Megaphon und Mikrophon - Der Sound der Politik

Ort
Hattingen
Veranstalter
Institut für Medienwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften, Technische Universität Graz DGB Bildungszentrum Hattingen, Hattingen/Ruhr
Datum
02.07.2004 - 04.07.2004
Von
Florian Sprenger, Bochum

Die Stimme als Transportmittel ist in ein Geflecht von Machtstrukturen und Politiken eingebettet. Wenn politische Reden gehalten werden, dann vermitteln diese nicht nur Inhalte, sondern durch den Klang auch Handlungsanweisungen und Imperative. Diese Zusammenhänge wurden vom 2.-4.7.2004 auf einer Tagung im DGB Bildungszentrum Hattingen erläutert und diskutiert, die in Kooperation zwischen Gerd Hurrle vom DGB, Markus Stauff vom Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität-Bochum und Daniel Gethmann vom Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz veranstaltet wurde. Die Veranstaltung war eine Fortsetzung der letztjährigen Tagung über die Politiken der Medien. Politik sei, so die Veranstalter, ebenso an den Inhalt von Sprache, wie an die Sprache als Medium gebunden, und somit substanziell durch Klang vermittelt. Entsprechend verweben sich mediale und politische Prozesse, wenn Sound nicht mehr lokal zugängig ist, sondern medial vermittelt werden muss. Diese technischen Geflechte verändern zugleich auch den Begriff von Politik. So ergeben sich Fragestellungen, die nach den Dispositiven, den Voraussetzungen und den Wirkungsmechanismen von Sounds fragen, um damit das (Wechsel-)Verhältnis von Sound und Macht zu ergründen.

Die gewählten Soundtechnologien Megaphon und Mikrophon sollen diese Verbindungen anhand der Abwesenheit des Redners verdeutlichen: Das Megaphon liefert eine weitreichende Markierung und somit auch Begrenzung von Sound, macht das Politische lokal präsent und animiert die Zuhörenden. Getreu dem Diktum McLuhans, dass das Medium die Botschaft sei, funktioniert diese Übermittlung von Handlungsanweisungen trotz der schweren Verständlichkeit und den technischen Mängeln des Megaphons. Demgegenüber naturalisiert das Mikrophon den Sound, indem es ihn flächig gleichmäßig verteilt. Politik sei konstitutiv vom Mikrophon abhängig, so Markus Stauff. Als Apparaturen zur Erweiterung des Horch- und Gehorchraumes sind Soundtechniken somit immer schon politisch, nicht zuletzt, weil bis hin zu Napoleon die Truppenlenkung auf die Stimmreichweite der Offiziere beschränkt war. So erzeugt die Stimme durch sich selbst ein politisches Feld, indem sie vokalisch vermittelte Machtbeziehungen (Pierre Bourdieu) integriert.

Cecile Landman, Radio- und Medienmacherin aus den Niederlanden, machte einsteigend den Zuhörenden klar, dass bei tactical media, also dem unkommerziellen, subversiven und kritischen Gebrauch von Medien und Medienstrukturen, das global village in dörfliche Strukturen übertragen wird, ohne jedoch Differenzen negieren zu wollen. Trotz technischer Probleme lieferte ein Internetstream in den Irak Einblicke in die dortige Arbeit Jo van der Speks, der versucht, Radiostrukturen aufzubauen, um die möglichen Versuche der amerikanischen Medien/Regierung, dem Irak ein Mediensystem aufzuzwängen, von vornherein zu unterlaufen. Problematisch an Vortrag und anschließender Diskussion war lediglich der zumindest angedachte Versuch, Medienpraxis und Theorie für beide Seiten ertragreich zu verbinden.[1]

