Hobsbawm, Newton und Jazz

Ort
Mainz
Veranstalter
Forschungsprojekt „Musik und Jugendkulturen“ der Abteilung Musikwissenschaft / Arbeitsbereich Zeitgeschichte, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Datum
15.11.2013 - 16.11.2013
Von
Andreas Linsenmann, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Der Name des 2012 im Alter von 95 Jahren verstorbenen Universalhistorikers Eric J. Hobsbawm steht für brillante Begriffsprägungen und luzide, trennscharfe Analysen. Weniger bekannt als der Ertrag seiner historiografischen Arbeit ist, dass sich Hobsbawm zeitlebens mit Jazz beschäftigte. Prominenten Ausdruck fand dies etwa in einer 1998 unter dem Titel Uncommon People. Resistance, Rebellion, and Jazz herausgegebenen Aufsatzsammlung.[1] Bereits 1959 jedoch hatte Hobsbawm unter dem anspielungsreichen Pseudonym Francis Newton eine Monografie zum Thema publiziert: The Jazz Scene.[2] Dieser Teil von Hobsbawms Werk wurde bei der Tagung multiperspektivisch in den Blick genommen, wobei The Jazz Scene im Zentrum stand.

Einleitend näherten sich ANDREAS LINSENMANN (Mainz) und THORSTEN HINDRICHS (Mainz) Hobsbawms Jazz-Studien aus historiografischer und musikwissenschaftlicher Perspektive. Linsenmann hob hervor, dass Hobsbawm Jazz auch in allgemein historischen Studien als Argument verwende, etwa wenn er in Age of Extremes. The Short Twentieth Century[3] Jazz neben dem Film als eine „von allen Bannerträgern der künstlerischen Innovation“[4] bewunderte Ausdrucksform und als „Symbol für Modernität“[5] charakterisierte. Hindrichs bezog den von Hobsbawm gewählten Begriff der „scene“ auf aktuellere kulturwissenschaftliche Konzepte wie Subkultur, Szene und „lifestyle“ und hinterfragte die dem Jazz – wenigstens aus einer (west-)deutschen Perspektive der 1970er- und 1980er Jahre – zugeschriebenen Attribute der Befreiung und des Widerständischen.

Unter der Begriffs-Trias Marxismus, Amerika-Kritik und Jazz arbeitete sodann ANTON PELINKA (Wien/Budapest) eine konzise, thematisch enggeführte intellektuelle Biografie Hobsbawms heraus, die den Einstieg in eine engagierte Diskussion ermöglichte. Er wies auf das vordergründige Paradoxon hin, dass Hobsbawm als marxistisch denkender Intellektueller einer westlichen Gegenkultur gerade von der wohl „amerikanischsten aller Künste“ affiziert war. Eine Brücke zwischen dem „Jazz-Fan Hobsbawm“ und dem „Historiker Hobsbawm“ identifizierte er darin, dass Hobsbawm in seiner schreibenden Auseinandersetzung mit Jazz immer wieder den ursprünglichen Protestcharakter und das rebellisch-emanzipatorischen Potenzial dieser Kunstform hervorhob.

MARTIN NIEDERAUER (Wien) analysierte hieran anknüpfend aus soziologischer Perspektive Hobsbawms Verständnis des Jazz in einer Polarität „zwischen Herrschaft und Befreiung“ und unterstrich, dass für Hobsbawm Jazz nie ein rein ästhetisches Phänomen darstellte. In Hobsbawms Sensibilität für die Unterdrückungsmechanismen, gegen die sich der Jazz ursprünglich auflehnte, erkannte Niederauer eine latente Solidarisierung. Er stellte die These auf, Jazz habe für Hobsbawm einen „Möglichkeitsraum“ dargestellt, in dem gesellschaftliche Konflikte sublimiert und transformiert werden.

DANIEL SCHLÄPPI (Bern) wies auf Blickverengungen in Hobsbawms Jazz-Rezeption hin. So habe dieser etwa zu Entwicklungen ab den 1960er-Jahren wenig Zugang gefunden und das Spannungsverhältnis zwischen dem Postulat vom Jazz als einer „demokratischen Musik“ bei gleichzeitiger Präferenz für streng hierarchisierte Big Bands nicht auflösen können. Als eine Stärke von Hobsbawms Ansatz unterstrich er, dass dieser Jazz stets als kontextgebundenes und von historischen Konfigurationen mitgeprägtes Phänomen aufgefasst habe. Hiervon ausgehend unternahm er einen Brückenschlag zur aktuellen Situation der Jazzszene in der Schweiz, in der er eine „Ökonomie ohne Geld“ mit prekären Arbeitsbedingungen und dramatisch geringen Einnahmen konstatierte.

