Das 20. Jahrhundert und der Erste Weltkrieg. Zusammenbruch, Neukonstitution und Kontinuität von Ordnungen in globaler Perspektive/ The 20th Century and the First World War. Collapse, Reconstitution and Continuity of Systems in Global Perspective

Ort
München
Veranstalter
Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ); Max Weber Stiftung; Institut Français
Datum
14.11.2013 - 16.11.2013
Von
Daniela Gasteiger, München

2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Die Erinnerung an dieses Ereignis ist vielerorts von der Wahrnehmung als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) geprägt. Doch war der Krieg weltweit und auf allen Ebenen eine von Zusammenbruch gekennzeichnete Zäsur? Wie ist der Erste Weltkrieg aus globaler Perspektive im 20. Jahrhundert historisch zu verorten? Diesen Fragen widmete sich eine große Konferenz des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ) in Verbindung mit der Max Weber Stiftung und dem Institut Français vom 14. bis zum 16. November 2013 in München. Im Mittelpunkt standen die langfristigen Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf nationale und internationale Ordnungen. Für die wissenschaftliche Konzeption der Tagung waren Andreas Wirsching, Johannes Hürter und Thomas Raithel vom IfZ sowie Günther Kronenbitter (Augsburg) und Jürgen Osterhammel (Konstanz) verantwortlich.

In seiner Begrüßung bezeichnete ANDREAS WIRSCHING (München) den Ersten Weltkrieg nicht nur als „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts, sondern auch als „Kulminationskatastrophe“ des 19. Jahrhunderts. Kräfte wie Nationalismus, technischer und ökonomischer Fortschritt und soziale Mobilisierung seien im Ersten Weltkrieg zur vollen Entfaltung gekommen, während gleichzeitig rationalistische und bürgerliche Wertvorstellungen radikal hinterfragt worden seien. Der zweite Begrüßungsredner HEINZ DUCHHARDT (Bonn) verwies ebenfalls auf die Vorkriegszeit: Wenig habe auf die kommende Katastrophe hingedeutet, und ein Krieg sei wegen der engen Verwobenheit Europas als nicht möglich betrachtet worden. Heute, wo sowohl die globale Ordnung als auch die europäische Gemeinschaft fragil werde, blicke man beklommen auf den Ersten Weltkrieg zurück. Duchhardt berichtete von Initiativen der Max Weber Stiftung, das internationale Verständnis geisteswissenschaftlicher Forschung zu stärken, etwa dem englischsprachigen Online-Projekt Enzyklopädie Erster Weltkrieg.[1]

Zwei Anliegen der Organisatoren prägten die Tagung: Erstens standen Ordnungen im Fokus – auf nationaler und internationaler Ebene, aber auch auf der Ebene des Wissens und der Ideologien. Zweitens sollte die eurozentrische Perspektive verlassen und Regionen in den Blick genommen werden, die bisher im Zusammenhang mit den Folgen des Ersten Weltkriegs noch wenig beleuchtet wurden. Der Abendvortrag von JÜRGEN OSTERHAMMEL (Konstanz) war beiden Aspekten gewidmet. Osterhammel plädierte dafür, den Ordnungsbegriff als Analyseinstrument zu schärfen. Als Beispiel nannte er Fragen nach den Motivationen von Ordnungsstiftung und der zeitlichen Struktur von Ordnungsvorstellungen, die stets auf eine Zukunft gerichtet seien. Seine methodischen Überlegungen verknüpfte er im zweiten Teil mit einer Analyse der Folgen des Ersten Weltkriegs in Ostasien. Der Krieg sei in dieser Region Teil einer Aufstiegsgeschichte. In China habe durch den kriegsbedingten Rückzug der Europäer die Stunde der heimischen Unternehmer geschlagen. Ebenfalls am Beispiel Chinas beschrieb Osterhammel die 1920er-Jahre als Zeit der „Ordnungskonkurrenzen“: Für das Land habe sich ein leicht gezähmter liberaler Imperialismus, eine Hegemonialordnung unter Japan, der Anschluss an die weltrevolutionäre Solidarität der Kolonialvölker oder bedingungslose nationale Unabhängigkeit angeboten. Osterhammel beobachtete verschiedene Zeitpunkte für die „Schließung“ der durch diese Ordnungskonkurrenzen herbeigeführten offenen Situation. Für China schlug er 1944 bzw. 1948, für Deutschland 1932/1933 und für Italien 1922 vor.

