Krisen als Normalität? Wahrnehmungen und Reaktionen seit 1945

Ort
Potsdam
Veranstalter
Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
Datum
16.01.2014 - 17.01.2014
Von
Ina Metzner, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Die Krise ist überall. Zumindest scheint der Krisenbegriff in Medien und Wissenschaft allgegenwärtig zu sein, wobei seine konkrete inhaltliche Bestimmung schwer fällt. Es existieren unterschiedliche Deutungsmuster dessen, was „Krise“ ausmacht, was auf den relationalen Charakter und die diskursive Verfasstheit von Krisen hinweist. Ebenso zeigt sich, dass Wahrnehmungen von Krisen sowohl kollektiv als auch individuell unterschiedlich ausfallen und mit dem Bewusstsein und den Praktiken der Gesellschaft der jeweiligen Zeitepoche verbunden sind. Krisen erscheinen zwar als Ausnahmephänomen, sind aber zugleich Teil und Ausdruck der gesellschaftlichen Normalität, mehr noch: sie konstruieren Annahmen über diese Normalität.

Das 11. DoktorandInnenforum des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam stellte das Spannungsverhältnis unterschiedlicher Wahrnehmungen und Reaktionen auf Krisen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt. Es wurden anhand der Vorträge aktuelle Perspektiven der Politik-, Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte auf den Krisenbegriff diskutiert. Dabei waren sowohl die Konstruktionen von Dringlichkeit und Bedrohungsszenarien Gegenstand des Forums als auch die individuelle und gesellschaftliche Verarbeitung von Krisenereignissen.

In seiner Begrüßung fasste FRANK BÖSCH (Potsdam) drei Zugänge zu Krisen zusammen: Zum einen gebe es einen konstruktivistischen Ansatz, der Krise als Interpretation von ZeitgenossInnen im Rahmen eines Aushandlungsprozesses verstehe. Zugleich sei die Benennung von Krise auch eine Machtfrage, die einen gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Handlungsdruck aufbaue. Zum anderen führte Bösch eine essentialistische Perspektive an: sie unterscheide zwischen einer „Krise an sich“, die den realen, faktischen Kern von Krisenphänomenen beschreibe, und einer „Krise für sich“, die vor allem auf Zuschreibungen beruhe. Drittens gebe es die analytische Perspektive: Bösch plädierte hier für das Finden von eingrenzenden Merkmalen für Krisen, denn Krisen könnten auch bestehen, wenn sie von ZeitgenossInnen nicht als Krise (an)erkannt würden.

Als Einleitung in das Forum legte Bösch einen Definitionsversuch vor, indem er Krisen als Perzeption von fundamentalen Umbrüchen mit offener Zukunft beschrieb, die eine grundlegende Verhaltensänderung bewirken. Krise könne somit nicht nur als Ausdruck des Niedergangs angesehen werden, sondern auch als Moment der offenen Entscheidung mit breitem Entwicklungspotenzial.

Die Mitorganisatorin SINA FABIAN (Potsdam) wies auf die übergeordnete inhaltliche Struktur des Forums hin, die einerseits das Verhältnis von Diskursivität und Materialität von Krisen behandle, also die Frage, ob man zwischen realen und wahrgenommenen Krisen unterscheiden könne. Andererseits stünden die AkteurInnen der Krisen im Mittelpunkt, die durch Medialisierung und individuelle Wahrnehmung Krisen prägten.

KATJA PATZEL-MATTERN (Heidelberg) grenzte sich in ihrem Einführungsvortrag vom Krisenbegriff ab, indem sie am Beispiel von Industrieunfällen drei Kernelemente von Industriekatastrophen beschrieb: die zeitliche Fixierung, die Unvorhersehbarkeit und die Unumkehrbarkeit. Durch die Katastrophenerzählung, also die narrative Transformation eines Unfalls in eine Katastrophe, werde versucht, einen Unfall als situative Normalitätsabweichung zu beschreiben. Die Versuche zur Wiederherstellung der Ordnung würden dabei die scheinbare Beherrschbarkeit von Technik untermauern, wodurch die Deutung als Industriekatastrophe zur Aufrechterhaltung der industriellen Praxis beitrage.

