Arbeitsgemeinschaft für die Neueste Geschichte Italiens

Ort
Berlin
Veranstalter
Arbeitsgemeinschaft für die Neueste Geschichte Italiens (in Verbindung mit dem Deutschen Historischen Institut Rom, der Kulturabteilung der Italienischen Botschaft und dem Zentrum für Vergleichende Geschichte Europas, Berlin)
Datum
10.06.2004 - 12.06.2004
Von
Christof Dipper, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

Die 1974 gegründete "Arbeitsgemeinschaft für die Neueste Geschichte Italiens" veranstaltet im Abstand von zwei Jahren thematisch orientierte Tagungen, die vor allem jüngeren Wissenschaftlern die Gelegenheit zur Präsentation ihrer Forschungsergebnisse oder -projekte bieten sollen. Das Deutsche Historische Institut Rom lädt regelmäßig italienische Professorinnen oder Professoren dazu, die teils mit eigenen Beiträgen, teils aber und vor allem mit Kommentaren und Ratschlägen aufwarten sowie Kontakte vermitteln. In diesem Jahr waren dies Marco Meriggi (Neapel), Ilaria Porciani (Bologna) und Raffele Romanelli (Rom).

Das diesjährige Treffen fand erstmals in Berlin statt, wo die "Arbeitsgemeinschaft" Gast des "Zentrums für Vergleichende Geschichte Europas" war, und stand unter dem Leitthema "Das lange 19. Jahrhundert". Man sollte diesem wohl von Nipperdey eingeführten Begriff nicht zu viel analytische Kraft abverlangen. Hier diente er in erster Linie zur chronologischen Abgrenzung gegenüber der Revolutionszeit und der Epoche der Weltkriege, denen frühere Tagungen gewidmet waren. Zur Einführung gab es Grußworte des Hausherrn, Jürgen Kocka, und des Direktors des DHIR, Michael Matheus, sowie einleitende Worte durch den Vorsitzenden der "Arbeitsgemeinschaft", Christof Dipper.

Der erste Vortrag gewann einem geradezu uralten Thema durch den Rückgriff auf kulturgeschichtliche Fragestellungen neue Seiten ab. Martin Moll (Graz) fragte nach Stereotypen als Leitbilder der Diplomatie und nach ihren Folgen für die Politik, und führte das am Beispiel der österreichisch-italienischen Beziehungen zwischen 1848 und 1918 vor. Er entdeckte zwei gegensätzliche und in Konkurrenz zueinander befindliche Einschätzungen Österreichs durch italienische Politiker: Die einen wollten die Österreicher von der Halbinsel verdrängen und suchten dafür teilweise sogar nach Kompensationen auf dem Balkan, die anderen waren für eine Zerschlagung des Vielvölkerstaates. Erstere gaben jahrzehntelang den Ton an und erst in der Schlußphase des Ersten Weltkrieges fielen nach langem Tauziehen die Würfel zugunsten der radikalen Denkschule, die jetzt von den Rechten dominiert war, ursprünglich aber von Mazzini stammte.

Mazzini war auch der Antipode der Fürstin Cristina Trivulzio di Belgiojoso, die, gleichfalls im Exil lebend, seit den späten 1840er Jahren sich als Journalistin mit Reformappellen an die italienischen Herrscher wandte und sich davon die Befreiung Italiens erhoffte. Ihre von Mailand ausgehenden Aktivitäten im Jahre 1848 bildeten den Schwerpunkt des Beitrags von Karoline Rörig (Berlin), die an einer politischen Biographie dieser wenig bekannten Vertreterin des Risorgimento arbeitet. Belgiojosos politisches Programm war gleichermaßen abstrakten Kategorien - der perfekte Staat - wie geschichtlichen Erfahrungen - monarchische Verfassung - verpflichtet. Ihre in Mailand erscheinende Zeitung "Il Crociato" diente sowohl der politischen Erziehung als auch der Auseinandersetzung mit Mazzini, dessen "Italia del Popolo" ebenfalls dort erschien.

