Täter und Opfer

Ort
Gießen
Veranstalter
DFG-Forschergruppe „Gewaltgemeinschaften“
Datum
17.02.2014 - 18.02.2014
Von
Michael Zok, Deutsches Historisches Institut Warschau

Der von der Forschergruppe „Gewaltgemeinschaften“ am 17. und 18. Februar 2014 an der Justus-Liebig-Universität Gießen organisierte Workshop widmete sich unter dem Titel „Täter und Opfer“ eben jenen durch die Anwendung von Gewalt vermeintlich eindeutig zu bestimmenden Gruppen. Dabei sollten diese Gruppen sowie damit verbundenen Assoziationen wie etwa Macht und Ohnmacht, Recht und Unrecht etc. sowie Handlungsoptionen oben genannter Gruppen kritisch anhand eines weitgefassten Samples an Ergebnissen historischer Forschung gefasst werden, die sowohl epochal als auch regional wie auch methodologisch ein weites Feld abdeckten. Dabei widmete sich das erste Panel dem Verhältnis zwischen beiden Gruppen anhand des Konnex Macht, Ohnmacht, Normen; das zweite Panel widmete sich der Repräsentation und Stilisierung von Opfern und Tätern; das dritte den Aushandlungsprozessen der Zuschreibungen sowie deren Auflösung.

In ihrer Einleitung betonten MATHIS PRANGE (Gießen) und STEPHANIE ZEHNLE (Kassel) die vermeintlich einfache Einordnung von Personen im Zuge von Gewaltanwendung in die dichotom einander gegenüberstehenden Gruppen der Opfer und Täter. Dabei konzentrierte sich Prange in seinen Ausführungen auf zwei Ebenen dieser Dichotomie: die moralische wie die juristische. Hinsichtlich Letzterer betonte er die Bedeutung des geltenden Rechts für die Kategorisierung und die anhand verschiedener Kriterien eindeutige rechtliche Zuordnung von Opfern und Tätern. Auf der moralischen Ebene seien beide Begriffe nicht wertneutral: Täter seien eindeutig negativ konnotiert, Opfer würden Mitleid hervorrufen. Häufig gehe aufgrund von bestehenden Stereotypen eine unkritische Kategorisierung von Individuen wie auch Gruppen in diese klare Dichotomie einher, wodurch Handlungslogiken und Alternativen verwischt werden. Es gehe im Workshop somit darum, Dynamiken und Normenverschiebungen zwischen Opfern und Tätern sowie den Wechsel von der einen in die andere Gruppe und vice versa genauer zu betrachten. In den weiteren einleitenden Bemerkungen betonte Zehnle die verschiedenen Dimensionen von Opfern und Tätern, die sich nicht nur in der sprachlichen Unterscheidung zwischen sacrifice und victim sowie deren religiöse Aufladung widerspiegelten, sondern ebenso den (aktiv, das heißt Gewalt einsetzenden) Tätern jene gegenüberstellte, die sich durch Nicht-Handeln zu Tätern machten. Zehnle betonte, dass die Bedeutung der Opfer hinsichtlich ihrer religiösen wie auch juristisch-moralischen Konnotation verschwimmen würden und nannte als Beispiele die Bezeichnung „Holocaust“ sowie dschihadistische Strömungen. Zugleich verwies sie auf die Bedeutung des Wechsels der Täter-Opfer-Beziehungen, die sich insbesondere im victimblaiming widerspiegelten. Nicht zuletzt durch die Beschäftigung mit Gruppenphänomenen wie den Gewaltgemeinschaften sei eine klare Definition von Opfern und Tätern notwendig, die sich empirisch jedoch häufig nicht halten lasse und deshalb eine kritische Reflexion benötige, insbesondere beträfe dies die gruppenimmanenten Dynamiken. Zugleich betonte Zehnle die Bedeutung Dritter für die Aushandlungsprozesse um die Kategorisierung in Opfer und Täter und erweiterte diesen Blick um die Frage nach „Vierten“ (etwa den Passiven innerhalb von Gewaltgemeinschaften wie dem Tross) und weiteren Gruppen.

