Die Reformierten in Schlesien. Vom 16. Jahrhundert bis zur Altpreußischen Union von 1817

Ort
Liegnitz/Legnica
Veranstalter
Prof. Dr. Joachim Bahlcke, Historische Kommission für Schlesien, Universität Stuttgart; Prof. Dr. Irene Dingel, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte Mainz
Datum
27.06.2013 - 30.06.2013
Von
Elzbieta Hajizadeh-Armaki, Universität Stuttgart

In den historischen Räumlichkeiten der 1708 gegründeten Ritterakademie in Liegnitz/Legnica, die heute an das Kupfermuseum der Stadt angegliedert ist, fand vom 27. bis 30. Juni 2013 eine internationale Tagung der Historischen Kommission für Schlesien und des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte Mainz zur Geschichte der schlesischen Reformierten vom 16. Jahrhundert bis zur Altpreußischen Union von 1817 statt. Als Veranstaltungsort einer Tagung, die sich mit den landeseigenen, sachlichen und zeitlichen Spezifika des schlesischen Reformiertentums beschäftigte, konnte die durch diese Glaubensrichtung maßgeblich geprägte Hauptstadt des ehemaligen Fürstentums Liegnitz-Brieg kaum besser geeignet sein.

Ziel der Tagung in Liegnitz war die Untersuchung der historischen Entwicklung und Kultur des schlesischen Reformiertentums zwischen dem 16. Jahrhundert und dem Anfang des 19. Jahrhunderts. Im Zentrum der drei Sektionen des Kolloquiums standen Theologie und kirchliches Leben, kulturelle Prägungen und überregionale Ausstrahlungen des reformierten Glaubens. Über die innerschlesischen Entwicklungen hinaus wurden auf der Tagung insbesondere auch die Außenbeziehungen der schlesischen Reformierten thematisiert, die sich aus Studienkontakten, dynastischen Beziehungen und Folgen eines seit der Reformation verdichtenden Wissens- und Ideentransfers ergaben. Am Beispiel reformierter Beziehungsnetzwerke zwischen Schlesien und Polen-Litauen, Preußen, westlichen Reichsterritorien und Frankreich konnten vielfältige Einflüsse und Wechselwirkungen konstatiert werden.

Die erste Sektion der Tagung war Theologie und kirchlichem Leben gewidmet und begann mit einem Vortrag von IRENE DINGEL (Mainz), die auf reformierte Charakteristika fürstlicher Leichenpredigten des 17. Jahrhunderts in Schlesien einging. Diese aus dem Luthertum hervorgegangene Literaturgattung sei im Calvinismus nur schwach vertreten gewesen, spiele aber dennoch eine wichtige Rolle bei Fragestellungen interdisziplinärer Art. Ausgehend von der Bedeutung evangelischer Leichenpredigten und der ihnen beigefügten Personalia beleuchtete der Beitrag den Aufbau und die thematische Ausrichtung der Predigten. Es wurde konstatiert, dass in den untersuchten Predigten keine Anhaltspunkte zum reformierten Glauben des schlesischen Adels zu finden waren und diese folglich nur begrenzt Aufschlüsse über die Konfession des Verstorbenen geben konnten.

Die Hofprediger der reformierten Piastenherzöge von Brieg und Liegnitz standen im Mittelpunkt des Vortrags von DIETRICH MEYER (Herrnhut). Der Vortrag nahm die Prediger unter den Piastenherzögen Johann Christian, Georg III. und Christian in den Blick und thematisierte die Herkunft der Geistlichen, die von ihnen ausgeübten Kirchenämter und ihre Tätigkeiten am Hof. Die Prediger hielten ihre Gottesdienste in der Schlosskirche in Brieg oder in der Schlosskapelle in Liegnitz. Aufgrund des Mangels an gebürtigen reformierten schlesischen Hofpredigern wurde etwa die Hälfte von ihnen aus reformierten Territorien im Reich angeworben, so aus Anhalt, Bremen oder aus Lissa, dem Sitz der Böhmischen Brüder in Großpolen.

