Kolloquium zur Liberalismusforschung: Europäischer Liberalismus und Erster Weltkrieg

Ort
Bonn
Veranstalter
Archiv des Liberalismus, Gummersbach; Institut für Geschichtswissenschaft, Universität Bonn
Datum
22.11.2013
Von
Jürgen Frölich, Archiv des Liberalismus, Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Gummersbach

Unter reger Beteiligung fand das diesjährige vom Archiv des Liberalismus (ADL) veranstaltete Kolloquium zur Liberalismus-Forschung in Bonn statt, das den Blick auf die 100. Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs richtete. Nach der Begrüßung durch Ewald Grothe (Gummersbach) gab DOMINIK GEPPERT (Bonn) von der mitveranstaltenden Universität Bonn eine Einführung in das Tagungsthema, wobei er Perspektiven für einen internationalen Vergleich der Reaktionsmuster entwickelte, mit denen die verschiedenen nationalen Liberalismen dem Krieg begegneten. Geppert empfahl drei Bezugsebenen, die zu untersuchen seien: erstens die Herausarbeitung der „makroliberalen“ Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen nationalen Liberalismen einerseits und der „mikroliberalen“ Unterschiede zwischen ihnen bzw. auch innerhalb der einzelnen Nationen. Hierbei stelle am auffälligsten, aber nicht nur in Deutschland, Frankreich und Italien der Liberalismus keine einheitliche Bewegung dar. Welche Folgen, so fragte Geppert, hatte der Weltkrieg auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Zweitens sei zu diskutieren, wie sich das Verhältnis Liberalismus-Nation geändert habe, genauer gesagt, welcher Stellenwert vor und während des Krieges dem Gegensatzpaar „nationale Selbstbestimmung“ versus humanistisch-völkerrechtliche Intervention zukam. Und drittens seien die Reaktionen auf die durch den Krieg veränderte Rolle des Staates und die gesellschaftlichen Veränderungen der Kriegszeit generell von Interesse. Insgesamt steuere die Forschung angesichts neuer Gesamtdeutungen wie der von Christopher Clark auf die Rehabilitation älterer Thesen zu. Auch das Interesse an regionalen Fragen in Südosteuropa sei gestiegen. Während früher die Jahre 1900/1914 der Fluchtpunkt der Liberalismus-Forschung gewesen seien, sei in der jüngeren Historiographie das 20. Jahrhundert stärker ins Blickfeld geraten.

Ein erstes von Jürgen Frölich (Gummersbach) moderiertes Podium war dem deutschen Liberalismus im Weltkrieg gewidmet. Mit Blick auf den Linksliberalismus plädierte MARCUS LLANQUE (Augsburg) dafür, den Ersten Weltkrieg als neue „Sattelzeit“ zu interpretieren, mit der die eigentliche Moderne begonnen habe. Denn scharf analysierende Linksliberale wie Friedrich Naumann, Max Weber, Hugo Preuß und Ernst Troeltsch hätten recht schnell den einschneidenden und umwälzenden Charakters dieses Krieges erkannt und für den Liberalismus entsprechende Konsequenzen angemahnt: Für diese Generation konnte nicht mehr die kleinteilige Demokratie von 1848 Bezugspunkt sein, sondern die Demokratie musste sich an die Gegebenheit der Hochindustrialisierung und den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von einer aufklärerischen zu einer massenmobilisierenden anpassen. Aus dieser Perspektive wollte Llanque den Ersten Weltkrieg weniger als Ausgang des 19. Jahrhunderts als vielmehr als Beginn des 20. und als „Geburtsstunde der westlichen Demokratien“ interpretieren, weshalb auch ein völlig neuer begriffs- und ideengeschichtlicher Zugriff auf den Weltkrieg allgemein und den damaligen Liberalismus speziell nötig sei.

