Papsturkundenforschung zwischen internationaler Vernetzung und Digitalisierung. Neue Zugangsweisen zur europäischen Schriftgeschichte

Ort
München
Veranstalter
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)-Projekt „Schrift und Zeichen“
Datum
24.03.2014 - 25.03.2014
Von
Judith Werner, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Papsturkunden des frühen und hohen Mittelalters / Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte und historische Hilfswissenschaften, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Vom 24.–25. März 2014 fand in den Räumen des Historischen Kollegs in München die im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „Schrift und Zeichen“ abgehaltene Tagung zur „Papsturkundenforschung zwischen internationaler Vernetzung und Digitalisierung. Neue Zugangsweisen zur europäischen Schriftgeschichte“ statt. Führende Forscher aus den Bereichen der Mittelalterlichen Geschichte, der Historischen Grundwissenschaften und der Automatischen Mustererkennung diskutierten über Erfahrungen, Chancen und Herausforderungen, die die rasch fortschreitende Digitalisierung in geisteswissenschaftlichen Forschungsdisziplinen und der zunehmenden europäischen Vernetzung für die mittelalterliche Papsturkundenforschung bedeuten.

Nach den Grußworten von Hubertus Kohle (München), Arndt Brendecke (München) und Claudia Märtl (München) folgte die erste Sektion der Tagung, „Digitale Papsturkundenforschung mit besonderem Schwerpunkt auf Paläographie“, die mit einer thematischen Einführung von IRMGARD FEES (München) begann. Die päpstliche Kurie als effizienteste Kanzlei des Mittelalters habe mit der Form und dem Inhalt ihrer Urkunden nicht nur als Vorbild für andere Urkundenaussteller gedient, sondern auch eine große Masse an überlieferten Quellen hervorgebracht, deren breite geographische Streuung durch die Digitalisierungsinitiativen der letzten Jahre nun besser bewältigt werden könne. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse zur päpstlichen Schriftlichkeit könnten somit als ein Schlüssel zur Kulturgeschichte Europas dienen.

Daran anschließend stellte VIKTORIA TRENKLE (Erlangen) das seit Juni 2012 vom BMBF im Rahmen einer eHumanities-Initiative geförderte Projekt „Schrift und Zeichen. Computergestützte Analyse hochmittelalterlicher Papsturkunden. Ein Schlüssel zur Kulturgeschichte Europas?“[1] vor. Das Projekt, eine Kooperation zwischen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte, Klaus Herbers; Lehrstuhl für Informatik 5 Mustererkennung, Joachim Hornegger) und der Ludwig-Maximilians-Universität München (Professur für Historische Medienkunde, Irmgard Fees), nutze die Qualität und Quantität der Papsturkunden für die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Paläographen und Historikern mit der informatorischen Mustererkennung. Dabei sollten computergestützte Tools für die Analyse der Schrift anhand der über 2.000 zur Verfügung stehenden Abbildungen hochmittelalterlicher Papsturkunden entwickelt werden. Im Vordergrund ständen im Projekt zwei Hauptaspekte: zum einen die genauere Analyse und Beschreibung der Schriftveränderungen auf den Papsturkunden, zum anderen die Identifizierung der an der Anfertigung beteiligten Schreiber.

ELLI ANGELOPOULOU (Erlangen) stellte in ihrem Vortrag verschiedene Möglichkeiten zur computergestützten Schreiberidentifizierung vor, wobei sie betonte, dass die Informatik Paläographen und Historiker unterstützen, aber nicht ersetzen solle und könne. Am Beispiel einer konkreten Fragestellung innerhalb des Projektes „Schrift und Zeichen“ erläuterte sie sowohl die text- als auch die allographenbasierte Methode der Schriftanalyse. Letztere habe sich als geeigneter erwiesen, da sie eine größere Genauigkeit aufweise. Aufgrund der Ähnlichkeit immer wieder auftretender Wörter in der Datumszeile könne die Wahrscheinlichkeit ermittelt werden, mit der die jeweiligen Urkunden von der gleichen Hand datiert wurden. Dabei war es Angelopoulou wichtig zu betonen, dass diese vom Computer als wahrscheinlich ausgegebenen Ergebnisse lediglich eine Hilfestellung böten; das letzte Urteil liege immer beim Paläographen.