Im ersten Panel rückten unter der Leitung von Bernd Greiner (Hamburg) „Internationale Ordnungen“ in den Mittelpunkt. Mit Blick auf Europa betrachtete ANDREAS WIRSCHING (München) den Ersten Weltkrieg auf der einen Seite als Bruch, da im Juli 1914 das Wiener System endgültig an sein Ende gekommen sei. Den Schwerpunkt legte er andererseits jedoch auf ein Phänomen der Kontinuität: Weder vor 1914 noch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sei es den europäischen Mächten gelungen, aus eigenen Kräften eine stabile Sicherheitsordnung zu begründen. Europa hätte dazu einer auswärtigen Macht, eines „Patrons“ oder „Hegemons“ bedurft. Diese Rolle habe die USA in der Zwischenkriegszeit jedoch abgelehnt. Erst nach 1989/90 sei die Europäische Union langsam in diese Aufgabe hineingewachsen, indem es ihr gelungen sei, den Ausbruch ethnischer Rivalitäten in Osteuropa zu verhindern und Integration nach innen zu gewährleisten.

JOHANNES HÜRTER (München) behandelte in seinem Vortrag die Bemühungen um ein internationales Abrüstungsregime nach 1918 als Beispiel für den Versuch, eine Sicherheitsordnung herzustellen. Er betonte den Zäsurcharakter des Ersten Weltkriegs für den Abrüstungsgedanken, denn im Versailler Vertrag sei erstmals eine multilaterale Organisation, der Völkerbund, mit der Vorbereitung von Abrüstungsbestimmungen beauftragt worden. Hürter führte das Scheitern dieser Bemühungen in der Zwischenkriegszeit auf das gesteigerte Sicherheitsdenken der Einzelstaaten und innereuropäische Antagonismen zurück. Der Völkerbund habe diesen Hemmnissen trotz der Abrüstungsbürokratien, die sich in seinem Rahmen ausbildeten, keine hinreichenden Machtmittel entgegensetzen können. Nach 1945 sei der Gedanke eines internationalen Abrüstungsregimes nicht mehr mit den gleichen Ambitionen aufgegriffen und bis heute nicht umgesetzt worden.

HAROLD JAMES (Princeton) ging in seinem Vortrag auf die engen Verflechtungen internationaler Ordnung und deren komplexe Regelsysteme ein. Dazu zeichnete er Parallelen zwischen der Welt um 1914 und der Gegenwart nach: Bereits in der Zeit der „ersten Globalisierung“ vor dem Ersten Weltkrieg seien politische, ökonomische und militärische Systeme wie heute auf das engste miteinander verbunden gewesen. Der misstrauische, von Niedergangswahrnehmungen geprägte Hegemon aber suche sich stets durch seinen privilegierten Zugang zu Informationen strategische Vorteile zu verschaffen – sei es das Großbritannien der Vorkriegszeit, das seinen Status als Weltfinanzzentrum ausgenutzt habe, oder die USA im „Krieg gegen den Terror“. Durch dieses Verhalten werde die Ordnungsidee unterminiert und das Risiko präventiver Schläge erhöht. In seinem Fazit wies James auf die Verwundbarkeit und Instabilität hin, die aus den komplexen Regeln internationaler Ordnung resultieren.

Das zweite Panel unter der Leitung von Lutz Raphael (Trier) war „Nationalstaatlichen und ethnischen Ordnungen“ gewidmet. ERIC WEITZ (New York) beschrieb für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Verschiebung von der traditionellen Staatendiplomatie des „Wiener Systems“ zu den bevölkerungspolitischen Leitideen des „Pariser Systems“ mit dem Ersten Weltkrieg als Verdichtungspunkt. Weitz identifizierte hinter dem in der Zwischenkriegszeit aufsteigenden Minderheitenschutz auf der einen und Zwangsdeportationen von Bevölkerungsgruppen auf der anderen Seite das gleiche Denkmuster: die Vorstellung, dass Souveränität eng an den Nationalstaat gebunden sei. Sei eine Minderheit in einem Staat vermeintlich zu groß gewesen, sei sie nicht mehr geschützt, sondern umgesiedelt worden. Weitz exemplifizierte diesen Gedanken an den Bestimmungen des Vertrags von Lausanne von 1923 über den Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei. Die Geschichte der Menschenrechtsstandards sei damit nicht so linear wie oft beschrieben.

