Vor dem Ruhrgebiet: der Hellwegraum im Mittelalter

Ort
Bochum
Veranstalter
Andreas Rüther / Dieter Scheler / Stefan Pätzold, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum
Datum
08.11.2013
Von
Eileen Bergmann, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Am 8. November 2013 fanden an der Ruhr-Universität Bochum die zweiten Bochumer Gespräche zur Regionalgeschichte an Rhein und Ruhr unter dem Thema „Vor dem Ruhrgebiet: der Hellwegraum im Mittelalter“ statt. Die Tagung wurde vom Lehrstuhl für die Geschichte des späteren Mittelalters (Andreas Rüther / Dieter Scheler / Stefan Pätzold) veranstaltet. Im Mittelpunkt der Tagung stand der Hellwegraum, der nicht nur in seiner Funktion als Straße, sondern auch als Verbindungsweg zwischen den heutigen Ruhrgebietsstädten Dortmund, Bochum und Essen thematisiert wurde. Ziel der Tagung war es unter anderem den aktuellen Forschungsstand zur Region unter geschichtswissenschaftlicher und archäologischer Perspektive herauszustellen.

In seiner Begrüßung hob ANDREAS RÜTHER (Bochum) die Besonderheiten des Hellwegs hervor. Der schon im Mittelalter genutzte Hellweg verlief vom Rhein in Duisburg über Essen, nach Bochum und Dortmund bis nach Höxter an der Weser, wo er sich in mehrere nach Osten verlaufende Arme aufspaltete. Als zentrale Landverbindung zwischen den einzelnen Städten habe er dem Handel ebenso wie dem Kulturtransfer gedient und sollte im Rahmen der Bochumer Gespräche sowohl aus herrschafts-, wirtschafts- und sozialgeschichtlicher aber auch aus archäologischer Perspektive betrachtet werden.

HEINRICH SCHOPPMEYER (Witten) skizzierte in seinem einleitenden Vortrag den Hellweg als Königsweg. Schoppmeyer betonte, dass der Hellweg bereits von Karl dem Großen, der sich im Zuge der Sachsenkriege mehrfach in Paderborn aufhielt, genutzt worden sei. Unter den Ottonen und Saliern änderten sich die Herrschaftsgebiete, wodurch sich die Nutzung des Hellwegs wandelte. Westfalen und Engern dienten in ottonisch-salischer Zeit bis in das Jahr 1177 als Zwischenräume der kaiserlichen Herrschaftsgebiete Niederlothringen und Ostsachsen, wodurch der Hellwegraum als Verbindung zwischen den Herrschaftsgebieten von Königen und Kaisern häufig genutzt wurde. Neben dem Hellweg als Verbindungsstraße zwischen den Herrschaftsgebieten, betonte der Wittener Historiker weiterhin die Bedeutung der Aufenthalte von Königen und Kaisern zwischen 772 und 1224 in am Hellweg gelegenen Orten. Besuche zu Weihnachten und Ostern fanden u.a. in Werden oder Paderborn statt. Orte, die nicht am Hellweg lagen, wie zum Beispiel Münster oder Minden, wurden entsprechend seltener besucht. Neben der Nutzung des Hellwegs durch Könige und Kaiser ging Schoppmeyer auch auf das Städtewachstum ein. Gleichermaßen entwickelten sich unter anderem die Städte Dortmund, Essen und Bochum in Richtung der Hellwegtrasse hin, woraus sich die wirtschaftliche Bedeutung dieses ableiten ließe.

