Ort
Berlin
Veranstalter
Susanne Lachenicht, Universität Bayreuth; Myriam Yardeni, Universität Haifa
Datum
13.11.2013 - 16.11.2013
Von
Emmanuelle Chaze / Maximilian Krogoll / Stefan Weiß, Kulturwissenschaftliche Fakultät, Universität Bayreuth

Vom 13. bis zum 16. November 2013 fand in der Berliner Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt die Tagung „Identities“ statt. Diese Konferenz bildete den Abschluss einer Tagungsreihe im Rahmen des Forschungsprojektes „Diaspora Identities, Diaspora Networks: The Example of the Huguenots“, welches von der German-Israeli Foundation (GIF) gefördert und von Prof. Dr. Susanne Lachenicht (Bayreuth) und Prof. Dr. Myriam Yardeni (Haifa) geleitet wird. Das Forschungsprojekt untersucht die Formierung und Veränderung von Identitäten in der Diaspora am Beispiel französischer Protestanten (Hugenotten). Wie bildeten sich französisch-protestantische Identitäten in Frankreich heraus, wie entwickelten sie sich im „Refuge“ während des 17. und 18. Jahrhunderts? Ziel des Projektes war es, Netzwerke zwischen den „Gatekeepers“ (Pastoren, militärischen Anführern, Druckern, Kaufleuten) zu etablieren; weiterhin wurden Ideen, welche in diesem Netzwerk zirkulierten, wie auch die Art und Weise, mit der diese Ideen innerhalb der hugenottischen Diaspora verbreitet wurden, analysiert. Schließlich wurde in dem Projekt der Frage nachgegangen werden, in welchem Ausmaß eine distinkte und kohärente Gruppenidentität formiert und aufrecht erhalten werden konnte und welche Auswirkungen diese auf die Diaspora und die Aufnahmegesellschaften hatten.

Unter dem Titel „Identities“ hatte sich in Berlin nun an prominentem Ort, der Berliner „Hugenottenkirche“, eine Vielzahl internationaler Experten eingefunden, um Forschungsergebnisse zu präsentieren und auszutauschen, Verbindungen zwischen Vertretern unterschiedlicher Forschungsrichtungen zu knüpfen und Anstöße für neue Forschungsinitiativen zu liefern. Organisiert wurde die Tagung von Prof. Dr. Susanne Lachenicht, Inhaberin des Lehrstuhls für Geschichte der Frühen Neuzeit der Universität Bayreuth.

HUGUES DAUSSY (Besançon, Franche-Comté) führte in der ersten Präsentation der Tagung aus, dass sich französische Protestanten im 16. Jahrhundert oftmals als das auserwählte Volk, von welchem in der Bibel die Rede ist, sahen. Hierbei wurde eine Parallele zwischen Hebräern und Protestanten konstruiert, wohingegen der Katholizismus beispielsweise die Rolle der Ägypter einnimmt. Diese Konstruktion von Identität erarbeitete Daussy unter anderem aus der Untersuchung pastoraler Korrespondenzen und Pamphlete.

ARLETTE DANIEL (Haifa) beschrieb in ihren Vortrag die Ergebnisse ihrer Untersuchung protestantischer und humanistischer Kreise während der französischen Revolutionszeit. Hierzu zog sie die Korrespondenz von Paul Rabaut und Antoine Court heran. Aus den Korrespondenzen ist ersichtlich, dass sich während der Revolution ein Identitätswechsel von hugenottisch zu republikanisch abzuzeichnen begann. Obwohl sich in der Korrespondenz noch Hinweise auf eine zumindest protestantische Identität finden lassen, kann man, so Daniel, für die Zeit nach der Revolution das Vorhandensein multipler Identitäten ausschließen.

PATRICK CABANEL (Toulouse) stellte in seinem Vortrag die These auf, dass „hugenottische“ Identität (davor französisch-reformiert oder protestantisch) in Frankreich ein Phänomen der post-revolutionären Zeit ist. Die Rückkehr der Nachkommen der Réfugiés bewirkte, so Cabanel, die „Hugenotisation“ des französischen Protestantismus. Die Konstruktion hugenottischer Identität erfolgte hierbei unter anderem durch mündliche Erinnerung, die Bedeutungszuschreibung bezüglich bestimmter Gegenstände, Erinnerungsorte sowie durch fiktionale Erzählungen und Romane. Hugenottische Identität und Tradition wurden in diesem Prozess im 19. und 20. Jahrhundert neu erfunden.

YVES KRUMENACKER (Lyon) zeigte am Beispiel so genannter Escape Accounts, wie sehr diese Textsorte der Diaspora genutzt wurde, um mittels Genealogien bzw. Geographien der verlorenen Heimat und Familien Orte und Namen als Bestandteil hugenottischer Erinnerungskultur von Generation zu Generation weiterzugeben und damit dem Vergessen das Erinnern gegenüberzustellen.