Mit der Rolle des Calvinismus für die Herausbildung des Landesbewusstseins bei schlesischen Eliten setzte sich GABRIELA WAS (Breslau/Wroclaw) auseinander. Thematisiert wurde die Problematik der so genannten Zweiten Reformation als Forschungskategorie für die Konfessionsgeschichte Schlesiens bis zum Dreißigjährigen Krieg. Der Beitrag behandelte organisatorisch-kirchliche und sozial-politische Voraussetzungen, die die Hinwendung schlesischer Fürsten und Starosten zum reformierten Glauben begünstigten. Der zweite Teil des Vortrags befasste sich mit dem strukturellen Umbau der Territorialkirchen und der Reorganisation der Konsistorien von Liegnitz und Brieg. Die Pläne für ein Generalkonsistorium als gesamtschlesische Institution der Protestanten ließen sich nicht realisieren.

HANS-JÜRGEN BÖMELBURG (Gießen) wandte sich im Anschluss den Kontakten der schlesischen Reformierten zum preußisch-polnischen und litauischen Adel in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu. Im Fokus stand zunächst der aus Schlesien stammende irenisch gesinnte Geistliche Bartlomiej Bythner, der in Polen wirkte und als wichtige Kontaktperson schlesischer und kurpfälzischer Gelehrter fungierte. Im zweiten Teil wurden polnisch-schlesische Beziehungen im Bereich der späthumanistischen Elitenbildung exemplarisch für die akademischen Gymnasien Brieg und Beuthen untersucht. Verbindungen unter den reformierten Adelsgeschlechtern und Begegnungen mit polnisch-litauischen Reformierten wurden anhand der schlesischen Delegation zum Sejm Ende des Jahres 1620 beleuchtet. Der letzte Teil des Vortrags thematisierte Fluchtbewegungen und das Exil von Reformierten am Ende des Dreißgjährigen Krieges, Ereignisse, die zum langfristigen Aufbau von Netzwerken um Lissa und Kontakten zu den Städten im Königlichen Preußen führten.

Auf die Gelehrtenbeziehungen zwischen Schlesien und Frankreich bzw. den Schweizer Exilstädten im 16. und frühen 17. Jahrhundert ging MONA GARLOFF (Stuttgart) ein. Im Mittelpunkt des Vortrags standen die verwandtschaftlichen und gelehrten Kontakte der französischen Familie Hotman nach Schlesien. Am Beispiel des Rechtsgelehrten François Hotman und seines Sohnes Jean wurden die intensiven Kontakte zu schlesischen Gelehrten wie zu Crato von Krafftheim, den Brüdern Rehdiger oder Jakob Monau untersucht. Die Anfänge dieser Beziehungen lagen in den Bildungsreisen zahlreicher schlesischer Studenten begründet, die sie nach Bourges, Genf und Basel zum Studium der Rechtswissenschaften bei François Hotman führten. Die Referentin betonte das verbindende Element des reformierten Glaubens, das die Voraussetzung für den Aufbau dieser weitreichenden Gelehrtennetzwerke schuf.

Mit den zentralen Themen der Korrespondenz von Andreas Dudith (1533-1589) und mit der Entwicklung seines reformierten Netzwerks setzte sich im Anschluss LUKA ILIC (Mainz) auseinander. Zu Dudiths Kontakten gehörten Schweizer Theologen wie Theodor Beza aus Genf, Josias Simler und Johannes Wolf in Zürich, die Heidelberger Kontroverstheologen Girolamo Zanchi, Thomas Erastus und Zacharias Ursinus sowie Kryptocalvinisten in Wittenberg, Leipzig und Altdorf. Zum Kreis um Dudith zählte außerdem der gebürtige Breslauer Johannes Crato von Krafftheim und der reformierte Diplomat Hubert Languet. Der Vortrag konzentrierte sich auf Dudiths teilweise rekonstruierte Bibliothek und auf ausgewählte theologische Fragen des schriftlichen Austauschs während seiner Breslauer Zeit ab 1579.