REINHILD STEPHAN-MAASER (Essen) thematisierte in ihrem Vortrag „Von Duisburg nach Höxter und darüber hinaus: Verkehrswege, Handelsroute und Lebensader“ die funktionale Bedeutung des Hellwegs. Der Hellweg, der heute in etwa dem Verlauf der A40 beziehungsweise A44 entspricht, änderte mehrfach seinen Verlauf, so die Mitarbeiterin des Ruhr-Museums Essen. Als Königsstraße stand er unter dem besonderen Schutz des Königs beziehungsweise Kaisers. Bei mehreren Grabungen konnten in seinem direkten Umfeld unter anderem Kreuzemailscheibenfibeln des 9./10. Jahrhunderts und als Miniaturreliefs gestaltete Kreuzigungsgruppen aus dem 10./11. Jahrhundert gefunden werden. Die Funde deuteten insgesamt auf eine frühe vollständige Christianisierung dieses Raums hin, so Stephan-Maaser. Während die Fibeln von der lokal ansässigen Bevölkerung getragen worden seien, ließen aufgefundene Pilgerzeichen den Schluss zu, dass der Hellweg auch von Santiago-Pilgern genutzt worden sei, die auf dem Weg in den Nordwesten der iberischen Halbinsel am Hellweg gelegene Zwischenstationen aufsuchten.

In der zweiten Sektion wurde der Hellwegraum aus archäologischer Sicht betrachtet. Die Dortmunder Stadtarchäologin HENRIETTE BRINK-KLOKE berichtete von Gräberfeldern in Dortmund-Wickede und Dortmund-Asseln, die in der Nähe des Hellwegs entdeckt wurden. Die frühesten Gräber konnten auf das 6. Jahrhundert datiert werden. Brink-Kloke wies eine kontinuierliche Nutzung der Gräberfelder bis ins 11. Jahrhundert nach. In Asseln konnten insgesamt 26 Gräber freigelegt werden, von denen ein Grab einem berittenen Krieger aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts zugeordnet werden konnte. Die mehrfach mit Perlen und Fibeln ausgestatteten Gräber von Frauen verwiesen auf den gewissen Wohlstand der am Hellweg ansässigen Bevölkerung. Der Archäologe STEFAN LEENEN (Herne) betrachtete die Stadt Essen im Mittelalter ebenfalls aus archäologischer Perspektive.

In der dritten Sektion wurde erneut unter historiographischer Perspektive auf den Hellwegraum eingegangen. STEFAN PÄTZOLD (Bochum) thematisierte das mittelalterliche Bochum. Insbesondere der Vorgang der Stadtentstehung wurde von Pätzold herausgestellt. So unternahmen die Bochumer Bürger 1321 einen Versuch, von Graf Engelbert von der Mark Stadtrechte verliehen zu bekommen, doch dieser folgte der Bitte der Bochumer nicht. Zwar sei Bochum ein kleinerer Ort mit einer geringen Bevölkerungszahl gewesen, der keine Stadtummauerung besessen habe und auch Gewerbe und Handwerk sei nur in minder bedeutungsvollem Rahmen betrieben worden, doch zeige sich in der Quelle von 1321, dass der sich bis in das 15. Jahrhundert erstreckende Vorgang der Stadtwerdung bereits zu dieser Zeit eingesetzt habe. Immerhin seien im Fall Bochums das Bestehen einer Umwallung, das Vorhandensein von Rathaus, Pfarrkirche, Gasthaus sowie ein Marktplatz als Charakteristika einer mittelalterlichen Stadt anzusehen.

Einen weiteren Aspekt des Hellwegraums betrachtete DIETER SCHELER (Bochum). Er hob die Bedeutung des Hellwegs für die Grafen von Kleve-Mark hervor. So war der Hellweg für die Grafen besonders in seiner wirtschaftlichen Funktion relevant. Während die Grafen entlang des Hellwegs im Osten Probleme mit der Reichsstadt Dortmund hatten, bestanden weiter im Westen anhaltende Konflikte mit den Reichsstiften Essen und Werden. Im Jahr 1388 gingen die Grafen von der Mark militärisch gegen Dortmund vor, 1495 gelang es den Märkern als Vögte des Essener Stifts eingesetzt zu werden. In Werden wurde das Amt des Rentmeisters als landesherrliches Amt ausgebaut, sodass sie auch hier zunehmend an Einfluss gewannen. 1368 erwarben sie zusätzlich das Herzogtum Kleve und verlegten sogleich ihren Sitz von Haus Mark bei Hamm nach Kleve an den Niederrhein, wo sie in die bereits existierende Residenz Schwanenburg einzogen. Doch auch nach dem Erwerb des Herzogtums wurden Kleve und Mark in wirtschaftlicher Hinsicht nicht miteinander vereint, sondern blieben als eigene Territorien bestehen, was sich auch in der Registerführung niedergeschlagen hat. Die Märker gewannen zwar zunehmend an Einfluss, verstanden es aber die Besonderheiten der einzelnen Gebiete zu wahren und zu nutzen.