Im ersten Beitrag widmete sich MATTHIJS GERRITS (Leiden) den westfriesischen Fehdegesellschaften im 15. Jahrhundert und fragte nach Normenwandel in Bezug auf die Anwendung von Gewalt, wobei Letztere sich sowohl physisch wie auch symbolisch manifestieren konnte. Als regionales Spezifikum nannte er das Phänomen der friesischen Freiheit – die Organisation des Gemeinwesens auf kommunaler Ebene, ohne dass ihr ein Fürst vorstünde. Während Fehden zunächst als eine gemeinhin akzeptierte Form der Gewaltanwendung – etwa aus Gründen von Rache – akzeptiert wurden, führten Machtkämpfe zwischen zwei Adelsfamilien zu einer Eskalation der Gewalt in den 1480er-Jahren, die schlussendlich durch die Eroberung und Unterstellung der Provinz unter Albert von Sachsen beendet wurde. Dabei spielten externe Faktoren wie (die eigentlich verbotenen) Söldner sowie interne wie das allmähliche Zusammenbrechen des Fehdesystems eine entscheidende Rolle. Zentral für die Fragestellung war die Frage nach der Inklusion und Exklusion von Söldnertruppen. Schlussendlich kam der Referent zu dem Ergebnis, dass sich die Normen nicht gewandelt hätten, die Eskalation der Gewalt jedoch auf Gruppendynamiken zurückzuführen sei.

VADIM POPOV (Gießen) widmete sich in seinem Vortrag den Erinnerungen an die Feld- und Raubzüge der sogenannten Lisowczycy im Norden des Russländischen Reichs während der Zeit der Wirren im frühen 17. Jahrhundert, wobei eine eindeutige Identifikation der gewaltanwendenden Gruppen nicht möglich sei. Popov verwies auf den Mangel an russischsprachigen Quellen, bediente sich jedoch ethnografischer Aufzeichnungen aus dem 19. Jahrhundert, die die lange Wirkungsdauer der pejorativ als „pany“ bezeichneten Söldnertruppe und verschiedener Splittergruppen im dortigen Raum nachzuzeichnen. Zentrale Motive in diesen lokalen Legenden seien einerseits die Errettung des Dorfes durch einen Heiligen bzw. göttliche Intervention sowie die Bestrafung der Angreifer, was ein Ausdruck der religiösen Deutung der Gewalt in der lebensweltlichen Betrachtung der nordrussischen Bauern entspricht. Neben diesen Motiven spielten ferner vermeintliche Schätze der Söldnertruppe sowie Verweise auf deren Verstecke eine besondere Rolle, die sich durch Toponyme artikulierte sowie die Furcht vor einer Wiederauferstehung der Lisowczycy.

MICHAEL WERNER (Gießen) wiederum nahm städtische Gewalt in Belfast in der Zwischenkriegszeit in den Blick und konzentrierte sich auf drei Perioden extremer Straßengewalt bzw. -kämpfe: die Jahre 1920-22, 1932 sowie 1935, verwies jedoch zugleich auf die longue durée der Gewalterfahrungen im konfessionell gespaltenen Nordirland und speziell auf die Belagerungsmentalität in der nordirischen Metropole. Einen besonderen Platz nahmen paramilitärische Gruppierungen beider Seiten ein, die das staatliche Gewaltmonopol nicht akzeptierten. Zugleich zeichnete er ebenso soziale Zusammenhänge innerhalb der gewalttätigen Ausschreitungen im Jahre 1932 nach, die durch die hohe Arbeitslosigkeit infolge der Weltwirtschaftskrise zur Eskalation führte. Werner zeigte in seinem Vortrag die Verschiedenartigkeit der Gewaltausübenden: So unterschied er zwischen organisierten und spontanen Tätern – wobei Letztere insbesondere zur Mitte der 1930er-Jahre in den Vordergrund traten – und fragte nach bisher wenig beachteten Tätergruppen wie etwa Frauen und Kinder bzw. Jugendliche.

DAVID PRATTEN (Oxford) beschäftigte sich in seinem Beitrag mit einer Reihe von Morden im südlichen Nigeria unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor dem Hintergrund der kolonialen Beziehungen zu Großbritannien und verwies auf die unterschiedliche Wahrnehmung der Verbrechen, die von britischer Seite in einen rituellen Zusammenhang interpretiert wurden, statt soziale und persönliche Motive in den Fokus der Untersuchung zu nehmen. Die Imitation von Leopardenangriffen wurden als magische und mächtige Handlung interpretiert. Michel de Certeau folgend versuchte Pratten die Zuschreibung der Morde als rituell zu falsifizieren, wobei er die Methoden der Untersuchungskommission einer kritischen Prüfung unterzog: So hätten weder die britischen Beamten noch ihre Helfer vor Ort die Sprache der lokalen Bevölkerung gesprochen, Beweise seien falsch interpretiert worden etc. Diese Ereignisse mit ähnlichen in Sierra Leone vergleichend kam der Referent zum Resümee, dass die rituelle Zuschreibung der Morde als Ausdruck eines antikolonialen Diskurses zu werten sei.