Carlo Moos (Zürich) stellte den Mailänder Carlo Cattaneo als Vertreter des 'anderen' Risorgimento in Frage und damit auch eine These seiner eigenen, vor Jahren erschienenen Züricher Habilitationsschrift. Für Cattaneos Sonderstellung spreche zwar nach wie vor einiges, insbesondere sein "Föderalismus", d.h. sein Eintreten für einen direkt-demokratischen, republikanisch-libertären Nationalstaat und für ein Milizsystem, beides nach Schweizer Vorbild. Natürlich sei auch sein Schweizer Exil ein Beleg für Cattaneos Sonderstellung. Auf der anderen Seite zwängen aber seine Übereinstimmung mit dem 'offiziellen' Risorgimento in wesentlichen Bereichen zum Überdenken der traditionellen Einschätzung Cattaneos. Moos zählte hierzu seinen Sozialkonservatismus, vor allem, was die Landbevölkerung betraf, wie überhaupt seine Blindheit gegenüber den gesellschaftlichen Folgen seiner politischen Projekte, seine elitären Bildungsvorstellungen und nicht zuletzt das Ausblenden der Südfrage. So gesehen könne man Cattaneo durchaus als "Ideologen des oberitalienischen Bürgertums" bezeichnen und dafür spreche nicht zuletzt seine ausgeprägte Feindschaft gegenüber Mazzini.

Wie die Italiener zu einer Nation geworden sind, bevor sie dann in deren Namen in die Einigungskriege gezogen sind, ist gegenwärtig eine in der Forschung heftig umstrittene Frage. Klar ist nur, daß es bereits vor 1862 ein 'nationales Pantheon' gegeben hat, in das man, falls man Dichter war, dank 'Lobbyarbeit' der wichtigsten Schriftsteller des frühen 19. Jahrhunderts gelangen konnte. Aus diesem 'Pantheon' griff Thies Schulze (Berlin) die vier überragenden Figuren heraus - Dante, Petrarca, Machiavelli und Alfieri - und untersuchte, wie man sie zu nationalen Helden 'hochgeschrieben' hat. Das war eine schwierige und im vielfach gespaltenen Italien konfliktträchtige Aufgabe, die deshalb auch nur unvollkommen gelingen konnte. Aber damit unterschied sich Italien nicht von den anderen europäischen Nationen. Eher schon war es ein Problem, daß keiner von ihnen Politiker oder gar Feldherr war, deren Taten unmittelbar vorbildhaft wirkten.

Den Abendvortrag bestritt Lucy Riall (London), Gastprofessorin am ZVGE, und sie ging von derselben Frage aus: Weshalb zogen Tausende Italiener in einen Krieg, um etwas so Abstraktes wie den Nationalstaat zu schaffen? Riall bestritt die einflußreiche These Bantis, der dieses als Ergebnis eines sich gleichsam selbst verdichtenden Diskurses beschrieben hat. Ihrer Ansicht nach war es eher die Folge einer gut organisierten politisch-propagandistischen Aktion, in deren Zentrum der Garibaldi-Kult stand, und ihn untersuchte sie folglich. Garibaldi legte größten Wert auf seine (internationale) Medienpräsenz, er organisierte sie vielfach selbst, und zwar so gut, daß Riall die These aufstellte, seine Propagandaarbeit sei beinahe noch wichtiger und jedenfalls erfolgreicher gewesen als seine Feldzüge. Am legendären "Zug der Tausend" von Genua nach Sizilien belegte sie, daß dieser in den Zeitungen 'beschrieben' war, längst bevor einer der Freiwilligen seinen Fuß ins Boot gesetzt hatte. Der tatsächliche Feldzug war gewissermaßen nur noch der Nachvollzug der Pressekampagne.