MARIE-JANINE CALIC (München) behandelte Ordnungsentwürfe im multiethnischen Kontext am Beispiel Jugoslawiens. Sie verwies dabei auf die Katalysatorfunktion des Ersten Weltkriegs für die Staatenbildung in der Region: Durch den Zusammenbruch des reformunfähigen Habsburgerreiches seien die während des Krieges entwickelten Pläne zur Gründung neuer Nationalstaaten in Südosteuropa realisierbar geworden. Calic konstatierte für das erste Jugoslawien einige Strukturschwächen und Grenzrevisionismus, verneinte aber, dass dieser Staat von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Sie betonte die Unabhängigkeit und die liberal-demokratischen Verfassungen als Resultat der neuen Ordnung. Jugoslawien sei nicht an inneren Problemen zugrunde gegangen, sondern als Folge des Überfalls der Wehrmacht 1941. Auch die Ursachen des Zerfalls des zweiten Jugoslawien erklärte sie nicht aus der Pariser Ordnung, sondern der Geschichte nach 1945, für die sie beispielsweise eine Verschärfung des ökonomischen Gefälles in der Region beobachtete.

DAQING YANG (Washington) nahm die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf Ostasien in den Blick. Auf ideologischer Ebene habe das Prinzip der Selbstbestimmung in Ostasien viele Hoffnungen geweckt, beispielsweise im japanisch beherrschten Korea. Das Scheitern des Wilsonianism in Ostasien und die Kontinuität imperialer Herrschaft bezeichnete Yang als eine der Ursachen für den Aufstieg des Kommunismus in der Region. Auf ökonomischer Ebene führte er Lernprozesse der auf China angewiesenen Japaner an, die aus der Beobachtung der deutschen Niederlage im Weltkrieg Autarkiekonzepte entwickelt hätten. Der Zweite Weltkrieg sei für die Region jedoch ein ungleich tieferer Einschnitt gewesen, da Japan beispielsweise seine überseeischen Besitzungen verloren habe. Gerade in den letzten Jahren seien mit der East Asian Community neue Initiativen eines regionalen Zusammenschlusses nach dem Vorbild der EU zu beobachten.

VALESKA HUBER (London) diskutierte internationale Bildungspolitik im Mittleren Osten nach 1918 als Neuordnungsversuch mit dem Ziel, eine dem Projekt des Internationalismus verpflichtete Elite zu schaffen. Huber veranschaulichte die unterschiedlichen Modelle, Ideen und Akteure hinter den Vorhaben: Während die American University in Beirut eine auf Visionen einer protestantischen Mission gegründete kosmopolitische Führungsschicht habe heranziehen wollen, habe bei ihrem Äquivalent in Kairo die Bildung einer lokalen Führungsschicht im Mittelpunkt gestanden; die Hebrew University in Jerusalem wiederum sei dem Zionismus verpflichtet gewesen. Am Beispiel der Hebrew University veranschaulichte Huber auch die Grenzen des universalistischen Anspruchs in Zeiten sich verschärfender Konflikte zwischen Arabern und Juden.

Das Panel zu „Ideologischen Ordnungssystemen“ leitete Martin Baumeister (Rom). PATRICK COHRS (New Haven) skizzierte die Entwicklung einer transatlantischen Sicherheitsordnung im 20. Jahrhundert als Resultat langfristiger Lernprozesse amerikanischer Eliten. Nachdem die USA daran gescheitert seien, in Europa nach dem Ersten Weltkrieg eine stabile Sicherheitsordnung zu etablieren, habe sich in den 1940er-Jahren die spezifische Konzeption einer „Pax Americana“ entwickelt: Ordnung sollte nicht mehr auf unilateralem Weg, sondern über Kooperation, Integration und Verständigung auf gemeinsame Werte und Regeln hergestellt werden. In anderen Teilen der Welt seien die amerikanischen Aspirationen jedoch an eine Grenze gestoßen, vor allem in Südostasien, wo der Vietnamkrieg die Legitimität der amerikanischen Ordnung unterminiert habe.

