Interkulturelle Diplomatie im Historischen Vergleich

Ort
Wien
Veranstalter
Verein zur Förderung von Studien zur interkulturellen Geschichte (VSIG), Wien
Datum
20.12.2013 - 21.12.2013
Von
Eberhard Crailsheim, Fachbereich Geschichte, Universität Hamburg; Birgit Tremml, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien

Im Mittelpunkt des zweitägigen Symposiums “Interkulturelle Diplomatie im Historischen Vergleich”, das in den Räumen des Vereins zur Förderung von Studien zur interkulturellen Geschichte (VSIG) in Wien stattfand, stand der diplomatische Austausch vormoderner Herrschaften und deren Handlungsträger. Neun Vortragende gingen dabei der Frage nach, wie Akteure verschiedener politischer Kulturen mit den Herausforderungen, die interkulturelle diplomatische Situationen mit sich brachten, umgingen. Zwei Arten von Beziehungen standen im Mittelpunkt der Vorträge: erstens ungleiche Beziehungen zwischen scheinbar überlegenen und scheinbar untergeordneten Mächten und zweitens freundschaftliche Beziehungen, ein Konzept, das in der Vormoderne besonders viel Interpretationsspielraum zulässt. In den anschließenden Diskussionen wurde, unter Bezugnahme auf markante Beispiele und neueste Forschungsergebnisse aus verschiedenen Weltregionen, der Begriff Interkulturelle Diplomatie – im Hinblick auf Verhandeln unter unterschiedlichen Vorzeichen – von verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und als neues Paradigma aufgeworfen. Das Symposium war in vier thematisch / geographische Panels gegliedert: Europäische und chinesische Ansätze im Vergleich; Indien; die Spanier in Asien; und Ostasien.

KARL VOCELKA (Wien) eröffnete die Veranstaltung mit einem zum Veranstaltungsort Wien passenden Vortrag zu interkulturellen diplomatischen Kontakten zwischen Habsburgern und Osmanen. Großbotschaften (mit bis zu 1.000 Mitgliedern) wurden trotz der Tatsache, dass ein Sultan mit Ungläubigen keine diplomatischen Beziehungen eingehen konnte, regelmäßig ausgetauscht. Das Ungleichgewicht diplomatischer Beziehungen zwischen Wien und Istanbul lässt sich nicht nur aus dem Zeremoniell ablesen (oft wurden zum Beispiel die Habsburger Kaiser als „Söhne“ angesprochen, nur selten als „Brüder“), sondern auch quantitativ darstellen: während zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert 130 kaiserliche Gesandte ins Osmanische Reich geschickt wurden, kamen weniger als 90 osmanische Gesandtschaften nach Wien. Zusätzlich wurden in Wien auch Vasallen der Osmanen ähnlich pompös empfangen. Die Ankunft solcher Botschaften in Wien war immer ein großes Spektakel, und es entwickelte sich ein aufwendiges diplomatisches und auf die Gäste entsprechend abgestimmtes Zeremoniell.

ANGELA SCHOTTENHAMMER (Salzburg / Gent / Montreal) präsentierte, anhand einer von chinesischen Forschern entdeckten Grabinschrift, ihre Überlegungen zu einer tangzeitlichen (618-907 AD) Gesandtschaft nach Bagdad im Jahr 785. Diese Kontaktaufnahme des chinesischen Kaisers mit dem Abbasidenkalifat mit dem Ziel, militärischen Beistand gegen Truppen aus Tibet zu erwirken, taucht bezeichnenderweise in keiner anderen schriftlichen Quelle als der Grabinschrift für den Gesandten Yang Liangyao auf. Die Besonderheit dieser diplomatischen Unternehmung liegt darin, dass sie im Auftrag des chinesischen Kaisers stattfand, der grundsätzlich nicht gewohnt war, Delegationen ins Ausland zu entsenden, sondern, in seinem Selbstverständnis als Herrscher des Reiches der Mitte, ausländische Gesandte nur empfing. Im Hinblick auf die Authentizität der Botschaft betonte Schottenammer, dass schon im Jahr 651 der dritte Kalif, ‘Uthmān Ibn ‘Affān, eine Gesandtschaft mit Tributgeschenken an den Hof von Kaiser Gaozong geschickt hatte. Für regelmäßige diplomatische Kontakte zwischen China und den Arabern spricht überdies, dass im 7. Jahrhundert der Handelsverkehr zwischen beiden Reichen blühte und sich Araber und Chinesen offenbar auch auf dem politisch-diplomatischen Feld als „Partner“ auf gleicher Augenhöhe sahen.

