Transregionalität der Kult(ur)regionen Bayern – Böhmen – Schlesien zur Zeit der Gegenreformation

Ort
Tepl/Teplá, Tschechische Republik
Veranstalter
Institut für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte Regensburg
Datum
05.08.2013 - 08.08.2013
Von
Marco Bogade, Bamberg

Das Institut für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte (Regensburg) veranstaltete vom 5. bis 8. August 2013 im Prämonstratenserkloster Tepl/Teplá, Tschechische Republik, eine internationale Konferenz zum Thema „Transregionalität der Kult(ur)regionen Bayern – Böhmen – Schlesien zur Zeit der Gegenreformation“.

Die bayerisch-böhmisch-schlesische Transfer- und Kontaktregion ist nach den Prozessen der Konfessionalisierung geprägt von einer engen wechselseitigen Beziehung von Religion und Kunst. Die Zeit der Gegenreformation schlug sich als Periode der katholischen Dominanz in Abgrenzung zum Protestantismus in besonderer Weise in der Pflege und Etablierung von Heiligenkulten sowie in der spezifischen Kunstproduktion nieder, die in der Schaffung von Kirchenbauten und deren Ausstattungen ihren produktivsten Niederschlag fand. Die Konferenz verfolgte einen in Bezug auf die Regional-, Kirchen- und Kunstgeschichte komparatistischen Ansatz, der die Bereiche der Kult(ur)vermittlung auf verschiedenen Ebenen, sowie des Kunst- und Kulturtransfers berührte. Im Sinne der Netzwerkforschung waren die Motivationen und Motivatoren der Transfer- und Vermittlungsprozesse und ihre Impuls gebende Bedeutung für die Kunst- und Kulturgeschichte von Interesse.

Entsprechend der regionalen und inhaltlichen Ausrichtung des Instituts lag der Fokus der Konferenz auf dem Gebiet des gemeinsamen kulturellen Erbes von Tschechen, Polen und Deutschen. Die Themenschwerpunkte waren dabei „Heiligenkulte in der Barockzeit. Tradition und Innovation“, „Architektur und Kirchengeschichte. Die Zeit der Gegenreformation als Hochphase der Profan- und Sakralarchitektur“ und „Kulturtransfer und Künstlerwanderung in der zweiten Hälfte des 17. und ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts“.

Ausgehend von innerkirchlichen Reformimpulsen im 16. Jahrhundert vor allem aus Spanien und Italien, aber auch ausgehend von den Orden, betonte RAINER BENDEL (Tübingen) in seinem Impulsvortrag die Notwendigkeit eines regionalgeschichtlichen Ansatzes bei der Untersuchung des Phänomens, das als Gegenreformation oder katholische Reform bezeichnet wird und dessen regionale Charakteristika er am Beispiel von Bayern, Böhmen und Schlesien einführte.

Die erste Sektion der Tagung befasste sich mit Heiligenkulten in der Barockzeit im Spannungsfeld von Tradition und Innovation zur Zeit der Rekatholisierung. Die in ihrer Intensität oszillierende lokale Verehrung des seligen Hroznata (um 1160-1217) in Tepl/Teplá, dessen Kult 1887/98 bestätigt wurde, stellte PETR KUBÍN (Prag/Praha) in den Mittelpunkt seines Vortrags. Der seit dem späten Mittelalter tradierte Kult war dabei unabhängig von den „nationalen Vorzeichen“ in der Region und fand auch nach dem Dreißigjährigen Krieg eine Fortsetzung. JAN KILIÁN (Pilsen/Plzeň) ging auf die regionalen Spezifika bei der Rekatholisierung im Osterzgebirge ein, bei der das Kloster Osegg/Osek und die dazugehörige Wallfahrtskirche Maria Ratschitz/Mariánské Radčice bzw. die Stadt Graupen/Krukpa mit der Wallfahrtkirche Mariaschein als Orte der Marienverehrung eine zentrale Rolle spielten. Wie MAŁGORZATA WYRZYKOWSKA (Breslau/Wrocław) in ihrem Beitrag darlegte, wurden von Leopold I., Joseph I. und Karl IV. die Kulte der heiligen Leopold, Joseph und Karl Borromäus mit Hinblick auf die Sakralisierung einer Staatsideologie gefördert bzw. etabliert und fanden Eingang in die habsburgische „Staatsikonografie“.