Den zweiten Tag eröffnete Ralf Gerhard Ehlert (Köln) mit einem Vortrag über „Public-Address-Strategien von 1919 bis 1949“, entsprechend den Arbeiten des Kölner SFB-Projekt Laut/Sprecher. Unter Public Address ist Massenbeschallung zu verstehen, also der Versuch, den Redner als Konzentrations- und Ausgangspunkt einer Massenversammlung hörbar zu machen. Ehlerts technische Bemerkungen über die Entscheidungskonflikte zwischen zentraler und dezentraler Beschallung ließen deutlich werden, dass die Entwicklung in Deutschland konträr zur weltweiten Tendenz hin zu zentraler Beschallung lief und sich erst nach dem Krieg den internationalen Standards anzupassen begann. Ehlerts Ausführungen lieferten den notwendigen Hintergrund für die eher theoretischen Ausführungen Cornelia Epping-Jägers (Köln) über „Die phono-zentrische Organisation der Macht im NS“. Epping-Jäger konzentrierte ihre Erläuterungen auf das ‚Dispositiv Laut/Sprecher’, welches die technische Apparatur, die Stimmen und kommunikative Szenarien methodisch verschränkt, um so die Stimme als wesentliches Moment des komplexen, medialen Gefüges des Nationalsozialismus fassbar zu machen. Das Propagandaziel einer stimmzentrierten Hörgemeinde habe als Vorbedingung die mediale Vervielfältigung der Rednerstimme. Diese sei wiederum notwendig für das Fortbestehen der Ideologie. Die von den Nationalsozialisten spätestens ab 1932 auch praktisch angestrebte Ubiquität der Führerstimme sei nur durch eine medial konstituierte Stimmgewalt möglich gewesen, die sich vor allem an den Projekten ‚Hitler über Deutschland’ (4 Deutschlandflüge mit über 200 Kundgebungen und 10 Millionen Zuhörern) und dem Reichslautsprecherzug sowie dem Lippeschen Wahlkampf ablesen ließe. Der Reichsautozug lieferte mit 80 Wagen die logistische Grundlage für die landesweite Organisation von Massenveranstaltungen, und perfektionierte so das Dispositiv Laut/Sprecher. Entsprechend lässt sich mit Epping-Jäger festhalten, dass die Organisation der NSDAP den akustischen Inszenierungsraum von Stimmen als tragendes Element in eine politische Strategie integriert.

Kate Lacey (Sussex) konnte zwar nicht anwesend sein, ließ aber das Manuskript ihres Vortrags statt ihrer Stimme sprechen. Mit den Übergangsperioden der Weimarer Republik als Ausgangspunkt erarbeitete sie darin eine Darstellung der Wechselwirkungen zwischen Radio und Öffentlichkeit bzw. der Konstitution einer eigenen Öffentlichkeit durch das Radio, ohne sich jedoch auf eine wertende Unterscheidung in ein aktives und ein passives Publikum einzulassen. Einen wesentlichen Schritt in der Entwicklung der Radioöffentlichkeit bilde die Konzentration der NSDAP auf das Radio nach 1930, motiviert nicht zuletzt durch die Radiooffensive der kommunistischen und sozialistischen Parteien. Damit verbunden war die Feststellung, dass alternative Möglichkeiten von Öffentlichkeit nicht zwangsläufig zu fortschrittlichen kulturellen Entwicklungen führen müssen.

Dominik Schrage (Dresden) analysierte in seinem Vortrag die Weihnachtsringsendung 1942 unter dem Gesichtspunkt der Erzeugung eines kollektiven Erlebnisses durch den Sound der Politik. Seine These bestand darin, dass diese Sendung, in der Sprecher aus verschiedenen Stützpunkten in ganz Europa verschaltet wurden und schließlich gemeinsam ein Weihnachtslied sangen, einen kollektiven Vorstellungsraum eröffnete, der nicht – oder nicht nur – durch Propaganda erzeugt werden kann, sondern vor allem durch die Eigenschaften des Radios als Medium. Das Erlebnis der Ringsendung sei eine gemeinsam geteilte Wirklichkeit, deren Inszenierung auf Hörspieltheorien der 1920er Jahre zurückgreife. In dieser Inszenierung der Qualitäten des Mediums selbst manifestiere sich ein Modus der politischen Strategie, der in der Aufforderung zum heimischen Mitsingen die Möglichkeiten des Mediums nicht nur nutzt, sondern erst erzeugt.

In enger Anlehnung an die Filmphilosophie des amerikanischen Philosophen Stanley Cavell erörterte Herbert Schwaab (Bochum) Stimmpolitiken auf Mikroebenen im populären Film. Gemäß Cavells Diktum ‚Having a voice in your own history’ stellte Schwaab anhand des Hollywood-Films "Gaslight" und der Fernsehserie "24" fest, dass in diesen Darstellungen Konversation als Existenzmodus den notwendigen Boden für die Austragung verschiedener Konflikte bereitstellt. Stimme sei die Instanz, mit der die unterdrückten Protagonisten zu einer Selbsterfahrung und schließlich auch einer Selbsterzeugung kommen könnten. Bedingung dafür sei es, das Alltägliche der gewöhnlichen Sprache als bedeutsam anzuerkennen.

