Die Bundesrepublik im Vergleich

Ort
Freiburg
Veranstalter
Cornelius Torp, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; Sonja Levsen, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Datum
20.02.2014 - 22.02.2014
Von
Sara Weydner, Berlin

Die von Sonja Levsen (Freiburg) und Cornelius Torp (Halle/Saale) organisierte Konferenz „Die Bundesrepublik im Vergleich“ beschäftigte vom 20. bis 22. Februar 2014 Historikerinnen und Historiker in Freiburg mit der Frage, inwieweit transfer- und vergleichsgeschichtliche Perspektiven die Forschung zur bundesdeutschen Zeitgeschichte erweitern und verändern. Die Veranstalter stellten die Tagung unter die Leitfrage, wie der Vergleich in Reinhart Kosellecks Kategorisierung von Geschichtswissenschaft als Auf-, Fort- und Umschreiben eingeordnet werden kann.[1] Bisher habe sich die Zeitgeschichte hauptsächlich dem Auf- und Fortschreiben gewidmet, wie Torp herausstellt. Dabei habe sie vor allem eine „Erfolgsgeschichte“ der Bundesrepublik Deutschland geschrieben.[2] Ein Perspektivwechsel vieler Historiker in den letzten Jahren hin zum Vergleich mache nun ein erkenntnisgeleitetes „Umschreiben“ der bundesdeutschen Geschichte möglich. Verflechtungs-, Transfer- und Vergleichsgeschichten, so Levsen, könnten durch ein Gegenüberstellen transnationaler Konvergenzen und nationaler Beharrungskräfte Geschichtsbilder revidieren.

Die Themen der Tagung waren sehr vielfältig: Neben Vorträgen zur Geschichte der Arbeit, des Sozialstaats, der Gesundheit, der Architektur, der Gewalt und des Fernsehens wurden auch die Forschungsfelder Demokratisierung, Menschenrechte, nationalstaatliche Souveränität und Energiepolitik beleuchtet. Gemeinsam war allen Beiträgen die vergleichende Perspektive, deren Erkenntnisgewinn die Vortragenden dann jeweils in Bezug auf ihr Thema bewerteten. Geografisch lag der Fokus auf Europa und mit Einschränkungen auf den USA. Dabei blieben Osteuropa und die DDR sowie der globale Süden und Asien unterrepräsentiert. KIRAN KLAUS PATEL (Maastricht) kritisierte diese geografische Selektivität. Er argumentierte, dass auch die mental maps der Zeitgenossen für den Vergleich wegweisend sein müssten; und diese hätten sich häufig über Europa und die USA hinaus erstreckt. PAUL NOLTE (Berlin) stellte fest, dass selbst die USA weitgehend aus den Narrativen der Zeitgeschichte verschwunden seien. Globalgeschichtliche Perspektiven fanden keinen expliziten Eingang in die Konferenz, ebenso wurde die Geschlechtergeschichte, abgesehen von einem Panel mit Christine Krüger und Kristina Schulz, eher stiefmütterlich behandelt.

