Umweltgeschichte der Landwirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert

Ort
Göttingen
Veranstalter
Arbeitskreis für Agrargeschichte
Datum
25.06.2004 - 26.06.2004
Von
Johannes Bracht, Landesmuseum für Technik und Arbeit, Münster

Seine zehnte Sommertagung richtete der Arbeitskreis für Agrargeschichte am 25. und 26. Juni 2004 im Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen aus. Andreas Dix, Historischer Geograf aus Bonn, und Frank Uekötter, Historiker aus Bielefeld, zeichneten für die Zusammenstellung von sechs Vorträgen zur "Umweltgeschichte der Landwirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert " verantwortlich, die entsprechend dem Spektrum des Arbeitskreises verschiedene disziplinäre umwelthistorische Ansätze zur Diskussion stellten. Im Ganzen gesehen behandelten die Referenten historische Prozesse und Momente, die teils Landschaftsveränderungen und Umweltschäden auslösten, teils als Weichenstellungen späterer Entwicklungen wirkten. Einen Schwerpunkt bildete die Auseinandersetzung mit den Prozessen der Chemisierung und Mechanisierung im 20. Jahrhundert.

Dix bezeichnete in seinem einführenden Vortrag über die "Perspektiven einer Umweltgeschichte der Landwirtschaft des 19. und 20. Jahrhunderts" das Forschungsfeld als interdisziplinär, wenig vernetzt und die Ergebnisse oft disparat publiziert. Beiträge zu einer Umweltgeschichte der Landwirtschaft würden überdies in sehr unterschiedlichen Fachdisziplinen erarbeitet und nur selten zusammengeführt. Als Anknüpfungspunkte für die Geschichtswissenschaft nannte Dix die Erosionsforschung (u.a. Hans-Rudolf Bork), Invasionsforschung (u.a. Ingo Kowarik) und das Modell des "ökologischen Fußabdrucks" (Mathis Wackernagel und William Rees). Diese böten die Chance, neue Ansätze mittels historischer Methoden zu entwickeln. Weiterhin schlug Dix vor, sich in der Forschung an möglichen Zäsuren einer Umweltgeschichte der Landwirtschaft zu orientieren. Die Holznotproblematik um 1800 könne eine solche Zäsur darstellen, ebenso die Jahre um 1850, als erste fossile Energieträger in die Stoffflüsse integriert wurden. Für das 20. Jahrhundert nannte Dix zwei mögliche Zeitpunkte, die sich bei näherer Betrachtung als Zäsuren einer Umweltgeschichte der Landwirtschaft anbieten könnten. So sei zum einen der Technisierungsschub der 1920er-Jahre (Elektrifizierung) auf umwelthistorische Relevanz zu befragen, zum anderen brachte die Nachkriegszeit vielfältige Wachstumsbewegungen mit sich (1950er Syndrom, C. Pfister). In der Landwirtschaft beschleunigten sich insbesondere Mechanisierung, Rationalisierung und Chemisierung in dieser Zeit. Eine fünfte Zäsur schließlich setzte Dix um 1970-73 an, als ausgelöst durch Ölkrise und den Bericht des Club of Rome zumindest im Diskurs sich ein Wandel vollzog und die spätere Nachhaltigkeitsdebatte sich abzeichnete. Insbesondere diese Zäsuren des 20. Jahrhunderts wurden während der zwei Tage wiederholt diskutiert.

Mögliche Problemfelder einer Umweltgeschichte der Landwirtschaft sah Dix in den vielfältigen Konflikten in Politik und Gesellschaft um die Landwirtschaft. So bedürfe das Spannungsfeld zwischen nationalen Agrarpolitiken und europäischer Agrarpolitik noch intensiver Untersuchung. Auch die Dichotomie ökologische versus konventionelle Landwirtschaft und die oftmals einander widersprechenden Konzepte Landwirtschaft und Naturschutz böten Stoff für weitere Auseinandersetzung.