ERNST PETRITSCH (Wien) sprach in seinem Vortrag über Verhandlungspraktiken und diplomatischen Schriftverkehr zwischen dem Heiligen Römischen Reich und dem Osmanischen Reich zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Dabei suchten Vertreter der Habsburger an die „Hohe Pforte“ ursprünglich bei den Wesiren um Frieden beziehungsweise Waffenstillstand an, der bei positivem Entscheid vom Sultan abgesegnet wurde. Urkunden wurden zunächst durch die Habsburger und schließlich durch die Osmanen ratifiziert und in unterschiedlichen Sprachen ausgefertigt. „Pfortendolmetscher“ hatten dabei eine tragende Rolle. Um Missverständnissen vorzubeugen, wurden den Briefen der Sultane und Großwesire häufig auch Übersetzungen beigefügt (meist auf Latein oder Italienisch). Nach dem Frieden von Zsitvatorok (1606) fanden Vertragsverhandlungen nicht mehr in Konstantinopel sondern im Grenzgebiet statt, was für einen deutlichen Paradigmenwechsel spricht. Anstelle von einseitigen Tributleistungen durch die Habsburger wurden nun nach jeder Vertragsverlängerung durch „Großbotschaften“ wechselseitig Geschenke überbracht. Darüber hinaus unterhielten die Habsburger eine permanente Gesandtschaft an der „Hohen Pforte“, an der künftige Dolmetscher und Diplomaten als sogenannte „Sprachknaben“ die türkische Sprache und diplomatisches Verhalten erlernten. Mit der Gründung der Orientalischen Akademie durch Maria Theresia im Jahre 1754 wurde ihre Ausbildung nach Wien verlagert, was maßgeblich zu Wiens historischer Entwicklung als Orientalistik-Zentrum beitrug.

Im zweiten Panel verlagerte sich der Schwerpunkt nach Indien. FRANZ HALBARTSCHLAGER (Wien) widmete sich in seinem Vortrag den diplomatischen Missionen des portugiesischen Estado da Índia nach China, Siam und Borneo. Gerade in der Frühphase der portugiesischen Expansion ließ der Vizekönig von Goa viele Gesandtschaften an asiatische Fürstenhöfe schicken. Diese aufwendigen und kostspieligen diplomatischen Unternehmungen hatten mehrere Ziele: erstens die Beschaffung von geheimen Informationen (z.B. Tome Pires, 1517-1524), zweitens die Berichterstattung über militärische und politische Veränderungen, drittens der Aufbau und die Pflege von Handelskontakten und politischen Bündnissen und viertens das Voranbringen der katholischen Mission. Von einer vergleichenden Perspektive thematisierte Halbartschlager mithilfe einzelner Fallstudien grundlegende Aspekte dieser Gesandtschaften, wie z.B. die Auswahl, Leitung und Größe einzelner diplomatischer Delegationen, deren An- und Abreise, Kleidung, Verpflegung, Sprache, Gastgeschenke und den zeremoniellen Ablauf.

MANYA RATHORE (Wien) erörterte in ihrem Vortrag, auf Basis der Korrespondenz zwischen dem Mogulreich und den umliegenden muslimischen Reichen (Osmanen, Usbeken), die Reaktionen des Mogulreiches auf die fortschreitende maritime Expansion der Portugiesen im Indischen Ozean. Dabei zeigte sie auf, wie sich das stets als landorientierte Macht charakterisierte Mogulreich, durchaus mit maritimen Angelegenheiten befasste („sea consciousness“). Insbesondere unter der Herrschaft Akbars (1570-1605 AD) ließ sich ein gewisses maritimes Interesse erkennen, auch wenn er sich nicht um eine Expansion außerhalb des Subkontinents bemühte. In der bisherigen Forschung wurden Verhandlungen zwischen Portugiesen und Moguls stets über religiöse Aspekte analysiert, während politischen Beweggründen und diplomatischen Verhandlungen wenig Beachtung geschenkt wurde. Bei genauerer Betrachtung des maritimen Bewusstseins der Mogulherrscher wurde dabei allerdings deutlich, dass zwei größere politische Faktoren ins Kalkül gezogen werden müssen: Erstens die Bestrebungen im Zusammenhang mit der Hajj und den von Gujarat ausgehenden Seerouten und zweitens die politische Konstellation zwischen den muslimischen Reichen im Zusammenhang mit der Portugiesenfrage.