Die Sektion „Innerschlesische Entwicklungen und überregionale Ausstrahlungen“ eröffnete HENNING P. JÜRGENS (Mainz), der sich innerprotestantischen Auseinandersetzungen im Spiegel von anticalvinistischen Traktaten zuwandte, die in Schlesien entstanden waren oder die Region thematisierten. Der Vortrag beleuchtete zunächst das europäische Umfeld der Debatten, um dann in einem zweiten Teil das Augenmerk auf die Druckschriften in Schlesien zu richten und die dort entstandene Flugschriftpublizistik in einen größeren Rahmen einzuordnen. Im Zeitraum vom Abschluss der Konkordienformel bis 1648 sind im europäischen Vergleich auffallend wenige schlesische Flugschriften zu finden, die sich mit zeittypischen kontroverstheologischen Fragen zwischen den protestantischen Kirchen polemisch auseinandersetzten. Anticalvinistische Streitschriften thematisierten beispielsweise die Absetzung des Hofpredigers Leonhard Krentzheim unter dem Vorwurf des Kryptocalvinismus oder die Konversion der Fürsten von Liegnitz und Brieg zum reformierten Bekenntnis.

Den wichtigsten Zäsuren in den Beziehungen der Brüder-Unität in Böhmen und Polen zu schlesischen Reformierten ging JIRÍ JUST (Kuttenberg/Kutná Hora) nach. Seit dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts ließen sich das gesteigerte Interesse der schlesischen Reformierten für die Brüder-Unität und die Intensivierung der Kontakte beobachten. Für die Brüder-Unität seien schlesische Bildungsinstitutionen besonders seit der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts attraktiv gewesen, vor allem das Gymnasium in Goldberg und das Gymnasium illustre in Beuthen an der Oder. Während des Dreißigjährigen Kriegs und in den 1650er Jahren entstanden Exilgemeinden der Unität in Schlesien. Brieg wurde zum wichtigsten Zufluchtsort zahlreicher Geistlicher der Unität.

Beziehungen schlesischer Reformierter in westliche Reichsterritorien standen im Mittelpunkt des Vortrags von TOBIAS SARX (Marburg). Humanistische Bildungsideale führten viele Söhne reformierter Familien auf Bildungsreisen und im Anschluss zu längeren Aufenthalten in den Westen. Der Referent thematisierte den kulturellen Austausch zwischen Schlesien und der Kurpfalz im Bereich der Dichtung und Literatur und hob dynastische Verbindungen der Liegnitz-Brieger-Piasten zu den Fürsten Anhalts, Brandenburgs und der Kurpfalz hervor. Unterstrichen wurde die Rolle des brandenburgischen Kurfürstensohns Johann Georg von Jägerndorf als Schlüsselfigur kurpfälzischer Bündnispolitik mit den evangelischen Fürsten Schlesiens. Der Heidelberger Hofprediger Abraham Scultetus wurde als Vertreter des politischen Calvinismus und als Bindeglied zwischen schlesischem und kurpfälzischem Reformiertentum hervorgehoben.

Der Beitrag von JOACHIM BAHLCKE (Stuttgart) beleuchtete das Verhältnis der Reformierten und Lutheraner in Schlesien am Anfang des 18. Jahrhunderts und untersuchte die Interessen auswärtiger Akteure, die sich für die im Oderland verbliebenen Reformierten einsetzten. Da die Lutheraner jegliche Verständigung mit den Reformierten ablehnten, war die Unterstützung durch auswärtige Fürsprecher eine Notwendigkeit. Im Zentrum des Vortrags standen Positionen und Argumentationsstrategien der einzelnen Akteure im Umfeld der Altranstädter Konvention von 1707. Die – letztlich gescheiterten – Bemühungen, die schlesischen Reformierten in den Religionsvertrag zu integrieren, wurden anhand der diplomatischen und publizistischen Aktivität der reformierten Höfe untersucht. Besonders aufschlussreich war hier die umfangreiche, von der Forschung weitgehend unbeachtete diplomatische Korrespondenz zu den drängenden kirchenpolitischen Fragen zwischen schlesischen und preußischen Akteuren.