Bernd Herrmann, Biologe und Anthropologe aus Göttingen, zeigte "Umweltgeschichtliche Perspektiven früher landwirtschaftlicher Schädlingsbekämpfung" auf. Mit Rücksicht auf eine baldige Veröffentlichung des Beitrags wird hier auf eine eingehende Besprechung verzichtet.

Der Biologe Fridolin Krausmann (Wien) behandelte den Wandel von Energie- und Stoffflüssen zwischen 1800 und heute. In seinem Vortrag "Landnutzung und gesellschaftlicher Metabolismus in dörflichen Agrarsystemen. Eine sozial-ökologische Perspektive zur Agrarmodernisierung in Österreich" rekonstruierte er am Beispiel des niederösterreichischen Dorfes Voitsau, welche Energieaufwendungen und -erträge die historische Landwirtschaft kennzeichneten. Auf der Grundlage der ausgesprochen informationsdichten franziscäischen Kataster der 1830er-Jahre war es Krausmann möglich, wesentliche Kennziffern wie Population, Flächengröße und Bodenqualität, Nutzungssysteme, Erträge und Viehstand in ein Gesamtbild u.a. der Stickstoffflüsse zu fügen. Um 1830 seien aufgewendete und durch Ertrag nutzbare Energien netto ausgeglichen und somit enge Energiekreisläufe zwischen Äckern, Ställen und Haushalten innerhalb des Dorfes möglich gewesen. Ähnlich stellte sich die Analyse der Stickstoffflüsse dar. Die Dorfökonomie könne als quasi selbstgenügsames und auf kaum Stoff- und Energieimporte angewiesenes System gesehen werden, in dem das Nutzvieh an zentraler Stelle wirkte, weil es Zugkraft, Dung und Lebensmittel erbrachte, indem es oftmals minderwertige Flächen nutzte und Abfallprodukte verbrauchte. Die industrialisierte Landwirtschaft hingegen habe diese Geschlossenheit gesprengt. Maschinen ersetzten Zugvieh und damit das "integrierende Element" der alten Landwirtschaft. Die heutige Landwirtschaft sei auf Energie- und Stickstoffimporte angewiesen (fossile Energieträger ab etwa 1860, agroindustrielle Dünger und Hilfsmittel), erbringe aber nur einen Bruchteil davon als landwirtschaftlichen Ertrag. Schließlich stellte Krausmann die am Beispiel Österreichs in den vergangenen 50 Jahren immer klarer zu beobachtende Trennung von Grünlandregionen (Höhenlagen) und Ackerbauregionen als eine Konsequenz der Expansion sozial ökologischer Systeme dar.

Das von Krausmann skizzierte geschlossene System einer Dorfökonomie um 1830 war Hauptgegenstand der Diskussion seines Vortrags. Da die jüngere Agrargeschichte gerade die Offenheit der Dorfgesellschaften nach außen, sowohl in ökonomischer wie in sozialer Hinsicht, betont, wurde die sozial ökologische Deutung Krausmanns als Anstoß gesehen, diesem Grundproblem der Forschung weiter nachzugehen. So müsse das Modell des sozial ökologischen Systems auch für solche Regionen getestet werden, die bereits im 19. Jahrhundert marktorientierte Landwirtschaft aufwiesen, die unter anderem mit stärkeren Stoffimporten und -exporten einherging.

