Die Reformation und ihre Medien. Mediale Strategien im Umkreis der Wettiner im 16. Jahrhundert

Ort
Gotha
Veranstalter
Projektgruppe Reformationsgeschichte (Christopher Spehr, Theologische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena; Martin Eberle, Stiftung Schloss Friedenstein Gotha; Kathrin Paasch, Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha)
Datum
30.09.2013 - 02.10.2013
Von
Ulrike Eydinger, Friedrich-Schiller-Universität Jena / Projektgruppe Reformationsgeschichte, Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

Vom 30. September bis zum 02. Oktober 2013 fand im Ekhof-Kabinett auf Schloss Friedenstein in Gotha eine interdisziplinäre Tagung der Projektgruppe Reformationsgeschichte (Christopher Spehr, Theologische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena; Martin Eberle, Stiftung Schloss Friedenstein Gotha; Kathrin Paasch, Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha) statt. Eingeladen waren (Nachwuchs-)Wissenschaftler, Museums- und Bibliotheksmitarbeiter sowie internationale Experten, um über mediale Strategien zu diskutieren, die im Umkreis der Wettiner im 16. Jahrhundert zur Anwendung kamen.

CHRISTOPHER SPEHR (Jena) machte einführend auf die vielfältigen und unterschiedlichen Bedeutungen und Inhalte des Medienbegriffs aufmerksam, der unter anderem technisch, kulturhistorisch, aber auch theologisch aufgefasst werden könne. Definitorische Unterschiede in der medialen Auffassung von Objekt, Inhalt und Wirkung seien in diesem Zusammenhang jeweils zu berücksichtigen.

BERND SCHÄFER (Gotha) und ULRIKE EYDINGER (Jena / Gotha) gaben anschließend einen Einblick in die Graphik- und speziell in die Einblattdruck-Sammlung der Stiftung Schloss Friedenstein. Vor allem im 16., 17. und phasenweise im 18. Jahrhundert seien von den Ernestinern im größeren Umfang Druckgraphiken und Zeichnungen gesammelt worden. Die Einblattholzschnitte des 16. Jahrhunderts, von denen die Stiftung ca. 700 besitzt und die sich zu zwei Dritteln durch eine sehr gut erhaltene Kolorierung auszeichnen, gingen vermutlich auf eine zeitgenössische Sammeltätigkeit der Fürsten zurück. Von Interesse waren hier in erster Linie Porträts fürstlicher und kirchlicher Würdenträger sowie der Reformatoren, gefolgt von religiösen Darstellungen mit und ohne konfessionelle Polemik. Eine erste vollständige Publikation der Blätter in Form eines Bestandskataloges und einer im Netz frei zugänglichen Datenbank sei in Arbeit.

In der ersten Sektion zu den medialen Strategien um Martin Luther widmete sich ROLAND M. LEHMANN (Jena) einer frühen Phase der Erfurter Reformation und deren Beeinflussung durch den Reformator in Form von Disputationsthesen, Predigten und Sendschreiben. Während Luthers Thesenreihen in den Kreisen der Erfurter Humanisten verbreitet wurden, habe Luther in der Predigt das wichtigste Medium gesehen, um die leseunkundigen Bevölkerungsschichten direkt erreichen zu können. Mit dem bewussten Rückgriff auf ein Medium des Urchristentums, das Sendschreiben, suchte Luther seine Einflussnahme auf entfernte Prediger zu untermauern. Da die Reformatoren nicht nur neue Inhalte, sondern auch genuin eigene Kommunikationsformen generierten, bei der es zu einer viralen Ausbreitung der Reformation durch Verwendung und Kreuzung verschiedenster Medien kam, wäre es angebracht, den in den Medienwissenschaften aktuell diskutierten Begriff der Crossmedialität auf die Situation des 16. Jahrhunderts anzuwenden. So folgte auf Luthers Auftritt als primäres Medium die mündliche und schriftliche Bekanntgabe seiner reformatorischen Forderungen, die ihrerseits in Agitationen in Form des Pfaffensturmes mündeten.