WOLFRAM KNAUER (Darmstadt) stellte Hobsbawms Auseinandersetzung mit improvisierter Musik in den weiteren Horizont der Jazzgeschichte und gab Anhaltspunkte für eine präzise Verortung. Er hob hervor, Hobsbawm sei einer der wichtigsten Vorreiter der interdisziplinär ausgerichteten „new jazz studies“ gewesen. Zudem analysierte er die Implikationen des von Hobsbawm gewählten Pseudonyms Francis Newton auf den oft verkürzend als Kommunisten bezeichneten Jazztrompeter William Frank (Frankie) Newton (1906-1954).

VIOLA RÜHSE (Krems) stellte in erhellender Weise kontrastiv Hobsbawms und Theodor W. Adornos Auseinandersetzung mit Jazz einander gegenüber. Während Adornos Jazz-Begriff kommerzielle Gesichtspunkte dezidiert einschließe, habe Hobsbawm Jazz vor allem als Möglichkeit der Unterschichten wahrgenommen, sich künstlerisch zu artikulieren. Quellennah zeigte Rühse auf, wie distanziert Adorno Jazz gegenüberstand, dem er innovative Elemente absprach und den er als „Maschinenmusik“ ablehnte. Demgegenüber habe Hobsbawm Jazz stets als demokratische und moderne Ausdruckform interpretiert.

Abschließend erläuterte CHRISTIAN BROECKING (Berlin) die „Marsalis-Kontroverse“ der 1990er-Jahre und befragte sie insbesondere auf gesellschaftskritische Gesichtspunkte hin, die auch Hobsbawm wiederholt akzentuiert hatte. Er verwies auf die Verknüpfung eines neo-traditionalistischen Jazz-Begriffs mit einer Hochkonjunktur des Jazz-Business und zugleich einer Labelung des Jazz als angeblich genuin afroamerikanischer Musik. Broecking unterstrich, dass selbst vier Jahrzehnte nach Hobsbawms The Jazz Scene die afroamerikanische Vergangenheit immer noch einen bestimmenden Bezugspunkt darstellte und konstatierte einen desillusionierten Rückzug auf eine „Ursprungskultur“.

In der Schlussdiskussion wurde im Rückgriff auf Überlegungen vom Vormittag von den „zwei Hobsbawms“ – dem Jazz-Liebhaber und dem professionellen Historiker – noch einmal abgewogen, wie Hobsbawms Auseinandersetzung mit Jazz in seinem Oeuvre insgesamt zu verorten ist. Dabei wurden in der Gesamtschau Schnittmengen, aber auch ein in weiten Teilen unverbundenes Nebeneinander der beiden Bereiche festgestellt. Konsens bestand darin, dass die Pionierstudie The Jazz Scene auch im Hinblick auf aktuelle Fragestellungen nach wie vor analytisches Potenzial bereithält – und sei es als prägnante, intellektuell reichhaltige Kontrastfolie.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung

Sektion I
Moderation: Jörg Heuser (Mainz)

Anton Pelinka (Budapest), Hobsbawm: Marxismus, Amerika-Kritik und Jazz

Martin Niederauer (Wien), Jazz zwischen Herrschaft und Befreiung

Daniel Schläppi (Bern), Hobsbawm reloaded. Oder wie sich Francis Newton der improvisierten Musik des beginnenden 21. Jahrhunderts hätte annähern können

Sektion II
Moderation: Julia Neupert (SWR2 Redaktion Neue Musik/Jazz)

Wolfram Knauer (Darmstadt), „Red, White and Blue“ oder „Black, Brown and Beige“ – Zum Verhältnis zwischen Jazz und Politik in den USA des 20sten Jahrhunderts

Viola Rühse (Krems), Eric Hobsbawms und Theodor W. Adornos Auseinandersetzung mit Jazz

Christian Broecking (Berlin), Zur Konstruktion des Schwarzen: Die Adorno-Berendt-Kontroverse, Hobsbawms Zuhälter und Marcuses Rebellen

Abschlussdiskussion

Anmerkungen:
[1] Eric J. Hobsbawm (Hrsg), Uncommon People. Resistance, rebellion and jazz, London 1998.
[2] Francis Newton, The Jazz Scene, London 1959.
[3] Eric J. Hobsbawm, Age of Extremes. The Short Twentieth Century, London 1994.
[4] ebd., S. 233.
[5] ebd., S. 235.

Zitation
Tagungsbericht: Hobsbawm, Newton und Jazz, 15.11.2013 – 16.11.2013 Mainz, in: H-Soz-Kult, 17.05.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5373>.
Redaktion
Veröffentlicht am
17.05.2014