Frank Uekötter, Historiker aus Bielefeld, schilderte in seinem Vortrag "die Chemie, der Humus und das Wissen der Bauern: Die Zwischenkriegszeit als Sattelzeit einer Umweltgeschichte der Landwirtschaft" den Siegeszug agrochemischer Produkte als Resultat eines Umbruchs innerhalb der Agrarwissenschaft der 1920er- und 1930er-Jahre. Sein pointierter Vortrag skizzierte zunächst eine Krise der Agrarberatung um 1920, die nach übersteigerten Versprechungen das Vertrauen der Landwirte verloren hätte. Alternative landwirtschaftliche Expertensysteme, insbesondere die biologisch-dynamische Landwirtschaft nach Rudolf Steiner, seien an die Seite der vorherrschenden Lehre getreten, die mit neuen Beratungsmethoden versuchte, Kunden zurückzugewinnen. Der von Uekötter beschriebene Verwissenschaftlichungsprozess der Landwirtschaft drückte sich nun in einem Beratungssystem aus, das vornehmlich chemisches Fachwissen vermittelte und direkt auf den Absatz agrochemischer Produkte zielte. Verwissenschaftlichung ging hier Uekötter zufolge auf Kosten des vorhandenen Erfahrungswissens der Bauern, des "holistischen Ideals agrarischer Produktion" (Uekötter) mit Pflanzen- und Tierproduktion. Der Landwirt, in Anspruch genommen von Maschinisierung und Technisierung, konnte sich mithilfe der wissenschaftlichen Beratung entlasten, verlor aber Autonomie und Mündigkeit.

Wesentliche Aspekte des Beitrags konnten in der Diskussion bestätigt werden, so die einseitig chemische Forschung, der dominierende Einsatz von Mineraldünger und Pestiziden, sowie die einhergehende "Erosion" einstmals vorhandenen Wissens. Jedoch fanden sich Plädoyers für eine Interpretation, die weniger linear auf die späteren negativen Erfahrungen mit agrochemischen Produkten abzielte. Auch sollten neben industriedominierten Beratungssystemen die Beratungsarbeit der landwirtschaftlichen Vereine und Landwirtschaftskammern einbezogen werden. So könne das Bild einer einseitig aufoktroyierten Wissensvermittlung weiterer Prüfung unterzogen werden.

Der Bielefelder Historiker Jürgen Büschenfeld beschäftigte sich in seinem Vortrag "Bewertung und Anwendung von Pestiziden in der westdeutschen Landwirtschaft seit den 1950er Jahren" ebenfalls mit dem "Siegeszug" chemischer Erzeugnisse und fragte nach Mechanismen, die dafür sorgten, dass der chemische Pflanzenschutz in der Bundesrepublik die Oberhand über biologische Methoden gewann. DDT war Wegbereiter für immer neue Pestizide aus chlorierten Kohlenwasserstoffen. Die Nachteile einer einseitig chemischen Pflanzenschutzforschung waren, so Büschenfeld, in der Wissenschaft früh bekannt. Dennoch setzten sich chemische Pestizide auf dem Markt durch, und die Misserfolge dieser Mittel, unmittelbar auch dem Landwirt erfahrbar in Resistenzen, wurden durch immer neue Mittel wettgemacht. Demgegenüber bewertete Büschenfeld die Reaktion von Landwirten auf die industrielle Landwirtschaft und auch auf die immer stärker in die landwirtschaftliche Ausbildung eingegangenen betriebswirtschaftlichen Inhalte eher als traditionsorientiert und modernisierungskritisch. Den Bauern selbst seien eher ambivalente Verhaltensweisen zu konstatieren, in der Selbstversorgung ökologisch, in der Produktion für den Markt industriell und pestizidfreudig.

Die Diskussion stellte gerade den Punkt bäuerlicher Selbsteinschätzung heraus. Es wurde vorgeschlagen, den Siegeszug von Kunstdünger und Pestiziden aus der Sicht der Landwirte zu erklären und eine Anthropologisierung des Umgangs des Bauern mit dem Gift zu wagen. Was die chemischen Erzeugnisse für den Bauern interessant machte, könnten z.B. der Reiz einfacher Rezepte oder ein modernes Image der eingesetzten Produkte gewesen sein.