Seinen Grundsatzbeitrag über den Umgang der Italiener mit dem Risorgimento leitete Raffaele Romanelli (Rom) mit einem Blick auf die Geschichtspolitik des Staatspräsidenten und der Regierung Berlusconi ein. Ciampis auf singuläre Ereignisse fixierter "offizieller Patriotismus" (Besuch auf Caprera) komme nicht gegen das Umsteuern der Regierung an, die auf Druck der "Lega" den Blick auf die 'Opfer' des Risorgimento lenkt (Gedenkgottesdienst für die päpstlichen Zuaven), im Süden die neo-bourbonische Welle unterstützt und der Forschung die Gelder kürzt (Istituto per la storia del Risorgimento italiano). Auf wissenschaftlicher Ebene konstatierte Romanelli wenn nicht Ratlosigkeit, so doch Unsicherheit, wie man mit dem 19. Jahrhundert umgehen soll: methodisch nach dem Bedeutungsverlust der Sozialgeschichte (man spreche nicht von ungefähr neuerdings von "le borghesie"), thematisch nach dem Ende des nationalgeschichtlichen Konsenses. Am meisten erweitert haben sich die Kenntnisse hinsichtlich der sozialen Basis des Nationalstaats, die viel breiter gewesen sei als bisher angenommen; endlich habe die italienische Geschichtswissenschaft mit Forschungen nach dem Muster von Agulhons "La République au village" begonnen. Die Kritik Rialls am "linguistic turn" aufnehmend, stellte Romanelli die rhetorische Frage, ob sich die Italiener für eine Sache hätten totschießen lassen oder weil sie Bücher dazu gelesen haben. Gleiches gelte übrigens für die 'Südfrage'. Die Ausschließlichkeitsansprüche der Schulen brächten die Forschung nicht weiter. Abschließend nannte Romanelli einige alte Gewißheiten, die neuerdings am Verschwinden seien: das alte sozialimperialistische Deutungsmuster, die These vom Anschlag der Bourgeoisie auf die Verfassung am Ende des Jahrhunderts ("Torniamo allo Statuto") und nicht zuletzt die Behauptung, das Risorgimento trage wesentliche Schuld am Faschismus. Daß damit das gesamte Argumentationsgebäude der Linken zusammenbricht, brauchte Romanelli sowenig zu betonen wie die Tatsache, daß sich diese Umwertung keineswegs auf Italien beschränkt.

In ihrem Kurzreferat über die Rolle des Hofes im jungen Nationalstaat zerstörte Gabriele Clemens (Trier) gleichfalls eine gängige Vorstellung. Sie argumentierte gegen die herrschende Lehre von der bloß repräsentativen Rolle der italienischen Monarchen und siedelte deren Position zwischen Großbritannien und Preußen an. Am Beispiel der Personalpolitik und der innen- wie außenpolitische Aktivitäten Viktor Emanuels II. wies sie nach, daß sein Einfluß über den von der Verfassung eingeräumten Spielraum zum Teil weit hinausging. Weil er das Hofleben weitgehend ignorierte, nicht zuletzt wegen seiner morganatischen Ehe, und weil im Parlament nicht einmal die Linke öffentlich widersprach, hat sich in der Forschung die irrige Vorstellung verbreitet, man habe es in Italien mit einem System à la Westminster zu tun. Tatsächlich aber blieb in Italien wie in ganz Europa die politische Bedeutung des Hofes bis 1914 viel stärker, als man lange Zeit annahm.

Camilla Weber (Regensburg) bestätigte indirekt diese These in ihrem Kurzreferat über die schlecht erforschte Schulbuch- und Unterrichtsgeschichte. "Geschichte" war weder in der Grundschule, über die der Staat erst 1911 die volle Kontrolle übernahm, noch in den Lehrerseminaren Unterrichtsfach, in der gymnasialen Oberstufe stand die Antike im Mittelpunkt. Es blieb also wenig Platz für den gegenwartsnahen Geschichtsunterricht. Am Beispiel eines der erfolgreichsten Schulbücher, Ercole Ricottis "Compendio di storia patria", demonstrierte Weber die überraschend geringe Rolle, die Cavour, dessen Mitkämpfer Ricotti immerhin war, in der Geschichte der italienischen Einigung angeblich gespielt hat: Cavour tritt hier ganz als der im Hintergrund bleibende Helfer des Königs auf.

Die Geschichte des Antisemitismus verlief in Italien bekanntlich so ganz anders als namentlich in Deutschland. Ulrich Wyrwa (Berlin) überprüfte zunächst diesen Befund und ging sodann seinen Ursachen nach. In vier Fallstudien aus oberitalienischen Zentren stellte er tatsächlich die Abwesenheit antisemitischer Zeugnisse gerade auch in jenen Milieus fest, die anderswo um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert dafür bekannt waren: in Nationalistenkreisen, beim Kleinhandel, bei den Studenten und bei der katholischen Tageszeitung "La Difesa". Die dafür üblicherweise zu lesenden Gründe - hoher Grad von Assimilation und Integration, minimaler Bevölkerungsanteil, keine ostjüdische Zuwanderung und wirtschaftliche Rückständigkeit - lehnte Wyrwa als nicht stichhaltig ab und stellte die Gegenthese auf, die wichtigste Ursache sei, daß es vor 1914 nicht zur Ausbildung einer katholisch-konservativen Gegenkultur gekommen ist. Erst als die katholische Kirche, deren Judenfeindschaft damals unbestritten ist, durch den Ersten Weltkrieg und erst recht durch den Faschismus 'bündnisfähig' wurde, konnte, so der Umkehrschluß, der Antisemitismus folglich überhaupt erst Fuß fassen.

