4. Graduiertenworkshop für Doktorandinnen und Doktoranden der Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Ort
Salzburg
Veranstalter
Luisa Pichler / Reinhold Reith / Georg Stöger, Fachbereich Geschichte, Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte, Universität Salzburg
Datum
21.03.2014 - 22.03.2014
Von
Stephan Köhler, Institut für Mittelalterliche Geschichte, Universität Mannheim

Zum mittlerweile vierten Mal fand der Graduiertenworkshop österreichischer Doktorandinnen und Doktoranden der Wirtschafts- und Sozialgeschichte statt. Die Tagung, die zum zweiten Mal vom Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg organisiert wurde, soll Promovierenden der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, zudem der nahen Felder Umwelt- und Technikgeschichte die Möglichkeit geben, ihre laufenden Dissertationsprojekte vorzustellen und im Plenum zur Diskussion zu stellen. Das Ziel war es, die große Breite der wirtschafts- und sozialgeschichtlichen, sowie umwelt- und technikgeschichtlichen Ansätze abzubilden, die momentan an österreichischen Universitäten verfolgt werden.

Dazu kamen am 21. und 22. März sieben Doktorand/innen sowie ausgewählte Expert/innen, die als Moderator/innen und Kommentator/innen fungierten, in Salzburg zusammen, um aktuelle Forschungsströmungen zu diskutieren. Der zeitliche Horizont der behandelten Forschungsprojekte erstreckte sich vom Hochmittelalter bis zur Zeitgeschichte. In den Beiträgen wurden zudem sehr unterschiedliche Aspekte beleuchtet, die vom Fernhandel im Mittelmeer bis hin zu Paarbeziehungen in der DDR reichten. Die Präsentationen der einzelnen Projekte wurden durch ausgewählte Expert/innen des jeweiligen Faches kommentiert und bildeten die Grundlage für die anschließende Diskussion. Das Format legte somit großes Gewicht auf Feedback und allgemeine Diskussion zu den jeweiligen Arbeiten.

STEPHAN KÖHLER (Mannheim/Wien) präsentierte erste Ergebnisse aus seinem laufenden Dissertationsprojekt zur Entstehung des Fernhandels zwischen dem westlichen Mittelmeerraum, insbesondere der Provence, und der Levante. So wird im 12. und 13. Jahrhundert erstmals eine kleine Gruppe von Provenzalen in den Quellen sichtbar, die in den erstarkenden Fernhandel investierte. Entgegen der weit verbreiteten Forschungsmeinung sei dieser Expansionismus nicht am Vorbild der italienischen Kaufleute orientiert gewesen, sondern habe sich in Folge eines Wandels der Binnenökonomien vollzogen. Dieser Wandel soll mit Hilfe eines akteursorientierten Zugangs, das heißt der Analyse personeller Verflechtungen und Fernhandelsaktivitäten provenzalischer Kaufleute, aufgezeigt werden. Die anschließende Diskussion – basierend auf dem Kommentar von ANGELA SCHOTTENHAMMER (Salzburg) – drehte sich um die Frage, wie Bereiche des Fernhandels und des regionalen Austausches mit Massengütern am besten miteinander erforscht werden können. Dabei wurde insbesondere die Rolle von „port cities“ für die Verflechtung von Binnenökonomie und Fernhandel diskutiert.

