Workshop: Spur – Zur Belastbarkeit eines epistemologischen Modells

Ort
Paderborn
Veranstalter
Lehrstuhl Geschichte der Frühen Neuzeit, Arbeitsgruppe theorie denken, Universität Paderborn
Datum
23.07.2013 - 24.07.2013
Von
Johanna Sackel, Historisches Institut, Universität Paderborn

Das 2. Paderborner Theoriekolloquium stand unter dem Titel „Spur – Zur Belastbarkeit eines epistemologischen Modells“. Eingeladen hatten die Arbeitsgruppe ,theorie denken‘ und der Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Paderborn. Ziel war es, den Begriff Spur in Debatten um den Wissenschaftsbegriff einzuordnen. Dazu wurden Texte Carlo Ginzburgs[1], Johann Gustav Droysens[2], Sybille Krämers[3] und Hans-Jörg Rheinbergers[4] einer „Spurenlese“ unterzogen. Ausgehend von der Textauswahl sollten die darin geführten Argumentationen reflektiert und zentrale Begriffe der Kulturwissenschaften diskutiert werden. Auch wollten die TeilnehmerInnen die Grenzen des Spur-Modells ausloten. Wird es möglicherweise angesichts der miteinander konkurrierenden Konzepte überstrapaziert?

Im ersten Teil der Veranstaltung wurden die epistemologischen Implikationen der Spur nachvollzogen, welchen sich Sybille Krämer im Spannungsfeld von Carlo Ginzburgs Indizienparadigma und dem metaphysischen Zugang von Levinas' „Entzugsparadigma“ (Krämer) anzunähern sucht.[5] Deutlich wurde während der Diskussion, dass sich das Konzept der Spur in einem dynamischen Feld zwischen Präsenz und Absenz, Materialität und Intelligibilität sowie Gegenwärtigkeit und Latenz verorten lässt.

Um der Anwendbarkeit des Spur-Modells „auf die Spur zu kommen“, wurde zunächst diskutiert, inwieweit Ginzburg, als führender Vertreter der „microstoria“, ein wissenschaftliches Interesse hatte, ein in der Tradition von Alltagstechniken stehendes Wissenschaftsverständnis zu errichten (beispielsweise das Spurenlesen des Jägers, „wildes Denken“), um das eigene Fach gegenüber „galileischen Paradigmen“[6] in Stellung zu bringen und so den prekären Wissenschaftsstatus der Kulturwissenschaften epistemologisch zu beseitigen. Im Hinblick auf den zeitlichen Entstehungskontext können seine Überlegungen als Polemik gegen die Professionalisierung der Geschichtswissenschaft seitens „quantifizierender Sozialhistoriker“ gelesen werden. So rücke er das Qualitative, welches auf Indizien beruht und nicht quantifiziert werden kann, in den Fokus und verzichte zugleich darauf, beispielsweise die Historische Sozialwissenschaft direkt zu benennen, um eine Genealogie seines Faches erarbeiten zu können. Kontrovers diskutiert wurde die Kopplung des Indizienparadigmas an Alltagserfahrungen. Eine Systematisierung sei insofern nicht möglich, als durch die Bindung an alltägliche Formen der Praxis kein theoretischer Bezug oder eine analytische Distanz hergestellt werden könne. Denn im Kontext der Ausführungen Ginzburgs zum intuitiven und möglichst zeitnahen Spurenlesens (etwa des Jägers), einer „blitzschnellen Rekapitulation eines rationalen Prozesses“[7], bleibe unklar, inwiefern das Indizienparadigma als eine wissenschaftliche Methodik fassbar gemacht werden kann. Demzufolge lasse sich seine These, dass Historiker und Jäger Teil am selben Wissensparadigma haben und somit das eine durch das andere legitimiert werde, nicht verifizieren, da Ginzburg den Schritt vom Spurenlesen zur Explikation nicht gehe. Ergo nehme er keine Professionalisierung der Spurenlese vor. Stattdessen begebe er sich auf die Spur der Spur und vollziehe vielmehr eine methodische Selbstreflexion als eine methodische Explikation seines Konzepts. Gleichwohl stellt sich die Frage, inwieweit dieser Anspruch von Ginzburg erhoben wird, stellt er doch die methodische Stringenz seines Indizienparadigmas selbst infrage, indem er konstatiert, dass niemand „den Beruf des Kenners oder Diagnostikers“ erlernen könne, „wenn er sich darauf beschränkt, vorformulierte Regeln in der Praxis anzuwenden. Bei diesem Wissenstyp spielen unwägbare Elemente, spielen Imponderabilien eine Rolle: Spürsinn, Augenmaß und Intuition.“[8] Indem er seine theoretischen Reflexionen über den epistemologischen Wert der Spur zum Paradigma erhebt, moniert er ex tunc einen allzu strengen Wissenschaftsbegriff.

