Stadt. Reich. Europa. Multiple Perspektiven auf den Immerwährenden Reichstag zu Regensburg (1663-1806)

Ort
Regensburg
Veranstalter
Harriet Rudolph, Institut für Geschichte, Universität Regensburg
Datum
14.11.2013 - 17.11.2013
Von
Astrid von Schlachta, Institut für Geschichte, Universität Regensburg

2013 jährte sich der Beginn des Immerwährenden Reichstags (IRT) in Regensburg zum 350. Mal. Der wissenschaftlichen Aufarbeitung dieser in der allgemeinen Öffentlichkeit wenig präsenten Institution widmete sich eine internationale Tagung, die im November 2013 vom Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit der Universität Regensburg unter der Leitung von Harriet Rudolph ausgerichtet wurde. Eröffnet wurde die Tagung im Reichstagssaal im Alten Rathaus und damit am historischen Ort dieser Institution. HARRIET RUDOLPH (Regensburg) umriss einführend Forschungsdefizite und aktuelle Forschungsfragen zu dieser ab 1663 permanent tagenden Ständeversammlung, deren Bewertung bis in die Gegenwart weit stärker durch eine jahrhundertealte Verfallsthese geprägt ist, als das für die neuere, am Ansatz der politischen Kultur orientierte Reichsforschung insgesamt gilt. Im anschließenden öffentlichen Abendvortrag stellte BARBARA STOLLBERG-RILINGER (Münster) die symbolische Funktion des Reichstags, die der Sinnstiftung diente, seiner instrumentellen Funktion, welche auf die Herstellung von politischem Konsens zielte, gegenüber. Ihrer Auffassung nach befand sich der Reichstag im 18. Jahrhundert, als die symbolische Seite die instrumentelle Seite zunehmend „überwucherte“, in einer durch ständige Zeremonialkonflikte geprägten Krise. Dadurch verlor diese Institution weitgehend ihre politische Bedeutung, weshalb nur Gesandte mit niederem sozialem Rang nach Regensburg entsandt worden seien.

PETER H. WILSON (Hull) erläuterte zu Beginn der ersten Sektion, dass Arbeitsweise und Funktionen des Immerwährenden Reichstags in der englischen Historiographie bislang nur geringes Interesse fanden und dieser bis heute überwiegend als „leere Show“ ohne politische Bedeutung charakterisiert werde. Größeres Interesse habe die Forschung dagegen den Landtagen entgegengebracht, die über das Ende des Heiligen Römischen Reiches hinaus bestanden. Nach Wilson verstellten gängige Konzepte wie Modernisierung, Parlamentarismus und Staatsbildung einen unvoreingenommenen Blick auf diese Institution. KARL HÄRTER (Frankfurt am Main) führte aus, dass der IRT, der noch in der Endphase des Reiches eine durchaus hohe politische Bedeutung besessen habe, auch im Rahmen einer Geschichte des Parlamentarismus kaum thematisiert werde, da er sich gerade nicht zu einem modernen Parlament entwickeln konnte. Die Untersuchung der Verfassung des IRT im Vergleich zum englischen Parlament, zum Schwedischen Reichstag oder zur eidgenössischen Tagsatzung erschwerten erhebliche Forschungsdesiderate, die nur durch weitere Untersuchungen behoben werden könnten.

Im Anschluss an diese übergreifenden Zugänge widmeten sich die Beiträge der folgenden vier Sektionen anhand von Fallbeispielen der Arbeitsweise und den Öffentlichkeiten des Reichstags. CHRISTOPH KAMPMANN (Marburg) demonstrierte, wie Kaiser Leopold I. kurz vor Beginn des Spanischen Erbfolgekriegs bewusst eine Krise des Reichstags herbeiführte. Durch seine Weigerung, den neuen Prinzipalkommissar zu bestätigen, suspendierte er die Beratungen. Man könne hier von einer Form der politischen Kommunikation durch Nicht-Kommunikation sprechen, wobei die symbolische von der instrumentellen Ebene des Reichstags nicht zu trennen sei. MICHAEL ROHRSCHNEIDER (Köln) umriss am Beispiel der Introduktion des Prinzipalkommissars Alexander von Thurn und Taxis 1754 in den Reichsfürstenrat, wie dieser Akteur mithilfe von Klientelstrukturen und Patronage seine Interessen durchsetzte. Massiv vom Kaiserhof unterstützt verschickte Alexanders Partei Werbeschreiben an verschiedene Höfe und setzte auch finanzielle Mittel ein, um widerstrebende Parteien zu gewinnen. LUDOLF PELIZAEUS (Mainz) zeigte, wie das kurmainzische Reichsdirektorium über die Diktatur Eingaben zurückhalten und Beratungen verzögern konnte und wie einzelne Gesandte, so etwa der Mainzer Prinzipalgesandte Ignaz Franz Otten, mit ihrem Begräbnis versuchten, eine bürgerliche Herkunft zu kompensieren und ihre politischen Qualitäten zu inszenieren. In allen drei Beiträgen wurde deutlich, dass der Reichstag auch von einflussreichen Reichsständen als wichtiges Forum der Politikgestaltung angesehen wurde.