Das Panel zu Konstruktionen von und Reaktionen auf Wirtschaftskrisen leitete KRISTOFFER KLAMMER (Bielefeld) ein. Er stellte sein diskursanalytisches Dissertationsprojekt vor, in welchem er anhand zweier bundesrepublikanischer Wirtschaftskrisen grundlegende Merkmale politischer Kommunikation im Verlauf von Wirtschaftskrisen identifizierte, wie etwa die „asymmetrische Verteilung von Deutungshoheiten“. Das Phänomen der kontrazyklisch trotz Wirtschaftskrise „boomenden“ Heimwerker-Bewegung analysierte JONATHAN VOGES (Hannover) aus wirtschafts- sowie sozialhistorischer Perspektive. Die spezifischen und medial verbreiteten Krisenerfahrungen der 1970er-Jahre hätten zu individuellen Lösungsstrategien geführt: Selbermachen als eine Reaktion auf die Entfremdung von der handwerklichen Arbeit sowie der Versuch, der Verknappung von Ressourcen durch Do-it-Yourself zu begegnen, um so vermeintliche finanzielle Einsparpotentiale zu nutzen. CAROLIN PHILIPP (Kassel/Athen) historisierte „Krise“ aus ethnologischer Perspektive. Sie untersuchte die gegenwärtigen historischen Krisen-Referenzen von griechischen politischen AktivistInnen und kam zu dem Ergebnis, dass im aktuellen Protestdiskurs durchaus Bezüge zu vergangenen Krisenphänomenen mitschwingen. In ihrem Kommentar zu den Panel-Beiträgen regte ANNE SUDROW (Potsdam) an, noch stärker individuelle und strukturelle Handlungsperspektiven einzunehmen und somit das semantische um ein handlungstheoretisches Krisenmodell zu erweitern.

FLORIAN LIPP (Hamburg) eröffnete das zweite Panel zu den lebensweltlichen Ausdrucksformen von Krisenphänomenen. In seinem musikwissenschaftlichen Vortrag zu Rock, Punk und New Wave in der späten DDR zeigte er die Unfähigkeit des Regimes auf, seine auf sozialistischen Realismus ausgerichtete Kulturpolitik dem veränderten ästhetischen und inhaltlichen Geschmack des jungen Publikums anzupassen. Ein anderes popkulturelles Phänomen untersuchte NILS MEISE (Konstanz): Filme über Zombie-Apokalypsen seien eine ästhetisch kanonisierte Reflexion von Ängsten und Krisendiagnosen der Gegenwart. Zombies als ultimativer Regress der menschlichen Entwicklung symbolisieren eine Ur-Angst vor dem (selbstverschuldeten) Versagen der Zivilisation und seien damit fiktionaler Ausdruck eines realen Krisenbewusstseins. In seinem Kommentar wies FRANK BÖSCH (Potsdam) auf die strukturelle Gemeinsamkeit der Vorträge hin: beide analysierten eine spezifische popkulturelle bzw. ironische Auseinandersetzung mit der Moderne. Bösch fragte dabei nach den ästhetischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Entstehung dieser beiden kulturellen Phänomene und stellte sie jeweils in einen breiteren kulturhistorischen Zusammenhang.

Das dritte Panel zum Geschichtsbewusstsein in der Krise wurde von JULIA ROOS (Bamberg) eingeleitet. Sie beschrieb die bundesrepublikanische Museums-Krise der 1960er und 1970er-Jahre. Kulturpolitische, geschichtsdidaktische und museumspraktische Diskurse hätten zu einem krisenhaften Selbst- und Fremdbild von Museen geführt. Gleichzeitig sei diese Krise aber nicht als „Niedergangsphänomen“ angesehen worden, sondern als Chance zur konzeptionellen und gesellschaftlichen Neuausrichtung, die einen lang anhaltenden „Museumsboom“ zur Folge hatte. Nicht die Krise des Museums, sondern die Krise des historischen Bewusstseins selbst war Thema des Vortrags von STEFFEN HENNE (Marburg): „Posthistoire“ als Zeitdiagnose löste das klassische historische Bewusstsein von Geschichte als grundlegender, normativer Instanz ab zugunsten der Deutung, dass Geschichte selbst ein kulturelles, menschengemachtes Produkt sei, kein objektiver Prozess. KATHRIN KOLLMEIER (Potsdam) stellte in ihrem Kommentar fest, dass beide Vortragenden Krise als diskursive Phänomene analysierten und dabei die Ambivalenz von Problemwahrnehmung und Neuausrichtung einbezogen: Krise als Wendepunkt, der auch eine Erwartungshaltung beinhalte.