PHILIPP STEINKAMP (Gotha) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit den als Devisen aufgebrachten Bibelversen auf den Ehebildnissen Martin Luthers und Katharina von Boras im Schlossmuseum der Stiftung Schloss Friedenstein von 1528. Im Gegensatz zur gängigen Forschungsmeinung, Katharinas Spruch (1 Timotheus 2,15) weise auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter in Abhängigkeit zu Luther hin, schlussfolgerte der Kunsthistoriker aufgrund von Luthers Tischreden und seiner Predigt zum Ehestand, dass der Vers ganz im Gegenteil die Würde der Frau in der Ehe im Gegensatz zum zölibatären Leben der Nonnen hervorhebe. Verse und Devisen auf Gemälden stünden zwar in mittelalterlicher Tradition, ihre mediale Nutzung als Informationsträger reformatorischer Ideale sei jedoch eine neue Entwicklung.

MARIA BARTSCH (Halle) machte ebenfalls auf ikonographische Neuerungen in der Kanzel- und Prinzipaliengestaltung seit den 1530er-Jahren aufmerksam. Ausgehend von der Predigtkanzel der ehemaligen Marienkirche in Lübeck wurde darauf verwiesen, dass im Bildprogramm einer Vielzahl von Kanzelkörben städtischer Kirchen Lutherbildnisse auftauchen, die zum Teil das Medium der Predigt selbst thematisierten und wie in Lübeck unter Umständen der Identitätsstiftung des die Reformation unterstützenden, ansässigen Bürgertums dienten. Als identitätserzeugend können auch die Gruppenbildnisse der Reformatoren seit den 1540er-Jahren verstanden werden. DOREEN ZERBE (Leipzig) verdeutlichte anhand von gemeinsamen Darstellungen Luthers, Bugenhagens, Melanchthons, Jonas‘ und Crucigers auf Drucken und Gemälden die Konstruktion einer Wittenberger Schule, die mit der verlorenen Kurwürde und innerkonfessionellen Konflikten auf ernestinischer Seite langsam verschwand. Einziger Bezugspunkt blieb hier Martin Luther, während die Wittenberger selbst sich zu Luther und Melanchthon bekannten und dies weiterhin mit gemeinsamen Darstellungen der Reformatoren unterstrichen.

Die Abbildung des verstorbenen Luthers im Zusammenhang mit den Berichten über seinen Tod als strategische „PR-Kampagne“ war Inhalt des Vortrages von JOCHEN BIRKENMEIER (Eisenach). Der Leiter der Stiftung Lutherhaus Eisenach analysierte die zwei Versionen der von Justus Jonas verfassten und vom Kurfürsten herausgegebenen Sterbeberichte, deren Unterschiede sich im Hinblick auf den Versuch, katholische Polemik zu vermeiden, erklären lassen. Der auf Flugblättern den Sterbebericht illustrierende Holzschnitt mit der Abbildung des toten Luthers, der den friedvollen Tod des Reformators nachweise, sei nach kurzer Zeit durch ein „lebendiges“ Bild des Reformators nach Vorbild des für die Wittenberger Schlosskirche entworfenen Epitaphs ausgetauscht worden, wodurch die Lebendigkeit und Fortführung der reformatorischen Lehre angezeigt werde. Die Veröffentlichungspolitik der Ernestiner sei durch das schnelle und direkte Handeln so erfolgreich gewesen, dass katholische Gegenpolemiken zum Tode Luthers kaum mediale Wirkung entfalten konnten.

JOHANNA HABERER (Erlangen) umriss im Rahmen des öffentlichen Abendvortrags im Spiegelsaal der Forschungsbibliothek die Grundstrukturen des Medienbegriffs in der Frühen Neuzeit und zeichnete den Entwicklungsweg von der reformatorischen zur bürgerlichen Öffentlichkeit nach. Ferner wies sie auf ein Desiderat in der Forschung hin, die ersten Jahre der Reformation (1517-1522/23) im Hinblick auf die Vielseitigkeit unterschiedlicher Umbrüche und Strömungen genauer zu untersuchen: Die Entstehung einer Diskursöffentlichkeit sei vor dem Hintergrund der in Frage gestellten kirchlichen und weltlichen Ordnung und der in diesem Zusammenhang neu zu bewertenden Bereiche von Privatheit und Öffentlichkeit zu betrachten.

