Vergessenes Burgenland Schleswig-Holstein

Ort
Kiel
Veranstalter
Professur für Regionalgeschichte mit Schwerpunkt zur Geschichte Schleswig-Holsteins in Mittelalter und Früher Neuzeit, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Schleswig-Holsteinischer Heimatbund
Datum
20.09.2013 - 22.09.2013
Von
Stefan Magnussen / Sarah Organista, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Vom 20. bis 22. September 2013 lud die Professur für Regionalgeschichte mit Schwerpunkt zur Geschichte Schleswig-Holsteins in Mittelalter und Früher Neuzeit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel in Zusammenarbeit mit dem Schleswig-Holsteinischen Heimatbund zu einer internationalen, interdisziplinären Fachtagung, die sich unter dem Titel „Vergessenes Burgenland Schleswig-Holstein“ mit der Genese und Charakteristik der Burgenlandschaft Nordelbiens im Hoch- und Spätmittelalter befasste. Dabei stand diese Tagung gleichbedeutend am Anfang des ambitionierten Forschungsvorhabens der Professur, sämtliche Motten bzw. Turmhügelburgen in Schleswig-Holstein wissenschaftlich zu erfassen und aufzuarbeiten, um sich dann dem Phänomen der ‚Vermottung‘ sozial- sowie wirtschaftsgeschichtlich zu nähern. Zu diesem Anlass versammelten sich ausgewiesene Experten aus Archäologie, Denkmalpflege sowie Geschichtswissenschaft, die durch Skizzierungen bisher durchgeführter Burgenprojekte sowie des gegenwärtigen Forschungsstands in benachbarten Regionen Anregungen zu Diskussionen und weiterführenden Fragestellungen lieferten.

Eröffnet wurde die Tagung am Freitag mit einem öffentlichen Abendvortrag in der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek, in welchem JOACHIM REICHSTEIN (Fahrdorf) ins Thema „Burgen in Schleswig-Holstein“ einführte. Der Vortrag stieß auf ein so großes Interesse, dass der Saal bis in die letzte Reihe gefüllt war. Reichsteins These, Schleswig-Holstein sei ein Land der Burgen, wurde durch eine umfangreich bebilderte Präsentation Nachdruck verliehen. Er skizzierte, dass die historische sowie archäologische Landesaufnahme einen Nachweis von rund 500 Burgen in Schleswig-Holstein erbracht haben. Einen Großteil davon stellten die hoch- und spätmittelalterlichen Motten dar, welche die Ringwallkonstruktionen der Slawen und Sachsen ablösten und auf denen das Hauptinteresse dieser Tagung lag.

Der Reigen der Vorträge am Samstag wurde eröffnet durch THOMAS ZOTZ (Freiburg i. Br.), der in seinem Vortrag am Beispiel der Zähringer die Aspekte von Burg und Herrschaft im südwestlichen Deutschland darstellte. Dabei betonte er, dass sich im Betrachtungsraum eine vielfältige Burgenlandschaft entwickelt habe. Dies gehe vor allem auf die hohe Vielfalt dort konkurrierender Fürstenhäuser zurück, welche im Bestreben, ihre Bergbaugebiete zu sichern, auf Burgen als zentrale Sicherungselemente zurückgegriffen hätten. Aber auch in den naturräumlichen Bedingungen zwischen Rhein, Schwarzwald und der schwäbischen Alb sowie den noch vorhandenen römischen Strukturen seien prägende Elemente zu sehen. Seinen Vortrag schloss Thomas Zotz mit einer Vorstellung des von ihm in Zusammenarbeit mit Alfons Zettler geleiteten interdisziplinären Breisgauer Burgenprojektes ab.

