Neue Methoden der spätmittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte

Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Arbeitskreis für spätmittelalterliche Wirtschaftsgeschichte; Julia Bruch, Köln; Ulla Kypta, Frankfurt am Main; Tanja Skambraks, Mannheim
Datum
15.11.2013 - 16.12.2013
Von
Sabrina Stockhusen, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Die Gründerinnen des Arbeitskreises für spätmittelalterliche Wirtschaftsgeschichte Julia Bruch (Köln), Ulla Kypta (Frankfurt am Main) und Tanja Skambraks (Mannheim) luden vom 15. bis zum 16. November zu einer ersten Konferenz mit dem Titel „Neue Methoden der spätmittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte“ ein. In ihrer Begrüßungs- und Einführungsrede verwies ULLA KYPTA (Frankfurt am Main) auf die Methodenvielfalt in den Wirtschaftswissenschaften und die Schwierigkeiten bei der adäquaten Auswahl und dem sinnvollen Gebrauch derselben innerhalb der Wirtschaftsgeschichte. So bedinge die Anwendung von wirtschaftswissenschaftlichen Modellen immer wieder die Konfrontation mit den empirischen Quellenbefunden. Neben den wirtschaftswissenschaftlichen seien die sozial- und kulturwissenschaftlichen Ansätze ebenfalls in das Methodenspektrum der Wirtschaftshistoriker aufzunehmen.

Der 1. Block: Expansion, ebenfalls moderiert von Ulla Kypta (Frankfurt am Main), begann mit dem Vortrag von ULF CHRISTIAN EWERT (Münster) zur Markterschließung und -entwicklung in der Expansion Portugals im 15. Jahrhundert. Unter Anwendung wirtschaftswissenschaftlicher Konzepte aus der Managementliteratur begreift Ewert diese Expansion nach Übersee und Westafrika als Innovationsprozess, in dem die portugiesische Krone Anreize für die Kaufleute und Investoren schuf, um die Erschließung neuer Märkte an der westafrikanischen Küste voranzutreiben und gewinnbringend zu steuern.

PER GUNNAR SIDÉN (Stockholm) referierte über die Zuverlässigkeit geschätzter mittelalterlicher Bevölkerungszahlen in der Forschungsliteratur. Hierbei zeigte er anhand des häufig verwendeten Werkes von Tertius Chandler und Gerald Fox „3000 years of urban growth“ (1974)[1] sowie der zum großen Teil auf denselben Zahlen basierenden Arbeit von Paul Bairoch, Jean Batou und Pierre Chèvre „La population des villes européennes: banque de données et analyse sommaire des résultats = The population of European cities: data bank and short summary of results: 800-1850“ (1988)[2] am Beispiel von Regensburg, Mainz, Speyer, Köln, Trier und Worms einige Unstimmigkeiten in den Bevölkerungszahlen auf und mahnte zur Vorsicht bei der Übernahme der von Bairoch vorgestellten Bevölkerungszahlen für eigene Untersuchungen.

Den 2. Block: Märkte, moderiert von Julia Bruch (Köln), eröffnete CHRISTOF JEGGLE (Bamberg) mit einem Vortrag zu sozialwissenschaftlichen Analysen historischer Märkte. Ausgehend von einem akteursorientierten Ansatz nutzt er Konzepte aus der Wirtschaftssoziologie. Diese benennen zwei konstituierende Faktoren von Märkten: erstens die unterschiedliche Qualität von Produkten, die eine Herausbildung spezialisierter Märkte erforderte, und zweitens die spezifischen Formen der Interaktion und Kommunikation von Akteuren auf diesen Märkten beispielsweise in Form der Verbindung von unterschiedlichen sozialen Netzwerken.

ANGELA HUANG (Kopenhagen) referierte über den Textilhandel im hansischen Handelsnetzwerk des Spätmittelalters. Ausgehend von den bisher noch unveröffentlichten Londoner Zollakten wies sie in ihrer Dissertation eine über den lokalen und regionalen Verbrauch hinausgehende Textilproduktion von Leinwand und Wolltuchen im hansischen Handelsraum nach. Mit Hilfe wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Ansätze konnte sie beide Gewebearten auf den internationalen Märkten als Massenware charakterisieren, deren Produktion durch Hansekaufleute an die Anforderungen des Fernhandels angepasst wurde.

Es folgte DOMINIK KAUFNER (Regensburg) mit seinen Ausführungen zur Abtei St. Emmeram in Regensburg. Er befasst sich mit dem Zeitraum von der Loslösung des Klosters vom Hochstift Regensburg im Jahre 975 bis zur Exemtion St. Emmerams im Jahre 1326. Dieses Dissertationsprojekt basiert vor allem auf der Untersuchung der Finanzgeschäfte des Benediktinerklosters aus dem Emmeramer Register und zielt auf die Analyse der personellen Verflechtungen dieses städtischen Klosters mit seinem urbanen Umfeld.