Die Vortragenden waren sich weitgehend einig darüber, wie der Vergleich in der zeithistorischen Forschung genutzt werden soll. Er sei keine distinkte Methode, sondern eine Perspektive, die dazu diene, nationale Deutungsmuster und Narrative zu hinterfragen, Bedingungen für Prozesse innerhalb mehrerer Nationalstaaten zu kontrastieren und Strukturwandel nachvollziehen zu können. In den Beiträgen von MARTIN KOHLRAUSCH (Leuven) und MALTE THIEßEN (Oldenburg) wurde analysiert, wie transnational vernetzte Experten den Vergleich mit anderen politischen Systemen nutzten. Indem sich deutsche Architekten bzw. Gesundheitspolitiker mit ihren Kollegen aus Polen und Ostdeutschland verglichen, beschrieben sie sich selbst und handelten in Abgrenzung zu anderen Staaten Normen und soziale Ordnung aus. Wenn man dies historisiere, könne man zeitgenössische Deutungsmuster hinterfragen und die Verflechtungsgeschichte als „Immunisierung“ gegen vorschnelle Zäsuren nutzen. Während Kohlrausch sich hierfür mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der „Architekten der sozialen Ordnung“ als kleiner Gruppe der gesellschaftlichen Elite in Ost und West beschäftigte, strengte Thießen einen deutsch-deutschen Vergleich von Impfpolitiken an. Die Geschichte der Gesundheit biete sich besonders an, weil sie soziale Wandlungsprozesse und Deutungsmuster der bundesdeutschen Gesellschaft zum Thema habe; daher könne sie als „Seismograph des Sozialen“ dienen. Die Verflechtungsgeschichte könne nun besonders deutlich aufzeigen, wie das Vergleichsmedium Gesundheit im Allgemeinen genutzt wurde, um gesellschaftliche Normen auszuhandeln, und wie Impfpolitik im Speziellen ein Thema war, bei dem sich Westdeutsche im Vergleich zu anderen Gesellschaften zu Fragen individueller Freiheit und staatsbürgerlicher Pflicht positionierten.

NICOLE KRAMER (Frankfurt a.M.) betonte, dass auch bei einem Vergleich der Wohlfahrtssysteme in der Bundesrepublik, Italien und Großbritannien Deutungsachsen der nationalen Geschichtsschreibung kritisch beleuchtet werden könnten. Insbesondere Mechanismen und Bedingungen der Verrechtlichung des „vierten Alters“ in Heimen könnten so besonders gut aufgezeigt werden. CHRISTINE KRÜGER (Oldenburg) nahm die in Großbritannien etablierte Forschung zum freiwilligen Engagement (voluntary service) zum Anlass, deren Fragen auch an Deutschland zu stellen und durch eine ausdrücklich geschlechterhistorische Perspektive zu erweitern. Bei einem Vergleich der sozialen Verteilung und Geschlechterzusammensetzung, des Organisationsgrads und der Rechtfertigungsmuster in deutschen und britischen Jugendfreiwilligendiensten für die 1950er- und 1960er-Jahre stellte sie fest, dass die transfergeschichtliche Perspektive Unterschiede in der Ausgestaltung und Erfahrung von Freiwilligendiensten (etwa die Distanzierungsbemühungen zum Nationalsozialismus in Deutschland), aber auch gemeinsame Trends (das soziale Engagement als staatsbürgerliche Pflicht im Wohlfahrtsstaat) verdeutliche. KRISTINA SCHULZ (Bern) machte dann auf den inhärent vergleichenden Charakter einer Geschlechtergeschichte sozialer feministischer Bewegungen aufmerksam, da diese selbst transnational gewesen seien. Ihr Vortrag war das Ergebnis einer kollektiven Vergleichsarbeit zur Reproduktions- und Abtreibungspolitik in West- und Osteuropa. Diese Art des Vergleichs könne das, was in nationalen Historiografien als Kontext einer Fallstudie gesehen werde, auf den Prüfstand stellen und gleichzeitig westdeutsche Spezifika der Frauenbewegung offenlegen. Ebenfalls inspiriert durch unterschiedliche nationale historiografische Traditionen wurde CLAUDIA GATZKA (Berlin). Sie arbeitete durch ein Gegenüberstellen westdeutscher und italienischer Narrative über Demokratisierung deren Besonderheiten heraus. Die italienische Forschung zum partizipativen Bürger und zur politischen Kommunikation könne gewinnbringend für die Bundesrepublik nutzbar gemacht werden. Durch einen Vergleich lokaler Praktiken und Ausdeutungen von Demokratie in Deutschland und Italien könnten dann nationale Narrative zugespitzt betrachtet werden.