Einen archäologischen Blick auf die Burgen Dänemarks richtete RAINER ATZBACH (Aarhus). Dabei betonte er zunächst, dass die Erforschung dänischer Burgen eine Tradition habe, welche bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückreiche. Anschließend skizzierte er die verschiedenen Phasen des Burgenbaus in Dänemark. Ausgehend von Haithabu habe der Burgenbau eine erste Hochphase mit Harald Blåtands Ringburgen im 10. Jahrhundert erlebt, die jedoch noch küstenfern errichtet wurden. Später folgten die Fluchtburgen slawischer Seeräuber und die nun an den Küsten errichteten Burgen der Waldemarszeit, in welcher der Burgenbau in einem klaren Bezug zur Ostexpansion gestanden habe. Spätere Burgen seien als „Zwangsburgen“ zumeist Resultat der inneren Unruhen gewesen. Es gebe jedoch noch viele unerforschte Burgen, weshalb Atzbach auf die vielfältigen Chancen kaum genutzter Quellen wie Lehnsurkunden oder Rechnungsbücher sowie der Funktionsanalyse der Burg in ihrem Umland hinwies.

FELIX BIERMANN (Göttingen) widmete sich in seinem Vortrag aus archäologischer Perspektive der Frage, warum das Phänomen der Motten bzw. der Turmhügelburgen in Mecklenburg-Vorpommern erst ab dem 14. Jahrhundert verstärkt zu beobachten sei. Nachdem in der früheren Burgenlandschaft primär slawische Burgwälle sowie die Burgen der dänischen Ostexpansion dominiert hätten, sei es vor allem der spät zugezogene bzw. entstandene Adel gewesen, der in den Motten wichtige Stützpunkte seiner Herrschaft gehabt habe. Dabei lasse sich den Motten nicht nur eine fortifikatorische, sondern auch symbolische wie auch ökonomische Funktion zuschreiben. Weiterhin ging Biermann auf eine Besonderheit dieser Region ein, die sog. Kemladen, womit im See errichtete Pfahlbauten bezeichnet werden. Zum Abschluss stellte Biermann noch jüngste Ausgrabungsbefunde aus Horst bei Neuendorf sowie Lindstedt bei Gardelegen vor.

Der zweite Themenblock des Tages wurde von ARND REITEMEIER (Göttingen) mit einem Beitrag zur „Burgenlandschaft in Niedersachsen“ eingeleitet. Trotz der nachgewiesenen rund 200 urgeschichtlichen Grenzbefestigungen sowie 1.700 mittelalterlichen Burganlagen und Ruinenstellen könne der Begriff „Burgenlandschaft“ aufgrund der ungleichmäßigen Verteilung im Land nur eingeschränkt verwendet werden. Da die historische Forschung sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit Turmhügelburgen beschäftigt hatte, würden bislang in der Literatur nur überblickshafte Zusammenstellungen und kaum Quellenstudien existieren. Dies sei auch darin begründet, dass es in Niedersachsen bisher nur eine unzureichende Zusammenarbeit von Archäologie, Geschichtswissenschaft und Heimatforschung gebe. Als weitere Desiderate der historischen Wissenschaft seien vor allem die Flurnamenforschung sowie die systematische Durchsicht der Landesaufnahmen und Nachlässe der Geschichtsvereine von Bedeutung.

Im Anschluss ging OLIVER AUGE (Kiel) auf den Stand und die Perspektiven der historischen Burgenforschung in Schleswig-Holstein ein. Hierbei zeige sich eine Dominanz der archäologischen Publikationen, die sich vorwiegend mit slawischen Wehrbauten oder einzelnen landesherrlichen Burgen beschäftigten. Die wenigen historischen Auseinandersetzungen fänden sich vor allem in Form von Aufsätzen wieder, von denen viele heimathistorisch geprägt seien und in denen das Thema Burg oftmals nur als Unterpunkt zu finden sei. Auch in Schleswig-Holstein gebe es bislang immer das Problem der ausbaufähigen Zusammenarbeit von Archäologen und Historikern, weshalb er betonte, dass das an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ins Leben gerufene Burgenprojekt bewusst interdisziplinär konzipiert worden sei. Dabei stünden vor allem die Fragen nach einer Ministerialität, der Verbindung von Burgenbau und Siedlungsgeschichte sowie ein durch den Burgenbau möglicherweise gesteigertes Selbstverständnis des Niederadels im Vordergrund.

