Maria Verst (Mainz): Pilgrimage after the Holocaust: Western German Christians in the “Holy Land” after the Second World War

Shaul Mitelpunkt (Chicago): “This is Not an Israeli Film, But an American One”: American Patronage and Film Production in 1960s Israel

Session 3: Visiting Places of Jewish Heritage
Chair: Richard Wetzell (GHI)

Lina Nikou (Hamburg): In Search of Home? Visits by Jewish Emigrants and their Descendants to their Former Hometowns in Germany

Gal Engelhard (Tel Aviv): An “In-Between” Heritage: Organized Visits for Former German Jews and Their Descendants to Their Cities of Origin

Session 4: Jewish Refugees
Chair: Lisa Leff (AU)

Shira Klein (Orange): Networks of Nostalgia: Italian and German Jewish Refugees in World War II America

Mary Kirsh (Madison/Arlington): The Great Experiment of the “Greatest Pioneers”: Youth Aliyah and the Confluence of American and German Social Work Traditions in Palestine / Israel

Session 5: Israelis Abroad
Chair: Dana Hercbergs (AU)

Jannis Panagiotidis (Berlin): “The First Israelis”: Yordim in 1950s West Germany

Dani Kranz (Erfurt): Israeli Jews in Contemporary Germany: Social Integration and the Construction of Group Identity

Ori Yehudai (Chicago): Between Israel and America: Germany as a Transit Station for Israeli Emigrants, 1949–1957

Lunch Talk: The Flight of the Nazis to America
Talk: Eric Lichtblau (New York/Washington)

Round Table: Michael Brenner, Stefan Hördler, Miriam Rürup

Final Comments and Concluding Discussion
Chair: Michael Brenner, Stefan Hördler, Miriam Rürup

Zitation
Tagungsbericht: Third Junior Scholars Conference in German-Jewish History. Germans and Americans in Israel: Israelis in Germany and the United States, 03.04.2013 – 04.04.2013 Washington, D.C., in: H-Soz-Kult, 06.12.2013, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4974>.