Gedächtnis im Übergang. Transformationen, Übersetzungen, Ausblicke

Ort
Wien
Veranstalter
Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Datum
01.10.2013 - 03.10.2013
Von
Ina Markova, Universität Wien

Sprach Jay Winter 2000 noch kritisch von einem „memory boom“[1], so scheint mittlerweile sogar dieser schon überholt zu sein – Guy Beiner antizipierte 2008 ein „post-memory boom syndrome“.[2] Gedächtnis, Erinnerungskultur und Geschichtspolitik sind bei aller Kritik aber immer noch en vogue – sicherlich auch deswegen, weil sie neben ihrer Opakheit auch wissenschaftliche und dadurch letztlich auch gesellschaftliche Grundbedürfnisse erfüllen. „Die erinnerte Vergangenheit,“ so schreibt Aleida Assmann, „mag eine bloße Konstruktion, eine Verfälschung, eine Illusion sein, aber sie ist eine Wahrnehmung, die intuitiv und subjektiv für wahr genommen wird.“[3] Jan-Werner Müller hat das noch prägnanter festgehalten: „Memory matters.“[4] Warum Erinnerung wichtig ist und in welchem wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und medienkulturellen Kontext das viel bemühte Gedächtnisparadigma heute, rund 30 Jahre nach dem Beginn seiner steilen Karriere, steht, hat eine Tagung des Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften untersucht, die von Aleida Assmann und Heidemarie Uhl konzipiert wurde.

Sowohl MICHAEL RÖSSNERs (Wien) einleitende Worte als auch Aleida Assmanns Einführungsreferat standen unter dem Motto „Bilanz ziehen“. Rössner verwies darauf, dass sich bisherige Tagungen des Instituts für Kulturwissenschaften vor allem mit Praktiken des Gedächtnisses auseinandergesetzt hätten. Im Fokus seien so Translation, Inszenierung und Narration gestanden – im Lichte einer konstatierten Verschiebung der Gedächtniskultur sei es nun allerdings an der Zeit, den Begriff selbst und dessen Veränderungen zu untersuchen. Die Aufgabe, den Entstehungskontext und die gegenwärtige Relevanz des Gedächtnis-Paradigmas zu skizzieren, fiel ALEIDA ASSMANN (Konstanz) zu. Sie konstatierte, dass der Begriff der Erinnerungskultur heute ganz selbstverständlich „in den Alltag eingelassen“ sei. Nach einer Periode des Aufbaus, so Assmann, sei es gerade im Kontext des Endes der Zeitzeug/innengeneration und der Herausforderungen der Migrationsgesellschaft[5] erforderlich, das Konzept selbst auf den Prüfstand zu stellen. In ihrer Keynote Lecture gab Assmann einen Einblick in Konjunkturen, Ursachen und Trends des „memory boom“: Den Vorwurf, die Fixierung auf die Vergangenheit verstelle die Sicht auf die Zukunft, entkräftete sie: Letztlich intendiere die Erinnerung an die Vergangenheit die Besinnung auf zukunftsweisende Werte. Dass heute die Menschenrechte als ethisch-moralische Leitvorstellung zentral sind, ist vor allem auch durch das Holocaust-Gedächtnis als normativem Bezugspunkt von globaler Bedeutung fundiert Denjenigen Stimmen, die in den heutigen Einwanderungsgesellschaften eine Bedrohung des „nationalen Wir“ sehen, entgegnet Assmann, dass das „Verhältnis zwischen Nationalstaat und Erinnerung offener und weniger genealogisch“ sein sollte. Generell, so die Kulturwissenschaftlerin, behinderten „monologische Gedächtniskonstruktionen“ die europäische Integration. Es sei deshalb an der Zeit, kein neues europäisches Masternarrativ zu entwerfen, sondern am Aufbau „anschlussfähiger Erzählungen“ zu arbeiten. Abgerundet wurde das Programm des ersten Abends durch eine Lesung des Autors Martin Pollack, die durch Gertraud Marinelli-König eingeleitet wurde.