Den 3. Block: Akteure, moderiert von Tanja Skambraks (Mannheim), begann ANNA PAULINA ORLOWSKA (Kiel) mit einem Vortrag zu ihrem wirtschafts- und sozialgeschichtlich ausgerichteten Dissertationsprojekt zum Danziger Kaufmann Johan Pyre und seinem Kaufmannsbuch (1421 bis 1455). Anhand der Auswertung seiner Handelstätigkeit sowie seiner personellen Verflechtungen ließen sich aus dieser mikrogeschichtlichen Perspektive auch übergeordnete Erkenntnisse für den Handel im Hanseraum, beispielsweise die zunehmende Rolle der Holländer im Ostseeraum, bestätigen.

Auch STEPHAN KÖHLER (Wien) präsentierte erste Ergebnisse aus seinem laufenden Dissertationsprojekt zur Entstehung des Fernhandels zwischen dem westlichen Mittelmeerraum, insbesondere der Provence, und Syrien. So wird im 13. und 14. Jahrhundert eine kleine Gruppe von Provenzalen in den Quellen sichtbar, die in den Fernhandel zu investieren begann. Entgegen der weit verbreiteten Forschungsmeinung sei dieser Expansionismus nicht am Vorbild der italienischen Kaufleute orientiert gewesen, sondern habe sich in Folge eines Wandels der Binnenökonomien vollzogen. Dieser Wandel soll mit Hilfe eines akteursorientierten Zugangs, das heißt der Analyse personeller Verflechtungen und Fernhandelsaktivitäten provenzalischer Kaufleute, aufgezeigt werden.

HEINRICH LANG (Bamberg) nutzt in seiner mikroökonomischen Untersuchung ebenfalls kulturhistorische Methoden zur Analyse der Handelsgesellschaften der Welser und der Salviati (1496-1562). Einige Rechnungsbücher dieser florentinischen Patrizierfamilie dokumentieren für einen Zeitraum von ca. 60 Jahren enge Handelsverbindungen mit der Familie der Welser, die schließlich in eine Konkurrenzsituation mündeten. Methodisch verfolgt Lang eine akteursorientierte, prozesszentrierte und qualitativ ausgelegte Verflechtungsanalyse dieser Geschäftsbeziehungen. Diese zielt auf die Untersuchung wirtschaftlicher und kultureller Transfervorgänge sowie ökonomischer Adaptions- und Interaktionsprozesse der Geschäftspartner und schließlich deren Bedeutung bei der Herausbildung spezialisierter Märkte.

In der abschließenden Podiumsdiskussion stellte ANNETTE KEHNEL (Mannheim) die Frage nach einem sinnvollen Umgang mit der Methodenvielfalt sowie deren mögliche Ziele in der wirtschaftsgeschichtlichen Forschung an die Diskutanten STUART JENKS (Erlangen), MICHAEL ROTHMANN (Hannover) und SIMON TEUSCHER (Zürich).
Simon Teuscher sprach sich entschieden für die erweiterte Ausbildung und Anwendung einer Methoden- und Theorievielfalt in der Wirtschaftsgeschichte aus. Dabei sollten sich WirtschaftshistorikerInnen neben ihren klassischen Untersuchungen zu den Kaufleuten, dem Fernhandel oder dem städtischen Markt mit Hilfe von kultur- und wirtschaftswissenschaftlichen Methoden weiteren Themenfelder wie beispielsweise der Produktion, den Marktmechanismen oder dem alltäglichen Zugang zu Waren- und Kreditmärkten zuwenden.

In dieselbe Richtung verwies auch Michael Rothmann, der in der Methodenvielfalt eine Errungenschaft und eine Chance für die Wirtschaftsgeschichte sieht. Es gehe hierbei um eine abgewogene Pluralität in der Anwendung der verschiedenen methodischen Zugänge für wirtschaftsgeschichtliche Untersuchungen. Ferner plädierte er für eine Erweiterung des spätmittelalterlichen Untersuchungszeitraums, da sich Anknüpfungspunkte über die üblichen Epochengrenzen hinaus bis in die Frühe Neuzeit finden ließen; ähnliches gelte auch für eine Erweiterung der räumlichen Perspektive. Offene Forschungsfelder gebe es beispielsweise in der Wirtschaftspolitik, in der Geschichte der Finanzen oder der Konsumgeschichte.

Stuart Jenks sah in Betrachtung der letzten hundert Jahre keine nachhaltige Revolution der Methodenvielfalt innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft. Als Grund hierfür verwies er auf die immer wieder auftretenden Probleme interdisziplinärer Tagungen, da sich die deutsche Geschichtswissenschaft aufgrund von Überlebensängsten immer mehr auf die Kernprobleme des eigenen Faches konzentriere, sich so den wirtschaftswissenschaftlichen Methoden praktisch nicht öffne und dadurch in diesen auch nur unzureichend ausgebildet sei.

