In der Residenzstadt: Funktionen, Medien, Formen bürgerlicher und höfischer Repräsentation

Ort
Neuenstein
Veranstalter
Projekt „Residenzstädte im Alten Reich (1300–1800)“; Kurt Andermann, Hohenlohe-Zentralarchiv zu Neuenstein
Datum
20.09.2013 - 22.09.2013
Von
Manuel Becker, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Projekt „Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)“ c/o Arbeitsstelle Kiel, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Das 1. Atelier des Projektes „Residenzstädte im Alten Reich (1300–1800)“, veranstaltet in Zusammenarbeit mit Kurt Andermann, dem Leiter des Hohenlohe-Zentralarchivs zu Neuenstein, stand ganz im Zeichen des neuen Forschungsprogramms, das nun „Funktionen, Medien, Formen bürgerlicher und höfischer Repräsentation“ in den Blick nahm, um das Wechselspiel von Kooperation, Konfrontation und Koexistenz im räumlichen Nebeneinander von Hof und Stadt zu beobachten. Die zentrale Frage galt dem Ausdruck städtischen und höfischen Selbstverständnisses im Raum der Stadt und der gegenseitigen Wahrnehmung, Beeinflussung und Abgrenzung.

Eröffnet wurde die Tagung in der Stadthalle der einstigen Hohenloher Residenzstadt Neuenstein nach Grußworten von Sabine Eckert-Viereckel, Bürgermeisterin der Stadt, Robert Kretschmar, Präsident des Landesarchivs Baden-Württemberg, und Werner Paravicini, Kommissionsvorsitzender des Projekts, mit einem öffentlichen Vortrag von KURT ANDERMANN (Freiburg / Karlsruhe). Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stand die Ausbildung des höfisch-städtischen Beziehungsgefüges in den hohenlohischen Herrschaften. Das Thema, getragen von Andermanns Leidenschaft und Begeisterung für die Geschichte dieser Landschaft, unterstrich am Beispiel der Hohenlohe-Region den Forschungsansatz des neuen Projekts. Denn diese Region war geprägt durch ihre zahlreichen kleinen Residenzorte, die Ausweitung und Intensivierung von Herrschaft und deren Verstetigung in Folge der genealogisch-dynastischen Entwicklung in den hohenlohischen Territorien. Dynastische Zufälle und Erbteilungen beförderten die herrschaftliche Durchdringung des Raumes und fanden ihren Ausdruck im fürstlichen Repräsentationswillen. Zwar war die topographisch-naturräumliche Lage für den residenzstädtischen Ausbau und den Zugang zu den wichtigen Verkehrswegen oft problematisch, doch führten die Hofhaltungen der Hohenloher zur wirtschaftlichen und kulturellen Aufwertung der Lande, höfische Nachfrage begründete verschiedene städtisch-bürgerliche Wirtschaftszweige. Andermann demonstrierte am Beispiel der hohenlohischen Territorien, wie das auch räumlich enge Verhältnis von Herrschaft und Gemeinde in Bartenstein, Kirchberg, Langenburg, Neuenstein, Öhringen, Pfedelbach, Waldenburg oder Weikersheim die Prosperität der hohenlohischen Residenzlandschaft beförderte.

Der wissenschaftliche Teil der Tagung begann im Schloss zu Neuenstein in den Räumen des Hohenlohe-Zentralarchivs mit einem einleitenden Vortrag von WERNER PARAVICINI (Kiel). Paravicini skizzierte in Form eines Fragenkatalogs die inhaltlichen Aufgaben sowohl der einzelnen Sektionen der Tagung als auch der zukünftigen Forschungsbemühungen des Projekts. Zunächst sei die Stadt als Repräsentationsraum in den Blick zu nehmen: wo und wie trafen Hof und Stadt, Herrschaft und Gemeinschaft, Herr und Gemeinde aufeinander? Wie beeinflussten sich die beiden Sphären gegenseitig in räumlich-architektonischer oder zeichenhaft-bildlicher Weise? Welche Auswirkungen hatte ein Wandel der Repräsentation auf das Erscheinungsbild der Stadt? Grundlegend sei in diesem Zusammenhang die Frage nach möglichen Konflikten, aber auch nach den Formen und Chancen der Zusammenarbeit. Vermehrt rücke dadurch auch die Frage nach den signifikanten Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen weltlichen und geistlichen Residenzstädten ins Zentrum der Beobachtung. Die Perspektive des Raumes lenke den Blick auf die städtischen und höfischen Repräsentationsmedien, also die mannigfachen symbolisch-kommunikativen Formen und Zeichen vormoderner Gesellschaften. Schließlich gelte es, nach den unterschiedlichen sozialen Erscheinungen und der Struktur der städtisch-höfischen Interaktionen innerhalb des spezifisch-städtischen Typs Residenzstadt zu fragen sowie nach der Anziehungskraft dieser Städte und der Bedeutung für das städtische Umland.