Der zweite Symposiumstag begann mit dem Vortrag von UBALDO IACCARINO (Napoli) zur Diplomatie der Spanier im Chinesischen Meer im 16. und 17. Jahrhundert. Durch die Funktion als Drehscheibe des pazifischen Amerikahandels war Manila zu einer wirtschaftlichen Blüte gelangt, die den Spaniern den Reichtum Asiens vor Augen führte. Dieser bestärkte sie in ihrem Wunsch, auch am asiatischen Festland Fuß zu fassen. Die Kolonialregierung bemühte sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts um diplomatische Beziehungen mit China, Japan, Kambodscha, Borneo und den Gewürzinseln. Die asiatische Diplomatie brachte jedoch eine Vielzahl von Normen und Werten mit sich, denen die Spanier oft nicht gewachsen waren. Unter anderem war ihnen die chinesische Reich-der-Mitte Ordnung und das Wesen des Tributhandels fremd. In seinem Vortrag bot Iaccarino einen umfassenden Überblick über die komplexen diplomatischen Manöver der Spanier in Ost- und Südostasien, zwischen militärischer Machtdemonstration und christlichem Missionsgedanken.

Auch der Beitrag von EBERHARD CRAILSHEIM (Hamburg) widmete sich den Spaniern in Asien und den diplomatischen Herausforderungen auf den Philippinen, besonders im 17. und 18. Jahrhundert. In seinem Vortrag stand die Frage, warum interkulturelle Diplomatie zwischen Spaniern und den Muslimen in ihrer Nachbarschaft als stark religiös geprägt eingestuft wurde, im Mittelpunkt. Über die gesamte Kolonialzeit hinweg leisteten die Sultanate von Brunei, Mindanao, Sulu und Ternate den Eroberungs- und Missionierungsbestrebungen des Spanischen Imperiums vehementen Widerstand. Anhand spanischer Chroniken und Pamphlete über diplomatische Ereignisse ging Crailsheim zwei Episoden dieses Konfliktes nach. Die erste Fallstudie beschäftigte sich mit katholischen Missionaren, die häufig als Botschafter für die Spanier auftraten – mit stark wechselndem Erfolg. Das zweite Beispiel beschrieb die Episode der Taufe Sultan Azim ud-Dins in Manila (1750), womit der Sulu-Sultan zwar zum Faustpfand spanischer Kolonialherrscher wurde, letztere diese Chance jedoch nicht zu nutzen vermochten.

Das letzte Panel behandelte zwei sehr unterschiedliche Beispiele japanischer interkultureller Diplomatie. BIRGIT TREMML-WERNER (Tokyo) machte sich auf die Suche nach hybriden Formen diplomatischer Praktiken im Austausch zwischen Japanern und Europäern zwischen 1591 und 1641. Nachdem Toyotomi Hideyoshi und später die Tokugawa Shogune mit den europäischen Mächten in diplomatischen Austausch getreten waren, wurde trotz der Tatsache, dass diese Art diplomatischer Korrespondenz nicht zuletzt neue sprachliche Anforderungen mit sich brachte, wenig an den traditionellen, an das chinesische Vorbild angelehnten Praktiken geändert. Im Zentrum des Vortrags stand der Vergleich japanischer diplomatischer Schreiben an europäische Kolonialherrscher mit den entsprechenden Antwortschreiben aus Goa, Manila und Mexiko. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass die japanischen Herrscher auf ihr Gegenüber herabblickten, während sich die europäischen Absender zumindest verbal um Gleichstellung bemühten. Ein weiterer bezeichnender Unterschied lässt sich in der Ausfertigung der diplomatischen Dokumente feststellen. Während Briefe aus Japan durch Ästhetik, Förmlichkeit und Uniformität hervorstachen, waren europäische Schreiben oft weniger formal, so dass sich die Japaner mitunter über die Endprodukte der europäischen „ad-hoc-Diplomatie" empörten.

