Neue Forschungen zum Zisterzienserkloster Loccum

Ort
Loccum
Veranstalter
Kloster Loccum; Evangelische Akademie Loccum; Abteilung für Kulturgeschichte und vergleichende Landesforschung, Universität Vechta
Datum
04.04.2014 - 06.04.2014
Von
Simon Sosnitza, Historisches Institut, Universität Mannheim

Das vor 400 Jahren evangelisch gewordene Zisterzienserkloster Loccum beging im Jahr 2013 mit einem eindrucksvollen Festprogramm sein 850jähriges Bestehen, das auch den Hintergrund dieser Tagung bildet. Unter dem Thema „Neue Forschungen zum Zisterzienserkloster Loccum” fand vom 4. bis 6. April 2014 im Kloster und in der Evangelischen Akademie in Loccum eine umfangreiche Fachtagung zur mittelalterlichen Geschichte der Abtei statt. Dabei wurden bislang wenig beachtete und neue Forschungsfelder der Loccumer Zisterzienserzeit in den Blick genommen. Im Verlaufe der Tagung stellte sich zudem immer deutlicher heraus, dass die 850jährige Geschichte des Klosters wissenschaftlich längst noch nicht ausgeschöpft ist. Die Tagung wurde in einer Kooperation des Klosters Loccum, der Evangelischen Akademie Loccum und der Abteilung für Kulturgeschichte und vergleichende Landesforschung der Universität Vechta organisiert und durchgeführt.

Nach kurzen Begrüßungsworten des Loccumer Abtes, Horst Hirschler, Landesbischof a.D., führte Bernd Ulrich Hucker (Vechta) als Tagungsleiter in die kommenden Themenblöcke ein. Im ersten Themenblock „Aus der Klostergeschichte“ befasste sich das Eingangsreferat von BERND ULRICH HUCKER (Vechta) mit der Persönlichkeit des Dänenprinzen Waldemars († 1226), vormaliger Bischof von Schleswig, Erzbischof von Hamburg und Bremen sowie Mönch in der Zisterzienserabtei Loccum. Im Mittelpunkt standen die regionalen und überregionalen Beziehungsgeflechte Waldemars, aber auch die Frage nach der Einbindung in die Zisterze Loccum und wie es überhaupt zu Kontakten zwischen Waldemar und Loccum kam. Hucker verdeutlichte dabei, dass der deutsche Thronstreit zwischen Staufern und Welfen seine Auswirkungen auch im Bistum und der Stadt Bremen hatte. Parteigänger der Welfen und Staufer saßen abwechselnd auf dem Bremer Bischofsstuhl, einer von ihnen war Waldemar. Die Wirren des Bremer Schismas wurden deutlich geschildert, an deren Ende Waldemars Flucht aus der Stadt Bremen ins Loccumer Kloster stand. Waldemar trat als geächteter Mann in den Loccumer Konvent mit einigen Anhängern ein. In Loccum angekommen stellte er sich als großer Wohltäter für das Kloster heraus. Unter ihm wurde die Klosterkirche zu einem Großteil fertig gestellt. Auch einen besonderen Schatz brachte der ehemalige Erzbischof mit ins Kloster. Den Rock Christi, der in einer Mauer versteckt sein soll, umranken seitdem viele Geschichten im Kloster. Begraben liegt dieser ungewöhnliche Loccumer Mönch in der St. Johanniskapelle der Abtei. SIMON HAUPT (Osnabrück) führte im zweiten Referat an, welche unterschiedlichen Motive – Neutralisierung der Wehranlage, Sicherung von Außenbesitzungen, Frömmigkeitsstiftung oder Sühneleistung – für eine Klosterstiftung oder bei einer Burganlage vorliegen können. Loccum ist nicht alleinige Stiftung einer Zisterzienserabtei in oder bei einer Burgstätte. Weitere Beispiele sind Ihlow (Landkreis Aurich) und Loccums Mutterkloster Volkenroda (Landkreis Unstrut-Hainich-Kreis). Die Burganlage der Luccaburg war bereits zur Klosterstiftung aufgelassen und diente zur Grundausstattung der jungen Zisterze.