Anschließend lieferten BENJAMIN SCHÖNFELD und BENEDIKT HOTZ (beide München) einen erweiterten Werkstattbericht des Projektes „Schrift und Zeichen“. Benjamin Schönfeld erläuterte die theoretische Grundlage: Da die Entwicklung eines Optical Character Recognition-Programmes für hochmittelalterliche Papsturkunden innerhalb des Projektes zwar nicht unmöglich, aber aufgrund des hohen Bedarfs an Trainingsmaterial und der zu großen Varianz im Schriftbild ineffektiv sei, wurden Strategien zur digitalen Analyse von paläographischen Fragestellungen, nämlich nach Schreiberidentifikation und Schriftwandel, entworfen. Nach einem Exkurs zur Schrift der päpstlichen Kurie im 11. und 12. Jahrhundert stellte er im Projekt entwickelte Programme vor. Durch die Unterstützung der Informatik werde die Arbeit zwar nicht automatisierter, dafür aber methodisch intensiviert; der Einsatz des Paläographen werde präziser. Benedikt Hotz stellte die praktische Arbeit im Projekt vor, indem er die drei entwickelten Tools genauer erläuterte. Auch er kam zu dem Ergebnis, dass der menschliche Paläograph nicht ersetzt werden könne, die Paläographie sich aber zu einer „Kunst des Messens“ wandle und die digitale Umsetzung klassischer Forschungsmethoden als Bereicherung angesehen werden müsse.

Der Frage, ob sich die Paläographie in der Sackgasse befinde und wie diese vom digitalen Zeitalter profitieren könne, ging PETROS SAMARA (Amsterdam) nach. Am Beispiel des MPS-Projekts der Universitäten Amsterdam und Groningen, in dem ein Datierungstool für spätmittelalterliche niederländische Urkunden entworfen werden solle, stellte er das von Lambert Schomaker in Groningen entwickelte MONK-System[2] vor, das die Vorteile der digitalen und der menschlichen Evaluation vereine und somit sowohl Objektivität als auch Transparenz biete. Menschliche Paläographen würden also trotz digitaler Möglichkeiten nach wie vor benötigt.

Im Anschluss daran erläuterte ANTONELLA AMBROSIO (Neapel) die Frage, ob und wie digitale Technologien bei der Untersuchung mittelalterlicher Urkundenschriften von Vorteil sein könnten. Nach der Vorstellung mehrerer Onlineangebote zu Digitalisaten süditalienischer Quellen sowie den damit verbundenen Problemen – die oft nur geringe Auflösung sowie die mangelnde Anknüpfung an die internationale Forschung – legte sie am Beispiel der Notare von S. Maria della Grotta di Vitulano ein Einsatzgebiet der digitalen Paläographie dar: Mangels angegebener Ausstellungsorte auf den Urkunden könne die digitale Schrifterkennung bei der Rekonstruktion einer Urkundenlandschaft dieser Notare helfen.

GEORG VOGELER (Graz) stellte mit der Text Encoding Initiative (TEI) einen Standard zur Kodierung von Texten in XML vor, der auch für Urkundeneditionen verwendet werden könne. Er hob die Vorteile und Möglichkeiten, wie beispielsweise die Wiederverwendbarkeit des Datenformats und den damit ermöglichten Datenaustausch und Textvergleich, oder die Möglichkeit für erweiterte Transkriptionsmodelle, hervor. Auch Probleme der von einem philologischen Editionsmodell geprägten TEI, besonders für den Diplomatiker, wurden angesprochen und schließlich Verbesserungsmöglichkeiten, wie man die TEI für Urkundeneditionen besser nutzbar machen könne, aufgezeigt.

Im Abendvortrag stellte KLAUS HERBERS (Erlangen) zunächst die Geschichte der Papsturkundenforschung in ihrer internationalen Verflechtung vor, die aufgrund der verstreuten Überlieferungslage vor 1198 europäisch agieren müsse. Ausgehend von den Regesta Pontificum Romanorum Philipp Jaffés und deren Neubearbeitung sowie den Untersuchungen Paul Fridolin Kehrs in den Empfängerarchiven über die Papstregesten der Regesta Imperii spannte Herbers den Bogen bis zu dem seit 2007 geförderten Forschungsprojekt „Papsturkunden des frühen und hohen Mittelalters“ der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. In einem zweiten Abschnitt wurden die quantitativ-digitalen Erschließungsmethoden der Papsturkunden vorgestellt und die Vorteile, die die digital erfassten Originalurkunden besonders für die Erforschung der Schriftgeschichte bringen könnten, herausgearbeitet. Andererseits wurden auch Schwierigkeiten und Grenzen der Kooperation aufgezeigt, die sich oftmals in nur lokal vorliegendem Material und der Einschränkung und unterschiedlichen Regelung von Nutzungsrechten begründeten.

