Johannes Mathesius. XI. Frühjahrstagung zur Geschichte der Wittenberger Reformation

Ort
Lutherstadt Wittenberg
Veranstalter
Institut für Kirchengeschichte Leipzig; IEG Leibniz-Institut für Europäische Geschichte Mainz
Datum
06.03.2014 - 08.03.2014
Von
Christiane Domtera-Schleichardt, Institut für Kirchengeschichte, Universität Leipzig

Vom 6. bis 8. März fand in der Leucorea in Wittenberg die XI. Frühjahrstagung zur Geschichte der Wittenberger Reformation statt, veranstaltet von Irene Dingel (Leibniz-Institut für Europäische Geschichte Mainz) und Armin Kohnle (Institut für Kirchengeschichte, Universität Leipzig). Die Tagung widmete sich dem Leben, Werk und Wirken des Johannes Mathesius (1504-1565).

Nach der Begrüßung und Einführung durch IRENE DINGEL (Mainz) und einem Grußwort des Vorsitzenden der Mathesius-Gesellschaft, KARLHEINZ EICHLER, stellte ARMIN KOHNLE (Leipzig) in der ersten Sektion „Biographie und Forschung“ die Persönlichkeit des Johannes Mathesius anhand der weitgehend unbekannten Biographie des Mathesius-Nachkommen Johann Balthasar Mathesius (1705) vor und zog vergleichend die im 19. Jahrhundert entstandenen Biographien von Karl Friedrich Ledderhose (1806-1890) und Karl Amelung (1818-1866) heran. Kohnle umriss die bei Balthasar dargestellten Lebensstationen des Mathesius: Kindheit und Jugend in Rochlitz, seine Studienzeit in Ingolstadt, Mathesius' ersten Studienaufenthalt in Wittenberg und seine wirkmächtige Zeit als Schulmeister und Pfarrer in Joachimsthal, und betrachtete Balthasars Beschreibungen zu Mathesius' Schriften, Ehe, Familie und Lebensende. Kohnle arbeitete heraus, dass alle biographischen Arbeiten vor dem Mathesius-Forscher Georg Loesche (1855-1932) nicht als wissenschaftliche Forschung anzusehen sind: Die Beschäftigung mit Mathesius' Person durch Johann Balthasar Mathesius, Ledderhose und Amelung habe als ein eher von der Pfarrer- und Lehrerschaft getragenes Sujet zu gelten. Balthasars Biographie sei jedoch faktenreich und sachlich gültig. Die Biographien des 19. Jahrhunderts beruhten im Wesentlichen auf Balthasars Lebensbeschreibung und vermittelten darüber hinaus wenig Neues.

KARL SCHWARZ (Wien) zeichnete detailliert den wissenschaftlichen Werdegang des Mathesius-Forschers Georg Loesche (1855-1932) nach und hob dessen große Bedeutung für die Mathesius-Forschung heraus: Loesche habe editorische und bibliographische historische Grundlagen von bleibendem Wert geschaffen. Seine zweibändige Monographie über Mathesius' Leben und Werke (1895) habe als Standardwerk zu gelten.

Mathesius' Verbindungen zu den Wittenberger Reformatoren wurden in der zweiten Sektion „Mathesius und die Wittenberger“ betrachtet. ALEXANDER BARTMUSS (Leipzig) präsentierte Mathesius als wichtigen Tradenten der Tischreden Martin Luthers, der seltene Einblicke in die Art und Weise der Tischgenossenschaft Luthers gewährte und dem ein wichtiger Überlieferungsstrang der Tischreden (bes. 1540) zu verdanken sei. Er kombinierte seine Mitschriften am Tisch Luthers mit Materialien aus den Jahren, in denen er selbst nicht anwesend war. Mathesius' eigene Aufzeichnungen seien zwar nicht erhalten, doch eine in Leipzig aufbewahrte Handschrift (MathL) böte als beste Handschrift den ursprünglichen Text. Die reiche Sammlung des Mathesius lasse den Wunsch nach einer authentischen und vollständigen Sammlung der Tischreden erkennen. Nicht zuletzt habe Mathesius mit seiner Sammeltätigkeit und der Weitergabe seiner Aufzeichnungen die Ausbildung einer Wittenberger Gruppenidentität gefördert.