Den zweiten Themenblock „Baugeschichte“ gestaltete URS BOECK (Hannover). In seinen Ausführungen legte er dar, dass die Loccumer Klosterkirche deutlich früher datiert werden muss, ihr Bau eher ins frühe 13. Jahrhundert zu datieren sei. Dendrochronologische Befunde des Dachstuhls des Chores bzw. Altarraumes führen in die frühen 1220er-Jahre. Die Fertigstellung des Gesamtbaus müsste um 1250 erfolgt sein. Datierungen des wertvollen Triumphkreuzes und Chorgestühls lassen dasselbe Datum der Fertigstellung vermuten. Für den schnellen Bau während der 1220er-Jahre sei die finanzielle Unterstützung des oben genannten Waldemars von herausragender Bedeutung gewesen. Boeck ging auch der Frage nach, in welchem Stil die Kirche erbaut sei. Weder Romanik noch Gotik war seine Antwort. Die Mischung aus beidem führe zu einer Kathedralgotik, ähnlich der des Kölner Domes.

Den Auftakt des zweiten Tages bildete der Themenblock „Memoria“. Im ersten Referat analysierte IRMGARD HAAS (Hannover) das Loccumer Nekrolog des Abtes Theodor Stracke (reg. 1600-1627). Das Nekrolog ist eine dicht bestückte, kalendarisch angelegte Übersicht, in dem über 1.000 Personen gedacht wird. Aus diesen Aufzeichnungen ließen sich detaillierte Aussagen zu Personengruppen und Gaben als Gegenleistung der Memoria treffen. Solche Gaben an die geistliche Gemeinschaft des Klosters waren neben Geldbeträgen Almosen, Haus- und Landbesitz, Zehnte, Naturalien und Tiere, Bücher und Paramente sowie Servitien, also die Speisung des Loccumer Konventes. Bei den Personengruppen spiegelt sich die mittelalterliche Gesellschaft deutlich wider. Ebenso ermögliche der Loccumer Nekrolog einen Einblick in das dichte Beziehungsgeflecht der Zisterze. Loccumer Mönche werden mit Namen und Weihegrad aufgeführt. Etliche Konversen werden genannt. Beziehungen zu anderen Klöstern werden deutlich, so zu der Tochtergründung Reinfeld oder Rulle. Bürgern der nahe liegenden Städte wurde ebenfalls gedacht. Auch zu hochadeligen Geschlechtern wie denen der Welfen und der Grafen von Hoya lassen sich Einträge finden. Darüber hinaus sind aber auch Personen genannt, derer durch Anordnungen des Generalkapitels, also innerhalb des gesamten Ordens, gedacht wurden. NATHALIE KRUPPA (Göttingen) machte im zweiten Referat deutlich, dass die Memoria in der mittelalterlichen Welt einen überaus wichtigen Bestandteil des Lebens darstellte. Eine Klosterstiftung sei dabei eine ganz besondere Memorialstiftung gewesen. Verwunderlich ist, dass die Loccumer Stifter, die älteren Grafen von Hallermund, im Loccumer Nekrolog Strackes keine Erwähnung finden. Hochadelige Grablegen der Schaumburger Grafen (Adolf III., gestorben 1225), der Grafen von Hoya (gestorben Heinrich II., Otto II. gestorben 1324), der Edelherren von Adensen (Dietrich gestorben 1236) und von Holte (Amelung gestorben 1169) sind allerdings auszumachen. Auch durch diese hochadeligen Grablegen wird ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht zwischen Kloster und den Adelsgeschlechtern deutlich.