In der zweiten Sektion wurden die medialen Strategien zum Thema Glaube in den Mittelpunkt gestellt. ANIKA HÖPPNER (Erfurt) näherte sich dem Thema aus medienkulturhistorischer Perspektive am Beispiel der Beschreibungen von „Gesichten“ und Wunderzeichen in Flugblättern und -schriften sächsischer Herkunft. Demnach erweist sich der Einsatz von illustrierten Flugblättern als Medientechnik, die nur in Verbindung von Körpertechniken wie Rezitation und Gesang wirksam werde. In diesem Zusammenhang seien Flugblätter in erster Linie als kulturstiftend zu betrachten und weniger als Öffentlichkeitsarbeit einzustufen. An konkreten Beispielen erläuterte Frau Höppner, dass die Praxis der Prodigienliteratur, die eine spezifisch protestantische Ausprägung ist, Mitte des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts nicht unbedingt realpolitischen Zielen, sondern vielmehr prophetisch-apokalyptischen Erwartungen folgte. Die kulturelle Praxis einer dezidierten Parteinahme bei den Wunderzeichen-Blättern bildete sich, so die These, erst in nachreformatorischen Zeiten heraus.

Weniger die Ausdeutung göttlicher Zeichen, als vielmehr die Deutung der Gesinnung des sächsischen Theologen Alexius Chrosners war Thema der von MATTHIAS MEINHARDT (Wolfenbüttel/Halle) vorgestellten Kontroverse. Mit seiner Offenheit gegenüber den Thesen Luthers und seinen Predigten, aus denen unzweifelhaft eine reformatorische Haltung hervorgeht, provozierte Chrosner seine Entlassung als Hofprediger Georgs von Sachsen. Die sich anschließende Kontroverse zwischen Chrosner und den sächsischen und kursächsischen Theologen entspann sich an der Glaubensfestigkeit des Theologen, die von beiden Seiten in Frage gestellt wurde. Zudem wurde sein Ruf durch die gezielte Streuung von Gerüchten dauerhaft geschädigt.

War die Auseinandersetzung um Chrosners Glaubenspositionen vor allem an das Medium der Schriftsprache gebunden, wurde mit dem Beitrag von MATTHIAS REKOW (Erfurt/Gotha) die visuelle, auditive und haptische Breite konfessioneller Polemik in den Alltagswelten der Reformationszeit einmal mehr offenbar. Ausgehend von einem systemtheoretischen Medienbegriff und der Unterscheidung von Medien nach deren Produktions-und Rezeptionsbedingungen verdeutlichte der Historiker am Beispiel des sogenannten Interimsdrachens das breite Spektrum der das polemische Motiv aufnehmenden Informationsträger, das von illustrierten Einblattdrucken über Lieder bis hin zu Medaillen und Gebrauchskeramiken reicht. Solche intermedialen Phänomene bei Medien, die gemeinsam in einem Medienverbund zusammenwirken, verweisen auf die Allgegenwärtigkeit der konfessionellen Themen im Mediensystem des Reformationsjahrhunderts. In vielfältigen Situationen lesbar, erreichten diese jeweils ganz spezifische Öffentlichkeiten und etablierten damit nachhaltige kollektive Bilder und Metaphern.

FRANZ FROMHOLZER (Augsburg) führte in die Tagung eine bisher noch nicht beachtete Ebene medialer Inszenierungen ein, die der ephemeren Darstellungen in Form von Reformationsdramen. Die Aufführungen nahmen, wie am Beispiel der „Tragedia Johannis Huss“ von Johannes Agricola gezeigt, die zeitgenössische konfessionelle Polemik auf und animierten gleichzeitig zur Meditation über die Heilige Schrift. Auf der anderen Seite zeigen Stücke wie Paul Rebhuns „Ein Hochzeit spiel auff die Hochzeit zu Cana“ eine starke sozialdisziplinierende Komponente, die auch Einblick in die protestantische Gesellschaftsordnung gibt.