Einen eher „mikroanalytischen“ Zugriff wählte KARL-HEINRICH POHL (Kiel) im Hinblick auf den deutschen Nationalliberalismus, für den der Weltkrieg wegen des überbordenden Nationalismus und des pragmatischen sozialen Liberalismus eine paradigmatische Bedeutung besitze. Die Kriegswahrnehmungen und -reaktionen der Nationalliberalen zeigte er am Beispiel Gustav Stresemanns auf. Im Mittelpunkt stand dabei der Themenfeld „Politik und Nation“, bei dem Pohl die zunehmende Spannung zwischen außenpolitischem Imperialismus und innenpolitischer Reformbereitschaft herausstellte: Beeinflusst von sozialdarwinistischen Ideen, habe Stresemann den Weltkrieg als „Verteidigungskrieg um die Existenz des deutschen Volkes“ angesehen und bis fast zum Schluss ein Kriegszielprogramm mit umfassenden Annexionen und Einflusssphären vertreten, mit denen die deutsche Machtstellung in Europa gesichert respektive ausgebaut werden sollte. Innen- und gesellschaftspolitisch sei er dagegen zu Reformen im Sinne einer „Volksgemeinschaft“ bereit gewesen, die zwar das Kaiserreich nicht demokratischer, wohl aber durch teilweise Integration der Arbeiterbewegung stabiler gemacht hätten. Sodann konnte Pohl anhand von umfassenden Archivrecherchen zeigen, dass Stresemanns Wohlstand aufgrund seiner Industriekontakte während des Krieges beträchtlich wuchs und er deshalb wohl zu den „Kriegsgewinnlern“ zu rechnen sei. Schon deswegen habe er wenig Interesse an grundlegenden Änderungen der herrschenden Verhältnisse gehabt. Überraschend sei allerdings, dass er noch Mitte 1918 beträchtliche Mittel in Kriegsanleihen anlegte und sich offenbar über die tatsächliche Situation täuschte bzw. den Äußerungen der Militärs glaubte.

Das nachmittägliche Podium unter der Leitung von Wolther von Kieseritzky (Gummersbach) befasste sich dann mit drei „außerdeutschen“ Liberalismen. Unter der Überschrift „Peace Party at War“ sprach zunächst ANDREAS ROSE (Bonn) über die britischen Liberalen. Er stellte eine faktische Spaltung der Liberal Party in einen imperialistisch-interventionistischen und einen radikalen-pazifistischen Flügel, die sogenannte „Union of Democratic Control“, heraus. Letzterer habe am Vorabend des Krieges eher Deutschland und Österreich-Ungarn als Russland und den Südslawen zugeneigt, sich aber im Kabinett nicht durchsetzen können, obwohl die „Radicals“ die Mehrheit der Minister stellten. Dagegen besetzten die „Imperialist Liberals“, denen auch Lloyd George als „Wolf im Schafspelz“ zugerechnet werden müsse, die ministeriellen Schlüsselstellungen und konnten so in der Juli-Krise die Weichen in ihrem Sinne stellen, auch um von Problemen in der Innenpolitik, insbesondere in der Irland-Frage, abzulenken. Dem ordnete sich die linksliberale Regierungsmehrheit aus Gründen der Partei- und Kabinettsräson unter, was lange Zeit als „Sündenfall“ interpretiert worden sei. Die Mittel, mit denen der Krieg dann geführt werden musste, widersprachen aber der liberalen Agenda (Einschränkungen der persönlichen und der Pressefreiheit, Wehrpflicht, Wirtschaftslenkung, Steuerhöhungen etc.) und führten – so Rose – zum „Bruch der Liberalen mit dem Liberalismus“. Endgültig die Allparteien-Koalition unter Lloyd George ab 1916 ließ Mitglieder und Anhängerschaft der Liberal Party nach links und rechts erodieren. Gegen inzwischen klassische Interpretationen wie der von George Dangerfield müsse man dem Kriegseintritt Großbritanniens weit größere Bedeutung für den „Strange Death of Liberal England“ beimessen.