Im vierten Themenblock „Wirtschaftsgeschichte“ veranschaulichte zunächst WERNER RÖSENER (Gießen), wie sich die Zisterze Loccum zu einem bedeutenden Wirtschaftsbetrieb zwischen Weser und Leine entwickelte. Er machte deutlich, dass Loccum keine Rodungsabtei gewesen ist, sondern Landbesitz im Altsiedelland erwarb. Die prosperierende Klosterwirtschaft stellte er anhand dreier Phasen bis zum wirtschaftlichen Niedergang der Abtei im ausgehenden Mittelalter dar. Schenkungen, Käufe und Tauschaktionen führten zur Arrondierung von Großbesitzungen – den Grangien, einem bedeutenden Pfeiler der Klosterwirtschaft. Ferner arbeitet Rösener die hervorragende Bedeutung des Klosterbezirkes heraus, der als Basis der Grundversorgung der Klosterfamilie zu sehen sein muss. SIMON SOSNITZA (Mannheim) stellte in seinem Referat das Pendant zu den Grangien – die Stadthöfe – vor. In den Bischofsstädten Minden, Bremen, Hildesheim und Osnabrück sowie in den Städten Hannover, Herford, Bad Münder, Stadthagen und Goslar hatte das Kloster Loccum für kürzere oder längere Zeit städtischen Besitz. Der Referent machte deutlich, dass nicht jeder städtische Besitz mit einem Stadthof im zisterziensischen Sinne gleichzusetzen sei. Sicher nachzuweisende Stadthöfe existierten in Hannover, Minden und Bad Münder. Sosnitza stellte die beiden wichtigen Funktionen – Wirtschaft und Herberge – vor. Für den Loccumer Hof in Hannover können zudem drei Phasen – Wirtschafts-, Handels- und Zinshebehof – ausgemacht werden. Aussagen zum Personal sind in der Regel nur schwer zu treffen. Stadthofverwalter sind für den Loccumer Hof ab dem 15. Jahrhundert zu bestimmen. Im späten Mittelalter gingen die städtischen Besitzungen verloren, oft ist der genaue Verlust nicht zu fassen. Der hannoversche Stadthof überdauerte bis ins 20. Jahrhundert und fiel einem Bombenangriff des Jahres 1943 zum Opfer und brannte gänzlich nieder.

Der fünfte Themenblock befasste sich mit der Reformationszeit. GERALD KRUHÖFFER (Loccum) machte in seinem Referat zum Konfessionswechsel der Zisterze Loccum deutlich, dass es keine ruckartige Reformation im Kloster gegeben habe, sondern sich diese über mehrere Dekaden hinzog. Das Loccumer Umland wurde bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts protestantisch, das Kloster Loccum hingegen blieb dem alten Glauben treu. Noch auf dem Reichstag 1530 in Augsburg stellte Kaiser Karl V. dem Kloster ein Schutzprivileg aus, welches dem Kloster seine Stellung bewahren sollte. Protestantische Kirchenvisitationen seitens der Calenberger Herzöge 1542/43 durch Antonius Corvinus konnte das Kloster erfolgreich verhindern. Loccum beharrte auf seine Eigenständigkeit, seiner Zugehörigkeit zum Zisterzienserorden und damit auf das Visitationsrecht des Vaterabtes. Erst 1585 wurde dem Braunschweiger Herzog Julius die Erbhuldigung ausgesprochen. Interessant ist, dass die Loccumer Äbte in den folgenden Dekaden immer wieder den Herzögen von Braunschweig huldigten und sich ihre Privilegien von ihnen bestätigen ließen. Loccum konnte somit eine besondere Stellung innerhalb des Herzogtums aufbauen und etablieren, was unweigerlich zum Erhalt der Abtei beigetragen hat. INGE MAGER (Hamburg) referierte zu Antonius Corvinus als Loccumer Mönch und Reformator. Sie stellte heraus, dass Corvinus wohl kein Loccumer Mönch gewesen sei, vielmehr ein Klosterschüler in Riddagshausen. Die Quellenbelege für eine Profess Corvins in Loccum sind zu spärlich. HANS OTTE (Hannover) stellte im Abschlussreferat Gerhard Molans Vorstellungen zu einem evangelischen Mönchtum vor. Durch die Unionstheologie des Helmstedter Professors, Georg Calixt, beeinflusst entwickelte Molan erste Vorstellungen von einem evangelischen Mönch. Dieser müsse sich bei erstem Anblick von einem weltlichen Menschen allein durch sein Ausstrahlungskraft, nicht durch seine äußere Erscheinung unterschieden und hervorheben. Molans evangelisches Mönchtum knüpft an zisterziensische und benediktinische Traditionen an. Arbeit, um der Müßigkeit vorzubeugen, kommt dabei die zentrale Rolle zu. Ein evangelischer Mönch solle die klassischen Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ablegen. Molan legte großen Wert auf die Einhaltung der Stundengebete und die Ehelosigkeit, wenigstens für die Zeit im Kloster. Die Mönche sollen sich als geistliche Elite verstehen. Sie bilden Studenten und Priester aus und erhalten als Gegenleistung eine lebenslange Versorgung durch die Klostergemeinschaft. Als Unterschied zum alten Mönchtum kann ein evangelischer Mönch aber durchaus dem Klosterleben wieder entsagen und in ein weltliches zurückkehren.