Als Ergänzung zur historischen lieferte ULRICH MÜLLER (Kiel) die archäologische Perspektive zur schleswig-holsteinischen Burgenforschung. Aufgrund der guten Verfügbarkeit von Geoinfomationssystem(GIS)-Daten böten sich hierzulande besonders gute Ansätze für eine systematische Gesamtaufnahme aller Motten des Landes. In der archäologischen Denkmalpflege habe das Hoch- und Spätmittelalter jedoch bisher ein Schattendasein geführt, da lange keine genuine Mittelalterarchäologie an der Universität Kiel vorhanden gewesen sei. Die daher erst spät erfolgten ersten Ausgrabungen in den 1960er-Jahren konzentrierten sich auf slawische Wallanlagen in Ostholstein und erst in den 1970er-Jahren erfolgte eine Untersuchung der Turmhügelburgen Großer und Kleiner Schlichtenberg bei Gut Futterkamp im Kreis Plön.

Für ULF ICKERODT (Schleswig) vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein seien Burgen von der Denkmalpflege in erster Linie als Orte der Erinnerung zu sehen. Derzeit seien in Schleswig-Holstein 548 Burgen oder burgähnliche Anlagen als Kulturdenkmale unter Schutz gestellt. Die Schwierigkeit in deren Erhalt bestehe dabei darin, dass nicht nur wissenschaftliche und öffentliche Aspekte, sondern zugleich auch verwaltungstechnische und juristische zu berücksichtigen seien. So würden nicht nur archäologische Landesaufnahme, Erfassung, Unterschutzstellung und Erhaltung zum Aufgabenfeld der Behörde gehören, sondern auch die Anfertigung einer Online-Datenbank der schleswig-holsteinischen Kulturdenkmale, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden solle und welche Ickerodt in diesem Zuge dem Publikum vorstellte.

Den dritten Themenblock eröffnete CHRISTIAN FREY (Braunschweig), der seinen Blick auf „Burgen als Handlungsraum im nordöstlichen Elbraum“ wendete, genauer gesagt auf deren Wahrnehmung in mittelalterlichen Quellen. Dabei bezog er sich speziell auf Inhalte der Slawenchronik Helmold von Bosaus. Frey betonte, dass die Burg als Phänomen innerhalb dieser Chronik nur dann zu verstehen sei, wenn man bedenke, dass die Chronik von Konfrontationen sich gegenüberstehender Parteien geprägt sei. So sehe Helmold von Bosau die Burgen stets in einem Funktionszusammenhang, so zum Beispiel für die Ausweitung eines Herrschaftsbereichs oder die Eingliederung slawischer Gebiete, die sich im Rahmen der Chronik durch die Eroberung slawischer Burgen darstellte. Burgen komme also eine narrative Funktion als Zeichen für Herrschaft und Ordnung, Aufstieg und Zerfall im Rahmen dieser mittelalterlichen Erzählung zu.

Anschließend beschäftigte sich ORTWIN PELC (Hamburg) mit einer historischen Betrachtung zu „Burg und Landesherrschaft in Schleswig-Holstein“. Seine wichtigste These, Burgen seien ein wesentliches Mittel zur Erlangung, Sicherung und Ausdehnung von Herrschaft im Mittelalter gewesen, verdeutlichte er anhand der Betrachtung einiger landesherrlicher Burgen in der Grafschaft Holstein sowie in den Herzogtümern Schleswig und Lauenburg. Während Burgen zunächst im Kontext von Städte- oder Klostergründungen gestanden hätten, habe sich im Laufe der Zeit und infolge von Landesteilungen oftmals ihre Funktion verändert. So entstanden bspw. durch die Einführung der Vogteien neue landesherrliche Burgen, andere verloren in Konkurrenz zu den selbstbewusst auftretenden großen Städten an Bedeutung.