Zu Beginn der zweiten Sektion „Architektur und Kirchengeschichte. Die Zeit der Gegenreformation als Hochphase der Profan- und Sakralarchitektur“ erläuterte AURELIA ZDUŃCZYK (Breslau/Wrocław) die differenzierte ikonografische Disposition von Mariensäulen in Schlesien, die als ein transregionales Medium der „katholischen Bewusstseinsbildung“ im habsburgischen Reich den öffentlichen Raum prägten. MADLEINE SKARDA (Zürich) stellt die „Memoria“ als wesentliches Moment der Kontinuität des Klosters Sedletz/Sedlec heraus, die wohl auch maßgeblich die Verwendung der „Neogotik“ Johann Blasius Santini-Aichls im beginnenden 18. Jahrhundert beim Wiederaufbau der Klosterkirche Mariä Himmelfahrt erkläre. Am Beispiel der böhmischen Wandpfeilerhallen zeigte DANIELA ŠTĚRBOVÁ (Prag/Praha) zentrale Gestaltungsmotive, die Einfluss auf die Entwicklung dieses Gebäudetyps hatten, der auch nach Bayern „exportiert“ wurde.

Die dritte Sektion fokussierte sich schließlich auf die Ikonografie und bildende Kunst in der zweiten Hälfte des 17. und ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die JULIA FISCHER (Freiburg) mit der Inszenierung der Ecclesia als bedeutendes ikonografisches Thema in der Freskenmalerei von Cosmas Damian Asam (1686-1739) in Weingarten, Weltenburg, Fürstenfeld und Wahlstatt/Legnickie Pole eröffnete. DÖRTE WETZLER (Berlin) verglich die Präsentation barocker Gnadenbilder am Beispiel des Prager Loreto und der Wieskirche bei Steingaden. Gleichsam ein Historismus sei die ikonografische „Apotheose“ Marias in den Himmel der böhmischen Landespatrone, erläuterte wie JAN ROYT (Prag/Praha) am Beispiel des so genannten Altbunzlauer Palladiums.

Im Rahmen der Infobörse stellten MARIO FEUERBACH (Eltville) seine bauhistorische Untersuchung zum Kloster Osegg/Osek und die Wallfahrtskirche Maria Ratschitz/Mariánské Radčice, MATTHIAS DONATH (Dresden) sein Forschungsprojekt zu den Grenz- und Zufluchtskirchen in Schlesien, KATHARINA MANN (Köln) ihr Dissertationsprojekt zur Personifikation der Polonia als Erinnerungsort in der polnischen Malerei des 19. Jahrhunderts und MARIA ROTTLER (Regensburg) den von ihr betreuten interdisziplinären Blog zur Ordensgeschichte[1] vor.

Eine von MARCO BOGADE (Oldenburg/Bamberg) geleitete Tagesexkursion führte zu ausgewählten Sakral- und Profanbauten in Westböhmen, die durch ihre Architektur und/oder ihre Ausstattung die Transregionalität von stilistischen bzw. ikonografischen Ideen, respektive zentrale, transregionale Aspekte des Kunst- und Kulturtransfers und deren Akteure auch mit Bezug zum Tagungsort Tepl/Teplá verdeutlichten. Bereits im hohen Mittelalter gelangte die Stadt Neumarkt/Úterý in den Besitz des Prämonstratenserklosters Tepl/Teplá und verblieb dort bis 1848. Die zum Ende des 17. Jahrhunderts durch Johann Dientzenhofer (1663-1726) umgebaute Kirche Johannes des Täufers, die Mariensäule auf dem Marktplatz und die Kirche St. Wenzel oberhalb der Stadt bilden das barocke Bauensemble des Ortes. Die barocke Umgestaltung der Stadt Manetin/Manětín ging maßgeblich von den Grafen Lažanský aus, die sowohl regionale Baumeister (Johann Blasius Santini-Aichel) als auch Baufachkräfte aus Tirol (Thomas Hafenecker, Johann Georg Hess) rekrutierten. Für die bildhauerische Ausstattung waren vor allem Štěpán Borovec (1672-1719) und Josef Herscher (1688-1756) zuständig; als Maler wirkten Peter Johann Brandl (1668-1735) und Christian Philipp Bentum (ca. 1690-1757), ein niederländischer Barockmaler, der ab 1712 in Böhmen und ab etwa 1731/32 in Schlesien tätig war. Die ehemalige Zisterzienserabtei Plaß/Plasy und die dazugehörige ehemalige Propstei und Wallfahrtskirche Maria Teinitz/Mariánská Týnice (mit ihrer regionaltypischen Ambitenanlage) sind geprägt von der Bautätigkeit Jean Baptiste Matheys (1630-1695) sowie Santini-Aichels (1677-1723); als Freskant war unter anderem Josef Kramolín (1730-1802) tätig. Santini-Aichel war auch für den Umbau der Klosterkirche im ehemaligen Benediktinerkloster Kladrau/Kladruby in den Formen der so genannten böhmischen „Barockgotik“ zuständig, die auch die Brüder Cosmas Damian (1686-1739) und Egid Quirin Asam (1692-1750) ausstatteten. Der Skulpturenschmuck entstand im Umkreis von Matthias Bernhard Braun und Karel Legát. Im Anschluss an das so genannte Alte Konventsgebäude im Süden der Kirche entstand von 1729-1739 das Neue Konventsgebäude als Vierfügelanlage nach einem Entwurf von Kilian Ignaz Dientzenhofer (1669-1751).

