Dritte Mitteldeutsche Konferenz für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte

Ort
Halle (Saale)
Veranstalter
Florian Steger, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Datum
13.03.2014
Von
Christian Schlöder / Maximilian Schochow, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Am 13. März 2014 fand am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die dritte Mitteldeutsche Konferenz für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte statt, zu der Florian Steger, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin, eingeladen hatte. Wie in den vergangenen beiden Jahren trafen sich Wissenschaftler/innen aus Mitteldeutschland und darüber hinaus, um über aktuelle Forschungsprojekte auf den Gebieten der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte zu diskutieren und sich auszutauschen. In den einzelnen Beiträgen wurden verschiedene Themen der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert behandelt, mit einem Schwerpunkt in der dritten Sektion auf den deutsch-russischen Beziehungen in Medizin und Naturwissenschaften um 1900.

Die Neuausgabe einer Edition des Arzneibuchs von Ortolf von Baierland stellte ORTRUN RIHA (Leipzig) in den Mittelpunkt ihrer Präsentation. Das volkssprachige Arzneibuch aus dem ausgehenden 13. und beginnenden 14. Jahrhundert enthält mit Ausnahme der Kräuterkunde alle Aspekte der damals bekannten Medizin. Das Buch zeichnet sich durch seine klare und verständliche Sprache aus, weshalb es als Lehrbuch bis zum Ende des Mittelalters weite Verbreitung fand. Es handelt sich jedoch nicht um eine reine Extraktion aus den damals Ortolf von Baierland bekannten Quellen, sondern um eine komplette Neustrukturierung des Wissens durch Ortolf von Baierland. Damit ist das Arzneibuch eine beispiellose Quelle für mittelalterliches medizinisches Wissen. Die auf 70 Kollationen beruhende Edition sowie eine deutsche Übersetzung erscheinen in Kürze.

Die Lage kranker Wandergesellen untersuchte MARCEL KORGE (Leipzig) anhand von normativen Quellen sowie Gerichtsakten aus Kursachsen von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis ins späte 19. Jahrhundert. Kranke Wandergesellen waren von den Hilfsangeboten der handwerklichen Korporationen häufig ausgeschlossen. Trotz zahlreicher Bemühungen, funktionierende Regelungen zu finden, blieb der Umgang mit kranken Wandergesellen bis zur Aufhebung der Korporationen und der Einführung der reichsfreien Freizügigkeit Ende des 19. Jahrhunderts konfliktträchtig. Leider liegen Gerichtsakten zu diesen Auseinandersetzungen erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor.

Ausgehend von aktuellen Problemen in der Pflege skizzierte ELKE SCHLENKRICH (Halle-Wittenberg) ein avisiertes Forschungsvorhaben zur Geschichte der Pflege im mitteldeutschen Raum. Die Idee erwuchs aus dem von ihr bearbeiteten aktuellen Forschungsprojekt zur Geschichte der Patientenselbstbestimmung. Anhand von Dienstinstruktionen, Inventaren und biographischen Angaben aus Bewerberprofilen sollen neue Erkenntnisse über den pflegerischen Alltag in der Sattelzeit (1750–1850) in Mitteldeutschland gewonnen werden. Dabei stehen Fragen zur Professionalisierung der Krankenpflege im Vordergrund. Aktuell führt Schlenkrich eine Pilotstudie über die pflegerische Praxis in Halle durch, bevor geschlossene Einrichtungen in Leipzig und Jena einbezogen werden.

Die medizinischen Fallgeschichten des Niederländers Steven Blankaarts (1650–1704) und Friedrich Hoffmanns (1660–1742) verglich BETTINA NOAK (Berlin). Unter dem Einfluss der iatrochemischen Lehre gab Blankaart 1688 mit der „Anatomica practica rationalis“ eine Sammlung medizinischer Fallgeschichten heraus, die aus der eigenen Praxis stammten. Damit betonte er die Bedeutung der Empirie und grenzte sich deutlich von den moralisierenden Fallsammlungen der Humanisten ab. Durch Übersetzungen erfolgte ein Ideentransfer in den deutschen Sprachraum, wo Friedrich Hoffmann mit der „Medicina consultatoria“ (1721–1739) eine ähnliche Fallsammlung in deutscher Sprache herausgab. Hoffmann entwickelte die Lehren weiter und maß der individuellen Therapie eine noch größere Bedeutung als Blankaart bei.