Wie bei Wyrwa bildete auch bei Manuel Borutta (Berlin) der Katholizismus den Hintergrund für das eigentliche Anliegen, in diesem Falle Rolle und Selbstverständnis des liberalen Antikatholizismus in den ersten Jahrzehnten des italienischen Königreiches. Nach Borutta war er nicht so sehr Mobilisierungsinstrument, sondern Ausdruck liberaler Eigenlogik: Religion als Privatsache und folglich Trennung von Staat und Kirche. Der Beweis für diese These wurde auch hier mittels Fallstudien angetreten. Sie betrafen Beispiele aus der Gesetzgebung, aus der Presse und populärwissenschaftlichen Literatur sowie Fälle von Gewaltanwendung, die sich vor allem in den 1870er und 1880er Jahren ereigneten. Die italienische liberale Kultur bewegte sich im Koordinatensystem von Bürgerlichkeit, Männlichkeit, Stadt und Bildung. Die katholische Religion bekämpfte sie nur insoweit, als diese einen gesamtgesellschaftlichen Anspruch vertrat. Denn aus liberaler Sicht war Religion als sozialer Kitt durchaus unverzichtbar, allerdings nur, soweit es um 'Unmündige' ging, also um Frauen und Kinder. In Sachen Moral, Geschlechterordnung und Familie gab es deshalb breite Übereinstimmung zwischen Liberalen und Katholiken.

Die Vorbildrolle der deutschen Universität zwischen 1861 und 1914 untersuchte Francesco Marin (Köln). An ihr kann kein Zweifel bestehen, doch verleitete das die Forschung in der Vergangenheit meist dazu, auch zu unterstellen, daß dieses Modell auf Italien übertragen worden sei. Davon kann laut Marin keine Rede sein; bürokratische und politische Mängel hätten dies verhindert (bis dann Gentile im Faschismus die nötige Durchsetzungskraft hatte und entsprechend rigoros reformierte). Der deutsch-italienische Kulturtransfer lief vor dem Ersten Weltkrieg also vornehmlich über Staatsstipendiaten, die später fast alle respektable Karrieren machten, und Berufungen deutscher Professoren; beides öffnete der deutschen wissenschaftlichen Literatur große Wirkungsmöglichkeiten. Allerdings wandelte sich das deutsche 'Modell' je länger, desto mehr vom Vorbild zum oft lästigen Vormund.

Crispis römische Denkmalspolitik analysierte Kathrin Mayer (Leipzig) und legte dabei den Schwerpunkt auf die sog. "Silberhochzeit", d.h. den 20. September 1895, den 25. Jahrestag der Eroberung Roms. Mit ihrer nationalpädagogischen Aufgabe waren die damals eingeweihten sieben Denkmäler überfordert. Das gilt selbst für Garibaldi auf dem Gianicolo, obwohl sich Crispi hier besondere Mühe gab, mit seiner Hilfe Monarchie und Republikaner miteinander auszusöhnen. Nicht besser erging es dem laufend umgeplanten - und entsprechend umgedeuteten - Monument für Viktor Emanuel II. Mayer attestierte deshalb der Denkmalspolitik der Linken vollständiges Scheitern, weil sie mit ihr die Ausschließung konkurrierender Kulturen bzw. deren Unterwerfung beabsichtigt habe. Von Integration durch Denkmäler konnte deshalb keine Rede sein, die Herrschenden wußten genau, daß sie im Lande in der Minderheit geblieben waren. Die auf Crispi folgende Politikergeneration beschritt deshalb andere Wege, die Nation mit sich selbst auszusöhnen.