Zum Abschluss der Tagung resümierten Horst Hirschler und Bernd Ulrich Hucker die Ergebnisse der Tagung. Die über 80 Teilnehmer der Tagung waren mit Inhalten und der Organisation sehr zufrieden. Die mittelalterliche und reformatorische Geschichte der ehemaligen Zisterze Loccum konnte ein großes Stück weiter erforscht werden. Durch die zehn Referate und nicht zuletzt durch die ausführlichen Diskussionen wurde deutlich, dass die Klostergeschichte bisher viel zu wenig Beachtung in ihrer Aufarbeitung fand, und welches weitere Potential für folgende Tagungen und Forschungen das Kloster Loccum bietet. Sie konnte einen entscheidenden Beitrag und Anschub für kommende Projekte liefern.

Konferenzübersicht:

Themenblock I: Aus der Klostergeschichte
Moderation: Simon Sosnitza

Bernd Ulrich Hucker (Vechta), Prinz Waldemar von Dänemark als Loccumer Mönch und Bauherr

Simon Haupt (Osnabrück), In civitatibus, castellis, villis, nulla nostra construenda sunt cenobia! Zisterziensergründungen auf Burganlagen und Herrensitzen

Themenblock II: Baugeschichte
Moderation: Hans Otte

Urs Boeck (Hannover), Bindung und Aufbruch im Bau der Klosterkirche Loccum

Themenblock III: Memoria
Moderation: Bernd Ulrich Hucker

Irmgard Haas (Hannover), Zisterziensisches Totengedenken im Kloster Loccum

Nathalie Kruppa (Göttingen), … et in Lucka … sepultus … Loccum als Grablege und Memorialort des Hochadels im Mittelalter

Themenblock IV: Wirtschaftsgeschichte
Moderation: Nathalie Kruppa

Werner Rösener (Gießen), Grangien und Grundbesitzentwicklung des Klosters Loccum im Mittelalter

Simon Sosnitza (Mannheim), Die mittelalterlichen Stadthöfe Loccums

Themenblock V: Loccum und die Reformation
Moderation: Horst Hirschler

Gerald Kruhöffer (Loccum), Der Konfessionswechsel im Kloster Loccum

Inge Mager (Hamburg), Antonius Corvin. Vom Loccumer Mönch zum Reformator

Hans Otte (Hannover), Abt Molans Vorstellung von einem evangelischen Mönchtum

Zitation
Tagungsbericht: Neue Forschungen zum Zisterzienserkloster Loccum, 04.04.2014 – 06.04.2014 Loccum, in: H-Soz-Kult, 18.06.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5426>.
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Veröffentlicht am
18.06.2014
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