Unter dem Leitmotiv „Kontinuität und Krise“ bettete STEFAN GRÜNER (Eichstätt/Augsburg) seine Sicht auf den Weltkriegs-Liberalismus in Frankreich in eine breite Darstellung der liberalen Entwicklung während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ein. Ähnlich wie in Deutschland war auch der französische Liberalismus organisatorisch in Gemäßigte und Radikale gespalten, seinen Rückhalt bildeten aber weniger die schwachen und erst zu Jahrhundertbeginn gegründeten Parteiorganisationen als vielmehr das Parlament. Außenpolitische und andere Unterschiede zwischen beiden Strömungen verschwanden mit der Deklaration der „Union sacrée“ im August 1914; stattdessen stand die Frage im Mittelpunkt, ob Parlament oder Exekutive und Militär die politische Oberhand behielten. Anders als in Deutschland setzte sich in Frankreich das Parlament durch, das energisch in die Kriegführung eingriff („Kriegsparlamentarismus“). Die daraus resultierende Instabilität der Regierung(en) sei erst durch den Aufstieg Georges Clemenceaus als populärer Führer jenseits von Parteien und Parlament überwunden worden, was aber wiederum nicht das Ende des traditionellen „deliberativen Parlamentarismus“ liberaler Prägung bedeutete, der sich bis in die 1950er-Jahre fortgesetzt habe. Ungeachtet aller Krisen und ihrer fortdauernden Spaltung hätten die französischen Liberalen über 1918 hinaus mittelfristig ihren politischen Einfluss bewahren können, womit sie unter ihren europäischen Gesinnungsgenossen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts herausragten.

LOTHAR HÖBELT (Wien) sprach über die Liberalen respektive das „Dritte Lager“ im österreichischen Teil der Donaumonarchie zwischen 1914 und 1918. Dessen Situation unterschied sich von allen bisher betrachteten Liberalismen durch die nationale Auffächerung der politischen Landschaft sowie durch die Tatsache, dass der „Reichsrat“ seit Frühjahr 1914 für drei Jahre vertagt war und es somit keine parlamentarischen Debatten gab. Die uneinheitlich gehandhabte Zensur verschob die politischen Diskurse auf informelle Ebenen, sie drehten sich vor allem um die Möglichkeit einer Neuordnung nach dem Krieg, überlagert von außenpolitischen Orientierungen je nach nationaler Herkunft. Als im Mai 1917 der Reichsrat einberufen wurde, verfügte er zwar über größeren politischen Einfluss als jemals zuvor. Jedoch blieb die Außenpolitik Sache des Gesamtstaats und somit dem Einfluss des national zersplitterten jeweiligen Parlamente weitgehend entzogen. Die von den verschiedenen Nationen verfolgten „inneren Kriegsziele“ hätten überdies Sprengkraft für die Monarchie entwickelt. Zusätzlich noch hätten sich die Differenzen zwischen den politischen Lagern im Laufe des Krieges verschoben bzw. wären sehr viel undeutlicher geworden, da zum Beispiel ehemals liberale Städter infolge der Versorgungslage (Agrarbeschlagnahme 1915) ähnlich wie die Sozialdemokraten nach Staatsinterventionen riefen, während sich katholisch-klerikale Agrarproduzenten nun zum freien Markt bekannten. Das liberale Profil der österreichischen „Mittelparteien“ war damit schon längst ausgehöhlt, ehe die Wahlrechtsänderungen von 1918 ihre prekäre Wählerbasis offensichtlich machten.