Arnd Bauerkämper, Historiker aus Berlin, referierte über "Agrarmodernismus. Die Folgen der Politik landwirtschaftlicher Industrialisierung für die natürliche Umwelt im deutsch-deutschen Vergleich". Bauerkämper schlug vor, die Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem heutigen Tag als Epoche des "Agrarmodernismus" zu fassen, geprägt durch politisch motivierte Modernisierung und Intensivierung der Produktion. Die Ausgangslage nach Kriegsende war in beiden Staaten von der Versorgungskrise bestimmt, sodass wichtigstes agrarpolitisches Ziel die schnelle Ertragssteigerung war. Auffälligster Ausdruck dafür war das Wettrennen um die früheste Aufhebung der Rationierung gewesen, das sich DDR und Bundesrepublik in den Nachkriegsjahren lieferten. In beiden deutschen Staaten jedoch habe sich Agrarmodernismus auf zweierlei Weise ausgeprägt. In der SBZ bzw. DDR sei der Weg hin zu großbetrieblichen Zusammenschlüssen nach Art der LPGs von einem, dem Stalinismus eigenen Technizismus getragen gewesen, der technischen Lösungen rationeller Verbesserung großes Gewicht beimaß. In der Bundesrepublik wirkten ökonomische Mechanismen wie das Rentabilitätsprinzip ebenfalls hin zu größeren Betriebsgrößen. Existierte im Osten das Leitbild der Kolchose, so war es im Westen bis in die 1990er-Jahre hinein das des Familienbetriebs. Andere umwelthistorisch relevante Entwicklungen vollzogen sich in beiden Staaten ähnlich: Flurbereinigungen, Trennung von Pflanzen- und Viehproduktion, vertikale Verflechtung von Industrie und Betrieben. Die Folgen des "Agrarmodernismus" wie Überdüngung, Bodenverdichtung, Bodenerosion und dergleichen seien hier wie dort zu verzeichnen; und auch kritische Bewegungen erlebten beide Staaten gleichermaßen. In der Bundesrepublik hätte die Ökobewegung bereits ab den 1970er-Jahren beachtlichen Einfluss auf die Gesetzgebung entfaltet; in der DDR sei Anfang der 1980er-Jahre und verstärkt durch den Tod des verantwortlichen ZK-Sekretärs Gerhard Grüneberg 1981 eine Umkehr eingeleitet worden. Beide Entwicklungen veranlassten Bauerkämper dazu, den "Agrarmodernismus" in seiner Endphase anzusehen.

Bauerkämpers Vortrag wurde dahingehend hinterfragt, um wie viel "effektiver" die demokratische Öffentlichkeit der Bundesrepublik die Kritik am Agrarmodernismus umsetzen ließ und wie zahlreiche Gegenbewegungen in beiden deutschen Staaten zu bewerten sind.

Eine "Umweltgeschichte der Landwirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert", das wurde im Tagungsverlauf deutlich, wird in Zukunft ebenso traditionelle Methoden nutzen können wie neue Anknüpfungspunkte insbesondere zu den Naturwissenschaften suchen müssen. Wo das Tagungsthema innerhalb des historiografischen Kanons, ja selbst speziell innerhalb der Agrargeschichte, verortet werden konnte, wurde abschließend unter den Teilnehmern der Tagung diskutiert. Festzustellen bleibt, dass es nicht der Geschichtswissenschaft vorbehalten ist, eine Umweltgeschichte der Landwirtschaft zu schreiben. Die Richtung kann vor allem dann an Eigenständigkeit gewinnen kann, wenn es gelingt, diejenigen wissenschaftlichen Ansätze, die sich mit anthropogenen Einflüssen auf Natur und Umwelt auseinander setzen, zusammenzuführen und umwelthistorische Probleme nicht mehr nur in streng disziplinären Rahmen sondern unter Beteiligung mehrerer Disziplinen zu definieren.

Eine Veröffentlichung der Beiträge ist im "Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes" vorgesehen.

Zitation
Tagungsbericht: Umweltgeschichte der Landwirtschaft im 19. und 20. Jahrhundert, 25.06.2004 – 26.06.2004 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 26.07.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-521>.