STEFAN INDERWIES (Kiel) beleuchtete die Rolle der Burg für den schleswig-holsteinischen Adel. Nach einer kurzen Skizzierung der Adelsgeschlechter, von denen im 13. und 14. Jahrhundert ungefähr 150 existierten, richtete er seinen Fokus auf die Regionen mit hoher Adels- und somit auch Turmhügeldichte. Als Bauherren vermute die Forschung bisher vor allem den Niederadel und Mitglieder der städtischen Führungsschicht. Es stelle sich hier die Frage, inwieweit der exzessive Burgenbau als Indikator für ein verändertes Selbstverständnis des Adels zu sehen sei. Einer dringenden Untersuchung bedürfe auch der Aufbau der Burgmannschaft und der Burgmänner. Ein gutes Beispiel für die Bedeutung der Burg für den Adel sei die selbstbewusste Machtpolitik der holsteinischen Familie Buchwaldt, die sich durch ihr selbstbewusstes Auftreten gegenüber der Stadt Lübeck und den Landesherren hervorgetan habe.

Den Schluss der Konferenz stellte eine Exkursion unter Leitung von JOACHIM REICHSTEIN (Fahrdorf) und OLIVER AUGE (Kiel) am Sonntag dar, welche den Teilnehmern die Möglichkeit bot, sich die am Vortag gewonnen Impressionen und Erkenntnisse in situ zu vergegenwärtigen. Die Route führte zunächst zur Ruine der Burg Nienslag, der größten erhaltenen Burgstelle in Schleswig-Holstein überhaupt, deren Errichtung möglicherweise mit der Person Albrecht von Orlamünde in Verbindung zu bringen ist. Der weitere Weg führte über Giekau, wo sich besonders gut der Übergang von einem alt-slawischen Burgwall über eine Motte zu einem Gutshaus – in diesem Fall das Gut Neuhof – veranschaulichen lässt, hin zum Großen und Kleinen Schlichtenberg und zum Oldenburger Wall, einem der bedeutendsten Bodendenkmale in Schleswig-Holstein, und dem anliegenden Wallmuseum. Zum Schluss wurde die Ruine der Burg Glambek auf Fehmarn besichtigt, einer vom dänischen König Waldemar II. errichteten Burg, die als einzige im Bundesland noch Reste alter Backsteinbauten aufweist.

Das rege Interesse an dieser Tagung zu „Burgen in Schleswig-Holstein“ verdeutlicht, dass das Bestreben der Abteilung für Regionalgeschichte, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem „vergessenen“ Aspekt der Landesgeschichte voranzutreiben, nur zu begrüßen ist.

Konferenzübersicht:

Öffentlicher Abendvortrag
Joachim Reichstein (Fahrdorf): Burgen in Schleswig-Holstein

Thomas Zotz (Freiburg i. Br.): Die Burgenlandschaft in Südwestdeutschland

Rainer Atzbach (Aarhus): Die Burgenlandschaft einer „Nachbarregion“ – Das Beispiel in Dänemark

Felix Biermann (Göttingen): Turmhügelburgen in Mecklenburg-Vorpommern

Arnd Reitemeier (Göttingen): Die Burgenlandschaft in Niedersachsen

Oliver Auge/Ulrich Müller (beide Kiel): Schleswig-Holstein: Geschichtswissenschaftliche und archäologische Forschungsgeschichte in Schleswig-Holstein

Ulf Ickerodt (Schleswig): Die Motten Schleswig-Holsteins aus Sicht der archäologischen Denkmalpflege

Christian Frey (Braunschweig): Burgen als Handlungsorte im nordöstlichen Elbraum

Ortwin Pelc (Hamburg): Burg und Landesherrschaft in Schleswig-Holstein

Stefan Inderwies (Kiel): Burg und Adel in Schleswig-Holstein

Exkursion zu ausgewählten Burgstellen in Schleswig-Holstein

Zitation
Tagungsbericht: Vergessenes Burgenland Schleswig-Holstein, 20.09.2013 – 22.09.2013 Kiel, in: H-Soz-Kult, 09.12.2013, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5131>.
Redaktion
Veröffentlicht am
09.12.2013