„Cultivating remembrance“ - Erinnerungen vernetzen

Ort
Münster
Veranstalter
Evangelischer Kirchenkreis Münster, Osteuropareferat
Datum
15.11.2013 - 16.11.2013
Von
Geert Franzenburg, Referat Erwachsenenbildung / Archiv / Osteuropastudien, Evangelischer Kirchenkreis Münster

Am 15. und 16. November 2013, 70 Jahre nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto sowie nach der Liquidierung lettischer, polnischer und weißrussischer Ghettos, trafen sich neun Wissenschaftler(innen) aus fünf Ländern Europas in der Evangelischen Studierendengemeinde Münster (ESG) auf Einladung des Evangelischen Kirchenkreises Münster (Osteuropareferat). Ziel war es herauszufinden, mit welchen Herausforderungen Erinnerungsarbeit zu tun hat und welche Chancen für die Zukunft sich daraus ergeben. Zum Abschluss wurde ein Netzwerk verabredet, das durch den Austausch von Primärinformationen Erinnerungen nutzbar machen will.

Bereits zu Beginn wurde am Überblick über 25 Jahre Erfahrung mit Erinnerungsarbeit an Schulen und anderen Institutionen deutlich, dass dieses Bemühen einen langen Atem braucht. WINFRIED NACHTWEI (Münster) gewährte den Teilnehmenden Einblick in seine „Werkstatt“ als Friedensaktivist im Bundestag, auf Landes- und Kommunalebene wie auch im Riga-Komitee und im Verein „Für Demokratie – gegen das Vergessen“. Am Beispiel des Rigenser Ghettos zeigte er die Notwendigkeit auf, zwischen Völkern und Generationen Brücken zu bauen, wofür Münster als Stadt des Westfälischen Friedens wie auch der Gestapo- und Polizei-Zentrale eine besondere Rolle zukomme. Dieses Bemühen um Versöhnung durch Erinnerung durchzog die Konferenz und ihre einzelnen Schwerpunkte (sessions) als roter Faden:

Der erste Schwerpunkt befasste sich mit dem Verhältnis Polens zu seinen Nachbarn in Ost und West. Dabei zeigte sich, dass die kirchlichen Bemühungen um Versöhnung im Kalten Krieg, sowohl Deutschland als auch Russland und der Ukraine gegenüber, oftmals den politischen vorangingen, wie PRZEMYSLAW KANTYKA (Lublin) aus katholischer Sicht erläuterte. Sein Überblick über die verschiedenen Konferenzen, informellen Treffen und offenen Briefe machte deutlich, dass Versöhnung und die Verarbeitung von Traumata (healing of memories) einen moralischen und religiösen Charakter haben.

Dass dieser religiös-weltanschauliche Charakter von Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit mit der Identitätsfrage zu tun hat, erläuterte PIOTR KOPIEC (Lublin) unter Bezug auf die Erkenntnisse von Antony Giddens: Auch im Erinnerungsprozess sind Erleben, soziale Struktur und Reflexion aufeinander zu beziehen. Dass dabei Erinnerungsorten eine wichtige Rolle zukommt, verdeutlichte er am Benediktinerkloster Podlasic, das im Grenzland zu Weißrussland (Belarus) liegt und bis heute identitätsstiftend für die verschiedenen christlichen Konfessionen und Traditionen dieser Region ist.

Der zweite Schwerpunkt behandelte ethnische Probleme kultureller Identität. Am Beispiel des polnisch-ukrainischen Konflikts zeigte OLEKSANDR SVYETLOV (Minsk/Riga) detailliert auf, wie und warum Töten als Konfliktlösung funktioniert, wie Nationen zum Spielball der Politik und Kriegsinteressen werden, wie ihr Selbstbewusstsein, ihr Zusammenhalt systematisch zerstört werden können. Er machte deutlich, warum es in der Ukraine im Vergleich zu Polen unterschiedlich große Bemühungen um Versöhnung gibt. Und er verdeutlichte, wie sehr unser Wissen über die Länder Osteuropas begrenzt ist, vor allem über die Vielschichtigkeit der zu lösenden Konflikte.

Dass die ethnisch geprägte Frage nach kultureller Identität nicht nur Konflikte, sondern auch den Alltag von Menschen und ihre Erinnerungskultur bestimmt, wurde von MAARJA MERIVOO-PARRO (Tallin) am Beispiel estnischer Emigranten in den USA und in Finnland aufgezeigt. Deren estnische Identität (Estonianess) zeigte und zeigt eine große Vielfalt an Selbstentwürfen und Fremdbildern als Elemente der Enkulturation. Erinnerung und Versöhnung hat für diese Gruppen vor allem mit einer toleranten und weltoffenen Einheit in kultureller Vielfalt und dadurch mit Beheimatung zu tun. Diese beruht als kulturelle Identität weniger auf einem bestimmten geografischen Raum als vielmehr auf Erinnerungsorten, Symbolen, Liedern und Geschichten, die nicht unbedingt die Kenntnis der estnischen Muttersprache voraussetzen.

Der dritte Schwerpunkt stellte den kulturellen Aspekt von Erinnerung in den Mittelpunkt. Dass sich Erinnerung dramatisieren und dadurch für die Zukunft nutzbar machen lässt, zeigte SETA GUETSOYAN (Bochum) am Beispiel von Elfriede Jelinek auf. Die Literaturnobelpreisträgerin hatte 2008 in ihrem Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ ein Massaker an 180 Zwangsarbeitern kurz vor Kriegsende zum Anlass genommen, in Anlehnung an antike Vorbilder (Euripides) aber auch mit aktuellen Bezügen die menschliche Grausamkeit anzuklagen. Dabei lotet sie in der Polyphonie der Stimmen und Perspektiven und der verwendeten Bilderflut die Grenzen des Theatralischen aus und sorgt für Verunsicherung und Verstörung. Damit konfrontiert sie Zuschauer wie Forscher mit der Frage von Medialisierung und Dramatisierung von Erinnerung.