Immer wieder diente der Vergleich dem Postulat, dass sich die Zeitgeschichte etablierten Deutungsmustern entziehen und Schlagworte wie Westernisierung und Liberalisierung hinterfragen müsse. Vor allem die Zäsur der 1970er-Jahre wurde diskutiert. Nolte fragte etwa nach den Aspekten einer kulturellen und materiellen Auseinanderentwicklung der Bundesrepublik und der USA „nach dem Boom“ unter der Perspektive der Varianten des Neoliberalismus. CHRISTINA VON HODENBERG (London) und JULIA OBERTREIS (Erlangen) beschäftigten sich in ihren Untersuchungen zur Fernsehgeschichte ebenfalls mit Periodisierungsfragen. Erstere stellte ihr Vergleichsprojekt dreier Fernsehserien in Großbritannien, der Bundesrepublik und den USA vor, anhand derer sie die Wirkung des Fernsehens auf den Prozess des Wertewandels der 1960er- und 1970er-Jahre bewertete. Diese Rezeptionsgeschichte schrieb dem Fernsehen in allen drei Ländern die Rolle eines Katalysators von Wertewandel, aber keineswegs eines Pioniers zu. Die Rundfunksysteme und Produktionsbedingungen sowie die Akteure im Produktionsprozess erklärten dann die Unterschiede zwischen den drei Serien. Obertreis konnte zeigen, dass der „Eiserne Vorhang“ in Bezug auf Fernsehexporte aus der DDR und der ČSSR in die Bundesrepublik durchlässiger war, als bisher angenommen. Sie beschäftigte sich außerdem mit Periodisierungsfragen der Fernsehgeschichte und deutete 1968 als Zäsur, die – so die Hypothese – das Fernsehen entpolitisiert und die Familienserie eingeführt habe.

THOMAS ETZEMÜLLER (München) und PETRA TERHOEVEN (Göttingen) stellten ebenfalls Überlegungen zu „1968“ an, das als transnationales Phänomen neu bewertet werden müsse. Etzemüller machte in Deutschland und Schweden große Konvergenzen in der Wahrnehmung von und Reaktion auf Gewalt im Kontext von 1968 aus, in der sich lediglich der Grad, nicht aber die Stoßrichtung politischer Radikalisierung unterscheide. Hieraus ergebe sich, dass das Interpretament einer spezifisch deutschen Radikalisierungserfahrung überprüft werden müsse. Terhoeven suchte in ihrer transnationalen Studie zum deutschen Linksterrorismus nach Ursachen für die Diskrepanz von Selbst- und Fremdwahrnehmung des „Deutschen Herbstes“. Sie führte die Verdüsterung des Bildes der Bundesrepublik in der ausländischen, vor allem aber italienischen public sphere unter anderem auf eine erfolgreiche, diffamatorisch-propagandistische Umkehrung des Täter-Opfer-Verhältnisses durch die Rote Armee Fraktion zurück, die grenzübergreifend radikalisierend gewirkt habe. Diese transnationale Diskussion des Linksterrorismus müsse als eine Auseinandersetzung mit der jeweils eigenen faschistischen Vergangenheit verstanden werden.

KIM PRIEMEL (Berlin) und LUTZ RAPHAEL (Trier) beschäftigen sich schließlich in ihren Studien zur Labour History mit der Frage, ob „nach dem Boom“ etwas qualitativ Neues einsetzte. Priemel zeigte anhand internationaler Vergleiche, dass eine ungenaue Begriffsbestimmung zu verzerrten Ergebnissen führen könne. Wenn Labour History lediglich als Arbeiter- und Arbeiterbewegungsgeschichte definiert werde, könne man deren Bedeutungsverlust mit geringem Aufwand belegen. Eine Ausdifferenzierung der Begrifflichkeiten hingegen könne das Niedergangsnarrativ von und über den Forschungsgegenstand „Arbeit“ hinterfragen und diesen neu periodisieren. Raphael zeigte Probleme, die eine Übertragung deutscher Deutungen, wie etwa die der 1970er-Jahre als Umbruchphase, auf andere Länder mit sich bringt. Die strukturellen Veränderungen, die mit einer „Deindustrialisierung“ einhergingen, müssten differenziert und im Kontext nationaler Politik und Bildungssysteme betrachtet werden. Der Vergleich deute im Bereich des „Humankapitals“ vor allem auf deutsche Besonderheiten hin.