MIRIAM YARDENI (Haifa) wurde für ihre Präsentation live per Videostream aus Haifa zugeschaltet. Sie stellte neue Methoden im Umgang mit hugenottischer Geschichte im Allgemeinen, und hugenottischer Identität im Speziellen vor. Zunächst zeichnete Miriam Yardeni die Hauptlinien hugenottischer Identität nach, mahnte jedoch an, dass es nötig sei, sich abseits von Statistiken und Zahlen verstärkt mit der Mentalitätsgeschichte der Hugenotten zu befassen. Es sei, so Yardeni, sehr wichtig, die Forschungsergebnisse in Mikrogeschichte und Kulturgeschichte im Allgemeinen in die Forschungsdiskussion miteinzubeziehen.

MICHELLE MADGDELAINE (Paris) führte aus, wie sich Hugenotten mit den Gesellschaften in welchen sie um Aufnahme ersuchten, auseinandersetzten. Hierzu zog sie die Beispiele der Privilegien gewährenden Edikte für die Siedlungen Friedrichsdorf und Neu-Isenburg heran. Sie stellte vor, welche ökonomischen Prozesse durch die französischen Religionsflüchtlinge angeregt wurden, und beschrieb Interaktionen derselben mit der einheimischen Bevölkerung. Das oft sehr komplexe Neben- und Miteinander von dezidiert sich als „Franzosen“ wahr nehmenden „Hugenotten“ und Deutschen lässt sich laut Magdelaine bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nachweisen. Dass die Nachkommen der Hugenotten als integriert in ihre Aufnahmegesellschaft angesehen werden müssen, kann als bestätigt angesehen werden, die Frage der Assimilation ist jedoch, so Magdelaine, zweifelhaft.

VIVIANE PREST (Paris) stellte in ihrem Vortrag Forschungsergebnisse zur Berliner Hugenottenkolonie vor. Sie beschäftigte sich mit den Hugenotten der vierten Generation und wie diese im Berlin des beginnenden 19. Jahrhunderts, welches geprägt von einem kulturellen und wissenschaftlichen Aufschwung war, zu verorten sind. In den zahlreichen Gesellschaften und Institutionen der Stadt entwickelte sich das Bild des preußischen Hugenotten, der sich selbst, obgleich er durch den Gebrauch des Französischen, seine Involvierung in das Leben der Kolonie und die Heirat innerhalb der Grenzen derselben, sein französisches Erbe pflegt, als ein preußischer Bürger betrachtete.

BERTRAND VAN RUYMBEKE (Paris) präsentierte die Veränderung hugenottischer Identität im Zusammenspiel von hugenottischer Erinnerungskultur und Traditionsbildung anderer Einwanderergruppen in den englischen Kolonien in Nordamerika bzw. den USA. Klassische identitätsstiftende Topoi, wie etwa der Exodus aus Frankreich fanden interessanterweise erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts Einzug in die rekonstruierte Erinnerung der Hugenotten in den Südstaaten.

OWEN STANWOOD (Boston) gab einen Überblick über einige hugenottische Kolonisierungsprojekte im Indischen Ozean, Afrika und der Karibik, welchen die Vorstellung einer separaten hugenottischen „Nation“ innerhalb eines abgegrenzten Territoriums zugrunde lag. Diesen teils abenteuerlichen Vorhaben lag der Wunsch zu Grunde, nach der Revokation des Ediktes von Nantes im Jahr 1685 ein hugenottisches Utopia zu erschaffen. Die Expeditionen waren verknüpft mit großen Erwartungen, jedoch letztlich ein Fehlschlag.

EMMANUELLE CHAZE (Bayreuth) präsentierte Fallstudien zur Rolle von Frauen in hugenottischen Korrespondenzen. Hierzu zog sie Korrespondenzpartner von den Britischen Inseln sowie dem französischen Mutterland in ihre Analyse mit ein. Anhand dieser Quellen zeigte sie, welche Rolle die Frauen im Kreis der Familie einnahmen, wie sie mit Autorität umgingen, ob sich in der Korrespondenz noch Spuren religiöser Praxis finden lassen und verglich Unterschiede in der brieflichen Praxis im Augenblick der Flucht und später im Refuge.

AVI LIFSCHITZ (London) behandelte in seinem Vortrag die Sprachdebatten, welche das französische Selbstverständnis der Berliner Hugenotten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angriffen. Die Behauptung des Mitglieds der Akademie der Wissenschaften Prémontval, dass deren Leiter Jean Henri Samuel Formey im Speziellen und die französischsprachigen Mitglieder der Akademie und der Kolonie in Berlin im Allgemeinen, kein zeitgemäßes Französisch mehr sprechen würden, sorgte in der ohnehin im Zerfall begriffenen Kolonie für gehöriges Aufsehen und stellte einmal mehr die Frage wie französisch die Berliner Hugenotten noch waren.