TIMO TRÜMPER (Gotha) und JUTTA REINISCH (Gotha) thematisierten anhand von zwei vorgestellten Kunstwerken des Schlossmuseums Gotha, auf welche Weise die Reformation Einfluss auf deren Gestaltung und Gebrauch genommen hat. Der sogenannte Füllmauer-Altar, bestehend aus 162 kleinformatigen Bildtafeln mit Schriftkartuschen, Merkversen und Bibelverweisen, ist im 18. Jahrhundert in den Inventarlisten nicht mehr als Tafelaltar nachweisbar, sondern er ist – zerlegt in Einzelteile – als Fensterladen, Wandkassettierung und Paravent genutzt worden. Die kleinteiligen Bilder mit der Schilderung des Lebens Jesu entstanden unter dem Einfluss der von Jacob Beringer verfassten Evangelienharmonien. Format und Umfang dieser Bildserie sowie fehlende Berichte zur Aufstellung des Altars vor dem 18. Jahrhundert machen es wahrscheinlich – so die These von Herrn Trümper –, dass es sich bei diesem monumentalen Kunstwerk um eine Art didaktische Bilderbibel zum privaten Gebrauch des Herzogs bspw. zur Prinzenerziehung gehandelt habe. Die Nutzung des Reliefs von Peter Dell d. Ä. mit der Darstellung der Allegorie vom Alten und Neuen Bund kann man sich laut Frau Reinisch ebenfalls als Kabinettstück im privaten Bereich der herzoglichen Familie vorstellen. Im Zusammenwirken von Bild und Schrift sei das Werk prädestiniert für eine direkte Zwiesprache mit dem Betrachter. Inwiefern dies bereits ein spezifisch reformatorisches Moment sei und ob katholisch und/oder eher protestantisch einzustufende Vorlagen die motivische und mediale Bildfindung beeinflussten, diskutierte die Kunsthistorikerin am Beispiel Dells.

GUIDO SIEBERT (Gotha) legte abschließend für die zweite Sektion die ikonographische Entwicklung der Darstellung „Die Bekehrung Pauli“ dar und setzte diese in Beziehung zum Selbstverständnis des vom Hochmut des Katholizismus befreiten und geläuterten Herzogs. Die im Mittelalter mit dem vom Pferde stürzenden Paulus parallelisierte Superbia wurde in der Reformationszeit im Zusammenhang von Tugenden- und Lasterzyklen häufig abgebildet. Gleichzeitig setzte sich auf Flugblättern in der mittelalterlichen Bildtradition des „in geistlicher Waffenrüstung“ gegen die Laster kämpfenden Ritters der protestantische Fürst als geharnischter Kämpfer gegen die päpstlichen Laster in Szene. Das Motiv der Bekehrung Pauli, das oft einen herrschaftlich gekleideten Paulus zeigt, könne, so die These, somit als Chiffre für den gestürzten katholischen Fürst stehen, der aufgestanden und geläutert als protestantischer Ritter den Glauben beschützt.

Die dritte Sektion zum Thema Macht leitete MATTHIAS MÜLLER (Mainz) mit einem Vortrag über die Selbstrepräsentation Johann Friedrichs I. in Holzschnitten nach der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg ein. Durch die Zurschaustellung seiner Narbe und die in Kreuzesform angedeuteten Stirnfalten stilisiere sich der ehemalige Kurfürst als christlicher Märtyrer auf der einen Seite; in direkter Zwiesprache mit Christus sei durch das nah zum Gesicht gerückte Kruzifix und das geöffnete Buch in seiner Hand ein bewusster Bezug zu Hieronymus im Gehäus-Darstellungen aufgeworfen. Inwiefern es sich bei den Porträts um wirkliche Selbstrepräsentationen handelt oder um eine von außen ihm angetragene Sicht seiner Position, kann freilich nicht mit letzter Sicherheit geklärt werden. Die neuartige, auf die öffentliche Wirkung zielende „Vermarktung“ eines Herrscherporträts stehe jedoch außer Frage.

CHRISTIANE ANDERSSON (Lewisburg) widmete sich in ihrem Vortrag einem bislang nicht eingehend untersuchten Forschungsfeld: der Bildzensur bei polemischen Einblattdrucken. Anhand mehrerer Beispiele demonstrierte sie, dass in unterschiedlichen Städten verschiedene Varianten von Drucken kursierten, deren Differenzen von der jeweils gängigen Zensur abhingen. Darüber hinaus sei unter dem Eindruck der Zensur in der Reformationszeit eine bisher nicht gekannte symbolische Bildsprache entwickelt worden, die verdeckte Polemik bis zu einem gewissen Grad erlaubte.