Sybille Krämer diagnostiziert in Ginzburgs Ansatz ein Zusammenspiel von Indizien- und „Entzugsparadigma“, denn durch die Erzählung als Rekonstruktion der Spurensuche bewege er sich zwischen historiographischem Positivismus und postmoderner Relativierung historischer Wahrheitsansprüche. Somit ermögliche das Spurenlesen als historiographische Methode die Beweisfähigkeit der historischen Konstruktion.[9] Krämer folgend kommt der Spurenleser, der im „lokalen“ Spurenwissen die Idee einer Totalität zu enthüllen sucht, bei Ginzburg in die Nähe einer der Levinas'schen Transzendenzperspektive verpflichteten Metaphysik. Somit werde er zum Konstrukteur eines Referenzobjektes, auf das die Spur verweist. Weil die „authentische Spur“ die Ordnung der Welt störe, trete die mit der Spur verbundene Transzendenz der Welt zutage. Im Hinblick auf Levinas' Idee des Anderen impliziere dies, dass der Andere einer Welt angehöre, die nur jenseits der unsrigen fremd ist; „sofern wir uns den Anderen als Zeichen erschließen, überführen wir ihn in die Immanenz; einzig ihn als Spur zu betrachten, belässt ihn in der Transzendenz.“[10]

Dem schloss sich die Frage an, wie nun eine Spur zu lesen sei. Das Indizienparadigma beinhalte, möchte man Krämer folgen, dass wir den Anderen besser lesen können, als er selbst es kann; folgt man dem ethischen Ansatz Levinas', ist es unmöglich, den Anderen überhaupt zu lesen. Inwiefern Krämer zwischen Transzendenz und Immanenz vermitteln wolle, war eine weitere Frage, deren Diskussion sich die TeilnehmerInnen widmeten. Indem sie nachzuweisen suche, dass sowohl Ginzburgs als auch Levinas' Ansatz die Doppelperspektive Immanenz/Transzendenz beinhaltet, positioniere sie sich auf einer Metaebene. Denn möchte man Ginzburg aus einer solchen ethischen Perspektive lesen, so offenbare sich anhand der Überlegungen über seine mikrohistorische Studie „Der Käse und die Würmer“ eine Ethik, die „das Kleine“ zu seinem Recht kommen lässt.[11] Dies jedoch stehe der Transzendenztheorie gegenüber, der zufolge der Andere eben nicht erkannt werden kann. Sehe man Ginzburgs Ansatz als Negation der Transzendenztheorie, so evoziere dies den Vorwurf einer „Hybris des westlichen Gutmenschen“, der sich der Sprache der Mächtigen bedienen muss, um den Entrechteten eine Stimme zu geben. Indem Krämer sich in die Tradition Levinas' stelle und damit der Annahme folge, dass jeder, der Verstehbarkeit vertritt, mit Projektionen arbeitet und damit den Anderen in seiner Andersheit notwendig verfehlt, eröffne sie einen Herrschaftsdiskurs, in dem sowohl der „ermittelnde Ginzburg“ als auch der „hegemoniale Ginzburg“ demselben System angehören. Möglicherweise werde jedoch mit einer solchen Sichtweise der Unterschied zwischen Ermittlung/Herrschaftschaftsbezug und Erkenntnisbezug vernachlässigt. Denn sei es nicht genau Ginzburgs Absicht gewesen, das Missverhältnis des Hegemonialen aufzudecken? Damit hätte er Ergebnisse der postkolonialen Überlegungen vorweggenommen. In diesem Zusammenhang bliebe zu fragen, ob sowohl bei Ginzburg als auch bei Krämer durch die Beschäftigung mit dem Begriff Spur nicht nur wissenschaftstheoretische, sondern vielmehr wissenschaftspolitische Aspekte zum Tragen kommen. Was sagt die Beschäftigung mit der Spur über gesellschaftliche Tendenzen aus?