Im vierten Panel widmeten sich beide Vorträge humanitären Krisen. Am Beispiel der vornehmlich von den christlichen Kirchen organisierten Hilfsaktionen im Zuge der Hungerkatastrophe in Biafra der 1960er-Jahre illustrierte JOHANNES STOLLHOF (Tübingen) Grundlinien von Bedrohungswahrnehmungen: mediale transnationale Vermittlung, Auslösung karitativer Anstrengungen sowie Übermittlung politischer Forderungen. KATJA DOOSE (Tübingen) beschrieb hingegen die vergeblichen Versuche Moskaus im Jahr 1988, von einem Erdbeben in Armenien politisch zu profitieren: einerseits zielte die sowjetische Regierung auf eine Steigerung ihres internationalen Ansehens durch die Einbeziehung westlicher KatastrophenhelferInnen. Andererseits erhoffte sich Moskau, der Nationalitätenkonflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien würde durch die innersowjetische Solidarität für die Opfer in den Hintergrund rücken. JAN C. BEHRENDS (Potsdam) wies in seinem Kommentar darauf hin, dass in beiden Vorträgen eine Konfessionalisierung von Konflikten sichtbar werde. Ebenfalls fragte er nach den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Reaktionen auf Krisen bzw. Katastrophen: Bilder aus Biafra bildeten in der deutschen Nachkriegsgesellschaft visuelle Anknüpfungsmuster an Buchenwald, während das Erdbeben in Armenien für die Geschichte der Perestrojka von großer Relevanz sei.

Das fünfte und letzte Panel behandelte politische Krisen und gesellschaftlichen Wandel. MARTIN DEUERLEIN (Tübingen) veranschaulichte anhand der letzten zwei Jahrzehnte der Sowjetunion die diskursive Konstruiertheit von Krise: während ZeitzeugInnen die Ära Breschnew (1964-1982) als „goldenes Zeitalter“ relativer wirtschaftlicher und sozialer Sicherheit erschien, konstatierten Michail Gorbatschow und Teile der westlichen Forschung diesen Zeitraum als eine Epoche der Stagnation oder sogar der Krise und des Zerfalls. Die Krisendiagnose sei dabei ein Akt nachträglicher Zuschreibungen und Interpretationen. Auch ALMUTH EBKE (Mannheim) verwies auf die Konstruktion von Krise durch Diskurs. Sie untersuchte, wie der schottische Nationalismus ein „Geburtshelfer für den Krisenmythos“ im Großbritannien der 1970er-Jahre geworden sei: er habe in den 1960er und 1970er-Jahren Krisenfaktoren benannt und sei dabei selbst einer dieser Faktoren gewesen. Abschließend untersuchte ENEIA DRAGOMIR (Zürich) den Diskurs über eine „Bestandeskrise“ des Schweizer Militärs, also die vermeintliche Gefahr einer ungenügenden militärischen Nachwuchsrekrutierung aufgrund demographischer und militärpolitischer Entwicklungen. Die „Bestandeskrise“ sei ein diskursives Produkt, das ohne zweifelsfreien faktischen Hintergrund von verschiedenen AkteurInnen genutzt wurde, um eigene ökonomische, politische oder militärische Vorstellungen in den Diskurs einzubringen. RÜDIGER HACHTMANN (Potsdam) kommentierte das Panel, indem er nach den Perspektiven und Interessen der an den vorgestellten Diskursen Beteiligten fragte. Ebenfalls plädierte er für eine genaue Abgrenzung des Krisenbegriffs etwa von „Transformation“ (Deuerlein), „politischer Revolte“ (Ebke) oder „Bedrohungsszenario“ (Dragomir).