Andere Arbeiten spiegelten wieder, wie der Vergleich auf unterschiedlichen analytischen Ebenen angesiedelt werden kann, um transnationale Divergenzen und Konvergenzen aufzuzeigen. Claudia Gatzka und CHRISTIANE REINECKE (Hamburg) arbeiteten translokal, um den Gegensatz von nationalen Strukturen und lokalen Akteuren aufzulösen. Letztere beschäftigte sich in ihrem Projekt zu urbaner Marginalität mit den transnationalen Verflechtungen von westdeutschen und französischen Sozialwissenschaftlern, die in den 1950er-und 1960er-Jahren lokales Wissen über Armut und soziale Ungleichheit produzierten. Städte und lokale humanitäre Organisationen seien Auftraggeber von transnationalen Studien zur „Entdeckung“ von Armut und Segregation gewesen. Die Deutung von Obdachlosigkeit und Wohnungsnot als Ergebnis sozial produzierter Ungleichheiten unterlag somit einer Gruppe von transnational vernetzten, aber durch lokale Erfahrungen geprägten Experten. Damit entsprachen Gatzka und Reinecke dem Anliegen der Konferenz, durch den Vergleich Wahrnehmungen und Handlungsspielräume von individuellen Akteuren innerhalb von Institutionen und nationalen Kontexten stärker zu gewichten.

Auf einer anderen Ebene wurde diskutiert, welche Bedeutung nationale und internationale Strukturen für die nationale Souveränitätspolitik haben. Hier wurde dem Narrativ des „Souveränitätsverlustes“ von Nationalstaaten im Zuge der Globalisierung eine klare Absage erteilt. Stattdessen sei die nuanciertere Betrachtung von staatlichen Strategien zur Souveränitätssicherung vorzuziehen. RÜDIGER GRAF (Bochum) zeigte in seinem Vortrag zur Energie- und Souveränitätspolitik der USA und der Bundesrepublik in den 1970er-Jahren, dass eine Abgabe von Rechten an internationale Organisationen nicht unbedingt einen Transfer von Souveränität darstellte, sondern dazu diente, sie zu sichern. Seine Wissensgeschichte des Öls sei auch nicht primär als Studie zur Bundesrepublik, sondern als Vorgeschichte gegenwärtiger Problemkonstellationen zu verstehen. JAN ECKEL (Tübingen) stellte dar, wie die Bundesrepublik, die Niederlande, die USA und Großbritannien in den 1970er-Jahren auf die Herausforderungen an ihre politische Steuerungsfähigkeit mit einer Menschenrechtspolitik reagierten. Hierfür wurden die Motive, Kontexte und Wahrnehmungen, die zur Neukonzeption von Außenpolitik führten, sowie die Umsetzung in der außenpolitischen Praxis analysiert. Der Vergleich könne in diesem Fall subjektive Handlungsgrenzen offenlegen und beantworten, warum die Bundesrepublik nicht das moralische Legitimierungspotenzial einer Menschenrechtspolitik für sich zu nutzen wusste, obwohl die gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Herausforderungen denen der Vergleichsländer ähnlich waren. Interessanterweise spielte die Europäische Gemeinschaft in diesen Vorträgen keine Rolle und wurde auch in anderen Panels nicht als institutionelle und sinnstiftende Größe in die Überlegungen miteinbezogen.