Über Mathesius' Rolle als Lutherbiograph sprach MICHAEL BEYER (Leipzig). Mathesius widmete 17 von 1562 bis 1564 gehaltene Predigten der Biographie Luthers, die 1566 als Sammlung erschienen. Als häufige Leitmotive benannte Beyer beispielsweise die Weissagungen auf Luther, Luther und die Bibel, die Confessio Augustana, die Universität Wittenberg seit ihren Anfängen. Eine Gattungseinordnung der Schriften erscheine schwierig, jedoch könnte der Begriff „lutherische Memorialbiographie“ zutreffend sein, zumal die Erinnerung des Mathesius an Luther immer mit der Wittenberger Gruppe verbunden sei.

Die Beziehung zwischen Mathesius und Philipp Melanchthon untersuchte CHRISTINE MUNDHENK (Heidelberg). Erste persönliche Kontakte entstanden offenbar erst während Mathesius' Joachimsthaler Zeit und bei seinem zweiten Aufenthalt in Wittenberg. Auffallend oft kommunizierte Mathesius auch über Paul Eber mit Melanchthon. Die Korrespondenz der Männer sei geprägt von gegenseitigem Respekt und Anerkennung sowie lebendigem wissenschaftlichen Austausch und wechselseitiger Inspiration. Drei thematische Schwerpunkte der Briefe arbeitete Mundhenk heraus: 1. Melanchthons Bestreben, Mathesius zur Sicherung der lutherischen Lehre zu bewegen, 2. die Berufung des Mathesius an die Universität Leipzig, und 3. naturwissenschaftliche Betrachtungen zum Bergwerk.

Den Themenkreis „Mathesius als Prediger in Joachimsthal“ eröffnete MARTIN WERNISCH (Prag). Er zeigte in seinem Vortrag, dass sich das theologische Denken von Mathesius zwar fest im Referenzrahmen der Wittenberger Reformation bewegte, jedoch in Details und praktischer Anwendung von den spezifischen Verhältnissen in Böhmen nicht unbeeinflusst bleiben konnte. Nur die Berücksichtigung dieser Perspektive könne zu einem präziseren Verständnis führen. Als konkretes Beispiel führte Wernisch die Problematik der Adiaphoralehre und das damit verbundene behutsam konservative Verfahren bei der reformatorischen Umwandlung der gottesdienstlichen Formen in Joachimsthal an. Diese Praxis zeigte sich in Joachimsthal bereits vor dem Schmalkaldischen Krieg, offenbar mit Rücksicht auf die bedrohliche rechtliche Lage der Evangelischen in Böhmen.

Die Sarepta, die Bergpostille des Mathesius, stand im Mittelpunkt des Referats von HANS OTTO SCHNEIDER (Mainz). Er erläuterte, wie Mathesius Verbindungen zwischen der biblischen Bergwerkstadt Sarepta und seiner Wirkungsstätte Joachimsthal zog: In einem Zyklus von 17 Predigten stellte Mathesius in sachkundiger Weise seit 1543 Geschichte und Praxis des Bergbaus dar. Schneider zog die Bilanz, dass Mathesius mit diesen zu besonderen Gelegenheiten, nämlich an Fastnachtdienstagen gehaltenen Predigten, seine Anteilnahme an Alltagsleben und -sorgen der Joachimthaler Gemeinde zeigte.

Der Beitrag von HENNING P. JÜRGENS (Mainz) konzentrierte sich auf die Hochzeitspredigten des Mathesius. Jürgens stellte heraus, dass es sich bei Hochzeitspredigten um ein neues, dezidiert reformatorisches Genre handele: Die rechtliche Neuordnung der Ehe vollzog sich in den Kirchenordnungen in Abkehr vom formalen Akt der Eheschließung zur Hinwendung zum Predigtgottesdienst. Die Joachimsthaler Kirchenordnung könne hierbei als früher expliziter Beleg für obligatorische Hochzeitspredigten herangezogen werden. Mathesius' Hochzeitspredigten, die in einfallsreicher Weise Grundlagen und Prinzipien der Ehe beschreiben, waren als Sammlung herausgegeben ein großer Erfolg: Wirkungsgeschichtlich sind sie besonders durch ihre sekundäre Nutzung als Ratgeber bedeutsam und prägten die Gattung der lutherischen Hochzeitspredigten.