Wolfgang Hagens (Berlin) wegen zahlreicher Hörbeispiele äußerst kurzweiliger und spannender Vortrag über Stimmpolitiken im amerikanischen Radio der 1920er und 1930er Jahre machte die Differenzen zwischen europäischem und amerikanischem Radio deutlich. Es gehe, so Hagen, im amerikanischen Radio zunächst vornehmlich um die Frage der Stimmfindung in einem für ein Immigrationsland typischen babylonischen Sprachgewirr. Die First-Person-Singular-Sendungen von Orson Welles, zum Beispiel "War Of The Worlds", lassen die realitätsstiftende Funktion der Stimme im amerikanischen Radio deutlich werden, deren Kräfte weniger in einer reinen Identifikation, sondern im Formulieren von Differenzen liegen.

Für Rolf Nohr (Braunschweig) war der Arbeitsrhythmus selbst sonntags morgens der Metasound der Arbeitsökonomie. Der Takt der Arbeitsschritte am Fließband gibt, entsprechend der Arbeitswissenschaft und den Erkenntnissen des Taylorismus vom Anfang des 20. Jahrhunderts, den Arbeitsrhythmus vor. Das bedeutet zunächst, dass der von der industriellen Arbeit vorgegebene Rhythmus den Körper diszipliniert, letztlich aber auch ohne Arbeit implizite Auswirkungen auf den Körper hat. Diese Körperpolitik ist zwar weniger durch Stimmen bestimmt, liefert aber die methodische Möglichkeit, Arbeitswissenschaft und Computerspiele zu verbinden, was gerade angesichts von Eye Toy-gestützten Bewegungsspielen (auch zur Morgengymnastik geeignet) sinnvoll erscheint und ein weites Feld folgender Forschung eröffnet.

Brigitte Felderer (Wien) lieferte einen Einblick in das, was den geneigten Besucher ab 19.9.2004 in „Phonorama – Eine Ausstellung zur Kultur- und Mediengeschichte der Stimme“ im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe erwartet. Historisch beginnt die Auseinandersetzung mit der Entwicklung von Wolfgang von Kempelens (1734-1804) sprechender Maschine. Der technischen Leistung, mittels Mechanik Stimmen erzeugen zu können, wohnt nach Felderer der Impuls inne, Gehörlose kommunikativ zu integrieren und ihnen mittels eines Stimmorgans ein Stimmrecht zurückzugeben.

Zum Abschluss gab Ute Holl (Weimar) einen praktischen Einblick in die Kraft der Stimmen, deren parasitäre (Michel Serres) Eigenschaften und die Möglichkeit, sich davon zu lösen. Über Stimmen zu verfügen bedeutet, so der Titel des Vortrages, die Möglichkeit, über Transzendenz zu verfügen, solange jede Aufnahme von Klang das Aufnehmende mit aufnimmt.

Ungelöst bleibt auch nach der Tagung die Frage, wie sich ein begriffliches Instrumentarium auf den Sound anwenden lässt. Zwar lieferten die Vorträge praktische Annäherungen an dieses Problemfeld, eine adäquate Übersetzung von Sound in Theorie bleibt aber auch weiterhin ein (vielleicht unerreichbares) Desiderat. Umso bestimmender war die praktizierte Offenheit und Gastfreundlichkeit der Veranstalter, die sich vor allem an den ergiebigen Diskussionen nach den Vorträgen und in der freien Zeit zeigte. Ebenso sollte die exzellente Organisation und Verpflegung nicht unerwähnt bleiben und zu einer Fortführung im nächsten Jahr einladen. Bis dahin kann man sich mit der Frage beschäftigen, was aus einem Sound ohne Körper wird, indem man sich die auf http://www.ruhr-uni-bochum.de/ifm/seiten/03institut/sound_der_politik.htm verlinkten Audiodateien einzelner Vorträge anhört.

Anmerkungen:
[1] Weitere Informationen zu den Projekten Cecile Landmans und Jo van der Speks finden sich auf der Website http://www.streamtime.org.

Kontakt

Dr. Daniel Gethmann
Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften
Technische Universität Graz, Technikerstr. 4/3, A-8010 Graz
daniel.gethmann@[at]tugraz.at

Markus Stauff
Institut für Medienwissenschaft
Ruhr-Universität Bochum, Universitätsstr. 150, 44801 Bochum
markus.stauff@[at]rub.de

Zitation
Tagungsbericht: Megaphon und Mikrophon - Der Sound der Politik, 02.07.2004 – 04.07.2004 Hattingen, in: H-Soz-Kult, 18.07.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-516>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.07.2004
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