Der 1901 gegründete "Partito Liberale Giovanile Italiano" war, Johannes Müller (Köln) zufolge, die erste moderne Partei des italienischen Bürgertums, denn sie versuchte, wie niemand sonst in diesem Lager, mit Hilfe eines klaren Programms, landesweiter Organisation, quasiprofessioneller Führungsgruppen und vielen Kongressen - alles der Sozialistischen Partei abgeschaut - Einfluß zu erringen. Der Versuch mißlang jedoch, die Partei blieb eine Splittergruppe und löste sich 1915 auf. Das Scheitern wirft ein interessantes Licht auf die politische Kultur Italiens, in deren bürgerlich-liberalem Spektrum Parteien damals offenbar in der Politik nichts zu suchen hatten. Das Parlament sollte aus Persönlichkeiten bestehen, die dort - als Gegengewicht zum Zentralismus der Institutionen - die lokalen und regionalen Interessen vertraten. Diesem Politikmodell war außer in Frankreich und Großbritannien damals in ganz Europa der Liberalismus verpflichtet, es war geradezu seine Existenzvoraussetzung, wie sich bei der Einführung des allgemeinen Wahlrechts zeigen sollte, das ihn überall die Mehrheit kostete.

Die Kriegsbejahung von Frauen ist kein bevorzugtes Forschungsthema. Katja Gerhartz (Hamburg) untersuchte die bürgerliche Frauenbewegung Italiens, die aus Anlaß des Libyenkrieges von 1911/12 von ihrer pazifistischen Haltung und parteipolitischen Neutralität abkehrte und im Ersten Weltkrieg noch weiter ins nationalistische Lager abdriftete (ohne daß sie darüber dessen aggressiven Männlichkeitskult übersah). Als Motiv machte Gerhartz die Erwartung politischer Integration als Gegenleistung für vaterländischen Einsatz aus. Der Dachverband der bürgerlichen Frauenbewegung war 1915 vorbehaltlos für die Intervention, verteidigte den 'gerechten Krieg' Italiens gegen die 'teutonischen Barbaren' und trug den 'totalitären' Opferkult entschieden mit. Damit praktizierten die Frauen eine viel aktivere Rolle im Krieg als bisher angenommen. Daß es keinen Protest gab, als ihnen nach Kriegsende anstelle des Wahlrechts nur die Befreiung aus ehelicher Vormundschaft zugestanden wurde, erklärte Gerhartz mit dem Umstand, daß sie als "madri della Patria", d.h. als Witwen und Mütter gefallener Soldaten, auf symbolischer Ebene eine Aufwertung im öffentlichen Leben erfuhren.

Von "Denkmälern aus Papier" berichtete Oliver Janz (Berlin) und er verstand darunter jene Seite des bürgerlichen Gefallenenkultes, der Tausende von Gedenkschriften hervorgebracht hat. Das hat es damals in keinem anderen Land gegeben. Weshalb also in Italien? Die gedruckten Nachrufe befinden sich an der Schnittstelle zwischen privater Trauer und öffentlichem Gedenken: Die Offiziere und Offiziersanwärter, denen 80% der Schriften gewidmet waren, hatten nach Meinung ihrer Familien offenbar einen bevorzugten Anspruch auf öffentliches Gedenken, das die Hinterbliebenen lieber selbst in die Hand nahmen, weil sie dem Staat nicht zutrauten, daß er die angemessene Erinnerung sicherstellt. Dieser Gefallenenkult ist also einerseits Ausdruck des italienischen Familismus, seine Inhalte verweisen aber andererseits auf europäische Gemeinsamkeiten, wie man dem Massentod junger Männer eine Sinnstiftung abgewinnt: durch zivilreligiöse Deutungsmuster, die das Opfer betonen und die Gefallenen heroisieren.

Die Beiträge zeigen zusammen mit den vor kurzem von Lutz Klinkhammer publizierten[1], daß die deutsche Italienforschung zum 19. Jahrhundert über erhebliche Kapazitäten verfügt und entsprechend an der Neubewertung des Risorgimento beteiligt ist.

Anmerkung:
[1] Andrea Ciampani / Lutz Klinkhammer (Hg.), La ricerca tedesca sul Risorgimento italiano. Temi e prospettive. Supplement zu: La Rassegna storica del Risorgimento, Jg. 88 (2002), 256 S.

Zitation
Tagungsbericht: Arbeitsgemeinschaft für die Neueste Geschichte Italiens, 10.06.2004 – 12.06.2004 Berlin, in: H-Soz-Kult, 21.07.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-519>.