Die intensiven und teilweise durchaus kontroversen Diskussionen haben gezeigt, dass der Hellwegraum in verschiedenen Bereichen weiterer Untersuchungen und Gespräche bedarf. Besonders wurde der Frage nachgegangen, ob Bochum im Gegensatz zu den anderen am Hellweg gelegenen Städten als ein Negativbeispiel in Bezug auf seine Entwicklung gesehen werden kann. In der starken Konkurrenz zu Dortmund und Essen war es Bochum kaum möglich, sich als Stadt zu etablieren. Eine Beeinträchtigung durch die Lage am Hellweg schloss Pätzold allerdings aus. Schoppmeyer betonte die, durch die Grafen von der Mark, eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten der Stadt. HANS-WERNER GOETZ (Hamburg) wies auf die schlechte Ausgangslage Bochums hin. Dass der Stadt allerdings keine Stadtrechte verliehen worden seien, sei kein Einzelfall, so der Historiker.

Auch der Begriff des Hellwegraums wurde in Frage gestellt. Während Brink-Kloke sich für den Raumbegriff aussprach, da es sich um einen geographischen Raum zwischen den Flüssen Ruhr und Lippe handele und die Bezeichnung daher sinnvoll sei, betonte Goetz, dass der Hellwegraum keine politische Einheit bilde, dessen einzelne Teilräume aber dennoch zueinander in Beziehung standen und der Begriff daher aus der Sicht des Historikers zumindest zu problematisieren sei.

Rüther gab in seiner Zusammenfassung Anregungen für weitere Gespräche. So sei die über 200 km lange Verbindung stärker zu differenzieren und Umbrüche weiter herauszuarbeiten. Sowohl zeitliche Veränderungen als auch Veränderungen durch Fehden, die Pest und Wüstungsbildung, durch Einrichtungen wie Pilgerkapellen und Gasthäuser sowie durch politische und auch wirtschaftliche Einflüsse müssten näher untersucht werden.

Im Rahmen der Tagung sind unterschiedliche Herangehensweisen der Untersuchung des Hellwegraums thematisiert und diskutiert worden. Neben dem Hellweg, der in seiner Funktion als Straße betrachtet wurde, standen besonders die umliegenden Städte Dortmund, Bochum und Essen im Mittelpunkt. Dabei wurde besonders auf die mittelalterlichen politischen Strukturen eingegangen. Auch wenn die Bedeutung des Hellwegraums herausgearbeitet worden ist, wurde dennoch deutlich, dass der Raum weiterer Untersuchungen bedarf.

Konferenzübersicht:

Heinrich Schoppmeyer (Witten): Der Hellweg: historische Königsstraße oder Konstrukt der Historiker?

Reinhild Stephan-Maaser (Essen): Von Duisburg nach Höxter und darüber hinaus: Verkehrsweg, Handelsroute, Lebensader

Henriette Brink-Kloke (Dortmund): Dortmund im frühen Mittelalter

Stefan Leenen (Herne): Essen im Mittelalter aus archäologischer Perspektive

Stefan Pätzold (Bochum): Bochum am Hellweg

Dieter Scheler (Bochum): Der Hellweg als Territorialachse von Kleve-Mark

Zitation
Tagungsbericht: Vor dem Ruhrgebiet: der Hellwegraum im Mittelalter, 08.11.2013 Bochum, in: H-Soz-Kult, 22.01.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5177>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.01.2014
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