In der anschließenden offenen Diskussionsrunde wurde den Podiumsdiskutanten Fragen zu dem Umgang mit mikro- oder makrogeschichtlichen Zugängen gestellt. Hierbei gehe es nach Michael Rothmann darum, sich an den aktuellen Forschungsthemen (sogenannten Turns) zu orientieren und diese auch aufzugreifen, aber immer den Forschungsgegenstand, die Quellen und die gewählte Methode miteinander in Einklang zu bringen. Historische Phänomene sollten systematisiert werden, um je nach Möglichkeit und in begrenztem Umfang Idealtypen bilden zu können. Simon Teuscher betonte auch die Bedeutung der Methoden anderer Wissenschaften wie beispielsweise der Wirtschaftssoziologie, der Politikwissenschaft oder der Anthropologie. Dagegen sah Stuart Jenks in der Wirtschaftsgeschichte explizit die „Vermählung“ der Wirtschaftswissenschaften mit der Geschichtswissenschaft und hob hervor, dass jedes Teilfach der Geschichtswissenschaft seine Selbständigkeit bewahren müsse. Simon Teuscher betonte die Unterscheidung zwischen der „Wirtschaft“ als Untersuchungsgegenstand sowie der Anwendung von wirtschaftswissenschaftlichen Methoden, und diagnostizierte, dass die Wirtschaftsgeschichte immer noch in der Selbstfindungsphase sei. Inhaltliche Ziele bestünden nach Stuart Jenks in einer verstärkten Zuwendung zum ‚Wirtschaften‘ historischer Individuen und Gemeinschaften, da dies häufig den größten Anteil der Lebenszeit ausmachte. Michael Rothmann sprach sich für eine sektorale Betrachtungsweise aus, wobei die ‚Wirtschaft‘ nicht von den politischen Gegebenheiten zu trennen sei. Alle Podiumsdiskutanten sahen Chancen für die Etablierung der Wirtschaftsgeschichte in der aktuellen Wirtschaftskrise, da die Wirtschaftswissenschaftler diese nicht vorhergesehen hätten und es nach Simon Teuscher zu den Aufgaben aller Wissenschaften gehöre, sich gegenseitig anzunähern und Erklärungsansätze zu finden. Simon Teuscher beendete die Diskussion mit einem Plädoyer für eine Methodenvielfalt als Grundsatzlinie des Arbeitskreises. Im Schlusswort zog Annette Kehnel ebenfalls eine positive Bilanz aus den Diskussionsbeiträgen für eine Methodenvielfalt in der Wirtschaftsgeschichte.

Die Konferenz zu den neuen Methoden der spätmittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte stieß bei den Anwesenden auf breites Interesse und regen Diskussionsbedarf. Die Vorträge zeugten von angewandten Methoden und Theorien aus den Wirtschafts-, Sozial- und Kulturwissenschaften in den vorgestellten Untersuchungen. Deutlich wurde aber auch das Bestreben einer breiteren Etablierung dieser Methodenvielfalt in der Wirtschaftgeschichte als ein wichtiges Teilgebiet der Geschichtswissenschaft.

Konferenzübersicht:

Ulla Kypta (Frankfurt am Main): Begrüßung und Einführung

1.Block: Expansion

Ulla Kypta (Frankfurt am Main): Moderation

Ulf Christian Ewert (Münster): Neue Märkte an neu entdeckten Küsten: Markterschließung und -entwicklung in der Expansion Portugals im 15. Jahrhundert

Per Gunnar Sidén (Stockholm): Demographic data quality in late medieval economic modelling

2. Block: Märkte

Moderation: Julia Bruch (Köln)

Christof Jeggle (Bamberg): Sozialwissenschaftliche Analysen historischer Märkte: Akteure und Produktionsqualitäten

Angela Huang (Kopenhagen): Textilhandel im hansischen Handelsnetzwerk: Der Nutzen wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Modelle bei der Erforschung überregionalen Konsumgüteraustauschs im Spätmittelalter

Dominik Kaufner (Regensburg): Kloster, Stadt und Umland. Die Abtei St. Emmeram in Regensburg (975-1326)

3. Block: Akteure

Tanja Skambraks (Mannheim): Moderation

Anna Paulina Orlowska (Kiel): Ein Kaufmannsbuch als wirtschaftshistorische Quelle am Beispiel des Buches von Johan Pyre

Stephan Köhler (Wien): Die Entstehung des Fernhandels zwischen dem westlichen Mittelmeerraum und Syrien – Handelsdokumente neu gelesen

Heinrich Lang (Bamberg): Wirtschaften als kulturelle Praxis. Die Konstituierung von Märkten in den Netzwerken süddeutscher und florentinischer Handelsgesellschaften am Beispiel der Welser und der Salviati (1496-1562)

Podiumsdiskussion: Methodenvielfalt. Ausweg oder Sackgasse?
Moderation: Annette Kehnel (Mannheim)

Stuart Jenks (Erlangen) / Michael Rothmann (Hannover) / Simon Teuscher (Zürich)

Anmerkungen:
[1] Tertius Chandler / Gerald Fox, 3000 years of urban growth, New York 1974.
[2] Paul Bairoch / Jean Batou / Pierre Chèvre, La population des villes européennes: banque de données et analyse sommaire des résultats = The population of European cities: data bank and short summary of results: 800-1850, Genf / Paris 1988.

Zitation
Tagungsbericht: Neue Methoden der spätmittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte, 15.11.2013 – 16.12.2013 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 17.01.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5188>.