HIROE MATSUI (Tokyo) zeigte anhand der Biographie Lorenz von Steins, wie und warum die ostasiatische Diplomatie in Wien um 1880 von deutschen politischen Ideologien beeinflusst wurde. Nach seiner unehrenhaften Entlassung aus der Universität Kiel folgte 1854 die Übersiedelung nach Wien, wo ihn Kaiser Franz-Joseph zum ordentlichen Professor für Politische Ökonomie an der Universität Wien ernannte. Matsuis Vortrag basierte auf historischem Aktenmaterial zu Steins Beziehungen mit Japan zwischen 1880 und 1890. Als Berater der japanischen Gesandtschaft in Wien traf sich Stein häufig mit wichtigen japanischen Persönlichkeiten und veröffentlichte zahlreiche Artikel über Japan. Für Japan fiel dieser Zeitraum mit einer wichtigen Phase der Meiji-Ära zusammen, in der die neue Regierung, im Zuge der Erstellung einer neuen Verfassung und Konzipierung verschiedener Einrichtungen, Studien in Europa betrieb. Im Bereich der Diplomatie war man zudem um die Korrektur der, von den Westmächten in den 1850er-Jahren oktroyierten, ungleichen Verträge bemüht. Der Vortrag veranschaulichte, wie Steins enge Beziehungen zu hochrangigen Vertretern der Meiji Regierung sowohl für Japan als auch für Österreich nutzbringend waren.

In der Abschlussdiskussion, eingeleitet durch ein Resümee von PEER VRIES (Wien), konnte aufgezeigt werden, in welche Richtung eine künftige Beschäftigung mit dem Thema interkultureller Diplomatie gehen könnte, was durchaus als Anregung für die bevorstehende Publikation der Symposiumsbeiträge in einem Sammelband verstanden werden darf. Im Zentrum standen dabei erstens Überlegungen der Differenzierung von Wirtschaft, Religion und Diplomatie. Gerade in der frühen Neuzeit scheint eine Unterscheidung nicht angebracht, eher schon eine Analyse des Grades der Verschmelzung. Zweitens, wie kann das Konzept von Ehre und Vertrauen in die Untersuchung von diplomatischen Beziehungen am besten eingebaut werden. In Ermangelung der universellen Gültigkeit eines Internationalen Rechts stellt sich zudem die Frage nach Verbindlichkeiten und Legitimationen. Drittens ist es von großer Bedeutung zu verstehen, ob auf beiden Seiten dasselbe Verständnis für diplomatische Beziehungen herrschte, oder ob es ein vertikales Gefälle gab (gleichberechtigt versus untergeordnet). Viertens muss das Konzept einer interkulturellen Diplomatie mit Vorsicht behandelt werden, da der Begriff Diplomatie im europäischen 19. Jahrhundert eine Prägung erhielt, die auf ihre „Gültigkeit“ in früheren Perioden überprüft werden muss.

Konferenzübersicht:

Keynote Speech
Karl Vocelka (Wien), Interkulturelle Diplomatie zwischen Habsburgern und Osmanen in der Frühen Neuzeit

Interkulturelle Diplomatie I: Europäische und chinesische Ansätze im Vergleich

Angela Schottenhammer (Gent / Salzburg / Montreal), Eine tangzeitliche Gesandtschaft des 8. Jahrhunderts an den Hof des Abbasidenkalifats

Ernst Petritsch (Wien), Der diplomatische Schriftverkehr zwischen Habsburgern und Osmanen (16.–18. Jh.)

Interkulturelle Diplomatie II: Beispiele aus Indien

Franz Halbartschlager (Wien), „Diese Leute wollen nur unser Bestes“ - Gesandtschaften des Estado da Índia an verschiedene asiatische und afrikanische Fürstenhöfe

Manya Rathore (Wien), Negotiating the seas: Situating the Portuguese in the Mughal foreign politics under Akbar (1570‐1605)

Diskussion

Interkulturelle Diplomatie III: Die Spanier in Asien

Ubaldo Iaccarino (Neapel), Spanish Diplomacy in the China Seas in the late 16th and 17th centuries

Eberhard Crailsheim (Hamburg), Interkulturelle Diplomatie zwischen Spaniern und „Moros“ auf den Philippinen, 1565‐1815

Interkulturelle Diplomatie IV: Ostasien

Birgit Tremml‐Werner (Tokyo), Europäische und japanische Praktiken in Südostasien und die Frage nach Hybridität (16./17. Jh.)

Hiroe Matsui (Tokyo), Lorenz von Steins Japan‐Diskurs im Spiegel ostasiatischer Diplomatie um 1880

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Interkulturelle Diplomatie im Historischen Vergleich, 20.12.2013 – 21.12.2013 Wien, in: H-Soz-Kult, 22.03.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5278>.