ANUSCHKA TISCHER (Würzburg) präsentierte den Reichstag als Anlaufstelle für auswärtige Mächte, die diese Institution nutzten, um Einfluss auf die Reichspolitik auszuüben. Obwohl der Kaiser seit 1648 in Kriegsangelegenheiten eigentlich verpflichtet war, die Zustimmung des Reichstags einzuholen, agierte er im Kriegsfall häufig unabhängig vom Reichstag. Somit erwiesen sich die informellen Kanäle auf dem Reichstag für auswärtige Mächte als wichtiger als die offiziellen Beratungen. VOLKER BAUER (Wolfenbüttel) demonstrierte anhand von Ämterverzeichnissen, wie präsent Reichstagsgesandte sowohl in territorialen als auch in überregionalen Verzeichnissen waren. Regensburg wurde bis zum Schluss als privilegierter Ort vor den Residenzstädten der Reichsfürsten genannt, was die Bedeutung auf Reichsebene unterstreicht und die These widerlegt, dass Reichstagsgesandte ein geringes Prestige besaßen. ASTRID VON SCHLACHTA (Regensburg) zeigte, wie Leichenpredigten und Konversionsschriften als Mittel der politischen Kommunikation religiös-konfessionelle Normen in die reichsstädtische Gesellschaft trugen, sei es im Hinblick auf die Verteidigung umstrittener politischer Strategien, wie in der Leichenpredigt des Mainzer Prinzipalgesandten Ignaz Franz Otten, oder im Zusammenhang mit der publizistisch breit aufgearbeiteten Konversion des preußischen Gesandten Ernst von Metternich, die grundsätzliche Fragen nach den Pflichten und Loyalitäten von Gesandten stellte.

Die Präsenz europäischer Staaten auf dem IRT wurde durch drei Beiträge beleuchtet. DOROTHÉE GOETZE (Bonn) verdeutlichte am schwedisch-brandenburgischen Konflikt in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, wie die schwedischen Gesandten den eigenen König als Rechtsbewahrer, den Kurfürsten von Brandenburg jedoch als Aggressor darzustellen versuchten. Dabei eröffnete die große Distanz zum Heimathof den Gesandten zusätzliche Handlungsspielräume. TILMAN HAUG (Bern) demonstrierte die Bestrebungen der französischen Gesandtschaft unter Robert de Gravel, im zeremoniellen Handeln den Kurfürsten gleichgestellt zu werden, wobei man diesen Anspruch sowohl mit natur- und völkerrechtlichen Argumenten als auch mit dem Verweis auf existente Zeremonialprotokolle zu legitimieren versuchte. Rangstreitigkeiten prägten auch das Wirken der russischen Gesandten in Regensburg, die MARIA PETROVA (Moskau) in ihrem Beitrag behandelte. Diese verstanden sich als „bevollmächtigte Minister“, wurden jedoch nur als „Minister sans character“ anerkannt. Eine Instruktion aus Moskau legte schließlich fest, sich am Rang der französischen und englischen Gesandten zu orientieren. DANIEL DRASCEK (Regensburg) thematisierte den Arbeitsalltag und die Zeitstrukturen der Gesandten, die sich jenseits von normativen Quellen aufgrund weitgehend fehlender Ego-Dokumente nur punktuell rekonstruieren lassen. Die zeitgenössische Wahrnehmung vom „süßen Leben“ der Gesandten wies er jedoch unter Verweis auf das, durch die große Aktenmenge verursachte Arbeitsaufkommen zurück.