Eine ebenso lange Betrachtungsperspektive über den Zweiten Weltkrieg hinaus verfolgte JÖRG FISCH (Zürich). Er erläuterte, dass für das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker nicht die Zwischenkriegszeit, sondern der Kalte Krieg entscheidend gewesen sei. Nach dem Ersten Weltkrieg seien die Debatten um das Selbstbestimmungsrecht aus Angst vor dessen emanzipatorischem Potenzial zunächst eingedämmt worden. Erst 1966 habe Selbstbestimmung in internationale Menschenrechtspakte Eingang gefunden. Fisch betonte jedoch die Einschränkungen in der Umsetzung: Das Selbstbestimmungsrecht werde beispielsweise nur auf Kolonialvölker angewandt und gerate im Falle von Sezessionswünschen in Konflikt mit dem Prinzip der territorialen Integrität eines Staates. Fisch charakterisierte das Selbstbestimmungsrecht damit weniger als Prinzip der internationalen Ordnung, sondern vielmehr als „Unordnung“.

MARC LAZAR (Paris) identifizierte sechs Hauptmerkmale des kommunistische Systems, wie es sich in Lenins Nachfolge in der Welt ausgebildet habe: 1. Ideologie, die als gemeinsame „Grammatik“ von Kommunisten fungiere; 2. Internationalismus mit Moskau als Zentrum; 3. das von Lenin geschaffene Organisationsprinzip einer zentralistisch und autoritär aufgebauten Partei; 4. eine Herrschaftsform, die auf dem Ein-Parteien-Staat, Planwirtschaft, staatlich gelenkten Medien und der Organisation und Kontrolle sozialer Aktivitäten basiere; 5. das Element der „Strategie“, um die kommunistische Herrschaft in der Welt auszudehnen; 6. der Anspruch, eine neue Menschheit zu schaffen. Dabei entstehe eine permanente Spannung zwischen dem Bestreben, über diese Elemente Einheit herzustellen, und der großen Diversität der Gesellschaften, auf die der Kommunismus getroffen sei.

ARND BAUERKÄMPER (Berlin) untersuchte die Transformation autoritärer Herrschaftsformen im Ersten Weltkrieg. Die Monarchien brachen 1918 zusammen, doch bereits die Zeitgenossen hatten im Krieg die Formierung eines „neuen Autoritarismus“ beobachtet, der durch Totalisierungsprozesse wie den „nationalen Verteidigungskampf“ und die dirigistische Kriegswirtschaft in vielen kriegführenden Staaten entstanden sei. Als Beispiel für die Etablierung einer autoritären Diktatur, die sich zunächst auch gegen die faschistische Herausforderung behauptete, besprach Bauerkämper den Fall Rumänien. Als wichtigsten Unterschied zwischen Autoritarismus und Faschismus hob er in Berufung auf Juan Linz hervor, dass autoritäre Regime sich auf alte Eliten stützten und sich um die Bindung an Traditionen bemühten, um die Gesellschaft „stillzulegen“, während der Faschismus auf die Überwindung der gesellschaftlichen Ordnung gezielt habe.

„Ordnung durch Wissenschaft?“ lautete das Thema des letzten Panels unter der Leitung von Svenja Goltermann (Zürich). THOMAS RAITHEL (München) betrachtete die dynamisierenden Effekte des Ersten Weltkriegs aus körpergeschichtlicher Perspektive. Die wachsende Beliebtheit des Sports unter Frontsoldaten habe für seine massenhafte Verbreitung nach 1918 gesorgt. Raithel nannte drei Aspekte des wissenschaftlichen Körperverständnisses in der Weimarer Republik: Bemühungen um den vermessenen, „transparenten Körper“; um einen „verbesserten“, leistungsstarken Körper, der Vorstellungen einer Genesung des „Volkskörpers“ nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg bündelte; und der Wunsch nach der Herstellung eines „idealen Körpers“ basierend auf einem maschinell-industriellen Körperverständnis. Mit Blick auf das 20. Jahrhundert beobachtete Raithel, dass übergeordnete gesellschaftspolitische Vorstellungen von einer Verbesserung des (Volks-)Körpers einem soziokulturellen Druck idealer Körperbilder gewichen sei; vor allem das Fortleben eines maschinellen Körperverständnisses gelte es aber noch zu untersuchen.