Das zweite Panel der Tagung stand unter dem Motto „Sprachen des Gedächtnisses“, worunter neben der diskursiven Ebene auch komplexere Zeichensysteme wie Museen und historische Re-Enactments gefasst wurden. In einem dichten Vortrag skizzierte OLIVER MARCHART (Düsseldorf) sein Konzept eines politisch fundierten Begriffs des Gedächtnisses. Anknüpfend an die Hegemonie-Theorie Antonio Gramscis skizzierte Marchart den Ort des kollektiven Gedächtnisses als den „umkämpften Alltagsverstand“. Das kollektive Gedächtnis, so Marchart, erscheine in dieser Sichtweise als das „sedimentierte Ensemble hegemonialer Vergangenheitsdiskurse“, als ein Kräftefeld, auf welches unterschiedliche Diskurse unterschiedlicher Akteur/innen mit distinkten Deutungshoheiten einwirkten. Anzuwenden sei deshalb eine „konfliktsensitive Diskursanalyse“. Marcharts Bemerkung über die Massenmedien als „Fabriken des Konsenses“ sollte im Verlauf der Tagung noch öfter zitiert werden. CHRISTOPH LEITGEB (Wien) knüpfte an Überlegungen aus dem Bereich der Psychoanalyse an und fokussierte auf das von Sigmund Freud geprägte Schlagwort des „Unheimlichen“. Leitgeb versuchte hierfür das Konzept des „Un-Ortes“ nutzbar zu machen, welches er von Marc Augés „Nicht-Ort“ und Aleida Assmanns „traumatischem Ort“ abgrenzte. Sowohl in Hans Leberts „Wolfshaut“ als auch in Elfriede Jelineks „Kinder der Toten“ sowie in Thomas Bernhards „Frost“ könnten „Orte der Heimsuchung“ gefunden werden. Diese Orte seien dabei stets von den Spuren der Vergangenheit geprägt, die sie gleichzeitig zu verwischen versuchten. Einer anderen Form der Sprachen der Vergangenheit widmete sich LJILJANA RADONIC (Wien), die in ihrem Beitrag Vergangenheitsnarrative in postkommunistischen Gedenkstätten und Museen verglich. Unter dem Schlagwort der „Anrufung Europas“ stellte sie das Museum des slowakischen Nationalaufstandes, die Gedenkstätte Jasenovac sowie das Holocaust Dokumentationszentrum und das Haus des Terrors in Budapest zur Diskussion. Diese Museen, so Radonic, könnten als „europäisch-nationale Ausstellungen“ mit vergleichbaren Tendenzen und Widersprüchen analysiert werden. Der Kontext sei in allen drei Fällen ähnlich: Universalisierung und gleichzeitige Europäisierung des Holocaust sowie eine postkommunistische Opferkonkurrenz zwischen Holocaust und Gulag-Gedächtnis. Als weitere Form der Erinnerung stellte MARKETA SPIRITOVA (München) aus einer ethnografischen Perspektive kollektive „Erinnerungsevents“ wie etwa das 20-jährige Jubiläum der „samtenen Revolution“ in Tschechien vor. Trotz vordergründig europäischer Diskurse hätte bei diesen performativen Events der Faktor des „Nation-Building“ im Fokus gestanden. Mithilfe einer dichten Beschreibung würden, so die Ethnologin, Ausverhandlungsprozesse von Erinnerung und Identität in einer enthierarchisierten Erlebniswelt sichtbar. Die Marginalisierung des Diktaturcharakters bzw. die Trivialisierung der Gedächtnisinhalte stelle letztlich die Kehrseite der Medaille dar, so Spiritova.