Vier Beiträge widmeten sich dem sozialen und kulturellen Gedächtnis des Reichstags, der aufgrund der Menge der Überlieferung und seiner institutionellen Komplexität Historikerinnen und Historiker vor besondere Schwierigkeiten stellt. MARKUS FRIEDRICH (Hamburg) zeigte, wie Archive bestimmten Akteuren dazu dienten, sich in der Reichshierarchie zu positionieren. Wer ein Archiv anlegen durfte, war scheinbar genau geregelt, tatsächlich aber höchst umstritten. Archive des Reichs gab es in Wien, in Mainz sowie beim Reichskammergericht. Diese Archive wurden komplementär gesehen: Der Austausch von Dokumenten war üblich und zeigt die starke Vernetzung der einzelnen Institutionen, wobei es das Archiv des Reichstags nicht gab. Anstelle des entfallenen Beitrages von Maximilian Lanzinner (Bonn) sprang dankenswerterweise kurzfristig Dorothée Goetze (Bonn) ein und skizzierte auf der Grundlage einer von ihr durchgeführten Pilotstudie das Design einer geplanten digitalen Volltextedition von Reichstagsprotokollen. Im Hinblick auf die öffentliche Erinnerungskultur erläuterte BERNHARD LÖFFLER (Regensburg), dass der Reichstag im Regensburger Tourismusprogramm kaum vorkomme, da er als zu komplex und zu wenig sinnlich angesehen würde. Allerdings habe sich die Politik durchaus gern der Jubiläen von 1963 und 2013 bedient. So sei der IRT 1963 als Vorform eines europäischen Parlamentes und Beispiel für demokratische Entscheidungsprozesse gefeiert worden, wobei manch ein Historiker allzu bereitwillig mitgespielt habe. JOSEF MEMMINGER (Regensburg) untersuchte die Darstellung des IRT in deutschen Schulbüchern im 19./20. Jahrhundert. Dominierte in diesem Medium früher ein negatives Bild dieser Institution, so lässt sich heute eine zunehmend positive Sicht finden, die vor allem das föderales Element betont. Institutionalisierung, Professionalisierung und Permanenz würden nun als vorbildhaft für spätere Parlamente dargestellt.

Eine Schlusssektion mit Kurzstatements von JOACHIM WHALEY (Cambridge), HARRIET RUDOLPH (Regensburg) und JOHANNES BURKHARDT (Augsburg) fasste die Diskussionen zusammen und formulierte Aufgaben für die Zukunft. Alle drei Vortragenden betonten, dass das immer noch stark verbreitete, stereotype Niedergangsnarrativ des IRT zu hinterfragen sei. Konsens war auch, dass dieser trotz aller kritischen Bewertungen auch noch im 18. Jahrhundert eine zentrale Funktion für das Reich als Herrschaftsverband sowie für dessen hierarchische Struktur besaß. Gleich mehrere Tagungsbeiträge hatten schließlich verdeutlicht, dass die Reichsstände weder lediglich minderqualifizierte Vertreter nach Regensburg schickten, noch der Reichstag ein karrieretechnisches dead end darstellte. Whaley forderte zudem eine stärkere Fokussierung auf die Gesetzgebung, die im Rahmen dieser Tagung zu wenig thematisiert worden sei, sowie auf die kulturelle Bedeutung des Sprachgebrauchs und auf den Stellenwert des Reichstags in zeitgenössischen Reformdiskursen. Außerdem erschwere die unzureichende Kenntnis einzelner Phasen, die „longue durée“ in den Blick zu nehmen und den IRT mit anderen Institutionen im Reich und auf europäischer Ebene zu vergleichen. Rudolph verwies auf die generelle Theorieferne der Reichstagsforschung und plädierte unter anderem für die Anwendung moderner institutionentheoretischer Ansätze. Zudem fehlten methodisch überzeugende Analysen zur Entwicklung der politischen Sprache oder auch zu den materiellen Dimensionen dieser Institution. Unklar sei auch, welche Ordnungsmuster jenseits von sozialem Rang / politischem Amt die Reichstagsgesellschaft prägten: Anstatt von einem ständigen Kampf bestimmter Akteure gegen andere auszugehen, sollten die gemeinsamen Interessen der Gesandten als Vertreter eines Berufsstandes in den Blick genommen werden. Burkhardt bezeichnete die politisch-institutionelle Perspektive als die wichtigste für die Analyse des IRT, dem er im Gegensatz zu anderen Tagungsteilnehmern durchaus eine parlamentarische Qualität zuschrieb, auch wenn er seine These vom Entwicklungsvorsprung des IRT als erstes stehendes Parlament Europas differenzierte. Zukünftig müsse es darum gehen, die Leistungsbilanz des Reichstags, die alle Amtsträger zu berücksichtigen habe, hervorzuheben. Weitere Chancen für zukünftige Forschungen sah er darin, den IRT in Beziehung zu Reichshofrat, Reichskammergericht sowie zu den Reichskreisen zu setzen.

Nicht zuletzt haben die engagierten Diskussionen deutlich gemacht, wie viel Potential der Reichstag für weitere Forschungen bietet, gerade auch im Hinblick auf eine beide Existenzformen des Reichstags übergreifende sowie international vergleichende Perspektive, die allerdings weitere Grundlagenforschungen voraussetzt und durch Editionsprojekte wesentlich gefördert werden könnte. Um den mit der Tagung beabsichtigten Impuls zu einer intensiveren Erforschung des IRT zu institutionalisieren, wird die im Zusammenhang mit dieser Tagung eingerichtete Homepage[1] künftig zu einer Plattform ausgebaut werden, auf der aktuelle Forschungs- und auch Editionsprojekte zum IRT verzeichnet werden, um die Vernetzung der historischen Forschung wie auch die öffentliche Wahrnehmung dieser unterschätzen Institution zu fördern.