MARKUS PÖHLMANN (Potsdam) verortete das Militär in der sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entwickelnden Wissensgesellschaft. Dem Ersten Weltkrieg schrieb er eine katalytische Wirkung zu. Er habe einen „existenziellen Lerndruck“ ausgelöst, etwa in der Rüstungsforschung und -entwicklung, aber auch in der Nachrichtentechnik. Nach 1918 sei die Verwissenschaftlichung des Militärs besonders vorangetrieben worden, um unter dem Stichwort der „Wehrwissenschaften“ die Beschränkungen des Versailler Vertrags zu überwinden. Die sich dabei ausbildenden Netzwerke und Institutionen seien 1933 „gleichgeschaltet“ worden. In der Phase intensivierter Rüstung in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre sei die wissenschaftliche Fundierung des Militärs wieder in den Hintergrund gerückt, und auch nach 1939 sei es kriegsbedingt nicht zur Konsolidierung der vorhandenen Ansätze gekommen.

ULRIKE JUREIT (Hamburg) beschrieb die in der Zeit des Ersten Weltkriegs stattfindende Transformation politisch-geografischer Raumkonzepte hin zu geopolitischen, staatstheoretisch begründeten Ordnungsentwürfen. In diesen Raumdiskursen einer „anderen“, konservativen Moderne habe die Geopolitik als entscheidendes Element der Staatenbildung gegolten, womit imperiale Eroberungen legitimiert worden seien. Mit Blick auf Deutschland sprach Jureit für die Zwischenkriegszeit von einer „Massenklaustrophobie“ im Zusammenhang mit der Suche nach dem „deutschen Raum“. Weltweit beobachtete sie für diese Zeit ein Denken in Großräumen, so auch bei Carl Schmitt, der für den Großraum asymmetrische Rechtsbeziehungen in Form eines „Volksgruppenrechts“ als „Harmonie der Ungleichheit“ konzipierte. Jureit warnte vor der Annahme, die Konzeptionen der Zwischenkriegszeit hätten zwangsläufig zur nationalsozialistischen Lebensraum- und Vernichtungspolitik geführt.

GÜNTHER KRONENBITTER (Augsburg) spürte sich wandelnden Ordnungsmustern im Fach der Kulturanthropologie seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert nach. Die evolutionistischen Vorstellungen der damaligen Völkerkunde seien bereits vor dem Krieg in die Kritik geraten. Der Krieg selbst habe zunächst die Forschungspraxis erschwert. In der Zwischenkriegszeit hätten alternative Konzepte zum Evolutionismus wie Funktionalismus und Kulturrelativismus an Aufmerksamkeit gewonnen. Allerdings habe die Verbindung ethnologischer Forschung und kolonialer Herrschaft nicht 1918 geendet; die britische Social Anthropology habe sich beispielsweise erst in den 1960er- und 1970er-Jahren aus dieser Verquickung gelöst.

MICHAEL SCHWARTZ (Berlin) schrieb beiden Weltkriegen auf der Ebene der Biopolitik eine einschneidende Bedeutung zu. In bevölkerungspolitischer Perspektive beobachtete er für den Ersten Weltkrieg eine diskursive Verdichtung angesichts der Abstiegsängste, die sich durch die Wahrnehmung des Massensterbens auf den Schlachtfeldern entwickelten. Auch die Eugenik sei in der Zwischenkriegszeit verstärkt als aktive Möglichkeit der Selektion und fortschrittsoptimistische Antwort auf diese Niedergangswahrnehmungen rezipiert und unter Eliten und sozialen Gruppen wie Arbeitern und Frauen zunehmend akzeptiert worden. Für die Debatten um Euthanasie konstatierte Schwartz ebenfalls einen entscheidenden Schub im Kontext des Ersten Weltkriegs. Die praktische Umsetzung von Euthanasie jedoch sei im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland beschränkt geblieben und danach mit der Ausnahme Skandinaviens delegitimiert gewesen.