Der besonderen Rolle der Dritten bei der Darstellung von Täter-Opfer-Beziehungen während des Bayrischen Erbfolgekrieges widmete sich PHILIPP BATELKA (Gießen). In seinen Ausführungen betonte er die Nichtexistenz von Quellen, die die Tätersicht widerspiegelten, und verwies auf zentrale Elemente der Darstellung von (ethnisch nicht eindeutig identifizierbaren) „Kroaten“ und „Panduren“, die sich durch die Thematisierung von körperlichen Misshandlungen, Orientalisierung, Bestialisierung sowie Dämonisierung auszeichneten. Dabei dienten „Kroaten“ und „Panduren“ als Projektionsfläche für die Alternität und Exotik der leichten habsburgischen Kavallerie sowie der Diskreditierung. Zugleich dienten religiöse Erklärungsmuster der Bestialisierung des Gegners wie der Gewaltanwendung. Peter Imbusch folgend[1] resümierte Batelka, dass es sich bei der Enthumanisierung der „Kroaten“ um einen Versuch der (moralischen wie psychischen) Entlastung gehandelt habe, wobei eine wissensarchäologische Untersuchung der Vermittlung durch Dritte für weitere Forschungen notwendig sei.

HANS MEDICK (Göttingen) widmete sich in seinem Beitrag den Beziehungen zwischen Soldaten und Hausbesitzern während des 30jährigen Krieges, wobei Selbstzeugnisse aus dem süddeutschen Raum eine prominente Stellung in seinen Überlegungen einnahmen: Dabei nahmen die Reflexionen eines Angehörigen der städtischen Elite von Ulm ein distanzierte Position zum Themenkomplex ein, die mit der Verrechtlichung von Besetzungen und gleichzeitiger Ablehnung von Gewaltexzessen einherging, wobei ein bestimmtes Maß an Gewalt jedoch als legitim akzeptiert wurde. Anders interpretierten Selbstzeugnisse der ländlichen Bevölkerung die kriegerischen Auseinandersetzungen, die zu Flucht in die Stadt führten; hierbei war die Perspektive von einer generalisierenden Ablehnung der als brutal wahrgenommenen Soldaten sowie von religiösen Motiven für die Gewalt gekennzeichnet, die ebenso mit symbolischer Gewaltanwendung und Untergrabung der Autorität des Hausherren einherging. Zugleich wies Medick auf positive Vorkommnisse hin und betonte die Notwendigkeit weiterer Forschungen über das ambivalente Verhältnis zwischen Soldaten und Zivilbevölkerung.

Daran anschließend widmete sich MARKUS MEUMANN (Halle) militärischen Übergriffen und ziviler Gegenwehr während des 30jährigen Krieges, betonte die Dynamik von Gewalt und Gegengewalt, wobei insbesondere die dichotome Unterscheidung zwischen Opfern und Täter in der jeweiligen Gewaltphase verschwamm und fragte nach der Selbstwahrnehmung von Soldaten als Ziel bäuerlicher Gegengewalt. Dabei richtete sich Letztere auch gegen passive Mitglieder der Gewaltgemeinschaft wie Soldatenfrauen und -kinder. Die Umkehr von Täter-Opfer-Beziehungen und die Thematisierung von Gegenwehr in Synthesen zum 30jährigen Krieg bezeichnete der Referent als ein Desiderat. Meumann betonte in seinen abschließenden Bemerkungen zwei Elemente: Die Übertragung der Gegenwehr auf das Kollektiv sowie die Widerspiegelung des Normbruchs durch Gewalt und Gegengewalt.

Im dritten Beitrag zum 30jährigen Krieg griff MICHAEL WEISE (Gießen) die bereits von Batelka und Meumann problematisierten Konnex zwischen extremer Gewaltanwendung, Stereotypisierung von „Kroaten“, den Wechsel von Opfern zu Tätern und die Dynamik zwischen Gewalt und Gegengewalt wieder auf und erweiterte ihn um zwei Elemente: einerseits die Verallgemeinerung aller Kroaten zu Tätern, andererseits die Entrechtlichung der Kroaten, die nicht als Kriegsgefangene behandelt wurden. Zudem zeigte Weise eine Parallele zu den finnischen Reitern auf, die als Antipoden der Kroaten galten, da beide von der Peripherie des jeweiligen Reiches stammten und als Exoten wahrgenommen wurden. Gerade durch ihre geografische Nähe zum Osmanischen Reich wurden die Kroaten in der Zuschreibung in die Nähe Ersterer gerückt, was mit einer Balkanisierung und Orientalisierung einherging.

