Aktuelle Forschungen zur Nachkriegsgewalt 1918-1923

Ort
Marburg
Veranstalter
Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft, Marburg
Datum
26.03.2014
Von
Frank Grelka, Zentrum für Interdisziplinäre Polenstudien (ZIP), Europa-Universität Viadrina Frankfurt an der Oder

Das Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung lud am 26. März 2014 zu einer Diskussion aktueller Forschungsansätze über die Gewalt nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Der Workshop beleuchtete die Jahre 1917-23, in denen eine Vielzahl von Revolutionen und Gegenrevolutionen, Bürgerkriegen und zwischenstaatlichen Konflikten die Bemühungen um eine neue europäische Friedensordnung unterliefen. Im Mittelpunkt stand die Frage nach dem Ausmaß und den Folgen nicht-staatlicher Gewalt im Vakuum zwischen dem Zerfall polyethnischer Imperien und der Konsolidierung neuer nationalstaatlicher Grenzen in Ostmitteleuropa.

ROBERT GERWARTH (Dublin) plädierte in seinem Eröffnungsvortrag dafür, zeitgenössische Paradigmen (Revanchismus, die bolschewistische Revolution und den Mythos vom jüdischen Bolschewismus und seine Wirkungsmacht während der Bildung autoritär geführter Nationalstaaten) aus der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs als Erklärungsmuster für den Ausbruch und die Brutalisierung des Zweiten Weltkriegs heranzuziehen.

FELIX SCHNELL (Berlin) nahm in seinem methodischen Beitrag die Frage nach der Erforschung vormoderner Gewaltformen nach dem Großen Krieg wieder auf, die INA ALBER (Marburg) in der Einleitung aufgeworfen hatte. In Anklang an Sofskys Analyse zu sozialen Machtformen zeigte Schnell am Beispiel der Makhnovshchyna im russischen Bürgerkrieg auf dem Gebiet der heutigen Ostukraine, wie lokale Warlords durch ein hohes Maß an abschreckender Gewalt aus sozialen Räumen Gewalträume schufen, die sich durch ein hohes Maß an Gruppenmilitanz und Körperlichkeit auszeichneten.

Am Fallbeispiel der ‚Baltikumer’, Freikorpseinheiten, die eigentlich als Sicherheitsdivisionen für den Rückzug des Reichheeres gedacht waren, lieferte MATHIAS VOIGTMANN (Marburg) das komplementäre Paradigma zum Konzept des Gewaltraums von Schnell. Ehemalige Soldaten verlassen ihre von militärischem Dienst, bürgerlicher Existenz und positiven Rechten geprägten sozialen Räume, um zwischen Dezember 1918 und Januar 1920 als Partisanen gegen bolschewistische, estnische und lettische Verbände zu kämpfen.

JOCHEN BÖHLER (Jena) fasste anschließend die gemeinsamen Merkmale paramilitärischer Gewaltausbrüche in der Region zusammen. Laut seiner Synthese wurde Ostmitteleuropa nach dem Großen Krieg zu einem Gewaltraum, da einerseits der konventionelle Krieg vorbei war, andererseits lokale militärische Verbände als Interventionstruppen eine Herrschaftsagenda in das osteuropäische Feld führten, die von einem hohen Maß an Ideologisierung und nationalistischen Rachemotiven geprägt waren.

Ebenfalls aus der Täterperspektive argumentierte WOJCIECH PIENIAZEK (Marburg) im zweiten Fallbeispiel des Tages über den Krieg deutscher und polnischer militärisch irregulärer Einheiten um Oberschlesien. Während sich deutsche Freikorpsverbände aus den Strukturen ehemaliger Grenzschutzverbände des deutschen Reichsheeres über Kameradschaft, Führerkult und einem starken antipolnischen Stereotyp als kämpfende Truppe neu erfanden, habe sich ihr Pendant auf polnischer Seite aus Parteigängern Dmowskis von hoher patriotischer Motivation ehemaliger Sokół-Mitglieder im preußischen Teilungsgebiet bzw. Anhänger der von Piłsudski gegründeten Polska Organizacja Wojskowa zusammengesetzt.