In der Schlussdiskussion unter Leitung von Andreas Gestrich (London) führte AKIRA IRIYE (Cambridge, Mass.) als Vorschlag einer Periodisierung aus, erst ab den 1960er- und 1970er-Jahren von der Entwicklung einer anderen, von der des Ersten Weltkriegs grundsätzlich verschiedenen Welt zu sprechen: Er sah mit dem Aufstieg der Menschenrechte, der ökonomischen Globalisierung, Umweltthemen und der wachsenden Anzahl von Nichtregierungsorganisationen eine transnationale Gemeinschaft entstehen.

STEFAN MARTENS (Paris) thematisierte gedenkpolitische Aspekte. Den geplanten Feierlichkeiten in Frankreich wies er eine politische Funktion zu, denn dort vermittelte Geschichtsbilder stünden im Dienst der innenpolitischen Integration in Frankreich und dem Projekt der cohésion nationale. Dieser staatlichen Erinnerungspolitik stellte JAY WINTER (New Haven) private und familiäre Erinnerung gegenüber, die durch Erzählungen und Geschichten weitergegeben werde. Mit dem Ersten Weltkrieg habe die Geschichte der Delegitimierung von Krieg überhaupt begonnen.

ALAN KRAMER (Dublin) brachte die Ergebnisse der Tagung in seinem Resümée auf den Punkt. Er betonte, dass der Krieg in globaler Perspektive nicht der „Vater aller Dinge“ gewesen sei. Damit griff er die Diskussion um den Zäsurcharakter des Ersten Weltkriegs auf, der in einem Teil der Vorträge relativiert worden war: Der Krieg wurde oftmals weniger als unmittelbarer Auslöser bestimmter Entwicklungen, sondern eher als „Katalysator“, „Transformator“ und Ursache einer „diskursiven Verdichtung“ beschrieben, etwa an den Beispielen bevölkerungspolitischer Ordnungsvorstellungen und autoritärer Herrschaftsformen. Besonders die Folgen des Krieges für die außereuropäische Welt verdeutlichen, dass 1918 nicht überall Zusammenbruch bedeutete, sondern, vor allem in Asien, auch als Teil einer Aufstiegsgeschichte begriffen werden kann. Einigkeit bestand aber darin, dass man sich auch mit Blick über Europa hinaus nicht grundsätzlich vom Zäsurcharakter des Krieges verabschieden könne, wie das Beispiel der Pläne für ein internationales Abrüstungsregime zeigte. Gerade in Hinsicht auf die internationale Dimension der Kriegsfolgen erwies sich, wie lohnenswert die Öffnung des Betrachtungshorizonts bis in die Gegenwart hinein ist, besonders wenn es um internationale Regime von Sicherheit, ökonomischer und politischer Stabilität sowie um Aspekte der Bevölkerungspolitik, Nationalstaatlichkeit und Wissensordnung geht.

Konferenzübersicht:

Begrüßung
Andreas Wirsching (München)
Heinz Duchhardt (Bonn)

Abendvortrag
Jürgen Osterhammel (Konstanz), Ordnungen, Ordnende und Geordnete / Systems, Organisers and Organised

Panel 1: Internationale Ordnungen / Systems of International Order
Leitung / Kommentar: Bernd Greiner (Hamburg)

Andreas Wirsching (München), Sicherheit durch die europäischen Mächte? / Security via the European Powers?

Johannes Hürter (München), Frieden durch Rüstungskontrolle: Die Versailler Idee eines internationalen Abrüstungsregimes und ihre Folgen / Peace via Arms Control: The Versailles Idea of an International System of Disarmament and its Consequences

Harold James (Princeton), Kosmos und Chaos: Finanzwirtschaft, Macht und Konflikt / Cosmos and Chaos: Finance, Power and Conflict

Panel 2: Nationalstaatliche und ethnische Ordnungen / Nation States and Ethnic Orders
Leitung / Kommentar: Lutz Raphael (Trier)

Eric Weitz (New York), Das Pariser System: Internationale Ordnung durch ethnische Säuberungen? / The Paris System: International Order through Ethnic Cleansing?