Mit der preußischen Kirchenpolitik Anfang des 19. Jahrhunderts, insbesondere den Unionsprojekten Friedrichs Wilhelms III. und den Reaktionen der schlesischen Reformierten setzte sich im Anschluss ROLAND GEHRKE (Stuttgart) auseinander. Im Mittelpunkt standen zunächst die kirchlichen Verhältnisse und regionale Unterschiede in Schlesien. Bereits vor der Union von 1817 waren die schlesischen Reformierten rein quantitativ zu unbedeutend, um eine ausschlaggebende Rolle spielen zu können: Gemäß statistischen Angaben des Jahres 1797 lebten im Oderland 880.000 Lutheraner und nur 4.000 Reformierte. Bei der Vereinigung lutherischer und reformierter Gemeinden im Oderland blieben die Reformierten Verlierer. Der Referent untersuchte die Erwartungshaltungen der reformierten Minderheit Schlesiens hinsichtlich der Kirchenunion. Vereinzelte Gemeinden zeigten deutliche Distanz zur offiziellen Kirchenpolitik Friedrich Wilhelms III. Während die Breslauer Reformierten der Union erst 1830 beitraten, verweigerten andere schlesischen Gemeinden den Beitritt ganz und brachten so ihren Unmut über die Aufhebung der reformierten Inspektionsordnung von 1789 zum Ausdruck.

Die dritte Sektion zu Künsten und kulturellen Prägungen begann mit einem Beitrag von KLAUS GARBER (Osnabrück), der sich mit der Rolle des Calvinismus im literarischen Leben des späthumanistischen Schlesiens befasste. Der Referent machte auf den großen, von der Forschung bislang nur ungenügend berücksichtigten Reichtum der schlesischen Dichtung aufmerksam. Allein im Bereich der Gelegenheitsdichtung gebe es etwa 10.000 Texte schlesischer Provenienz, die in größeren Verbundprojekten analysiert werden müssten. Aufgrund eines fehlenden leicht verfügbaren Textcorpus sei es schwierig, verallgemeinerbare reformierte Prägemuster der schlesischen Dichtung herauszuarbeiten. Der Referent betonte, dass die literarische reformierte Praxis stets in Abhängigkeit von gelehrten Gruppenbildungen untersucht werden müsse. Exemplarisch wurde dies am Werk und an den Netzwerken des Breslauer Gelehrten Jakob Monau (1546-1603) nachvollzogen.

WOJCIECH MROZOWICZ (Breslau/Wroclaw) beschäftigte sich mit der Biographie des Breslauer Gelehrten Thomas Rhediger und legte hier einen besonderen Schwerpunkt auf die zahlreichen Reisen, die ihn zum Studium und weiteren längeren Aufenthalten ins Reich, in die Niederlanden, nach Frankreich und Italien führte. Der Referent machte auf das kryptocalvinistische Engagement Rhedigers aufmerksam und betonte seine starken humanistischen Interessen, die zu seiner umfangreichen Sammlung von Büchern und antiken Schriften beitrugen. Rhedigers testamentarische Veranlassung hinsichtlich seiner umfangreichen Gelehrtensammlung trug zur Gründung einer ersten öffentlichen Bibliothek in Breslau bei, die ein späterer Bestandteil der Breslauer Stadtbibliothek wurde. Ein großer Teil ihrer Bestände ist infolge des Zweiten Weltkriegs heute in der Universitätsbibliothek zu finden.

Das von den Lehren Melanchthons geprägte protestantische Schulwesen Schlesiens und die Bildungsbestrebungen der Herren von Schönaich standen im Mittelpunkt des Vortrags von ULRICH SCHMILEWSKI (Würzburg). Das 1602 in Beuthen an der Oder gegründete Schönaichianum wurde als bemerkenswerter Versuch eines reformierten Adelsgeschlechts charakterisiert, ein nicht-katholisches, nicht-lutherisches, teiluniversitäres Gymnasium zu gründen. Eine genauere Untersuchung erfuhr die in Anlehnung an die Schulgesetze von Valentin Trozendorf entwickelte Schulordnung. Das Schönaichianum wurde zunächst kontinuierlich ausgebaut, erlitt nach 1619 jedoch einen wirtschaftlichen Niedergang; die Rekatholisierung Beuthens 1628 bedeutete das Ende des Gymnasiums.