Die Stadt als Repräsentationsraum

SASCHA KÖHL (Mainz) widmete sich zum Auftakt der ersten, von dem Kunsthistoriker Stephan Hoppe (München) moderierten Sektion den „Idealresidenzen en miniature?“ und untersuchte exemplarisch „kleinstädtische Herrschaftszentren in den Niederlanden um 1500“. Im Blickfeld standen die Residenzstädte Vianen und Culemborg, vor allem aber Veere und Hoogstraten. Köhl verwies darauf, dass bei dem Prozess der Residenzwerdung die Kleinstädte deutlich mehr räumliche und bauliche Gestaltungsmöglichkeiten besaßen als die beträchtlich größeren Städte des Reiches, wo die herrschaftlich-höfischen Bauvorhaben mitunter in einem bereits bürgerlich dominierten Raum umgesetzt werden mussten. So konstatierte er, dass diese kleinen Städte schon innerhalb weniger Jahrzehnte architektonisch-bildlich durch den Bau von Schlössern, Kirchen und Ratshäusern umgestaltet waren. Mit der Umformung dieser herrschaftlich abhängigen Städte sollten nicht nur administrative Zentren geschaffen werden, vielmehr sollten damit auch die jeweiligen Herrschaftsansprüche zwischen konkurrierenden Adelsgeschlechtern formuliert und durch repräsentativ-herrschaftliche Gestaltung unterstrichen werden.

CHRISTOF PAULUS (Seehausen am Staffelsee) beschäftigte sich in seinem Beitrag „Vnnser statt. Herzogsstadt und städtischer Hof im spätmittelalterlichen München“ mit dem Verhältnis zwischen dem sog. „Alten Hof“ und der Residenzstadt. Grundlage seiner Betrachtung waren die Ämterrechnungen des Hofes, die besonderen Aufschluss sowohl über die Kosten herrschaftlicher Baumaßnahmen bieten als auch über das städtisch-höfische Beziehungsgeflecht, welches sich aus der Versorgung des Hofes und aus dem repräsentativen Wirken der „Münchener Hofkultur“ ergab. Gerade die personelle Verflechtung (Anstellung stadtbürgerlicher Handwerker, Boten, Bediensteter usw. in höfischen Diensten) bildete den kommunikativen Nährboden für einen „baulichen Dialog“, der oftmals konfliktmindernd wirkte, sobald höfisches auf bürgerliches Repräsentationsstreben traf. Paulus wies darauf hin, dass die enge und dynamische Wirtschaftsbeziehung zwischen dem Münchner Hof und der Bürgerschaft, die vor allem auf Kooperation ausgerichtet war, in dieser Weise auch auf die höfische und städtische Repräsentation Einfluss hatte. In der anschließenden Diskussion wurde angesichts der vornehmlich höfischen Überlieferung nach der Gegenbetrachtung aus städtischer Sicht gefragt, doch war diesem Perspektivwechsel aufgrund der schlechten Überlieferungslage kaum nachzugehen.

Auch THOMAS MARTIN (Riegelsberg) behandelte in seinem Vortrag zur Residenzstadt Saarbrücken die in herrschaftlichen Bauten sichtbaren Wandlungsprozesse. Er wies darauf hin, dass mit dem Wechsel der Herrschaftszugehörigkeit in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Stadtbild Saarbrückens gemäß den Vorstellungen des neuen Stadtherrn nach französischem Vorbild systematisch umgeformt wurde. Eine wesentliche Besonderheit war allerdings, dass herrschaftliche Bauten nicht abseits der Stadt errichtet wurden, sondern innerhalb des Stadtkerns. Dies führte zu einer Vermengung herrschaftlicher und städtischer Präsenz an den zentralen Orten der Stadt. Zwar wurde bei der Planung der Residenzstadt etwa dem Rathaus gegenüber dem Schloss repräsentativ eine deutlich untergeordnete Bedeutung zugewiesen, doch konnte Martin am Beispiel eines höfischen Festes im Saarbrücker Schlossgarten, wo der Fürst die geladene Bürgerschaft bewirtete, zeigen, dass auch hier eher ein symbiotisches als ein konfrontatives Verhältnis überwog. In der Diskussion wurden Zweifel darüber geäußert, ob bei der Neuplanung der Stadt tatsächlich ein rein französischer Bezug dominierte oder ob nicht doch auch Einflüsse aus dem Reich festzustellen seien. Martin konnte jedoch die architektonisch-bildlichen Bezüge zu Frankreich mithilfe der überlieferten Aufzeichnungen des Hofbaumeisters Friedrich Joachim Stengel bekräftigen.

