The International Tracing Service Collections and Holocaust Scholarship

Ort
Washington, D.C.
Veranstalter
International Tracing Service (ITS), Bad Arolsen; Jack, Joseph and Morton Mandel Center for Advanced Holocaust Studies, United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) Washington, D.C.
Datum
12.05.2014 - 13.05.2014
Von
Rebecca Boehling / Susanne Urban, International Tracing Service (ITS), Bad Arolsen

Bei der Konferenz The International Tracing Service Collections and Holocaust Scholarship wurde am Beispiel von zahlreichen Forschungsprojekten beleuchtet, welchen Wert die Sammlung des International Tracing Service (ITS) für die Holocaust-Forschung schon heute hat und welches Potential sich für die Zukunft bietet. 26 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Australien, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Israel, Spanien und USA nahmen an der Konferenz teil. Außerdem besuchten an den zwei Tagen zwischen 25 und 75 Gäste die verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen im USHMM.

Eröffnung

PAUL SHAPIRO (Washington, D.C.) unterstrich die Relevanz des ITS-Archivs und die Einzigartigkeit der Sammlung für die Holocaust Forschung vor dem Hintergrund der Öffnung des Archivs im Jahre 2007. REBECCA BOEHLING (ITS Bad Arolsen) erläuterte die Geschichte des ITS und ihre Auswirkungen auf die Struktur und die Organisation des Archivs, sowohl in Bad Arolsen als auch im digitalen Archiv.

Panel I: In the Midst of Camps and Forced Labor I

ADAM SEIPP (Texas A & M University) stellte seine Forschungsergebnisse über Zwangsarbeit im ländlichen Raum in Bayern und die zentrale Stellung dieser Ausbeutung für die Wirtschaft in Nazideutschland vor. Die Eröffnung von immer mehr Außenlagern (Beispiel Buchenwald) trotz unzureichender Arbeits- und Lebensbedingungen für die Kriegsproduktion stand im Fokus des Vortags von CHRISTINE SCHMIDT (Wiener Library, London). In den Außenlagern mussten ungarische Jüdinnen als letztes Aufgebot Sklavenarbeit leisten. Die Referentin hält in der Forschung eine stärkere Beachtung von Namenslisten für sinnvoll, die beim ITS zahlreich vorhanden sind, um Aspekte wie Überlebenschancen, Beziehungen der Häftlinge untereinander und auf der Basis der Geschlechterforschung sowie die Prioritäten der deutschen Administration zu entschlüsseln. Zu wenig erforscht sind aus der Sicht von DAN STONE (University of London) das Konzentrationslager Groß-Rosen und besonders seine Außenlager. Mit Fokus auf das Frauenlager Christianstadt fragte Stone nach den Zuständen in solchen Arbeitslagern im Vergleich zu den Erfahrungen der gleichen Gefangenen in Auschwitz oder Bergen-Belsen.

Panel II: Postwar Testimony, memory and representations of Trauma in the ITS

BARBARA GLÜCK (Mauthausen Memorial) berichtete, dass aufgrund des ITS-Archivs neue Einsichten in den Lauf und die Auswirkungen der “Release Missions” von 1300 Gefangenen aus dem KZ Mauthausen durch die Verhandlungen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) ermöglicht worden sind. SUSANNE URBAN (ITS, Bad Arolsen) stellte ihre Forschungen zu frühen Zeugnissen, die der ITS sammelte, vor. Sie analysierte diese Dokumente unter verschiedenen Gesichtspunkten: Wer hat interviewt, zu welchem Zweck, mit welcher Intention und was sind die individuellen Stimmen, die sich entschlüsseln lassen. Bei der Analyse der Zeugnisse seien auch Werkzeuge aus der Linguistik, Psychologie etc. relevant. Auf die Bedeutung von Gender während der Shoah wies ELIZABETH ANTHONY (Clark University, Worcester, Massachusetts) und USHMM. KZ-Bordelle waren Orte der Zwangs- und Sklavenarbeit für weibliche Insassen und müssen als Orte sexueller Gewalt verstanden werden. Euphemismen aus der NS-Zeit und unklare Beschreibungen heute (im moralischen oder erotischen Sinn) müssten durch diese Terminologie ersetzt werden.

Panel III: Who is Disposable? Inclusion and Exclusion in Nazi Germany

Um Forschung zur Kartei der Reichsvereinigung der Juden ging es im Vortrag von AKIM JAH (Potsdam). Bei einer der Teilkarteien sind alle Juden ausländischer Herkunft oder als staatenlos bezeichnete Juden nicht im Gedenkbuch des Bundesarchivs enthalten, obwohl diese Juden teils Jahrzehnte in Deutschland gelebt hatten. Es gibt Hinweise auf mehr als 2.500 solcher „ausländischer“ Juden in dieser Kartei beim ITS, was für Forschungszwecke von besonderem Interesse sein könnte.