Es folgte MARTIN BAUER (St. Pölten/Wien) mit einem Vortrag zu seiner Studie über Agrarsysteme in Niederösterreich im 19. Jahrhundert. Ausgehend von bis dato nicht ausgewerteten Primärquellen soll eine agrarräumliche Differenzierung der Region vorgenommen werden. Als Kriterien zur Gliederung und Anordnung der Agrarsysteme dienen verschiedene Bewirtschaftungsmethoden, Produktivität, Marktorientierung sowie soziale Merkmale (z.B. Betriebsgrößen und Arbeitsorganisation). Um diese vielseitigen Aspekte zu erfassen, werden als Quellenbestände Agrarstatistiken der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die für alle Katastralgemeinden angelegten Schätzungsoperate des Franziszeischen Katasters aus den 1820/30er-Jahren herangezogen. Mittels einer fundierten und quellenkritischen Deskription des Datenmaterials werden unterschiedliche Zusammenhänge herausgearbeitet, die erstmals ein umfassendes Gesamtbild der agrarregionalen Differenzierung der Region im 19. Jahrhundert ermöglichen. Die Kommentare durch NORBERT ORTMAYR (Salzburg) und ROMAN SANDGRUBER (Linz) thematisierten nochmals die schwierige Auswertung des vorhandenen Materials. Darauf aufbauend setzte sich das Plenum anschließend mit Fragen nach möglichen Gründen für widersprüchliche Daten in den Quelltexten und einer möglichen Interpretation des so gewonnenen Materials auseinander.

In einem weiteren regionalen Fallbeispiel griff RUDOLF BUCHINGER (Wien) am Beispiel des niederösterreichischen Waldviertels die Diskussion um Prämissen der Protoindustrialisierungsforschung auf. In seinem Vortrag über die Kombination von landwirtschaftlichen und gewerblichen Tätigkeiten im Waldviertel Ende des 18. Jahrhunderts beleuchtete Buchinger das Leinengewerbe, welches zumeist nur im Schatten des Baumwollsektors stand. Indem der Referent das Leinengewerbe in das Zentrum der Untersuchung rückt zeigte er auf, dass Landwirtschaft und Leinengewerbe im Waldviertel gleichrangige Standbeine der untertänigen Höfe – insbesondere aber auch der (groß)bäuerlichen Schichten – gewesen sind. REINHOLD REITH (Salzburg) verwies in seinem anschließenden Kommentar auf die vielseitigen wirtschaftlichen Faktoren in Landwirtschaft und Gewerbe, zudem explizit darauf, dass nicht nur Kaufleute und Verleger gewinnorientiert agierten. Die Diskussion behandelte dann unter anderem die Frage, wie mit dem Fehlen aussagekräftiger Quellen zur gewerblichen Produktion die Thematik erschlossen werden kann.

Den ersten Tag beendete GABRIELE OTT (Salzburg) mit ihrer Präsentation zu unehelich geborenen Kindern und ihren Eltern in der oberösterreichischen Pfarrgemeinde Pöndorf von 1785 bis 1919. Neben der Erstellung wichtiger Eckdaten (Illegitimitätsquote, Säuglingssterblichkeit in beiden Gruppen usw.) widmet sich die Arbeit auch den Eltern, vor allem den Müttern. Ziel der Studie ist, festzustellen aus welchen sozialen Schichten diese stammten und wie es ihnen möglich war, ihre Kinder aufzuziehen. Durch die weitere Analyse der Paten und Patinnen sollen soziale Netzwerke von ledigen Müttern aufgezeigt werden. MARKUS CERMAN (Wien) regte in seinem anschließenden Kommentar an, zur Kontextualisierung des Vorhabens den Blick exemplarisch auf Akten von Ehegerichten, dem politischen Ehekonsens, der Waisenverwaltung sowie auf verfügbare Autobiographien aus dem ländlichen Milieu auszuweiten. Der Anstieg der Illegitimität zur Mitte des 19. Jahrhunderts legt eine Verschlechterung der Heiratschancen nahe, die auch mit dem Wandel der Beschäftigungsstruktur verknüpft gewesen sein könnte.