Aus der Perspektive geistlicher Fürsten stellte CHRISTIAN KATSCHMANOWSKI (Mainz) in seinem Referat „Die Stadt als fürstliche Projektionsfläche? Die Organisation des bürgerlichen und höfischen Bauwesens im frühneuzeitlichen Mainz“ die städtischen und höfischen Praktiken im Umgang mit räumlich begrenzten Ressourcen in einer großen Fürstenresidenz dar. In seiner Untersuchung wurde für den Zeitraum vom 17. bis zum 18. Jahrhundert deutlich, dass sich aufgrund der räumlichen Enge und der hohen Bevölkerungsdichte weder beim Fürsten noch bei der Mainzer Stadtkommune ein konkurrierendes Streben nach repräsentativem Anspruch und Ausdruck manifestierte. Vielmehr waren die baulichen Vorhaben des Fürstbischofs inmitten der Stadt in erster Linie pragmatisch motiviert und von der städtischen Gemeinde im kooperativen Sinne auch legitimiert. Oftmals versuchten beide Seiten mit Hilfe von Bauämterordnungen, den städtischen Raum von offenkundigen Repräsentationsbestrebungen seitens des Stadtadels oder des Klerus freizuhalten.

In einem nur von einem einzigen, aber wesentlichen Bautyp begrenzteren Kontext beleuchtete HEIKO LASS (Hannover) unter dem Titel „Der Hof in der Stadt – die frühneuzeitliche Umnutzung und Neuausstattung von Stadtkirchen zu Hofkirchen sowie die Neuerrichtung von Hofkirchen im residenzstädtischen Kontext“ das Aufeinandertreffen von Hof und Stadt in der Stadtkirche. Das Ausgreifen des Hofes in den städtisch dominierten Raum der Stadtkirche in der Frühen Neuzeit charakterisierte Lass als Betreten einer neuen und zugleich fremden Repräsentationsfläche, auf der der Hof gegenüber der stadtbürgerlichen Gesellschaft vor allem als Konkurrent erschien. Die städtisch-höfische Begegnung in der Stadtkirche sollte deshalb möglichst wenige Berührungspunkte aufweisen. Im Einzelnen zeigten sich die beiderseitigen Abgrenzungsbestrebungen in der Sitzordnung sowie in der Anlage der Grablegen einerseits, aber auch in der entsprechenden Neuausstattung von Kirchen und der Gestaltung der Zugänge andererseits. Für den Hof war der repräsentative Wettstreit mit der Stadt, der indes nicht auf Konfrontation ausgerichtet war, ein beförderndes Motiv beim Wandel der Stadt- zur Hofkirche.

Städtische und höfische Repräsentationsmedien

Die zweite Sektion der Tagung, moderiert von dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Adam (Osnabrück), eröffnete CHRISTIAN HAGEN (Kiel) mit dem Vortrag „Vom Stadttor zum Wappenturm. Über Gestaltung, Funktion und Wahrnehmung eines repräsentativen Bauwerks in der Residenzstadt Innsbruck“. Im Zentrum der Deutung standen die künstlerisch-ästhetischen Ausdrucksformen sowie die funktionalen Aspekte des Innsbrucker Wappenturmes, gekennzeichnet durch verschiedene, wirkungsvolle Charakteristika. Das Bauwerk, das sich nahe der Hofanlage befand und von den habsburgischen Herrschern im Laufe des 15. Jahrhunderts vereinnahmt wurde, war mit mehr als fünfzig Wappenschilden geschmückt und mit einer Balkonebene ausgestattet, die die Krone des Turms repräsentierte. Die genealogisch-heraldischen Darstellungen sollten auf die Herrschaftsansprüche des Stadtherrn verweisen und bei Festzügen oder Feierlichkeiten adlige wie stadtbürgerliche Teilnehmer beeindrucken. In Anlehnung an das Motiv der herrschaftlichen Repräsentation stellte Hagen die symbolische Bedeutung des Wappenturms und seine Verzierungen in Analogie zu der ikonographischen Darstellung des Turmes Davids, die sich vornehmlich an das gebildete höfische Publikum wandte.