Valeska Huber (London), (Neu-)Ordnung des Geistes: Internationale Bildungspolitik im Nahen Osten nach dem Ersten Weltkrieg / (Re-)Ordering the Mind: International Education in the Middle East After the First World War

Marie-Janine Calic (München), Ordnungsentwürfe im multiethnischen Kontext: der Fall Jugoslawien / Concepts of Order in a Multi-ethnic Context: The Case of Yugoslavia

Daqing Yang (Washington), Regionale Ordnungen in Ostasien: Vom Washington System zur East Asian Community / Regional Orders in East Asia: From the Washington System to the East Asian Community

Panel 3: Ideologische Ordnungssysteme / Ideological Systems of Order
Leitung / Kommentar: Martin Baumeister (Rom)

Patrick O. Cohrs (New Haven), Die „Pax Americana“ und die Internationale Ordnung des 20. Jahrhunderts / "Pax Americana" and the 20th Century International Order

Jörg Fisch (Zürich), Vom Selbstbestimmungsrecht der Völker zum Selbstbestimmungsrecht der Kolonialvölker / From the Self-determination of Peoples to the Self-determination of Colonial Peoples

Marc Lazar (Paris), Die kommunistische Herausforderung / The Communist Challenge

Arnd Bauerkämper (Berlin), Traditionale und autoritäre Herrschaft auf dem Rückzug? Das Ende von Monarchien in multiethnischen Imperien und die Herausforderung des Faschismus / Traditional and Authoritarian Rule in Retreat? The End of Monarchy in Multi-ethnic Empires and the Fascist Challenge

Panel 4: Ordnung durch Wissenschaft?/ Order via Science?
Leitung/Kommentar: Svenja Goltermann (Zürich)

Thomas Raithel (München), Der neue Blick auf den Körper / New Perspectives on the Human Body

Markus Pöhlmann (Potsdam), Der Standort des Ersten Weltkriegs im Prozess der Verwissenschaftlichung des deutschen Militärs im 20. Jahrhundert / The First World War in the Process of Scientification of the German Military in the 20th Century

Ulrike Jureit (Hamburg), Staat als Lebensform: Raumkonzepte für eine geordnete Moderne / The State as a Life Form: Spatial Concepts for a (well-)structured Modernity

Günther Kronenbitter (Augsburg), Brüchige Ordnung und Dichte Beschreibung – Kulturanthropologie und politischer Wandel / Fragile Order and Thick Description – Cultural Anthropology and Political Change

Michael Schwartz (Berlin), Der Weltkrieg als Einschnitt: Zu einigen gravierenden Veränderungen der internationalen Eugenik-Bewegung und ihrer Handlungskontexte / The World War as a Turning Point: On some Serious Changes in the International Eugenics Movement and its Contexts of Action

Resümierende Podiumsdiskussion / Concluding Panel Discussion
Leitung: Andreas Gestrich (London)

Teilnehmer: Jay Winter (New Haven), Alan Kramer (Dublin), Akira Iriye (Cambridge, Mass.), Stefan Martens (Paris)

Anmerkung:
[1] „1914-1918-online. International Encyclopedia of the First World War“, abrufbar unter <http://www.1914-1918-online.net> [5.3.2014]. Die wissenschaftlichen Blogs der Max-Weber-Stiftung sind im Portal „Weber 2.0“ zusammengefasst und finden sich unter <http://mws.hypotheses.org> [5.3.2014].

Zitation
Tagungsbericht: Das 20. Jahrhundert und der Erste Weltkrieg. Zusammenbruch, Neukonstitution und Kontinuität von Ordnungen in globaler Perspektive/ The 20th Century and the First World War. Collapse, Reconstitution and Continuity of Systems in Global Perspective, 14.11.2013 – 16.11.2013 München, in: H-Soz-Kult, 14.03.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5274>.