Erste Ergebnisse ihres Dissertationsprojekts zum medizinischen Alltag in den Franckeschen Stiftungen (1750–1850) stellte SASKIA GEHRMANN (Halle-Wittenberg) vor. Die Krankenpflege an den Stiftungen ist zwar seit den 1960er Jahren Gegenstand der Forschung. Aber bisher wurde zum einen überwiegend die Gründungsphase der Stiftungen Anfang des 18. Jahrhunderts untersucht und zum anderen die Patientenperspektive vernachlässigt. Gehrmann legte dar, dass sie mithilfe von normativen Quellen sowie Akten zur pflegerischen Praxis untersuchen möchte, wie die Programmvorschriften der Stiftungen in der alltäglichen Praxis umgesetzt wurden.

Erkenntnisse zur Tuberkulosefürsorge in Mitteldeutschland gewann ANDREAS JÜTTEMANN (Halle-Wittenberg) durch die Arbeit an seiner Dissertation über Lungenheilanstalten in Preußen. Erwin Püttner (1864–1942) gründete 1898 die erste Tuberkulosefürsorgestelle der Welt am Hallmarkt in Halle an der Saale, die bis 1946 durch einen Verein betrieben wurde. In Sülzhayn, einem beliebten preußischen Kurort im Harz, wurde 1896 der Grundstein für eine Tuberkuloseheilstätte der Knappschaftspensionskasse gelegt. Daneben existierte seit 1898 eine Tuberkuloseheilstätte in München bei Bad Berka im damaligen Fürstentum Sachsen-Weimar-Eisenach. Beide Heilstätten wurden noch bis in die 1970er Jahre als Tuberkulosekliniken genutzt. Da Privatisierungen Anfang der 1990er Jahre scheiterten, verfallen die leerstehenden Kliniken zunehmend.

Die von KARIN BASTIAN (Leipzig) vorgestellte Sammlung zur Geschichte der Rechtsmedizin am Karl-Sudhoff-Institut wurde 1900 gegründet und bis in die 1970er Jahre fortgeführt. Vor einigen Jahren wurde die aus circa 480 Objekten bestehende Sammlung eingelagert. 2013 beschloss die Medizinische Fakultät der Universität Leipzig eine Erschließung dieser Sammlung. Die Arbeit wird durch fehlende Kataloge und andere konkrete schriftliche Informationen zu den Objekten erschwert. Außerdem wurde bereits ein massiver Schädlingsbefall festgestellt, der zunächst behoben werden muss.

Die Lebenswege zweier russischer Jüdinnen, welche in der bakteriologischen Forschung tätig waren, schilderte MARTA FISCHER (Leipzig). Maria Abramovna Raskina (1861/62–1942) stammte aus einfachen Verhältnissen und war eine der ersten Absolventinnen einer fünfjährigen ärztlichen Ausbildung für Frauen in Russland. Ab 1896 war sie als Dozentin für Bakteriologie in St. Petersburg tätig. Lydia Rabinowitsch (1871–1931) stammte aus einer wohlhabenden Familie, die ihr ein Medizinstudium in der Schweiz ermöglichen konnte. Nach einigen wissenschaftlichen Stationen, unter anderem als Assistentin Robert Kochs (1841–1910), wurde Rabinowitsch 1912 als zweite Frau in Preußen Professorin. Unter den Nationalsozialisten erfolgte 1934 ihre Zwangspensionierung.

Die engen deutsch-russischen Beziehungen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in der Immunologie stellte OXANA KOSENKO (Leipzig) vor. Ilja Metschnikow (1845–1916) war auf russischer Seite die treibende Kraft für einen konstruktiven wissenschaftlichen Austausch mit namhaften deutschen Kollegen wie Robert Koch (1841–1910) und Emil von Behring (1854–1917). Gemeinsam mit Paul Ehrlich (1854–1915) erhielt Metschnikow 1908 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Der Wissenstransfer mit den deutschen Kollegen spielte auch bei der Implementierung und Institutionalisierung der Immunologie in Russland eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Mit der Autographen-Sammlung des Nationalökonomen und Sozialreformers Wilhelm Stieda (1852–1933) beschäftigte sich ELENA ROUSSANOVA (Leipzig) im Rahmen einer kürzlich erschienenen Edition über die Korrespondenz deutscher Gelehrter mit der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg. Stieda stammte aus Riga und studierte Ökonomie an der russischen Universität in Dorpat (heute Tartu), bevor er eine wissenschaftliche Karriere im Deutschen Reich einschlug. In der Edition wurden neben Stieda fünf weitere deutsche Korrespondenzpartner berücksichtigt: Die Mathematiker Johann Wilhelm Andreas Pfaff (1774–1835), Johann Sigismund Gottfried Huth (1763–1818) und Martin Bartels (1769–1836) sowie die Astronomen Magnus Georg Paucker (1787–1855) und Wilhelm Struve (1793–1864).