HANS-JÜRGEN BÖMELBURG (Gießen) ermunterte in seinem zusammenfassenden Kommentar die Tagungsteilnehmer, die Forschung zu paramilitärischen Verbänden in den sich nach 1918 neu konstituierenden Staaten zu vertiefen, gerade weil in diesen Ländern derartige historische Phänomene im Kanon der Nationalhistoriographie nivelliert wurden. Deutscherseits seien Interpretationen der Grenzkämpfe auf der Grundlage von Erinnerungsberichten von Protagonisten der Freikorpsverbände als ex-post Narrative besonders quellenkritisch zu beäugen. Und im Hinblick auf die Gewalträume könnten erst Lokalstudien die Greifbarkeit eines solchen Konzepts verifizieren; ebenfalls, so gab ANNA VERONIKA WENDLAND (Marburg) zu bedenken, sei die Rolle der Frau in diesen von Männlichkeit bestimmten Gewalträumen bisher kaum thematisiert worden.

Insgesamt unterstrich der Workshop die Notwendigkeit einer systematischen Erforschung der Nachkriegsgewalt jenseits einer konventionellen politischen Geschichtsschreibung, die bisher von der Kontinuitätsdebatte vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg geprägt war. Weitgehende Einigkeit konnte darüber erzielt werden, dass die extremen Gewaltausbrüche in bürgerkriegsähnlichen Konflikten bis zur Konsolidierung der polnischen Ostgrenzen 1923 als Forschungsparadigma separat und multiperspektivisch zu behandeln seien.

Der exzellenten Workshop-Konzeption war es zu verdanken, dass der Austausch eine bemerkenswerte Dynamik auf der methodischen Ebene entwickeln konnte, in die nicht zuletzt geeignete Korrektive einflossen. So wurde einerseits die Frage nach den Perspektiven der zivilen Opfer, wobei besonders eine Untersuchung der jüdischen Opferperspektive auf die unterschiedlichen Motive und Gewaltmuster paramilitärischer Verbände angeregt wurde, gestellt (HEIDI HEIN-KIRCHER, Marburg), andererseits auf die Notwendigkeit einer Analyse sozialer Motivationen unter den marodierenden Truppen hingewiesen (z.B. Landerwerb) hingewiesen, und im Hinblick auf den Grad der Brutalisierung nicht zuletzt die Rechtstraditionen (Herrschaftsprinzip, Gewohnheitsrecht bzw. bürgerliches Recht) bzw. die Rechtskonstruktion neuer Feindbilder hinterfragt, die Akteure über Bord warfen bzw. Gefolgschaften legitimierten.

Offen blieb die von den Veranstaltern angeregte und angesichts der russischen Annexion der Krim hochaktuelle Frage nach der unterminierenden Wirkung paramilitärischer Gewalt für die parallele Aushandlung verbindlicher Rechtsnormen für eine stabile Weltordnung. Im Laufe des Workshops gelang es nichtsdestoweniger, neue sozialgeschichtliche und biographische Perspektiven auf die Konfrontation zwischen postimperialen und nationalstaatlichen Gewaltgemeinschaften zu eröffnen, aber auch aufzuzeigen, dass border studies zu Ostmitteleuropa nach dem Ersten Weltkrieg noch mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit verdienen.

Konferenzübersicht:

Ina Alber (Herder-Institut Wissenschaftsforum/Leibniz Graduate School), Einführung

Robert Gerwarth (University College, Dublin), Krieg im Frieden: Europa nach dem Ersten Weltkrieg

Felix Schnell (Humboldt-Universität zu Berlin), Theoretische Überlegungen zum Konzept des Gewaltraums

Mathias Voigtmann (Herder-Institut, Marburg), Die Freikorps als Schule der Gewalt – Die Baltikumer als spezielle Gewaltgemeinschaft unter besonderer Berücksichtigung der Biographie Ernst von Salomons

Anna Veronika Wendland (Herder-Institut, Marburg), Moderation

Jochen Böhler (Imre Kertész-Kolleg an der Friedrich-Schiller-Universität, Jena), (Para-)Militärische Konflikte in Ostmitteleuropa 1918-1923

Wojciech Pieniazek (Herder-Institut, Marburg), Bewaffnete Gruppen im oberschlesischen Grenzgebiet 1918/19: Binnenstruktur und Motivation

Heidi Hein-Kircher (Herder-Institut, Marburg), Moderation

Hans-Jürgen Bömelburg (Universität Gießen), Zusammenfassender Kommentar und Ausblick

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Aktuelle Forschungen zur Nachkriegsgewalt 1918-1923, 26.03.2014 Marburg, in: H-Soz-Kult, 30.05.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5396>.
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Veröffentlicht am
30.05.2014
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