Das Bild Johann Friedrichs I. in der Öffentlichkeit als protestantischer Märtyrer wurde, wie es bei Müller bereits anklang, durchaus auch von außen forciert. Dies bestätigte DANIEL GEHRT (Gotha) in seinem Beitrag über den in der Forschungsbibliothek Gotha liegenden handschriftlichen Trostbrief Kaspar Aquilas an Johann Friedrich I. von 1547, den er mit sechs später erschienenen Druckfassungen verglich. Durch stilistische Angleichungen, ausschmückende Formulierungen und die Rücknahme kaiserkritischer Ausdrücke in den gedruckten Versionen wurde zum einen der polemische Gehalt des handschriftlichen Trostbriefes in Bezug auf die aktuelle konfessions- und machtpolitische Dimension entschärft und zum anderen Johann Friedrich I. als beständig am wahren Glauben festhaltender Fürst medial inszeniert.

Die Schwierigkeiten bei der Festsetzung der verbindlichen Lehrmeinung zur Willensfreiheit des Menschen unter Johann Friedrich II. und die Vermarktung derselben präsentierte FRIEDHELM GLEISS (Mainz). Die nicht fortgeführte und dadurch nicht endgültig entschiedene Disputation zwischen Matthias Flacius Illyricus und Victorin Strigel führte auf Veranlassung des Flacius-Anhängers Simon Musäus zu einer subjektiv eingefärbten Veröffentlichung der Disputationsprotokolle. Der Fürst hatte dies verhindern wollen, um den Streit nicht weiter anzufachen. Entsprechend zurückhaltend verfuhr er, als Strigels Lehrmeinung durchgesetzt werden sollte: Pfarrer mussten die ihnen nur vorgelesene Erklärung unterschreiben, so dass eine Auseinandersetzung mit und die Verbreitung dieser Erklärung unterbunden werden sollten. Diese Aktion verdeutliche Johann Friedrichs II. generelle Strategie bei Lehrstreitigkeiten: Vermeidung und Unterdrückung von Kontroversen.

Einen interessanten Abschluss fand die Tagung mit einem Vortrag von STEFAN BÜRGER (Dresden) über die dynastische Selbstrepräsentation der Albertiner im Freiberger Dom. Der Bau, in seiner Anlage im 14. Jahrhundert eventuell. schon als Grablege gedacht, wurde 1505 unter Heinrich d. Frommen zur Hofkirche erkoren. Die Umbauten im Zuge des reformatorischen Umbruchs (Langhaus-Aufwertung durch örtliche Zentrierung von Hauptaltar, Fürstenempore mit Altar und Tulpenkanzel; Umfunktionierung des Chors als Begräbnisort) führten unter Umformung und Überblendung der mittelalterlichen Tradition zu einer neuen medialen Wahrnehmung liturgischer Handlungen und Orte.

Die Tagung wurde in den Diskussionen von ausgewiesenen Experten unterstützt: Michael Beyer (Leipzig), Michael Schilling (Magdeburg), Ruth Slenczka (Berlin), Joachim Bauer (Jena) und Christian Winter (Leipzig) kommentierten einzelne Beiträge oder gesamte Sektionen. Es wurde deutlich, dass sich mediale Strategien um Themen und Personen wie Luther, die Reformatoren oder die wettinischen Herrscher auf verschiedene Weisen entspinnen: Luther trat selbst als materielles Medium in Erscheinung; sein Abbild und Berichte über seine Äußerungen und ihn wurden in unterschiedlichen Formen und Formaten bewusst medial vermarktet. Dass die Durchsetzung von konfessionellen Überzeugungen nicht eine Frage einzelner Medien, sondern ein sich medial gegenseitig verstärkender Prozess war, an dem unterschiedliche Informationsträger beteiligt waren, klang in einigen Beiträgen an und lohnt der weiteren Vertiefung. Das neue Bewusstsein seitens der Protagonisten im Umkreis der Wettiner für die vielfältigen Möglichkeiten medialer Inszenierung nicht nur auf schriftlicher, sondern vor allem auch auf visueller und materieller Ebene spiegelte sich in der Fülle der hier vorgestellten Medien wider. Weiterführend stellt sich die Frage, inwiefern in der bewussten Agitation bereits propagandistische Züge erkennbar sind bzw. wo die Grenzen zur Propaganda verlaufen. Rückgekoppelt an die Buch-, Handschriften- und Kunstsammlung der Ernestiner auf Schloss Friedenstein wäre zu untersuchen, ob der sammelnde Akt an sich und/oder die Auswahl und Präsentation der Objekte ein dezidiert reformatorisches Bekenntnis unterstreicht.