Konferenzübersicht:

Eröffnung der Tagung im Reichstagssaal
Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Regensburg

Grußwort des Rektors der Universität Regensburg

Harriet Rudolph (Regensburg), Einführung

Barbara Stollberg-Rilinger (Münster), Symbolik und Verfahren des Immerwährenden Reichstags

Der Reichstag als Institution: Europäisch vergleichende Perspektiven
Moderation: Harriet Rudolph (Regensburg)

Peter H. Wilson (Hull), The Immerwährende Reichstag in English Historiography

Karl Härter (Frankfurt am Main), Die Entwicklung der Verfassung des Immerwährenden Reichstags im europäischen Vergleich

Administrieren, Verhandeln, Netzwerken: Strategien der politischen Kommunikation auf dem Reichstag
Moderation: Johannes Burkhardt (Augsburg)

Christoph Kampmann (Marburg), Reichstagskrise als Reichskrise? Kaiser, Reich und Immerwährender Reichstag um 1700

Michael Rohrschneider (Köln), Klientelpolitik auf dem Immerwährenden Reichstag: Das Beispiel der Introduktion des Fürsten von Thurn und Taxis in den Reichsfürstenrat 1754

Ludolf Pelizaeus (Mainz), Religion und Readmission. Kurmainzische Felder der Performanz im Reich und am Reichstag 1692-1738

Reichstag und Öffentlichkeit: Soziale und geographische Reichweiten des Immerwährenden Reichstags
Moderation: Susanne Friedrich (München)

Anuschka Tischer (Würzburg), Der Immerwährende Reichstag als Forum öffentlicher Kriegsdiskurse

Volker Bauer (Wolfenbüttel), Reichstag und Amtsverzeichniswesen

Die Präsenz europäischer Staaten auf dem Reichstag
Moderation: Joachim Whaley (Cambridge)

Dorothée Goetze (Bonn), „es so viel seye alß wann das Reich angegriffen were“ – Das Auftreten Schwedens beim Immerwährenden Reichstag im Kontext des schwedisch-brandenburgischen Krieges

Tilman Haug (Bern), „D’égal à égal?“ – Statuskommunikation französischer Gesandter auf dem Immerwährenden Reichstag zwischen europäischen und reichsständischen Repräsentationsformen

Maria Petrova (Moskau), Diplomatische Vertreter Russlands in Regensburg in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts,

Reichsstadt und Reichstag: Kooperation oder Konkurrenz?
Moderation: Bernhard Löffler (Regensburg)

Daniel Drascek (Regensburg), „Auf die lange Bank geschoben“? Arbeitsalltag und Zeitstruktur der Gesandten des Immerwährenden Reichstags in Regensburg

Astrid von Schlachta (Regensburg), Tod in Regensburg – Der Reichstag in den Leichenpredigten der Gesandten

Der Reichstag im Archiv als Herausforderung für die Wissenschaft
Moderation: Astrid von Schlachta (Regensburg)

Markus Friedrich (Frankfurt am Main), Das Reich und seine Archive in Theorie und Praxis

Maximilian Lanzinner (Bonn), Möglichkeiten und Grenzen einer Edition zum Immerwährenden Reichstag im digitalen Zeitalter

Erinnerungsort Immerwährender Reichstag? Das Gedächtnis einer untergegangenen Institution
Moderation: Hannes Vatthauer (Regensburg)

Bernhard Löffler (Regensburg), „Vorform des Bundesstaates“ und „Modell für Europa“? Die Reichstagserinnerung im Doppeljubiläum von 1963

Josef Memminger (Regensburg), Die Darstellung des Immerwährenden Reichstags im Schulbuch – Stichproben aus Vergangenheit und Gegenwart

Abschlussdiskussion:
Moderation: Christian König
Impulsreferate: Joachim Whaley (Cambridge) / Harriet Rudolph (Regensburg) / Johannes Burkhardt (Augsburg)

Anmerkung:
[1] Homepage zur Tagung, <http://irt-regensburg-2013.de> (02.04.2014).

Zitation
Tagungsbericht: Stadt. Reich. Europa. Multiple Perspektiven auf den Immerwährenden Reichstag zu Regensburg (1663-1806), 14.11.2013 – 17.11.2013 Regensburg, in: H-Soz-Kult, 06.05.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5319>.