Ein Vortrag über die Nützlichkeit technischer Literatur im 18. Jahrhundert von HARALD KLEINBERGER (Graz) eröffnete den zweiten Tag. Das Projekt beschäftigt sich mit der Verwendung und dem Besitz von technischer Literatur durch „Techniker“ und „Ingenieure“ im 18. Jahrhundert und verbindet diesen Ansatz mit einer Charakterisierung und Untersuchung der „Nützlichkeit“ (Bild-Text-Theorie) dieser Literatur. Dabei wird bewusst ein breites Spektrum an Quellen (nicht gedruckte technischen Schriften, technische Zeichnungen, technische Gebrauchsliteratur, Nachlässe und Inventare, Briefe von „Ingenieuren“, Technikern und Wissenschaftlern) erfasst. Insbesondere die technische Gebrauchsliteratur wird im Hinblick auf ihre Autoren, Rezipienten, ökonomische Verwendbarkeit und ihre inhaltliche Nützlichkeit untersucht. MARCUS POPPLOW unterstrich in seinem (von Reinhold Reith vorgestellten) Kommentar die Bedeutung dieser Gattungen und regte an, die Fragestellung auf die Funktion von medialer Repräsentation für Techniker zu fokussieren. Damit verbundene Fragestellungen prägten auch die anschließende Diskussion, die sich mit technischen Zeichnungen als historischer Quellengattung beschäftigte.

Es folgte LUISA PICHLER (Salzburg) mit ihren Ausführungen zu sozialen Implikationen und den Umweltauswirkungen der Zentralisierung der städtischen Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung im 19. und 20. Jahrhundert. Pichler thematisierte insbesondere die Frage nach "environmental justice" am Beispiel der Stadt Linz: Sie untersucht die soziale und räumliche Verteilung von Umweltvorzügen und -belastungen im Zusammenhang mit der Wasserinfrastruktur. Die Arbeit ist am Schnittpunkt von Sozial- und Umweltgeschichte angesiedelt und analysiert, wer ab welchem Zeitpunkt und in welcher Form Zugang zu Infrastrukturleistungen hatte, bzw. wer davon weitgehend oder völlig ausgeschlossen war und auf wen sich die zentralen Sanitärsysteme nachteilig auswirkten, sowie ob eine Externalisierung von städtischen Umweltproblemen ins Hinterland erfolgte. Der Kommentar von GERHARD MEIßL (Wien) verwies ergänzend auf die „actor-network theory“, die konsequent die Beziehungen und Wechselwirkungen von Menschen, Technik, gebauter und natürlicher Umwelt in den Blick nimmt und daher gerade für die Umweltgeschichte sehr fruchtbare Ergebnisse erwarten lasse. Die anschließende Diskussion thematisierte sowohl die Brauchbarkeit der vorher genannten Ansätze als auch jene des Begriffs „environmental justice“ und drehte sich um die Frage, wie mit scheinbar normativen Begrifflichkeiten in den Geschichtswissenschaften gearbeitet werden kann.

Im Anschluss stellte EVA SCHÄFFLER (Salzburg) ihre Arbeit zu Paarbeziehungen in der späten DDR und im Ostdeutschland der 1990er-Jahre vor. In ihrer Untersuchung wird das Jahr 1989 nicht als Wendepunkt sondern als Zwischenstufe in der Entwicklung der Paarbeziehungen betrachtet. Schäffler argumentiert, dass im Staatsozialismus geprägte Leitbilder und Rahmenbedingungen für Beziehungen zumindest zum Teil weiterbestanden. Darüber hinaus wird in ihrer Arbeit analysiert, wie die Paarbeziehungen von komplexen, teils widersprüchlichen Interrelationen zwischen staatlich transportierten Leitbildern und Maßnahmen einerseits und lebensweltlichen Idealen und Praktiken andererseits, geprägt waren. Diesen Zusammenhang zeigte die Vortragende am Beispiel der Eheschulen auf, welche in der späten DDR zur Vorbereitung der Jugend auf Ehe und Familie gegründet wurden, diesen Auftrag jedoch auf Grund mangelnder Teilnehmer/innenzahlen kaum erfüllen konnten. Hieran wird deutlich, wie stark der ideologische Anspruch von der damals gelebten Praxis abwich. INGRID BAUER (Salzburg) hat in ihrem Kommentar auf die komplexe „Logik“ von Herrschaft (unterschiedliche Akteur/innen, Handlungs- und Vermittlungsebenen) hingewiesen. Der „Eigensinn“ der Lebenswelt der Bürger/innen sollte daher nicht nur als Reaktion/Reflex auf staatliche Vorgaben dargestellt werden, sondern er sollte auch die umgekehrte Dynamik erfassen. So könnte etwa thematisiert werden, wie lebensweltliche Praxen staatliche Behörden unter Reaktionszwang gebracht haben.