Der zweite Teil des Kolloquiums beinhaltete eine weitere Einkreisung des Begriffs Spur. Darin gingen die TeilnehmerInnen insbesondere der Frage nach, inwiefern sich Ginzburgs Indizienparadigma und der Aspekt der Materialität als Attribut der Spur bei Krämer auf die empirischen Implikationen sowohl bei Droysen als auch bei Rheinberger übertragen ließen.[12] Festgestellt wurde, dass die bei Ginzburg nicht methodisierbare Intuition (Augenmaß, Spürsinn) Droysen als Gegenpol erscheinen lasse, da er eine ebensolche Methodisierung vornehme. Dies gelinge ihm mittels der Beschreibung eines reflektierten Verfahrens des Spurenlesens, das sich einer Begründungsverpflichtung unterwirft und den Anspruch stellt, jede Aussage, die beim Spurenlesen getroffen wird, zu belegen. Was er beschreibt, sei gleichsam eine Anleitung zum Spurenlesen, wenngleich der Spurbegriff bei ihm synonym für „Indiz“ gebraucht werde, und sich mit Metaphern wie „Überrest“ oder „Trümmer“ decke. Mit dem dahinterstehenden Gedanken, Geschichte als Bruch zu verstehen, generiere sich die Spur als Verbindung von Kontinuität und Diskontinuität. Dabei verweise sie auf jene Brüche, deren Lesbarkeit jedoch nur aufgrund anthropologischer Voraussetzungen, einer gemeinsamen Grundlage („sittliche Mächte“) gewährleistet sei. Damit gehe eine „Ent-Ontologisierung“ der Quellen einher, denn die Fähigkeit des Historikers, die richtigen Fragen zu stellen, hinge von der „erkenntnistheoretischen Spur“ ab, die er selbst in sich trage.

Insofern ist die Erkenntnis von der Fragestellung abhängig: Spuren werden im Zuge einer Narrativierung zugleich produziert und rekonstruiert, wenngleich sie in den Überresten bereits angelegt sind. Darauf basierend wurde der Schluss gezogen, dass eine Parallele zwischen Ginzburg und Droysen in dem Anspruch bestehe, dem Marginalisierten eine Stimme zu geben, wohingegen Krämer das Sichtbarmachen, das Materialisieren in den Vordergrund stelle. Im Hinblick auf den epistemologischen Mehrwert scheint dieser Vergleich jedoch fragwürdig. Obgleich Droysen eine objektivierbare Methodologie entwirft, bezieht er sie nicht konkret auf ein Spurkonzept als epistemologische Praktik. Insofern können die inhärenten Probleme des Spurmodells, die in den Reflexionen Ginzburgs und Krämers artikuliert werden, im Rekurs auf Droysen nicht gänzlich gelöst werden.

Eine andere Bedeutung bekommt die Spur innerhalb der historischen Epistemologie Rheinbergers. Für ihn sind Wissensobjekte materielle Spuren und gleichzeitig Interpretationen, die erst im Experiment entstehen. Dabei ist der Forscher auf bereits Bekanntes (Wissensbestände, Methoden) angewiesen, um etwas Neues hervorbringen zu können. Diese „epistemischen Dinge“ verlieren jedoch niemals das Moment der Unbestimmtheit und evozieren insofern immer neue Erkenntnisinteressen. Davon ausgehend beschäftigt er sich mit der Frage, wann in der Wissenschaftsgeschichte Neuerungen in Erscheinung treten, die sich qualitativ von bis dato Vorhandenem unterscheiden. Festgestellt wurde, dass er dabei den darwinistischen Ursprungsgedanken kritisch hinterfrage, indem er das übliche „Herleiten“ durch ein „Abspalten“ ersetze. Für ihn sei die Postulierung eines Ursprungs mit dem Aspekt der Nachträglichkeit verbunden. Die Spur selbst ist der Ursprung des Ursprungs, denn durch jedes neue Lesen der Spur werde das, was bisher gewusst wurde, verändert („Eliot-Effekt“).