Konferenzübersicht:

Martin Eberle (Gotha): Begrüßung

Christopher Spehr (Jena): Einführung

Bernd Schäfer / Ulrike Eydinger (Gotha): Vorstellung der Gothaer Sammlung von Flugblättern und Einblattdrucken auf Schloss Friedenstein

I. Mediale Strategien um Martin Luther
Moderation: Christopher Spehr (Jena)

Roland Lehmann (Jena): Luthers mediale Strategien zu Beginn der Reformation in Erfurt

Philipp Steinkamp (Gotha): Bildnis und Botschaft. Die Doppelporträts von Martin Luther und Katharina von Bora

Maria Bartsch (Halle): „Auff Evangelisch aber von bilden zu reden“ – Martin Luther an Prinzipalien

Doreen Zerbe (Leipzig): „Bildnis etlicher gelarten Menner“. Reformatorenporträts als Mittel der Positionierung in Zeiten des innerkonfessionellen Konflikts

Jochen Birkenmeier (Eisenach): Die Berichte über Luthers Tod als Medium reformatorischer Öffentlichkeitsarbeit

Michael Beyer (Leipzig): Kommentar zu Sektion I

Johanna Haberer (Erlangen): Die Reformation und ihre Medien

II. Mediale Strategien zum Thema Glaube
Moderation: Kathrin Paasch (Gotha)

Anika Höppner (Erfurt): Gesichte. Repräsentationen der Reformation

Matthias Meinhardt (Wolfenbüttel/Halle): Zwischen allen Stühlen. Interessengruppen, Medien und Strategien in der Kontroverse um den sächsischen Theologen Alexius Chrosner 1524-1534

Matthias Rekow (Erfurt/Gotha): „Fliegende Blätter“, Münzen, klingende Lieder – Schriftlichkeit, Bildlichkeit, Mündlichkeit im Medienverbund der Reformationszeit

Franz Fromholzer (Augsburg): Bühnenpraxis „sub contrario“ - Theaterprozessionen und -predigten bei Johannes Agricola und Paul Rebhun

Michael Schilling (Magdeburg): Kommentar zu Sektion II

Timo Trümper (Gotha): Der Gothaer Tafelaltar. Transformationen eines mittelalterlichen Mediums im Dienste der Reformation

Jutta Reinisch (Gotha): Protestantisch? Die Allegorie vom Alten und Neuen Bund auf Schloss Friedenstein

Bernd Schäfer / Uta Wallenstein (Gotha): Führung durch die Ausstellung Reformatorische Münzen und Flugblätter

Guido Siebert (Gotha): Das Motiv der Bekehrung Pauli als reformatorische Chiffre im Blickfeld der Wettiner

Ruth Slenczka (Berlin): Kommentar zu Sektion II

III. Mediale Strategien zum Thema Macht
Moderation: Martin Eberle (Gotha)

Matthias Müller (Mainz): „Beschau dies löblich Angesicht, besieh die Schramm des Hochgeborn!“ Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen in der protestantischen Bildpropaganda und die Funktion der Bildmedien

Christiane Andersson (Lewisburg): Polemische Einblattdrucke aus Gotha und Bildzensur in der deutschen Reformationszeit

Joachim Bauer (Jena): Kommentar zu Sektion III

Daniel Gehrt (Gotha): Kaspar Aquilas Trostbrief an Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen und die Konstruktion eines protestantischen Martyriums

Friedhelm Gleiß (Mainz): „Gedruckt wider Willen“ – die Schriftensammlungen von Simon Musäus gegen den „freien Willen“ (1562/63), veröffentlicht gegen den Willen des ernestinischen Herzogs

Stefan Bürger (Dresden): Der reformierte Dom – Mediale Veränderungen im Freiberger Dom unter Heinrich, Moritz und August von Sachsen (1536-1586)

Christian Winter (Leipzig): Kommentar zu Sektion III

Zitation
Tagungsbericht: Die Reformation und ihre Medien. Mediale Strategien im Umkreis der Wettiner im 16. Jahrhundert, 30.09.2013 – 02.10.2013 Gotha, in: H-Soz-Kult, 04.01.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5168>.