Die zentralen Ergebnisse seiner Habilitation über die Kulturgeschichte der sowjetischen Medizin und ihrer Ethik präsentierte IGOR POLIANSKI (Ulm). In der jungen Sowjetunion wurden traditionelle ärztliche Wertvorstellungen als bürgerliche Moral abgelehnt. Diese sollten durch gesetzliche Regelungen ersetzt werden. Eine Disziplinierung und anschließende Verwissenschaftlichung kennzeichnet die Medizin der stalinistischen Ära. Nach Stalins Tod 1953 erlebte die Medizin eine Remoralisierung unter sowjetromantischen Vorzeichen. In den 1970er und frühen 1980er Jahren verfiel die Medizin in eine dogmatische Starre, die erst mit der Öffnung der Sowjetunion ab 1985 endete: Menschenrechte, Marktgesetze und bioethische Vorstellungen wurden von der sowjetischen Medizin aufgegriffen.

Von der wissenschaftlichen Erschließung des Briefnachlasses und der Netzwerke Ernst Haeckels berichtete ROMAN GÖBEL (Jena). Die Neustrukturierung und Erweiterung einer Datenbank ging mit einer inhaltlichen Revision der Briefdaten einher. Im Vordergrund stand dabei die Identifizierung von Briefautoren und weiteren Personen, die in den Briefen genannt werden. In den insgesamt circa 43.000 Briefen wurden aktuell 1.230 Personen und circa 1.000 Beziehungen identifiziert. In einem weiteren Arbeitsschritt sollen die Beziehungen kategorisiert werden. Erste Ergebnisse einer visuellen Personennetzwerkanalyse zeigen, welche Chancen solch eine Methode aufgrund der hohen Informationsdichte bietet.

Den aktuellen Arbeitsstand einer Edition von zehn Briefen und vier dazugehörigen Beilagen Ernst Haeckels (1834–1919) seiner Zeit als Student der Medizin in Wien im Jahr 1857 präsentierte KAI TORSTEN KANZ (Jena). In den Briefen kritisiert Haeckel scharf Professoren der medizinischen Fakultät in Wien. Weiterhin finden sich Äußerungen über sein Studium der Medizin, das er nur zur Liebe seiner Eltern begann, zum Leben in Wien und dezidierte Informationen zu seinem Tagesablauf als Student. Danach studierte er von frühmorgens bis spätabends und verbrachte die Wochenenden mit Exkursionen in die Natur, wo er sich mit der Botanik intensiv befasste. Sowohl die Medizin als auch die Botanik verfolgte Haeckel in seinem weiteren Berufsleben nicht mehr.

Über deutsche Ärzte im niederländischen Kolonialdienst in Indonesien zwischen 1816 und 1885 berichtete PHILIPP TEICHFISCHER (Magdeburg). Nach bisherigen Erkenntnissen waren circa 300 deutsche Ärzte in Indonesien tätig. In den Niederlanden fehlten zu Beginn des 19. Jahrhunderts geeignete Ausbildungseinrichtungen in entsprechender Zahl, weshalb bis in die 1850er Jahre ein großer Teil der Ärzte in den deutschen Territorien über persönliche Kontakte oder Zeitungsannoncen rekrutiert wurde. Obwohl die Ärzte in Indonesien nur eine Lebenserwartung von fünf Jahren hatten, fanden sich genügend deutsche Freiwillige, die aus finanziellen Motiven oder Abenteuerlust das Wagnis auf sich nahmen, in den niederländischen Kolonialdienst zu treten.