Sektion II, „Digitale Papsturkundenforschung mit besonderem Schwerpunkt auf Diplomatik“, der der nächste Tag gewidmet war, begann mit einem Vortrag von ANDREAS MEYER (Marburg), der über neue Zugänge zur Schriftlichkeit im Mittelalter vor allem anhand der littera apostolica berichtete. Meyer betonte das Beziehungsgeflecht zwischen einer Urkunde und anderen, sie umgebenden Schriftstücken. Er erläuterte die Geschichte der Papsturkundenforschung, vor allem für die Schreiben ab 1198, und betonte deren „Torsocharakter“, was besonders für die Erforschung der Originale nach 1417 gelte. Meyer plädierte dafür, das Jahr 1198 eher als Brücke zwischen Ären denn als End- und Startpunkt zu begreifen. Digitale Bilder könnten dem Editor helfen, da sie eine zuverlässige Vorlage böten.

HARALD MÜLLER (Aachen) gab eine Übersicht über den aktuellen Stand der Papsturkundenforschung in Frankreich. Für die Zeit vor 1198 gebe es kein Projekt französischer Aufarbeitung für die Papsturkunde als Gattung, dafür aber innerhalb der Gesamtüberlieferung Frankreichs. In einem zweiten Schritt wurden verschiedene digitale Erschließungsunternehmen vorgestellt, wobei die generelle Frage nach der Anschlussfähigkeit solcher Unternehmen aufgeworfen wurde. Zuletzt ging Müller auf Chancen und Begrenzungen dieser Unternehmen ein: Die integrative Behandlung der Papsturkunden in Frankreich innerhalb anderer Quellengattungen bette diese zwar in den Zusammenhang ein, begrenze aber auch den Spielraum einer spezifischeren Analyse. Gerade hinsichtlich graphischer Symbole und der Schrift seien diese Datenbanken noch ausbaufähig. Wünschenswert sei eine Vernetzung einer Originaldatenbank etwa mit digitalen Versionen von Chartularen.

Der daran anschließende Vortrag hatte die Papsturkundenforschung in Spanien zum Thema. Von THORSTEN SCHLAUWITZ (Erlangen) wurden zunächst online verfügbare spanische Digitalisierungsangebote vorgestellt. Gerade die frühen Papsturkunden jedoch – vor 1017 habe sich ein großer Teil der insgesamt im Original überlieferten Papsturkunden in spanischen Archiven erhalten – seien zwar bei Paul Fridolin Kehr[3], jedoch nicht digital abgebildet. Anschließend stellte Schlauwitz kurz die bereits erschienenen Iberia Pontificia-Bände zu Burgos[4] und León[5] sowie die weiteren sich in Bearbeitung befindlichen Bände spanischer Papstregesten vor. Diese würden zudem bald in die seit November 2013 online zur Verfügung stehende Papsturkunden-Datenbank[6] eingebunden. Es sei geplant, die retrodigitalisierten Urkundenbilder der Göttinger Photosammlung ebenfalls dort einzuspeisen. Abschließend wurden noch die vorhandenen und geplanten Editionen spanischer Papsturkunden vorgestellt.

JOCHEN JOHRENDT (Wuppertal) schloss mit einem Bericht über die Papsturkundenforschung in Italien an. In einem Überblick legte er dar, dass Italien für die Jahre vor 1198 für die Papsturkundenforschung so gut erschlossen sei wie kein anderes Land; ein anderes Bild ergebe sich allerdings für die Forschungslage nach 1198. Anschließend stellte Johrendt aktuelle Digitalisierungsunternehmen vor. In einem letzten Punkt zu Chancen und Grenzen wurde erläutert, dass der Fokus für die Urkunden vor 1198 auf der Bereitstellung von Material für die vergleichende grundwissenschaftliche Forschung liegen müsse. Das Problem der mangelnden Verknüpfung der digitalen Abbildungen mit der systematischen Aufarbeitung durch die Papsturkundenforschung müsse gelöst werden. Für die Zeit nach 1198 dagegen lägen die Grenzen eher in der Masse der Überlieferung und deren mangelnden Aufarbeitung, weshalb dort zunächst die Erfassung im Vordergrund stehe, die durch die Digitalisierung unterstützt werden könne.