BERND WEISBROD (Göttingen) deutete die Vorträge als Strukturgeschichten in vergleichender Absicht. Die Vergleiche hätten weniger das Ziel gehabt, die Bundesrepublik als Sonderfall darzustellen, sondern sie in die Geschichte des „Westens“ einzubetten und dadurch zu „dezentrieren“. Im Vordergrund hätte nicht mehr die Frage gestanden, wie westlich die Westdeutschen seien. Stattdessen sei es darum gegangen, zu untersuchen, ob es gemeinsame westliche Strategien gebe, mit denen Staaten auf strukturell ähnliche Krisen der Arbeit, des Alters oder der Armut reagierten. So konnte das Spannungsfeld von Konvergenz und Divergenz zwischen gemeinsamen Krisenstrategien und „habituell gespeicherten Selbstverständnissen“ von Nationen, die Handlungsoptionen determinierten, beschrieben werden. Daraus ergebe sich, und darin waren sich die Teilnehmer einig, dass jeder Fall in seinem Feld kontextualisiert werden müsse, um den Zusammenhang von nationalen Spezifika und transnationalen Trends zu zeigen sowie den Handlungsrahmen von Akteuren zu bestimmen. ULRICH HERBERT (Freiburg) genauso wie ECKART CONZE (Marburg) problematisierten, dass der Holocaust und die nationalsozialistische Vergangenheit längst zur Fußnote der Zeitgeschichte degradiert worden seien und damit ein wichtiger Teil des Feldes, nämlich die spezifisch deutsche Vergangenheitserfahrung, einfach ausgeklammert werde. JÖRN LEONHARD (Freiburg) wies ebenfalls darauf hin, dass Kontinuitäten aus dem 19. Jahrhundert einfach ausgeklammert würden. Dies führte er auf die zunehmende „Expertisierung“ in der (Zeit-)Geschichtswissenschaft zurück. Er warnte außerdem davor, dass jede Dekonstruktion alter Narrative neue schaffe, die dann häufig unreflektiert als Tertium comparationis verwendet würden. Um dies zu vermeiden, konzeptionierte Patel den Vergleich als heuristisches Mittel, das kulturell und lebensweltlich bedingte Vorannahmen der Forscher überwinden könne. Diese Aufgabe stelle sich besonders der Zeitgeschichte, da zeitgenössische Interpretationen bereits so stark verwissenschaftlicht und theoretisiert seien. Ob die Geschichtswissenschaft relevant bleibe, hänge auch davon ab, ob sie auf Distanz zur Expertise der Zeitgenossen gehen und andere Deutungsmuster anbieten könne.

Insgesamt leuchtete die Konferenz das Instrument vergleichender Forschung genauer aus und betonte ihren Wert für eine deutsche Zeitgeschichte, die Deutungsmuster hinterfragen möchte. Insbesondere das Zusammenspiel von Konvergenz und Divergenz zwischen nationalstaatlichen Räumen wurde thematisiert. Dabei wurde kontrovers diskutiert, welche Handlungsspielräume Akteure in diesem Kräfteverhältnis haben. Vor allem ermutigte die Konferenz dazu, den Vergleich dazu zu nutzen, Narrative zu historisieren und Zäsuren zu dekonstruieren. Als vielversprechender Weg präsentierte sich zum einen eine „Problemgeschichte der Gegenwart“, die sich multiperspektivisch und problemorientiert mit zeitgeschichtlichen Fragestellungen auseinandersetzt.[3] Hier ist die größte Herausforderung für Zeitgeschichtswissenschaftler, „als Experten für Heterogenität, Kontingenz, Partikularität und Ambivalenz“ (sozialwissenschaftliche) Untersuchungen als Quelle zu historisieren und zu problematisieren, statt deren „Label“ unreflektiert zu übernehmen.[4] Zum anderen kamen die Arbeiten, die nationale historiografische Traditionen einander gegenüberstellten und daraus neue Forschungsfragen generierten, dem Anspruch besonders nahe, Narrative umzuschreiben. Andere geografische Räume und Ansätze wie die Global- und die Geschlechtergeschichte hätten zwar öfter hinzugezogen werden können, um neue „Landschaften“ in der Zeitgeschichte zu zeichnen. Im Ganzen aber bestätigte die Konferenz das große Revisionspotenzial von Vergleichs- und Verflechtungsgeschichten und drängte auf eine Neuverhandlung bestehender Narrative.