Die im Mai erscheinende Festschrift zum 170. Jubiläum der Diakonissenanstalt in Dresden von ANNETT BÜTTNER (Düsseldorf) deckt den Zeitraum von den Einigungskriegen Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart ab. Die Diakonissen waren Pioniere der Kriegskrankenpflege, bevor sie sich nach dem Bau des hochmodernen Krankenhauses im Jahr 1893 auf die Gemeindekrankenpflege konzentrierten. In der Zeit des Nationalsozialismus nahmen die Diakonissen eine ambivalente Rolle ein: Während auf der einen Seite im Krankenhaus Zwangssterilisationen durchgeführt wurden, verhinderten couragierte Schwestern die Deportation behinderter Kinder. Nach dem Krieg wurde die Anstalt durch die Initiative einer englischen, christlichen Organisation wieder aufgebaut.

Den Abschluss der Konferenz bildete ein Bericht über ein aktuelles Forschungsprojekt zur Venerologischen Station in Halle während der DDR von FLORIAN STEGER und MAXIMILIAN SCHOCHOW (Halle-Wittenberg). Wie Steger berichtete, wurden in dieser Station Patientinnen gegen ihren Willen vier bis sechs Wochen zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten zwangseingewiesen. Die Patientinnen wurden nicht nur ohne ihr Einverständnis untersucht und behandelt, sondern häufig auch körperlich und psychisch misshandelt. Daneben sollten sie unter Beteiligung des Ministeriums für Staatssicherheit zu sozialistischen Persönlichkeiten erzogen werden. Mangels Patientenakten und anderer geeigneter schriftlicher Quellen basiert die Untersuchung vornehmlich auf Zeitzeugeninterviews, insbesondere mit den betroffenen Patientinnen.

Die vorgestellten Beiträge zeigten einen Ausschnitt über aktuelle und kürzlich abgeschlossene Projekte von Kolleg/innen an Instituten in Mitteldeutschland und darüber hinaus. Mit der Durchführung der dritten Mitteldeutschen Konferenz für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte dürfte dieses Format nun für den mitteldeutschen Raum etabliert sein.

Konferenzübersicht

Kurzreferate I:
Ortrun Riha (Leipzig): Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland – Neuausgabe und Kommentar

Marcel Korge (Leipzig): Solidargemeinschaft Zunft? Die Fortschaffung kranker Wandergesellen

Elke Schlenkrich (Halle-Wittenberg): Zur Geschichte der Pflege im mitteldeutschen Raum – Konturen eines avisierten Forschungsvorhabens

Kurzreferate II:

Bettina Noak (Berlin): Medizinische Fallgeschichten bei Steven Blankaart und Friedrich Hoffmann

Saskia Gehrmann (Halle-Wittenberg): Medizinischer Alltag an den Franckeschen Stiftungen, 1750–1850

Andreas Jüttemann (Halle-Wittenberg): Tuberkulosefürsorge in Mitteldeutschland – Umgang mit dem medizinhistorischen Erbe

Karin Bastian (Leipzig): Die Sammlung zur Geschichte der Rechtsmedizin am Karl-Sudhoff-Institut

Kurzreferate III:

Marta Fischer (Leipzig): Zwei Jüdinnen aus Russland in der Bakteriologieforschung

Oxana Kosenko (Leipzig): Die deutsch-russischen Beziehungen im 19. und beginnenden 20. Jh. in der Immunologie

Elena Roussanova (Leipzig): Edition von Briefen aus der Autographensammlung von Wilhelm Stieda (1852–1933) in der Universitätsbibliothek Leipzig

Igor Polianski (Ulm): Das Schweigen der Ärzte. Eine Kulturgeschichte der sowjetischen Medizin und ihrer Ethik

Kurzreferate IV:

Roman Göbel (Jena): Die Erschließung des Briefnachlasses und der Netzwerke Ernst Haeckels

Kai Torsten Kanz (Jena): Medizinstudium und Wiener Gemütlichkeit. Ernst Haeckels Briefe aus Wien 1857

Philipp Teichfischer (Magdeburg): Deutsche Ärzte im niederländischen Kolonialdienst

Annett Büttner (Düsseldorf): 170 Jahre Diakonissenanstalt Dresden

Florian Steger und Maximilian Schochow (Halle-Wittenberg): Venerologische Station in Halle während der DDR

Zitation
Tagungsbericht: Dritte Mitteldeutsche Konferenz für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, 13.03.2014 Halle (Saale), in: H-Soz-Kult, 05.05.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5348>.
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Veröffentlicht am
05.05.2014