Im letzten Beitrag behandelte JACKSON ARMSTRONG (Aberdeen) Prozesse der Schlichtung und Wiedergutmachung von (Gewalt-)Vergehen im spätmittelalterlichen Schottland, wobei er diese Prozesse anhand der Dichotomie zwischen Stadt und Land untersuchte. Ein Unterschied zwischen beiden Räumen sei die Häufigkeit von Schlichtungsprozessen, sowie die unterschiedliche Bedeutung des Verwandtschaftsverhältnisses zwischen Angreifer und Angegriffenen oder zum Richter. Zugleich betonte Armstrong, dass die Terminologie der Quellen unscharf sei, und weder Gewaltakte noch Täter und Opfer eindeutig als solche bezeichnet werden würden, sowie den Umstand, dass es sich hierbei um weltliche Prozesse ginge, die die Einbeziehung der Kirche außen vor ließen.

In der Abschlussdiskussion wurden grundlegende Erkenntnisse des Workshops zusammengefasst: Diese umfassten die Betonung (der Notwendigkeit weiterer Untersuchungen) des Zusammenhangs zwischen Normverletzung und mangelnder Staatlichkeit sowie die Rolle kollektiver Täterzuschreibungen, die teilweise von den Opfern zu einem Recht auf Gegengewalt ausgelegt werden würden, sowie die Betrachtung bisher vernachlässigter Gruppen wie etwa Frauen und Kinder. Hinsichtlich der Dynamiken wurde konstatiert, dass mögliche Wechsel zwischen Opfern und Tätern beachtet werden müssten, sowie dass eine Grenzziehung zwischen beiden Gruppen gerade in den Quellen selten in einer allgemeingültigen Klarheit vorläge, sondern dass eher Fluktuationen an der Tagesordnung seien. Hieran schließe sich die Frage der rechtlichen Stellung der Täter bzw. deren Entrechtlichung als Folge der (extremen) Gewaltanwendung sowie nach gruppenspezifischen Gewaltpraktiken und internen Dynamiken an.

Grundlegend kann festgehalten werden, dass der Workshop und die Abschlussdiskussion gerade die scheinbar fest zementierte Dichotomie zwischen Opfern und Tätern hinterfragte und für die Erforschung des Kontextes der Gewaltanwendung sensibilisierte. Durch die Einbeziehung des Letztgenannten sei es möglich, so der Tenor der Veranstaltung, dass Gewaltsituationen und -handlungen jenseits der vorherrschenden Kategorisierungen von Opfern und Tätern möglich seien. Wie dies im konkreten Fall zustande gebracht werden kann, ist eine der offenen Fragen, die auf die jeweilige zu betrachtende Situation angewendet werden muss.

Konferenzübersicht:

Stephanie Zehnle (Kassel) / Mathis Prange (Gießen), Einführung

Panel I. (Ohn-)Macht und Normen

Matthijs Gerrits (Leiden), Fighters and victims in Frisian feuding violence (fifteenth century)

Panel II. (Re-)Präsentation und Stilisierung

Vadim Popov (Gießen), Gedächtnis der Opfer. Die Lisowczycy in Überlieferungen des russischen Nordens

Michael Werner (Gießen), Belfast Street Scene. Städtische Unruhen in Belfast in der Zwischenkriegszeit

David Pratten (Oxford), The Man-Leopard Murder Mysteries

Philipp Batelka (Gießen), Täter, Opfer und der Dritte. Kroaten und Panduren im kleinen Krieg

Panel III. (Aus-)Handlungen und Auflösung

Hans Medick (Göttingen), Der Krieg im Haus? Militärische Einquartierungen und Täter-Opfer-Beziehungen in Selbstzeugnissen des Dreißigjährigen Krieges

Markus Meumann (Halle), Militärische Übergriffe und zivile Gegenwehr. Gewaltdynamiken jenseits des Täter-Opfer-Schemas

Michael Weise (Gießen), Grausame Opfer. Kroatische Söldner und ihre unterschiedlichen Rollen im Dreißigjährigen Krieg

Jackson Armstrong (Aberdeen), Arbitration and Emendation of Offerences in Late Medieval Scotland. Rural und Urban Contexts

Abschlussdiskussion

Anmerkung:
[1] Peter Imbusch, Moderne und Gewalt. Zivilisationstheoretischer Perspektiven auf das 20. Jahrhundert, Wiesbaden 2005.

Zitation
Tagungsbericht: Täter und Opfer, 17.02.2014 – 18.02.2014 Gießen, in: H-Soz-Kult, 22.05.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5379>.