Im Festsaal der Universität Bonn klang das Kolloquium mit einem öffentlichen Abendvortrag aus, den JÖRN LEONHARD (Freiburg) unter dem Titel „Das Dilemma von Erwartungen und Erfahrungen: Europäische Liberale im Ersten Weltkrieg“ hielt. Er zeigte dabei einerseits die „unterschiedlichen Entwicklungsstadien“ auf, die den europäischen Liberalismus am Vorabend des Weltkrieges charakterisierten und die ein klares Ost-West-Gefälle vom republikanischen Liberalismus in Frankreich und den USA bis zum kaum in konstitutionellen Verhältnissen agierenden russischen Liberalismus aufwiesen, mit unterschiedlichen Zwischenstadien in Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien sowie einer monarchisch-liberalen politischen Kultur in Großbritannien. Andererseits lenkte er die Aufmerksamkeit auf die gemeinsamen Erfahrungen, die die verschiedenen Liberalen während des Krieges machten, egal ob sie an der Regierung beteiligt waren oder sich auf die beobachtende Teilnahme beschränken mussten. Zu den gemeinsamen Herausforderungen zählte Leonhard die „Aushöhlung des Pluralismus“ durch die propagandistische Kriegsmobilisierung, den „Wandel im Verhältnis Militär-Zivilisten“, den Aufstieg des sogenannten „Kriegsstaates“, der die Privatsphäre in vorher unvorstellbarer Weise einschränkte sowie eine für Liberale unerwartete Gewichtsverschiebung im Verhältnis von Staat, Wirtschaft und Arbeit. Den entscheidenden Wendepunkt für den Liberalismus in allen am Krieg beteiligten Staaten machte Leonhard im Jahr 1917 aus, da die liberalen Ideale und Werte nun von rechts und links massiv in Frage gestellt wurden und der Liberalismus auch in den westeuropäischen Demokratien nur durch den Übergang zur charismatischen Herrschaft eines Clemenceau oder Lloyd George an der Macht bleiben konnte. Danach konnte es eine Rückkehr zu den von vielen Liberalen idealisierten Vorkriegsverhältnissen nicht mehr geben; Leonhard hob in diesem Zusammenhang Versuche zu einer Reformulierung des liberalen Programms hervor, wie sie etwa von dem Theologen Ernst Troeltsch unternommen wurden. Dies zeige, dass auch für den deutschen Liberalismus 1918 der Weg zur Auflösung 15 Jahre später noch keineswegs unentrinnbar vorgezeichnet war.

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde vor allem die Frage nach dem Stellenwert des Ersten Weltkriegs in der Liberalismus-Geschichte aufgegriffen. Zäsur- oder Wendepunkt, Sattelzeit – das seien Fragen, deren Beantwortung noch ausstehe, bei denen man aber Impulse aus der derzeit bereits sehr aktiven Weltkriegsforschung zum 100sten Jahrestag des Kriegsausbruchs erwarten dürfe.

Zum Schluss der Tagung wurde in Anwesenheit mehrerer früherer Preisträger, darunter Jörn Leonhard und Karl-Heinrich Pohl, Mark Schweda (Berlin) mit dem zum 47. Mal verliehenen Preis der „Wolf-Erich-Kellner-Gedächtnisstiftung“ für seine Dissertation „Entzweiung und Kompensation. Joachim Ritters philosophische Theorie der modernen Welt" ausgezeichnet. In seiner Laudatio begründete Kurator Dominik Geppert die Entscheidung des Kuratoriums der Kellner-Stiftung, Schweda habe das Gesamtwerk des in Münster lehrenden Philosophen als das eines an Hegel orientierten „Exponenten moderner Liberalität“ stimmig herausgearbeitet.

Konferenzübersicht:

Begrüßung durch Leitung des Archivs des Liberalismus

Eröffnungsvortrag
Dominik Geppert (Bonn): Liberalismus und Erster Weltkrieg als Forschungsproblem

1. Podium: Deutscher Liberalismus und Erster Weltkrieg

Marcus Llanque (Augsburg): Die Linksliberalen

Karl-Heinrich Pohl (Kiel): Die Nationalliberalen am Beispiel Gustav Stresemanns

2. Podium: Westeuropäischer Liberalismus und Erster Weltkrieg

Andreas Rose (Bonn): „Peace Party at War“ - Die britischen Liberalen im Großen Krieg, 1914-1918

Stefan Grüner (Eichstätt/Augsburg): Krise und Kontinuität. Französischer Liberalismus und Erster Weltkrieg"

3. Podium: Mittel- und südeuropäischer Liberalismus und Erster Weltkrieg

Lothar Höbelt (Wien): Österreich

Patrick Ostermann (Dresden/Bonn): Italien

Öffentlicher Festvortag
Jörn Leonhard (Freiburg): „Das Dilemma von Erwartungen und Erfahrungen: Europäische Liberale im Ersten Weltkrieg“

Abschlussdiskussion

Verleihung des Wolf-Erich-Kellner-Preis 2013

Zitation
Tagungsbericht: Kolloquium zur Liberalismusforschung: Europäischer Liberalismus und Erster Weltkrieg, 22.11.2013 Bonn, in: H-Soz-Kult, 04.02.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5220>.