LUCYNA HARC (Breslau/Wroclaw) beschäftigte sich mit der Rolle der Reformierten in der Kirchengeschichtsschreibung in Schlesien während des 17. und 18. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt standen hier „Schlesiens curiose Denckwürdigkeiten“ von Friedrich Lucae und die „Protestantische Kirchen-Geschichte der Gemeinen in Schlesien“ von Johann Adam Hensel. Lucaes Arbeit ist verschiedenen Aspekten der Geschichte Schlesiens gewidmet und beschrieb dabei auch die Entwicklung der reformierten Kirche in der Region. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden zahlreiche Darstellungen, die den Beginn der Reformation und die Geschichte ausgewählter, hauptsächlich evangelischer Gemeinden in Schlesien thematisierten.

Mit ausgewählten Elementen des reformierten Kirchenbaus in Schlesien setzte sich JAN HARASIMOWICZ (Breslau/Wroclaw) auseinander. Die ersten reformierten Burg- und Schlosskapellen entstanden nach 1620 in Carolath, Breslau und Liegnitz. Außerhalb eines Burg- oder Schlossbezirks wurde die erste evangelisch-reformierte Hofkirche in Breslau nach 1743 errichtet. Der vermutlich nach dem Entwurf von Johann Boumann dem Älteren entstandene Bau wurde 1750 feierlich eingeweiht. Da die Inneneinrichtung der Hofkirche völlig bildlos war, unterschied sie sich von allen anderen evangelischen Kirchenräumen in Schlesien.

Im Anschluss untersuchte ALEKSANDRA ADAMCZYK (Breslau/Wroclaw) die kryptocalvinistische Lehre Leonhard Krentzheims über die Erlösung der totgeborenen Kinder. 1592 hielt er beim Begräbnis des totgeborenen Sohns des Fürsten von Liegnitz Friedrich IV. eine Predigt, in der er die Erlösung des Ungetauften verkündete. Die Referentin thematisierte die Frage, inwieweit die Ansichten des Autors zur Taufproblematik durch die Lehre Melanchthons geprägt wurden. An ausgewählten Beispielen schlesischer Grabmäler konnte die bildhafte Auseinandersetzung mit dem Erlösungsmotiv nachverfolgt werden.

Die Tagung bot ein facettenreiches Spektrum interdisziplinärer Beiträge zu einem bislang völlig unbearbeiteten Forschungsfeld. Chronologisch lag der Schwerpunkt aus nachvollziehbaren Gründen auf dem Zeitalter der Konfessionalisierung, ergänzend wurde auch der Zeitraum des 18. bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Blick genommen. Neben dem zeitgenössischen schlesischen Schrifttum, der Dichtung und gelehrten Briefwechseln wurden kulturhistorische Hinterlassenschaften wie Schulgebäude, Bibliotheken und Kirchen in die Untersuchungen mit einbezogen. Die Tagungsbeiträge zeigten, dass die Reformierten, obgleich sie eine zahlenmäßig kleine, räumlich zersplitterte Gruppierung in Schlesien waren, über drei Jahrhunderte religiös wie kulturell wichtige Einflüsse in der Region ausübten. Im Zentrum der Konferenz standen – aufgrund fehlender Quellenbelege zu anderen sozialen Milieus – bürgerliche und adlige Trägergruppen. Häufig agierten die in den Blick genommenen Akteure überkonfessionell, was eine direkte konfessionelle Zuordnung erschwerte. Im Rahmen der Tagung sollten auch konfessionelle „Labels“ in Frage gestellt werden, mit denen schlesische Protestanten von der Geschichtsschreibung als „Lutheraner“ oder „Reformierte“ etikettiert wurden. In verschiedenen Fällen konnten vermeintlich kryptocalvinistische Glaubenshaltungen als eine Spielart des Philippismus präzisiert werden. Neben kirchen- und theologiegeschichtlichen Fragen fanden in einem breiten Panorama politik-, kunst- und literaturgeschichtliche Aspekte im Rahmen der Tagung Berücksichtigung, auf deren Grundlage sich die historische Bedeutung der Reformierten in Schlesien ermessen ließ.