Die Sektion beschließend, beschäftigte sich INES ELSNER (Berlin) mit den symbolisch-kommunikativen Handlungen zwischen einem Stadtherrn und seiner Gemeinde am Beispiel der in der Celler Silberkammer verwahrten Huldigungssilbers der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg. Grundlage ihrer Überlegungen bildeten die silbervergoldeten Huldigungspräsente Lüneburgs für die Herzöge. Mit Blick auf die schenkenden Stadtbürger und die beschenkten welfischen Herrscher schilderte Elsner die bei der Betrachtung der Jahre 1634, 1640, 1649 und 1666 signifikanten Veränderungen in den formalen Abläufen der rituell-performativen Huldigungsakte. Zeigte sich in den ersten beiden Jahren der Huldigungsfeierlichkeiten noch politisches Entgegenkommen der Stadtbürgerschaft gegenüber dem Landesherrn, so war die Huldigungszeremonie in den folgenden Jahren geprägt von der Abhängigkeit der Stadt vom Herrn, intensiviert durch die zeremonielle Einbindung des herzoglichen Militärs.

Soziale Gruppen in der Stadt

In der dritten, von dem Historiker Olaf Mörke (Kiel) moderierten Sektion behandelte zunächst JEAN-DOMINIQUE DELLE LUCHE (Paris) „Schützenfeste und Schützengesellschaften in den Residenzstädten (15. –16. Jahrhundert)“ und stellte die Frage, ob diese Feste ein bürgerliches oder ein höfisches Phänomen waren. Delle Luche konzentrierte seine Beobachtungen exemplarisch auf die Städte Würzburg, Ansbach und Stuttgart und untersuchte sein Thema unter verschiedenen Gesichtspunkten. Für die Konstituierung einer Schützengesellschaft oder eines Schützenfestes waren etwa die Größe und die Bedeutung der jeweiligen Stadt, aber auch das Verhältnis zwischen Herrschaft und Gemeinde sowie der überregionale Austausch von Belang. Am Beispiel Würzburg zeigte Delle Luche, wie diese Veranstaltungen die regionale wie überregionale Verflechtung von Städten und damit auch die stadtbürgerliche Kultur beeinflussten. Gleichzeitig standen diese bürgerlich geprägten Schützenfeste oftmals herrschaftlich reglementierenden Institutionen gegenüber, die gerade in Würzburg nach dem Bauernkrieg in diesen Festen kommunikative Orte der Konspiration und des Aufstands vermuteten. Im Fall der Markgrafen von Ansbach waren die Schützenfeste allerdings eine höfische Erscheinung, die im Laufe des 15. Jahrhunderts sowohl die Nebenresidenzen als auch die umliegenden Reichsstädte erfasste. In Stuttgart zeigte sich ein beiderseitiges Befördern dieser Veranstaltungen, das zum Teil aber durch verschiedene Motive geprägt war. Denn entgegen der traditionellen Vorstellung der stadtbürgerlichen Gemeinde, Schützenfeste ohne „Ordonnanzwaffen“ zu veranstalten, betrachtete der Herzog die Schützenveranstaltungen auch als ein Mittel zur Rekrutierung für sein Landesheer und organisierte teilweise im Geheimen eigene Veranstaltungen. Delle Luche hob abschließend hervor, dass Schützenfeste die gegenseitigen Beziehungen bekräftigen sollten.

JULIA BRENNEISEN (Kiel) schließlich beschäftigte sich mit der Residenzstadt Schwerin im 18. Jahrhundert und fragte am Beispiel des Verhältnisses von „Herzog und städtischem Rat zwischen Konflikt und Konsens im Umgang mit Armut“ nach dem Zusammenspiel beider in der Neuordnung des Armenwesens. Ausgangspunkte der Ausführungen waren die unzureichende Versorgung armer Menschen und die gegensätzlichen Fürsorgestrategien der Landesherrschaft einerseits und des städtischen Rats andererseits. Obgleich grundsätzlich Konsens darüber bestand, der Armut in Stadt und Umland entgegen zu wirken, scheiterte ein gemeinsames Vorgehen an der Frage der Finanzierung eines Armen-, Werk- und Waisenhauses. Erst mit dem Tod Herzog Friedrichs des Frommen und der Durchführung des von ihm initiierten Bauvorhabens durch dessen Nachfolger Friedrich Franz konnte der langjährige Dissens zwischen beiden Parteien gelöst werden. Entscheidend war, dass Friedrich Franz die für die Errichtung einer Standsäule zu Ehren Friedrichs vorhandenen Mittel durch Aufgabe dieses Plans in eine gemeinsame Stiftung der Stände für den Bau des Armenhauses überführte. Mit der Errichtung eines Armen- und Waisenhauses konnte somit nicht nur landesherrliches Interesse durchgesetzt, sondern auch die Stadt zur Mitfinanzierung verpflichtet werden. Friedrich Franz war es gelungen, in nicht nur symbolischer Weise seine Verdienste für die Gemeinde zu unterstreichen, sondern auch einen alten Konflikt beizulegen. Brenneisen konnte zudem zeigen, dass der Herzog die Errichtung dieser Einrichtung geschickt als Medium der Repräsentation höfischer Macht genutzt hat.