Dass auch die unmittelbar Betroffenen des Holocaust ihre eigene Erinnerungskultur entwickelten, verdeutlichte THOMAS RAHE (Bergen-Belsen) am Beispiel der Lagerbewohner in Bergen-Belsen. Gestützt auf Lagerzeitungen und Interviews gab er konkrete Einblicke in den Alltag der jüdischen Flüchtlinge im DP-Camp dicht neben dem ehemaligen KZ. Sie hatten neben ihrer Zukunftsangst und Perspektivlosigkeit ihre persönlichen traumatischen Erfahrungen zu bewältigen, wozu auch die „Überlebensschuld“ gehörte, und entwickelten eine einzigartige Erinnerungsgemeinschaft, die Prozesse der Selbstverständigung, Therapie und sogar Heilung ermöglichte, die sich organisierte und politisierte und durch Verwurzelung im jüdischen Glauben die Zeit im Camp als Übergangszeit erleben konnte.

Der vierte Schwerpunkt beschäftigte sich mit dem Verhältnis unterschiedlicher Erinnerungskulturen zueinander. Am Beispiel der lettisch-russischen Kontroverse um das sowjetische Siegesdenkmal in Riga verdeutlichte LAILA MOREINA (Ventspils) die Brisanz von symbolisch aufgeladenen Erinnerungsorten. Ähnlich wie in zahlreichen Beispielen seit der Unabhängigkeit Lettlands 1918 - zu deren 95. Jahrestag im Anschluss an die Tagung im Lettischen Centrum in Münster Vorstand und Botschafterin eingeladen hatten - vermengen sich auch hier Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Vom Wahlkampf und der Aufgabe als europäische Kulturhauptstadt 2014 geprägt, illustriert die politische Kontroverse die Bedeutungsgeschichten von Erinnerungsorten, die wechselvolle Geschichte des Landes und die Rolle der jeweiligen kulturellen Identität. Als Identifizierungsmöglichkeit einer Minorität bieten derartige Monumente, so das Fazit, die Möglichkeit zur Entideologisierung von Erinnerung und ermöglichen so die gemeinsame Lösung Völker- und Ideologien verbindender Probleme.

Zum Abschluss der Tagung wurde auf diese Weise deutlich, wie zukunftsorientiert eine zeitgemäße Erinnerungskultur sein sollte. Am Beispiel des lettischen Exils in Deutschland verdeutlichte GEERT FRANZENBURG (Münster), wie Erinnerungskultur und kulturelle Identität Stereotypen überwinden hilft, wenn man die zahlreichen Aktualisierungsmöglichkeiten für die Anknüpfung an die Lebenswelt Jugendlicher nutzt. So können z. B. die Flüchtlingsschicksale der Migrantenkinder oder das Schicksal der Straßenkinder in Deutschland, aber auch die alltäglichen Ausgrenzungen in Schule und am Arbeitsplatz, Mobbing-Erfahrungen und Rollenspiele im Internet auf dem Hintergrund der Nachkriegszeit in Deutschland aus der Perspektive der Verständigung und Versöhnung erlebt und reflektiert werden. Auch die Angst vor Assimilation, vor dem Verschwinden der eigenen Kultur in der neuen Heimat, kann – wenn Vergangenes wie Gegenwärtiges wahrgenommen wird – überwunden werden.

Die Beispiele und Forschungsergebnisse dieses Wochenendes – so machte die Abschlussdiskussion mit einer deutschbaltischen Zeitzeugin deutlich - sollten zu einem interkulturellen Diskurs über Erinnerungsarbeit als Versöhnungsarbeit führen, in dem Kommunikation und Narration als Schlüssel für eine gelingende Ver-Wurzelung und neuen Beheimatung und zugleich als wirksames Instrument gegen Manipulation und Instrumentalisierung dienen.

Konferenzübersicht:

Arrival, Greetings

Opening lecture
Winfried Nachtwei (Münster): 25 Jahre Spurensuche und Erinnerungsarbeit zur NS-Vernichtungspolitik in Osteuropa - ein Werkstattbericht

First Session: Reconciliation between Poles and their neighbors

Przemyslaw Kantyka (Lublin): Religious communities in the process of Polish/German/Russian/Ukrainian reconciliation

Piotr Kopiec (Lublin): Poles and Ukrainians on the Way of Reconciliation. Need of an Ecumenical Approach

Second Session: Ethnicity and diaspora

Oleksandr Svyetlov (Minsk/ Riga): Eastern Europe’s ethnicity conflicts as seen nowadays

Maarja Merivoo-Parro (Tallin): The Clash and Consolidation of Overlapping Diasporic Experience

Third Session: Culture and remembrance

Seta Guetsoyan (Bochum): Repress or forget. Considerations about Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“

Thomas Rahe (Bergen-Belsen): Memory-culture in the Jewish DP-Camp Bergen-Belsen

Fourth Session: Building bridges

Laila Moreina (Ventspils): Memory-culture and memory places in Latvia

Geert Franzenburg (Muenster): Memory-culture as chance and challenge for educators

NETWORK Memory-culture

Closing session: Why memory cultures in the 21. Century?

Zitation
Tagungsbericht: „Cultivating remembrance“ - Erinnerungen vernetzen, 15.11.2013 – 16.11.2013 Münster, in: H-Soz-Kult, 18.12.2013, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5147>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.12.2013