Die Konferenz, die die Notwendigkeit der „Transregionalität“ auf historiografischer Ebene für die ausgewogenen Bewertung von künstlerischen und kulturellen Phänomenen belegte, bot ein breites Spektrum neuer Fragstellungen und aktueller Forschungen zu einem vermeintlich „altbekannten“ Thema in den historischen bzw. kunsthistorischen Disziplinen im Spannungsfeld von regionaler Sonderentwicklung und Phänomenen des Kunst- und Kulturtransfers. Eine Publikation in der Schriftenreihe des Instituts für ostdeutsche Kultur- und Kirchengeschichte ist geplant.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Darlegung der Institutsarbeit durch den 1. Vorsitzenden des Instituts
Paul Mai (Regensburg)

Einführung in die Tagung
Marco Bogade (Oldenburg)

Die Gegenreformation in Bayern – Böhmen – Schlesien. Vergleichende Grundstrukturen und Abläufe
Rainer Bendel (Tübingen)

Heiligenkulte in der Barockzeit – Tradition und Innovation

Petr Kubin (Prag/Praha):
Sel. Hroznata, Patron von Tepl/Teplá

Jan Kilián (Pilsen/Plzeň):
Von Luther zur Mutter Gottes. Religionswandel, Heiligenkulte und Wunder im Osterzgebirge im 17. Jahrhundert

Małgorzata Wyrzykowska (Breslau/Wrocław):
The cult of saints of the House of Habsburg in Silesian Baroque art – on selected examples

Die Zeit der Gegenreformation als Hochphase der Profan- und Sakralarchitektur

Madleine Skarda (Zürich):
Phoenix Bohemiae. Die memoriale Funktion der gottischen Architektur Jan Blažej Santini-Aichels in der Klosterkirche von Sedlec

Daniela Štěrbová (Prag/Praha):
„Joch für Joch“ – der Weg zur böhmischen Wandpfeilerhalle

Aurelia Zduńczyk (Breslau/Wrocław):
Schlesische Mariensäulen als Zeugnis der Zeit der Gegenreformation und der transregionalen Verbreitung eines Typus sakraler Freilichtdenkmäler

Ikonografie und BILDENDE KUNST in der zweiten Hälfte des 17. und ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts

Julia Fischer (Freiburg):
Barocke Bildprogramme als Ausdruck des katholischen Selbstverständnisses am Beispiel der Fresken Cosmas Damian Asams (1686-1739)

Dörte Wetzler (Berlin):
Medium versus Agens. Zur Inszenierung von Gnadenbildern in barocken Wallfahrtskirchen Süddeutschlands und in Böhmen und Mähren

Film: Häuser des Herrn. Kirchengeschichte aus Niederschlesien (Deutschland 2010, Regie: Ute Badura)

Ganztägige Exkursion
Manetin/Manětín (Barockschloss, Barbarakirche, Dreifaltigkeitssäule),
Maria Teinitz/Mariánská Týnice (ehem. Propstei der Zisterzienserabtei Plaß/Plasy,
barocke Wallfahrtskirche, Propsteigebäude),
Kloster Plaß/Plasy (ehem. Zisterzienserabtei, Kirche Maria Himmelfahrt,
Prälatur, Konventbau, Bernhardikapelle),
Kloster Kladrau/Kladruby (ehem. Benediktinerkloster, Klosterkirche)

Zur Ikonografie der böhmischen Landespatrone
Jan Royt (Prag/Praha)

Infobörse

Mario Feuerbach (Eltville):
Kloster Osegg/Osek und die Wallfahrtskirche Maria Ratschitz / Mariánské Radčice

Matthias Donath (Dresden):
Grenz- und Zufluchtskirchen in Schlesien

Katharina Mann (Köln):
Polonia – eine Nationalallegorie als Erinnerungsort in der polnischen Malerei des 19. Jahrhunderts

Maria Rottler (Regensburg):
Der Blog <http://ordensgeschichte.hypotheses.org>

Anmerkung:
[1] <http://ordensgeschichte.hypotheses.org> (28.08.2013).

Zitation
Tagungsbericht: Transregionalität der Kult(ur)regionen Bayern – Böhmen – Schlesien zur Zeit der Gegenreformation, 05.08.2013 – 08.08.2013 Tepl/Teplá, Tschechische Republik, in: H-Soz-Kult, 23.09.2013, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5036>.