Insofern rücke die Kohärenzbildung in den Vordergrund. Dabei sei Rheinbergers Kohärenzbegriff gewissermaßen unpopulär, da er eine permanente Redeskription beinhalte. Zugleich biete er jedoch ein Instrumentarium, mit dem sich Komplexität beschreiben lässt. Dabei werde die Suche nach Differenzen zum Ausgangspunkt der Erkenntnis. Wolle man also den dynamischen, mehrdimensionalen Erkenntnisprozess als Gemeinsamkeit zwischen Droysen und Rheinberger begreifen, so differieren ihre Ansätze dahingehend, dass Droysen Kohärenz als „Verbindung“ (das Vorhandensein „sittlicher Mächte“) verstehe, Rheinberger hingegen die Fraktalität hervorhebe, die einen ständigen Prozess des Umstrukturierens erfordere und eben nicht durch externe oder interne Instanzen beeinflusst werde.

Wenngleich die Produktivität in Rheinbergers Zugang hervorzuheben sei, so biete er jedoch ebensowenig wie die anderen Texte (mit Ausnahme Droysens) einen Anwendungsbezug des Spurkonzepts im Sinne eines methodischen Handwerkszeugs. Dies jedoch harmoniere wiederum mit Rheinbergers Postulat, dass es ohnehin kein klar umrissenes Konzept geben könne.

In der Abschlussdiskussion wurde resümiert, dass die Ansätze in weiten Teilen weniger die Anwendbarkeit, denn die Belastbarkeit des Spurkonzepts in den Vordergrund rückten. Demnach bewege man sich vornehmlich auf einer Metaebene, bei der es weniger um die Spur gehe, sondern vielmehr darum, anhand des Konzepts wissenschaftstheoretische Reflexionen über die eigene Arbeitsweise vorzunehmen. Hervorgehoben wurde dabei die analytische Leistung der Texte: Welche Spuren gibt es? Was macht Wissenschaft, wenn sie nach Spuren sucht, wie generiert sich der Erkenntnisweg? Festzustehen scheint, dass eine Auseinandersetzung mit Spuren notwendig abduktiv zu sein hat: Indem etwas Neues im Sinne eines abduktiven Schließens in eine narrative Form gebracht wird, findet der Verweis auf etwas Tieferliegendes statt.

Anmerkungen:
[1] Carlo Ginzburg, Spurensicherung. Der Jäger entziffert die Fährte, Sherlock Holmes nimmt die Lupe, Freud liest Morelli – Die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst, in: Ders., Spurensicherung. Die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst. Berlin 1995, S. 7–44.
[2] Johann Gustav Droysen, Historik. Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857). Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/1858) und der letzten gedruckten Fassung (1882), Stuttgart 1977, S. 3–15 und S. 111–158.
[3] Sybille Krämer, Was also ist eine Spur? Und worin besteht ihre epistemologische Rolle? Eine Bestandsaufnahme, in: Dies./ Werner Kogge/ Gernot Grube (Hrsg.), Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst, Frankfurt am Main 2007, S. 11–33; Dies.: Immanenz und Transzendenz der Spur: Über das epistemologische Doppelleben der Spur, in: Ebd., S. 155–181.
[4] Hans-Jörg Rheinberger, Experimentalsysteme und epistemische Dinge: eine Geschichte der Proteinsynthese im Reagenzglas, Frankfurt am Main 2006, daraus Kap. 10, Historialität, Erzählung, Reflexion, S. 222–235.
[5] Krämer, Immanenz und Transzendenz der Spur.
[6] Ginzburg, Spurensicherung, S. 9.
[7] Ebd., S. 38.
[8] Ebd., S.38.
[9] Krämer, Immanenz und Transzendenz der Spur, S. 173.
[10] Ebd., S. 177.
[11] Er zeichnet anhand von Inquisitionsprotokollen die Spur der Unterdrückten nach. Krämer zufolge kann er diesen Entrechteten nur eine Stimme geben, indem er aus den Zeugnissen eine Erzählung macht und ihnen somit seine Stimme leiht. Davon ausgehend wolle er die Totalität der bäuerlichen Volkskultur zum Vorschein bringen.
[12] Materialität als Attribut der Spur: „Im Spurenlesen erweist sich die Materialität als Bedingung von Immaterialität, die Immanenz als Bedingung von Transzendenz.“ Krämer, Was also ist eine Spur?, S.19.

Zitation
Tagungsbericht: Workshop: Spur – Zur Belastbarkeit eines epistemologischen Modells, 23.07.2013 – 24.07.2013 Paderborn, in: H-Soz-Kult, 09.01.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5170>.