In seiner Zusammenfassung formulierte Werner Paravicini vier wesentliche Gesichtspunkte: Die höfische Welt habe sich in der Stadt ein architektonisch-bildliches Spiegelbild geschaffen, analog habe sich ein bürgerliches Selbstverständnis formiert, das sich beispielsweise in Schützenfesten oder im Bau von Rathäusern äußerte. Eine Residenzstadt war aber mehr als nur ein Ort der materiellen Repräsentation mit Herrschersitz, Kirchen, Stadttoren und Waisenhäusern. Huldigungsakte oder die Bewirtung der Bürger durch den Herrscher haben den städtischen Raum auch in Form symbolisch-interaktiver Handlungen besetzt. Dass vornehmlich das Nebeneinander von Hof und Stadt, weniger das Kooperative oder Konfrontative hervorgehoben wurde, verwies allerdings auf verschiedene Probleme und Desiderate. So fehlte es zum Beispiel an einer dezidierteren Beobachtung der verschiedenen residenzstädtischen Akteursgruppen (Fürst, Rat, städtisch-höfische Eliten, Zünfte, Rolle der Vermittler etc.) sowie an Einblicken in ihre Aktionsradien und Handlungsspielräume im Kampf um Herrschaftsansprüche und Autonomien. Auch sei das Inventar der Medien nur angeklungen. Künftige Bemühungen sollten sich zudem auch dem Verhältnis zwischen großer und kleiner Residenzstadt sowie den Beziehungen zu den Reichsstädten widmen. Die Tagungsbeiträge werden als erster Band der neuen Reihe „Residenzenforschung. NF: Stadt und Hof“ publiziert.

Konferenzübersicht:

Kurt Andermann (Freiburg/Karlsruhe), Viele Herren – viele Schlösser. Residenzstädte im Hohenlohischen.

Werner Paravicini (Kiel), Einführung.

Sektion I: Die Stadt als Repräsentationsraum

Sascha Köhl (Mainz), Idealresidenzen en miniature? Kleinstädtische Herrschaftszentren in den Niederlanden um 1500.

Christof Paulus (Seehausen am Staffelsee), Vnnser statt. Herzogsstadt und städtischer Hof im spätmittelalterlichen München.

Thomas Martin (Riegelsberg), … ein lichter Punkt in einem so felsig waldigen Lande. Die Residenzstadt Saarbrücken.

Christian Katschmankowski (Mainz), Die Stadt als fürstliche Projektionsfläche? Die Organisation des bürgerlichen und höfischen Bauwesens im frühneuzeitlichen Mainz.

Heiko Lass (Hannover), Der Hof in der Stadt – die frühneuzeitliche Umnutzung und Neuausstattung von Stadtkirchen zu Hofkirchen sowie die Neuerrichtung von Hofkirchen im residenzstädtischen Kontext.

Sektion II: Städtische und höfische Repräsentationsmedien

Christian Hagen (Kiel), Vom Stadttor zum Wappenturm. Über Gestaltung, Funktion und Wahrnehmung eines repräsentativen Bauwerks in der Residenzstadt Innsbruck.

Ines Elsner (Berlin), Die Celler Silberkammer und das Huldigungssilber der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg.

Sektion III: Soziale Gruppen in der Stadt

Jean-Dominique Delle Luche (Paris), Schützenfeste und Schützengesellschaften in den Residenzstädten (15.–16. Jahrhundert): Ein bürgerliches oder höfisches Phänomen?

Julia Brenneisen (Kiel), Die Repräsentation der Wohltätigkeit. Das Gegen- und Miteinander von Stadt und Fürst im Ringen um die Integration würdiger Armer.

Werner Paravicini (Kiel), Zusammenfassung und Fazit

Zitation
Tagungsbericht: In der Residenzstadt: Funktionen, Medien, Formen bürgerlicher und höfischer Repräsentation, 20.09.2013 – 22.09.2013 Neuenstein, in: H-Soz-Kult, 27.11.2013, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5118>.