In Form eines Schlusskommentars durch MICHAEL PAMMER (Linz) erfolgte zuletzt eine resümierende Betrachtung der Tagung und der dort diskutierten Forschungsvorhaben. Da die Möglichkeit der Präsentation von Dissertationsvorhaben von sieben Doktorand/innen mit sehr unterschiedlichen Themen wahrgenommen wurde, bezog sich Pammer auf allgemeine Anforderungen an Papers, wie sie bei Tagungen relevant sind. Hervorgehoben wurden einerseits das Erfordernis einer klaren operationalisierbaren Fragestellung, die von Anfang an deutlich macht, worum es in der Arbeit konkret geht (und worum es nicht geht), und andererseits die Notwendigkeit, die gewählte Methode aus der eigenen Fragestellung zu begründen. Dementsprechend wurde betont, dass es nicht sinnvoll sei, zuerst Quellen auszuwählen und dann auf Basis dieser Quellen („explorativ“) Thesen und Fragestellungen zu entwickeln.

Insgesamt hat der Workshop dazu beigetragen, ausgewählte Dissertationsprojekte aus den Bereichen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, sowie Umwelt- und Technikgeschichte zu diskutieren und den Vortragenden durch Expert/innen ein Feedback zu den vorgestellten Fragestellungen und Methoden zu geben. Zudem gewährte die Veranstaltung für Promovierende eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, Ideen und Erfahrungen auszutauschen. Auch ermöglichte sie insgesamt eine Zusammenschau von aktuell bearbeiteten Themen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, wie auch der Umwelt- und Technikgeschichte. Die vorgesehene, regelmäßige Abhaltung des Workshops wird hoffentlich weiter zu einer intensiveren Vernetzung und Kooperation der in Österreich zu diesen Themenfeldern Forschenden beitragen können.

Konferenzübersicht:

Sylvia Hahn (Vizerektorin, Universität Salzburg): Grußworte

Reinhold Reith (Salzburg), Luisa Pichler (Salzburg): Eröffnung des Workshops

Stephan Köhler (Wien/Mannheim): Von der Masse zur Klasse. Neue Perspektiven der mittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte
Kommentar: Angela Schottenhammer (Salzburg)

Martin Bauer (St. Pölten/Wien): Agrarsysteme in Niederösterreich im 19. Jahrhundert
Kommentare: Roman Sandgruber (Linz), Norbert Ortmayr (Salzburg)

Rudolf Buchinger (Wien): Webende Bauern. Agrarischer Lebensunterhalt und Leinengewerbe im Waldviertel, 1750-1850
Kommentar: Reinhold Reith (Salzburg)

Gabriele Ott (Salzburg): Zivilstand: Unehelich. Pöndorf 1785-1919
Kommentar: Markus Cerman (Wien)

Harald Kleinberger (Graz): Nützlichkeit technischer Literatur im 18. Jahrhundert Kommentar: Marcus Popplow (Berlin) (vorgetragen von Reinhold Reith)

Luisa Pichler (Salzburg): Environmental (In)Justice: Wasser in der Stadt Linz im 19./20. Jahrhundert
Kommentar: Gerhard Meißl (Wien)

Eva Schäffler (Salzburg): Paarbeziehungen in der späten DDR und in Ostdeutschland
Kommentar: Ingrid Bauer (Salzburg)

Michael Pammer (Linz): Schlusskommentar

Zitation
Tagungsbericht: 4. Graduiertenworkshop für Doktorandinnen und Doktoranden der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, 21.03.2014 – 22.03.2014 Salzburg, in: H-Soz-Kult, 03.06.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5404>.