MANUELA BÖHMS (Kassel) Vortrag konzentrierte sich ebenfalls auf die sprachlichen Eigenheiten des Französischen der Hugenotten. Bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sahen sich die Réfugiés dem Vorwurf ausgesetzt, die Qualität der französischen Sprache zu „verwässern“. Dieser Konflikt nahm insbesondere gegen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts an Fahrt auf, da die Argumentationen zu den Varietäten des Französischen durch die Hugenotten (Polyzentrismus) mit den Bemühungen, unter anderem Voltaires, das Französische als Sprache mit einer Standardisierung universell durchzusetzen, zu kollidieren schienen.

DIDIER BOISSON (Angers) befasste sich in seinem Vortrag mit der Frage, welche religiöse Identität Pierre-Francois Le Courayer zugeschrieben werden kann: Jansenist, Jesuit, Calvinist, Protestant? Indem Boisson den Lebensverlauf und die Schriften von Le Courayer verfolgte, versuchte er herauszufinden, ob dieser in seinem Wirken tatsächlich vom Calvinismus beeinflusst wurde und inwiefern man ihm überhaupt eine eindeutige konfessionelle Identität zuschreiben konnte.

SUSANNE LACHENICHT (Bayreuth) griff ebenfalls die Frage multipler Identitäten auf und diskutierte diese am Beispiel hugenottischer Kaufleute im Boston des 18. Jahrhunderts. Externe Netzwerke erwiesen sich im Fall der Familie Faneuil als mindestens ebenso wichtig wie interne Netzwerke der Diaspora, um wirtschaftlichen Erfolgt im globalen Handel langfristig garantieren zu können.

Die Tagung zeigte am Beispiel der Hugenotten, dass (Diaspora-)Identitäten oft in ihrer Gesamtheit betrachtet heterogen und hybrid wirken und identitäre Konstruktionen in der Diaspora immer aus dem historischen, d.h. politischem, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Kontext, in dem sie entstanden und wirken sollten, erklärt werden müssen. Identitäten, so die generelle These, sind flexibel, funktional und unterliegen ständigem Wandel, um die Bedürfnisse von Gruppen (Abgrenzung, Inklusion, Integration etc.) langfristig befriedigen bzw. das Überleben von (Diaspora-)Gemeinschaften garantieren zu können.

Konferenzübersicht:

Identités huguenotes en France (XVIe-XXe siècles) Présidente de séance:

Hugues Daussy (Université de Franche-Comté): La rhétorique du peuple élu: l'enracinement biblique de l'identité huguenote au XVIe siècle

Arlette Daniel (Université de Haïfa): Identité déguisée dans des textes huguenots et républicains avant et pendant la Révolution Française

Patrick Cabanel (Université de Toulouse Le Mirail): L'appropriation d'une identité "huguenote" par les protestants français au XIXe siècle. Un effet retour du Refuge?

Identités du refuge: les mémoires Président de séance:

Yves Krumenacker (Université de Lyon III): Le rapport à la France dans les mémoires de réfugiés

Caroline Lougee (Stanford University): Imagining Identities: The Fictions in Refugee Memoirs

Myriam Yardeni (Université de Haïfa): Assimilation et intégration (fin XVIIe et XVIIIe siècles): nouvelles possibilités et méthodologie

Identités dans le refuge allemand Président de séance:

Michelle Magdelaine (CNRS, Paris): De l'application des édits d'accueil dans le temps: les exemples de Friedrichsdorf et de Neu-Isenburg

Viviane Prest (Paris): Huguenots de Prusse autour de 1800. Essai de caractérisation de la bourgeoisie huguenote prussienne de la quatrième génération

Identités dans le refuge anglophone Président de séance:

Bertrand van Ruymbeke (Université Paris-Saint Denis): Réfugié, Américain, Sudiste: les mutations identitaires du huguenot dans le Sud des Etats-Unis (1680–1860)

Owen Stanwood (Boston College): The Promise of New Worlds: Huguenot Refugees in the East and West Indies, 1680–1700

Emmanuelle Chaze (Universitaet Bayreuth): Les voix de femmes dans les correspondances huguenotes du XVIIIe siècle

Identités huguenotes: le problème des langues Président de séance:

Avi Lifschitz (University College London): Huguenot Identity and the 'style réfugié' in the Language Debates of 18th-Century Berlin

Manuela Böhm (Universität Kassel): L’autre querelle de langues: supériorité, pureté et génie de la langue française dans le refuge germanophone

Identités du refuge: les identités multiples Président de séance:

Didier Boisson (Université d’Angers): Catholique? janséniste? calviniste? Pierre-François Le Courayer (1681–1776) et la question de son identité religieuse.

Susanne Lachenicht (Universität Bayreuth): Les identités multiples des marchands huguenots: le cas de Boston

Zitation
Tagungsbericht: Identities, 13.11.2013 – 16.11.2013 Berlin, in: H-Soz-Kult, 24.01.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5174>.