Konferenzübersicht

Einführung
Sonja Levsen (Freiburg), Cornelius Torp (Halle/Saale)

Panel 1
Moderation: Sonja Levsen (Freiburg)

Kim Priemel (Berlin): Vergleichen, verflechten, verschwinden? „Labour History“ im Dreieck BRD, UK und USA

Lutz Raphael (Trier): Industriearbeit(er) nach dem Boom. Bundesrepublikanische Entwicklungen im west- europäischen Vergleich

Panel 2
Moderation: Helke Rausch (Freiburg)

Christiane Reinecke (Hamburg): Die Entdeckung von Segregation und urbaner Armut in der Bundesrepublik und Frankreich: Eine translokale Geschichte

Nicole Kramer (Frankfurt): Mit dem Dreiervergleich zu einer Gesellschaftsgeschichte des „vierten Alters“

Kommentar
Bernd Weisbrod (Göttingen)

Panel 3
Moderation: Simone Müller-Pohl (Freiburg)

Martin Kohlrausch (Leuven): Aufbruch und Ernüchterung. Architekten in der Frühphase der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen

Malte Thießen (Oldenburg): Vergleichende, verflochtene und verfeindete Gesellschaften: Perspektiven einer Zeitgeschichte der Gesundheit

Panel 4
Moderation: Jörn Leonhard (Freiburg)

Christine Krüger (Oldenburg): Weibliche Dienstbarkeit und (post-)koloniale Abenteuerlust: Ein deutscher und ein britischer Weg zum Ideal der „aktiven Bürgergesellschaft“

Kristina Schulz (Bern): Abtreibung, Protestbewegungen und staatliche Intervention. Deutschland (West/Ost), Rumänien und Frankreich im Vergleich

Panel 5
Moderation: Theo Jung (Freiburg)

Claudia Gatzka (Berlin): Zwei Schüler, ein Lernprozess? Die Bundesrepublik, Italien und die „Demokratisierung“

Jan Eckel (Tübingen): Menschenrechte in der Außenpolitik der siebziger und achtziger Jahre: Die Bundesrepublik im internationalen Vergleich

Panel 6
Moderation: Peter Itzen (Freiburg)

Thomas Etzemüller (München): Gewalt und Gewaltwahrnehmung in den "68er-Bewegungen": Die Bundesrepublik im transnationalen Vergleich

Petra Terhoeven (Göttingen): Der deutsche Linksterrorismus der siebziger Jahre in transnationaler Perspektive

Kommentare
Ulrich Herbert (Freiburg), Jörn Leonhard (Freiburg)

Panel 7
Moderation: Franz-Josef Brüggemeier (Freiburg)

Julia Obertreis (Erlangen): Fernsehen im Vergleich. Die Bundesrepublik zwischen Ost und West

Christina von Hodenberg (London): Fernsehen und Wertewandel im Vergleich: Westdeutschland, Großbritannien und die USA, 1966–1979

Panel 8
Moderation: Cornelius Torp (Halle/Saale)

Rüdiger Graf (Bochum): Project Independence und globale Interdependenz. Energie- und Souveränitätspolitik in den USA und der Bundesrepublik in den 1970er Jahren

Paul Nolte (Berlin): Eine Krise, zwei Kulturen? Deutschland und die USA seit den 1970er Jahren

Kommentare
Kiran Klaus Patel (Maastricht), Eckart Conze (Marburg)

Anmerkungen:
[1] Reinhart Koselleck, Erfahrungswandel und Methodenwechsel. Eine historisch-anthropologische Skizze, in: Christian Meier / Jörn Rüsen (Hrsg.), Historische Methode, München 1988, S. 13-61.
[2] Andreas Rödder, Das „Modell Deutschland“ zwischen Erfolgsgeschichte und Verfallsdiagnose, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (54) 2006, S. 345-363.
[3] Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, 2. Aufl., Göttingen 2010 (1. Aufl. 2008), S. 25; vgl. die Rezension von Nils Freytag, in: H-Soz-u-Kult, 26.03.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-248> (04.05.2014).
[4] Kim Christian Priemel / Rüdiger Graf, Zeitgeschichte in der Welt der Sozialwissenschaften. Legitimität und Originalität einer Disziplin, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 59 (2011), S. 479-495.

Zitation
Tagungsbericht: Die Bundesrepublik im Vergleich, 20.02.2014 – 22.02.2014 Freiburg, in: H-Soz-Kult, 20.05.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5374>.
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Veröffentlicht am
20.05.2014
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