Im dritten Panel widmeten sich die Vortragenden den Themen Geschichtsmoral und Erinnerungspolitik. NOAH BENNINGNA (Jerusalem) gab in seinem Referat einen Einblick in neue Tendenzen der Holocaust-Historiographie, wobei er die die Zugänge einer jüngeren Generation von Wissenschaftlern skizzierte. Der „personal turn“ in der Holocaust-Historiographie, die Kenntlichmachung des persönlichen Engagements, das Spannungsfeld zum Konzept der „historischen Objektivität“ standen dabei im Vordergrund. Die wissenschaftlichen Implikationen des zunächst vor allem juristisch geprägten Begriffs Genozid wurden anschließend von DIETER POHL (Klagenfurt) dargelegt. Pohl skizzierte dabei die auf der Erfahrung des Holocaust basierende Formulierung bzw. Kodifizierung des Begriffs Genozid und die Konjunkturen und Zäsuren in der Verwendung dieses Paradigmas Vor allem aufgrund der Ereignisse in Bosnien und Ruanda hätte sich Mitte der 1990er-Jahre der Begriff endgültig durchgesetzt. ROBERT TRABA (Berlin) und HEIDEMARIE UHL (Wien) schlossen den zweiten Tagungstag mit ihren Vorträgen, welche sich beide Gedächtniskonkurrenzen widmeten, ab. Während Traba postkommunistische Gedächtniskonkurrenzen untersuchte, näherte sich Uhl in einem Dreischritt lokalen, nationalen und letztlich europäischen Gedächtnissen an. Traba setzte sich in seinem Beitrag mit dem polnischen Gedächtnis auseinander Neben einem chronologischen Überblick über die Formen und Inhalte der polnischen Gedächtniskonkurrenzen charakterisierte Traba die gegenwärtigen Tendenzen der Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Polen zwischen einer kritischen und einer national-affirmativen Erinnerungspolitik. In ihrem Beitrag untersuchte Uhl neue Synchronisierungen des Gedächtnisses in europäischer Perspektive. Vor allem auf lokaler Ebene, dort, wo der „Holocaust noch Familiengeschichte sei“, kämen durchaus auch bei einem konstatierten „Sieg der Erinnerungskultur“ Konflikte zu Tage. Gleichzeitig, so Uhl, rekurrierend auf Jörg Skribeleit, könne auch ein Prozess beobachtet werden, der mit dem Schlagwort „vom Stigma zum Standortfaktor“ bezeichnet werden könne: die Auseinandersetzung mit den „vor Ort“ begangenen Verbrechen werde zum positiven Faktor in der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Die Institutionalisierung neuer Gedenktage (Uhl verweist hier auf den 23. August, den Tag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes, in Konkurrenz zum 27. Januar) gibt weitere Einblicke in die konkurrierenden europäischen Gedächtnisse.

MICHAEL RÖSSNER (Wien/München) gab im ersten Beitrag des letzten Panels „Jenseits des Nationalen – Multiperspektivität – Translation“ einen Einblick in Literatur als Gedächtnisspeicher. Unter Bezugnahme auf Jan Assmann betonte Rössner die Relevanz von Texten für die Ausbildung von Gruppenidentitäten und untersuchte Epen als, nationale und transnationale Gründungsmythen. Vor allem der Prozess der kulturellen Übersetzung und die Frage, ob Literatur im Zeitalter der Postmoderne auch als Speicher eines transnationalen Gedächtnisses fungiert, wurden dabei thematisiert. Als transnationale Figur fasste ELISABETH GROSSEGER (Wien) auch Prinz Eugen, dessen Funktionalisierungen immer auch das Selbstbild der jeweiligen Gesellschaftsformationen widerspiegeln. Die Mehrdeutigkeit der Zuschreibungen, die Prinz Eugen seit dem 18. Jahrhundert erfuhr, bewegen sich zwischen Habsburgisch-österreichischen und deutschnationalen Identitätskonzepten – im Sinne eines „österreichischen entweder und oder“, wie Großegger pointiert zusammenfasste. Kann Prinz Eugen als Personifikation eines positiven „Gedächtnisortes“ gefasst werden, der natürlich auch Auskunft über das Ausgeschlossene einer Gesellschaft gibt, so widmeten sich JOHANNES FEICHTINGER und SIMON HADLER (beide Wien) dem Phänomen der Feindbilder als transnational gedächtnisstabilisierende Kategorie. Am Beispiel der Türkenkriege und der Türkenbelagerungen Wiens diskutierten die Historiker die longue durée und die Transformationen dieser bis heute wirksamen gesellschaftlichen Konstruktionen des „Anderen“.

In ihren Schlussworten fasste ALEIDA ASSMANN nochmals die wichtigsten Themen der Tagung, die sie als „Reflexionsraum“ bezeichnete, zusammen: So sei es vor allem um Grundbegriffe (etwa Innovation, Deutungsmacht, Sprache, usw.), Erinnerungsmedien sowie Trends und Transformationen gegangen. Grundsätzlich, so Assmann, könnte man von Prozessen einer kritischen Selbstreflexion des Gedächtnis-Paradigmas sprechen, das allerdings immer noch zwischen Nationalisierung und Europäisierung schwankt.