JENS HERZER (Leipzig) betrachtete in seinem Vortrag Mathesius' Predigten über den Johannesprolog (Joh 1,1-18), die 1589 postum als Sammlung erschienen. Als dogmatisches Zentrum der ersten Predigten benannte Herzer Homoousie und die Zwei-Naturen-Lehre. Weiterhin charakterisierte er die Predigten als einen in Etappen strukturierten Lehrvortrag, der in erster Linie nicht dem Text, sondern dem Katechismus verpflichtet sei: Man könne die Predigtreihe als eindringliches dogmatisch-katechetisches Vermächtnis des Mathesius verstehen; der Weg zur lutherischen Orthodoxie sei damit klar beschritten worden.

Mathesius' Wirken als Prediger und Exeget widmete sich der vierte Themenblock. Mathesius' Auslegungen zur Genesis in dessen Postilla prophetica stellte VOLKER GUMMELT (Greifswald) vor. Als Grundschema zahlreicher dieser Auslegungen arbeitete er eine Kombination von Evangelientexten mit alttestamentlichen Bibelstellen heraus. Mathesius bezog sich häufig auf die Genesis. Dass Mathesius keine bloße Exegese der alttestamentlichen Texte vornahm, sondern diese vor allem christologisch deutete, wies Gummelt exemplarisch nach. Viele Sprüche aus der Urgeschichte der Genesis habe Mathesius als Beleg für das Bestehen der lutherischen Lehre bereits seit Anbeginn gewertet.

MARCO FRENSCHKOWSKI (Leipzig) lenkte den Blick auf die Frage, ob Mathesius' Leben Jesu als erstes „Jesusbuch“ zu verstehen sei. Die Predigten fokussieren auf Jesus Christus als Person und als Erlöser. Mathesius orientierte sich bei seinen Erklärungen zwar vor allem an den Synoptikern, erkannte jedoch auch die Besonderheiten des Johannesevangeliums und integrierte johanneische Stoffe in die synoptische Evangelienerzählung. Die abwechslungsreiche, teils wörtliche, teils allegorische, additive, aber nicht kritische Nacherzählung der Jesusgeschichten zeichne besonders ihr erbaulicher Charakter aus.

TRICIA ROSS (Durham) fokussierte auf das Thema Auferstehung in Mathesius' Leichenpredigten. Sie diskutierte die Verbindung, die Mathesius zwischen der Rechtfertigungslehre und der Auferstehung zog und identifizierte die leibliche Auferstehung als Quelle des Trostes für ihn und seine Gemeindemitglieder in Zeiten der Trauer: Seine Betonung lag dabei auf der leiblichen Auferstehung der Christen, der Wiedervereinigung der Christen mit den Ihren und Christi Verständnis für Trauer.

Mathesius' Kommentar zu Jesus Sirach fungierte als eine Art Katechismusunterricht für die Joachimsthaler Schulmädchen, der Anweisungen zum christlichen Benehmen im Alltag vermitteln sollte, wie ROBERT KOLB (St. Louis) erläuterte. Der Kommentar lässt erkennen, wie ein Schüler Luthers und Melanchthons die Wittenberger Methode der Bibelauslegung und den Katechismusunterricht verwendete, indem er den Prinzipien von Melanchthons Dialektik und Rhetorik folgte und Beispiele und Zitate von Autoren aller Zeitalter gebrauchte. Mathesius hielt sich in seiner Auslegung zum größten Teil an den Text von Sirach, brachte jedoch auch zentrale Themen der Wittenberger Reformation, wie Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, Rechtfertigung durch den Glauben und den Begriff vom aktiven Wort Gottes, ein.

Die letzte Sektion konzentrierte sich auf Mathesius' Verhältnis zu Kunst und Musik. ANDREA HOFMANN (Mainz) führte nach einer Bestandsaufnahme der echten und der Mathesius zugeschriebenen geistlichen Lieder seinen Umgang mit Liedtexten vor: Mathesius' Ziel sei es gewesen, durch die Lieder Theologie in den Alltag der Joachimsthaler Gemeinde zu integrieren und die rechte Lehre auf spielerische Weise verständlich zu machen. Dazu bediente er sich des Kontrafakturverfahrens und einer angemessenen, bildreichen Sprache: Selbst dogmatische Inhalte kleidete er in vertraute Bilder ein. Teilweise seien Anspielungen auf die innerlutherischen Kontroversen zu erkennen.