In der Abschlussdiskussion wurde ein Resultat für den Krisenbegriff gesucht: Krise müsse untersucht werden im Verhältnis von einerseits Quellenbegriff versus analytisch-heuristischer Kategorie, andererseits von realer versus diskursiver Krise. Dabei müsse beachtet werden, dass der Krisenbegriff selbst historisiert werden müsse, etwa über die Frage, wann und warum von Krisen gesprochen wurde. Ebenfalls ist eine Abgrenzung zu Gegenbegriffen wichtig, etwa zu „Normalität“, „Ordnung“ oder „Katastrophe“. Auch wurde die These vertreten, dass Krisen verstärkt im und für das 20. Jahrhundert diagnostiziert würden, was am Wegfall des Fortschrittsoptimismus liegen könnte. Als Fazit stellten die Teilnehmenden des Forums fest, dass Krise als analytisches Konzept abhängig von Intentionen und Kontext der ZeitzeugInnen und HistorikerInnen sei. Der Krisenbegriff kann, muss aber nicht AkteurInnen, Umstände, gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und Handlungsoptionen verbinden. Dabei sei zu beachten, dass noch immer eine tragfähige Arbeitsdefinition von Krise fehle. Ebenfalls sei die demagogische Dimension von Krise einzubeziehen, da Interessengruppen den Krisenbegriff instrumentalisieren. Nichtsdestotrotz wurde Krise als bereicherndes, fruchtbares und entwicklungsfähiges Analysemodell beschrieben.

Konferenzübersicht

Moderation: Sina Fabian (Potsdam)

Eröffnungsvortrag: Katja Patzel-Mattern (Heidelberg): Industriekatastrophen und die Ordnung der Moderne

Panel I: Konstruktionen von und Reaktionen auf Wirtschaftskrisen

Moderation: Christiane Mende (Potsdam)

Kommentar: Anne Sudrow (Potsdam)

Kristoffer Klammer (Bielefeld): Die öffentliche Konstruktion der Wirtschaftskrisen 1966/67 und 1973ff. Semantische Unterschiede und strukturelle Analogien

Jonathan Voges (Hannover): Boom in der Krise? Do-it-Yourself und die Krisenphänomene der 1970er-Jahre

Carolin Philipp (Kassel/Athen): What Crisis? Krisenkonstruktionen griechischer AktivistInnen

Panel II: Ästhetische Ausdrucksformen von Krisenphänomenen

Moderation: Ariane Brill (Potsdam)

Kommentar: Frank Bösch (Potsdam)

Florian Lipp (Hamburg): „Westliche Krisenkultur“ und „sozialistische Kultur“ in der Krise: Punk, New Wave und Rockmusik-Diskurse im letzten Jahrzehnt der DDR-Diktatur

Nils Meise (Konstanz): Müssen wir uns auf eine Zombie-Apokalypse vorbereiten? Krisen als fiktionale Erzählungen mit realen Folgen

Panel III: Geschichtsbewusstsein in der Krise

Moderation: Sina Fabian (Potsdam)

Kommentar: Kathrin Kollmeier (Potsdam)

Julia Roos (Bamberg): Das Museum zwischen Musentempel, Identitätsanker, Lernort und Freizeit-Center – Analyse eines Krisendiskurses der 1960er und 1970er-Jahre

Steffen Henne (Marburg): Posthistoire now! Die Krise des historischen Bewusstseins in der Bundesrepublik der 1980er-Jahre

Panel IV: Humanitäre Krisen und ihre Folgen

Moderation: Ariane Brill (Potsdam)

Kommentar: Jan C. Behrends (Potsdam)

Johannes Stollhof (Tübingen): „Ein Millionen-Volk wird ausgehungert“ – die Hungerkatastrophe in Biafra zwischen 1967 und 1970 in der Wahrnehmung des deutschen Katholizismus

Katja Doose (Tübingen): Mit der Krise aus der Krise – Das Erdbeben von Armenien 1988 und der Karabachkonflikt

Panel V: Krise und gesellschaftlicher Wandel

Moderation: Jens Beckmann (Potsdam)

Kommentar: Rüdiger Hachtmann (Potsdam)

Martin Deuerlein (Tübingen): Sozialistische Normalisierung oder ständige Krise? Die Sowjetunion in den 1970er-Jahren

Almuth Ebke (Mannheim): „A union under a threat“ – Schottischer Nationalismus und die „Krise“ des United Kingdom

Eneia Dragomir (Zürich): „Bestandeskrise“, militärische Tauglichkeit und menschliche Ressourcen. Zirkulation einer Krise der Schweizer Armee, 1970er bis 1980er-Jahre

Abschlussdiskussion, Resümee

Zitation
Tagungsbericht: Krisen als Normalität? Wahrnehmungen und Reaktionen seit 1945, 16.01.2014 – 17.01.2014 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 19.05.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5343>.
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Veröffentlicht am
19.05.2014
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