Tatsächlich ist Assmann in ihrer Kategorisierung der Tagung als Reflexionsraum zuzustimmen: Vor allem die stärker theoretisch ausgerichteten Paper Marcharts und Feichtinger/Hadlers sowie das Einleitungsreferat der Konstanzer Kulturwissenschaftlerin selbst führten zu teilweise grundlegenden Diskussionen über gedächtnistheoretische Begriffe und Konzepte. Durch die breite Streuung der untersuchten Gedächtnisformen (Events, Museen, Literatur, Denkmäler) wurde ein großer Bogen gespannt, wobei mancherorts vielleicht eine größere Schärfe, was die angeführten Grundbegriffe betrifft, eingefordert werden könnte. Dennoch bot die Tagung des Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einen beeindruckenden Einblick in die theoretischen und konzeptionellen Möglichkeiten des „Gedächtnisses“ jenseits einer bloßen Aneinanderreihung von Fallstudien. Die gesellschaftlichen Erinnerungskulturen, so der Tenor der Tagung, befinden sich heute in einer Phase des Übergangs[6] – wie sich Begriff und sozio-politische Praxis weiterentwickeln werden sich weisen.

Konferenzübersicht:

Sektion I: Entstehungskontext und gegenwärtige Relevanz des Gedächtnis-Paradigmas
Moderation und Begrüßung: Michael Rössner (Wien)

Aleida Assmann (Konstanz): Zur Karriere, Kritik und Relevanz des Gedächtnisbegriffs

Lesung von Martin Pollack

Gertraud Marinelli-König (Wien): Einleitung

Sektion II: Sprachen des Gedächtnisses
Moderation: Monika Mokre (Wien)

Oliver Marchart (Düsseldorf): Gedächtnis und Hegemonie

Christoph Leitgeb (Wien): Der Un-Ort der Erinnerung: Ein literarischer Topos bei Lebert, Bernhard, Jelinek – und seine Geschichte

Ljiljana Radonic (Wien): Der Kampf um das Gedächtnis im Museum

Marketa Spiritiova (München): Das historische Jubiläum als Event: Die „samtene Revolution“ in der populären Erinnerungskultur

Sektion III: Geschichtsmoral und Erinnerungspolitik
Moderation: Eleonore Lappin-Eppel (Wien)

Noah Benninga (Jerusalem): Holocaust Historiography – the Transformation of Narratives

Dieter Pohl (Klagenfurt): Genozid – Paradigma eines globalen Gewaltgedächtnisses

Robert Traba (Berlin): Postkommunistische Gedächtniskonkurrenzen

Heidemarie Uhl (Wien): Lokal – (trans)national – europäisch: Gegenwärtige Gedächtniskonkurrenzen

Sektion IV: Jenseits des Nationalen – Multiperspektivität – Translation
Moderation: Heidemarie Uhl (Wien)

Michael Rössner (Wien/München): Literatur im Wechselspiel des Nationalen/Transnationalen/Translatorischen

Elisabeth Großegger (Wien): Prinz Eugen

Johannes Feichtinger (Wien) / Simon Hadler (Wien): Feindbilder als transnational gedächtnisstabilisierende Kategorie

Aleida Assmann (Konstanz): Schlussworte

Anmerkungen:
[1] Jay Murray Winter, The Generation of Memory: Reflections on the „Memory Boom“, in Contemporary Historical Studies, in: Bulletin of the German Historical Institute (2000) 27, S. 69–92.
[2] Guy Beiner, In Anticipation of a Post-Memory Boom Syndrom, in: Cultural Analysis (2008) 7, S. 107–112.
[3] Aleida Assmann, Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung, München 2007, S. 9f.
[4] Jan-Werner Müller, Introduction: the Power of Memory, the Memory of Power and the Power over Memory, in: ders. (Hrsg.), Memory and Power in Post-war Europe. Studies in the Presence of the Past, Cambridge 2002, S. 1–35, hier S. 1.
[5] Vgl. hierfür etwa die Werke von Astrid Messerschmidt und Nora Sternfeld: Astrid Messerschmidt, Weltbilder und Selbstbilder. Bildungsprozesse im Umgang mit Globalisierung, Migration und Zeitgeschichte, Frankfurt am Main 2009; Nora Sternfeld, Kontaktzonen der Geschichtsvermittlung. Transnationales Lernen über den Holocaust in der postnazistischen Migrationsgesellschaft, Wien 2013.
[6] Vgl. Aleida Assmann: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. München 2013; Margrit Frölich, Ulrike Jureit, Christian Schneider (Hg.): Das Unbehagen an der Erinnerung. Wandlungsprozesse im Gedenken an den Holocaust. Frankfurt am Main 2012; Ulrike Jureit, Christian Schneider: Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung, Stuttgart 2010.

Zitation
Tagungsbericht: Gedächtnis im Übergang. Transformationen, Übersetzungen, Ausblicke, 01.10.2013 – 03.10.2013 Wien, in: H-Soz-Kult, 04.02.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5199>.
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Veröffentlicht am
04.02.2014
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