Im letzten Vortrag der Tagung berichtete FRANK BISCHOFF (Duisburg) über Vorgehen, Probleme und Erfahrungen im von der DFG geförderten Pilotprojekt „Digitalisierung archivalischer Quellen“, das seit 2013 von sieben archivalischen Einrichtungen – dem Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, dem LWL-Archivamt für Westfalen, dem Landesarchiv Baden-Württemberg, der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, dem Sächsischen Staatsarchiv, dem Stadtarchiv Mannheim sowie der Archivschule Marburg – betrieben wird. Auch vorhandene und mögliche Felder der Zusammenarbeit, wie digitale Lesesäle oder Crowdsourcing, wurden angesprochen.

Die Moderatoren Irmgard Fees (München), Elli Angelopoulou (Erlangen), Claudia Zey (Zürich) und Jörg Schwarz (München) fassten in der Abschlussdiskussion Ergebnisse und Probleme ihrer jeweiligen Sektion kurz zusammen. Resümierend konnte festgehalten werden, dass die EDV durchaus die traditionelle Arbeit der Paläographen unterstützen, jedoch nicht ersetzen könne, was eine interdisziplinäre Zusammenarbeit besonders wichtig mache. Zudem wurde die Bedeutung der digitalen Aufarbeitung vor allem spätmittelalterlicher Bestände hervorgehoben.

Konferenzübersicht:

Irmgard Fees (München), Thematische Einführung: Papsturkunden und päpstliche Schriftlichkeit als „Schlüssel zur Kulturgeschichte Europas“

Viktoria Trenkle (Erlangen), Das BMBF-Projekt Schrift und Zeichen. Neue Instrumente und Perspektiven in der Erforschung hochmittelalterlicher Papsturkunden

Sektion I: Digitale Papsturkundenforschung mit besonderem Schwerpunkt auf Paläographie

Elli Angelopoulou (Erlangen), Automatic Writer Identification in Medieval Papal Charters

Benedikt Hotz / Benjamin Schönfeld (München), Computergestützte Beobachtungen zur Schriftentwicklung in Papsturkunden des Hochmittelalters – neue Instrumente in praxi angewandt

Petros Samara (Amsterdam), Digital paleography – advantages and drawbacks of a promising discipline

Antonella Ambrosio (Neapel), Paleographic research on digitized charters in southern Italy: experiences and desiderata

Georg Vogeler (Graz), Die Text Encoding Initiative (TEI) als Werkzeug des Urkundeneditors – Erfahrungen und Desiderate

Klaus Herbers (Erlangen), Wächst zusammen, was zusammen gehört? Transnationale Papsturkundenforschung und Kooperation der Wissenschaftsdisziplinen als Beispiel für europäische Zusammenarbeit

Sektion II: (Digitale) Papsturkundenforschung mit besonderem Schwerpunkt auf Diplomatik

Andreas Meyer (Marburg), Neue Zugänge zur Schriftlichkeit im Mittelalter: Veränderte Perspektiven durch digital verfügbare Papsturkundenbilder?

Harald Müller (Aachen), Digitale Editionen und Papsturkundenforschung in Frankreich – Arbeitsstand, Erfahrungen, Desiderate

Thorsten Schlauwitz (Erlangen), Papsturkundenforschung in Spanien. Verfahren, Ergebnisse und deren Präsentation im digitalen Zeitalter

Jochen Johrendt (Wuppertal), Papsturkundenforschung in Italien: Chancen und Grenzen der Digitalisierung

Frank Bischoff (Duisburg), Vernetzte Archive. Perspektiven des digitalen Zugangs zu archivalischen Quellen

Anmerkungen:
[1] Projekthomepage „Schrift und Zeichen“: <http://www5.cs.fau.de/puhma> (29.4.2014).
[2] MONK Projekt, <http://www.ai.rug.nl/~lambert/Monk-collections-english.html> (29.4.2014).
[3] Paul Fridolin Kehr, Die ältesten Papsturkunden Spaniens (Abhandlungen der Preußischen Akademie der Wissenschaften, 1926, 2), Berlin 1926.
[4] Daniel Berger, Iberia Pontificia I. Dioeceses exemptae: Dioecesis Burgensis, Göttingen 2012.
[5] Santiago Domínguez Sánchez / Daniel Berger, Iberia Pontificia II. Dioeceses exemptae: Dioecesis Legionensis, Göttingen 2013.
[6] Regesta Pontificum Romanorum online, <http://www.papsturkunden.de> (29.4.2014).

Zitation
Tagungsbericht: Papsturkundenforschung zwischen internationaler Vernetzung und Digitalisierung. Neue Zugangsweisen zur europäischen Schriftgeschichte, 24.03.2014 – 25.03.2014 München, in: H-Soz-Kult, 14.05.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5365>.