Die Beiträge der internationalen Tagung werden in der Stuttgarter Schriftenreihe „Neue Forschungen zur Schlesischen Geschichte“ dokumentiert werden.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung in das Thema der Tagung

Moderation: Herman Selderhuis (Apeldoorn)

Sektion 1: Theologie und kirchliches Leben

Irene Dingel (Mainz): Spuren reformierter Konfessionalität in fürstlichen Leichenpredigten

Dietrich Meyer (Herrnhut): Die Hofprediger der Piasten im 17. Jahrhundert

Gabriela Was (Breslau/Wroclaw): Calvinismus als Faktor für die Herausbildung von Landesbewusstsein bei den schlesischen Eliten im 16. und 17. Jahrhundert

Hans-Jürgen Bömelburg (Gießen): Die Kontakte der schlesischen Reformierten zum preußisch-polnischen und litauischen Adel in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts

Moderation: Kestutis Daugirdas (Mainz)

Mona Garloff (Stuttgart): Verwandtschaft, Konfession und Gelehrsamkeit im 16. Jahrhundert: Die Beziehungen der französischen Familie Hotman nach Schlesien

Luka Ilic (Mainz): Andreas Dudith und sein reformiertes Netzwerk in Breslau am Ende des 16. Jahrhunderts

Sektion 2: Innerschlesische Entwicklungen und überregionale Ausstrahlungen

Henning P. Jürgens (Mainz): Anticalvinistische Flugblätter und Traktate in und über Schlesien im 16. und 17. Jahrhundert

Jirí Just (Kuttenberg/Kutná Hora): Die Beziehungen der Brüder-Unität in Böhmen und Polen zu den schlesischen Reformierten in der Frühen Neuzeit

Moderation: Maciej Ptaszynski (Warschau/Warszawa)

Tobias Sarx (Marburg): Kontakte der schlesischen Reformierten um 1600 zu westlichen Reichsterritorien

Joachim Bahlcke (Stuttgart): Die Reformierten in Schlesien im Umfeld der Altranstädter Konvention von 1707

Roland Gehrke (Stuttgart): Die Haltung der schlesischen Reformierten zur Altpreußischen Union von 1817

Sektion 3: Künste und kulturelle Prägungen

Klaus Garber (Osnabrück): Calvinismus und literarisches Leben im frühneuzeitlichen Schlesien

Moderation: Roland Gehrke (Stuttgart)

Wojciech Mrozowicz (Breslau/Wroclaw): Humanismus und Kryptocalvinismus. Genese und Bedeutung der Bibliothek des Breslauer Gelehrten Thomas Rhediger (1540-1576)

Ulrich Schmilewski (Würzburg): Adel und reformierte Bildungsbestrebungen. Die Herren von Schönaich und das Beuthener Schönaichianum im 16. und 17. Jahrhundert

Lucyna Harc (Breslau/Wroclaw): Reformierte Kirchengeschichtsschreibung in Schlesien im 17. und 18. Jahrhundert

Jan Harasimowicz (Breslau/Wroclaw): Reformierter Kirchenbau im frühneuzeitlichen Schlesien

Aleksandra Adamczyk (Breslau/Wroclaw): Crypto-Calvinistic considerations of Leonhard Krentzheim on stillborn children and its influence on Silesian funeral culture in the end of the 16th and the beginning of the 17th century

Arno Herzig (Hamburg): Schlusskommentar

Zitation
Tagungsbericht: Die Reformierten in Schlesien. Vom 16. Jahrhundert bis zur Altpreußischen Union von 1817, 27.06.2013 – 30.06.2013 Liegnitz/Legnica, in: H-Soz-Kult, 22.08.2013, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4975>.