CHRISTOPHER BROWN (Boston) referierte über Mathesius' Verhältnis zur Kunst. Mathesius sah sich selbst als „Freund und Patron der Musica“: In seinem Verständnis von Musik als ehrliche Gabe Gottes schmückte er seine Predigten mit langen Reihen von Komponisten, verteidigte den Gebrauch von Instrumenten und empfahl Kirchenlieder. Auch der bildenden Kunst stand Mathesius interessiert gegenüber. Bedeutende Kunstwerke und namhafte Künstler sind in seinen Predigten beschrieben. Der Kunst maß Mathesius wie der Musik eine pädagogische Funktion zu und schätzte den von Gott inspririerten, christlichen Künstler einen öffentlichen Bekenner des Glaubens. Brown hob Mathesius' besondere Leistung hervor, die lutherische Theologie durch die Künste tief in die bürgerliche Kultur eingewoben zu haben.

In der von Irene Dingel geleiteten Schlussdiskussion wurde Mathesius als ein Multiplikator der Wittenberger Theologie im Geiste Luthers beschrieben, der eigene Akzente setzte. In der Lutherbiographie und in der Tischredenüberlieferung zeigte sich sein Bemühen, den authentischen Luther zu vermitteln. Große Transferleistungen vollzog er darin, das Leben in Joachimsthal mit der Heiligen Schrift in Verbindung zu setzen. Mathesius erwies sich als begabter Geschichtenerzähler mit großem Ideenreichtum. Hervorgehoben wurde, dass sich Mathesius' Wirksamkeit aus seinen Predigten konstituiert. Sein Werk blieb zwar auf das Predigtgenre beschränkt, innerhalb dessen bewegte er sich jedoch in einem breiten Spektrum und schuf Texte mit ganz unterschiedlichen Funktionen: erzählend, dogmatisch, exegetisch, aber auch erbaulich und dem Alltagsleben der Joachimsthaler Gemeinde verpflichtet. Seine zahlreichen Predigten können nicht nur Aufschluss über Mathesius als Theologen geben, sondern auch als reiche Quelle für die Alltagskultur der Reformationszeit herangezogen werden.

Konferenzübersicht:

Irene Dingel (Mainz), Einführung in die Tagung

I: Biographie und Forschung

Armin Kohnle (Leipzig), Das Leben des Johannes Mathesius nach Johann Balthasar Mathesius 1705

Karl Schwarz (Wien), Georg Loesche als Mathesius-Forscher

II: Mathesius und die Wittenberger

Alexander Bartmuß (Leipzig), Mathesius am Tisch Martin Luthers

Michael Beyer (Leipzig), Mathesius als Biograph Martin Luthers

Christine Mundhenk (Heidelberg), Mathesius und Philipp Melanchthon

III: Mathesius als Prediger in Joachimsthal

Martin Wernisch (Prag), Joachimsthal zur Zeit des Johannes Mathesius

Hans Otto Schneider (Mainz), Sarepta – die Bergpostille des Johannes Mathesius

Henning P. Jürgens (Mainz), Hochzeitspredigten

Jens Herzer (Leipzig), Predigten über den Johannesprolog

IV: Mathesius als Prediger und Exeget

Volker Gummelt (Greifswald), Die Auslegungen zur Genesis in der Postilla prophetica

Marco Frenschkowski (Leipzig), Das Leben Jesu

Tricia Ross (Durham), Resurrection and Consolation in Mathesius’ Leichenpredigten

Robert Kolb (St. Louis), Ars vivendi and ars moriendi: Mathesius’ Jesus Syrach Commentary as Catechetical Instruction.

V: Mathesius' Umgang mit Kunst und Musik

Andrea Hofmann (Mainz), Geistliche Lieder

Christopher Brown (Boston), Mathesius und die Kunst

Schlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Johannes Mathesius. XI. Frühjahrstagung zur Geschichte der Wittenberger Reformation, 06.03.2014 – 08.03.2014 Lutherstadt Wittenberg, in: H-Soz-Kult, 27.05.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5389>.
Redaktion
Veröffentlicht am
27.05.2014