Panel IV: Brutality in the Last Years of the War, 1944-45

MICHAEL McCONNELL (University of Tennesse) berichtete über systematische Gewalt im Chaos während des Kriegsendes anhand der Situation in Gestapogefängnissen: Aus Angst um die interne Sicherheit und vor Aufständen erschossen die Wärter, die zum Teil früher bei Einsatzgruppen gearbeitet hatten, Gefangene als "Gesindel". Dies geschah entweder auf Befehl von Himmler oder, als es mit Berlin keinen Kontakt mehr gab, auf regionaler Basis. IDIT GIL (Open University of Israel) stellte dar, wie Zwangsarbeit mit bürokratischen Anweisungen aufrechtgehalten wurde. ITS-Dokumente spiegeln die Vernichtung durch Arbeit in breiter Weise wider. In den 1944 errichteten Außenlagern des KZ Natzweiler, das geräumt wurde, herrschten entsetzliche Zustände. Der Mangel an beispielsweise Brot, Schuhen und anderen mehr war Anlass, eine Verbesserung herbeizuführen. Die Täter stellten die Frage, was benötigt wurde, um die Arbeitskraft auszubeuten zu können. Demgegenüber stand die Frage: Was war notwendig fürs Überleben. ULRICH FRITZ (Stiftung Bayerische Gedenkstätten) und JÖRG SKRIBELEIT (KZ Gedenkstätte Flossenbürg) erläuterten, dass die Akteure der Todesmärsche in den ITS-Dokumenten zu finden sind. Die Flossenbürg-Todesmärsche waren das Modell, nach dem UNRRA die anderen Todesmärsche untersuchte. Flossenbürg und die nähere Umgebung waren „killing fields“ und „bloodlands“.

Panel V: Survivors and the Political Landscape of Postwar Europe

JENNIFER RODGERS (University of Pennsylvania) referierte, dass ITS-Geschichte auch eine Geschichte des Kalten Kriegs, der Ideologien und der deutschen Taktik ist, sich nach 1950 durch Entschädigungen von NS-Opfern und Unterstützung des ITS wieder in die (westliche) Völkergemeinschaft einzuklinken. Der ITS wurde durch die DP-Emigrationspolitik zum Symbol der Gegnerschaft des Nationalsozialismus und des Kommunismus gleichermaßen. Die westlichen Alliierten wollten das IKRK heraushalten, auch wegen seiner nicht unproblematischen Rolle im Krieg, aber es kam im Zuge des Kalten Kriegs und der westdeutschen Bemühungen zu diesem Kompromiss, wobei sogenannte humanitäre Arbeit instrumentalisiert wurde. Über Identitäten und das stetige Neudefinieren der Identitäten bei DPs sprach RUTH BALINT (University of New South Wales, Sydney). Einsprüche gegen Ablehnung durch IRO sind ein Spiegel des Antikommunismus und der Erweiterung der Defintion DP nach 1948. Der Ausschluss von Kollaborateuren und Tätern sowie ein antikommunistischer Impetus waren relevant bei CM (Care and Maintenance)-1-Bögen für Migrationszwecke. Die Definitionshoheit, wer Überlebender/Flüchtling/DP/Täter/Opfer/außerhalb des Mandats/innerhalb des Mandats ist, lag bei den Alliierten. Fragen nach dem moralischen Zweck wurden nach 1948 immer relevanter. DPs nutzten die CM-1-Forms als ein „Ticket to the west“, und die Alliierten verwendeten sie als Mittel im Kampf gegen den Kommunismus. LAURA HILTON (Muskingum University, New Concord) berichtete über das Bemühen von DPs bewusst staatenlos zu bleiben, um nicht repatriiert zu werden. Sie lehnten ab, dass jeder Mensch eine Nationalität haben müsste. Menschen ohne Staatsangehörigkeit wurden zu Außenseitern, denn auch ohne eigene Schuld war dies ein negativer Status. Am Ende des Krieges war es ein langer Prozess, DPs wieder in das System der Nationalstaatidentität zu zwingen.

Panel VI: In the Midst of Camps and Forced Labor II

ALEXANDRA LOHSE (American University, Washington) zeigte am Beispiel von Schmalkalden, wie breit in den ITS-Dokumenten regional geforscht werden kann. ALEXANDRE DOULUT (University of Paris I) analysierte die vor Auschwitz stattfindenden Selektionen, um erklären zu können, warum jene, die aus Zügen herausgeholt wurden, keine Nummer eintätowiert bekamen, sondern direkt in Auschwitz-Außenlager weiterdeportiert wurden. Bezüglich der Schmelt-Lager/Zwangsarbeit: ITS-Dokumente zeigen diesen Prozess, der kaum bekannt ist. MARTA SIMO (Autonomous University of Barcelona) zeigte in ihrem Vortrag auf, dass spanische Bürger in vielfältigen Zusammenhängen in den ITS-Dokumenten zu finden sind, als Kollaborateure der „Blauen Division“, als Flüchtlinge aus dem faschistischen Spanien (darunter etliche Juden), die zum Teil während des Krieges als republikanische Kämpfer unter anderem nach Mauthausen deportiert wurden, als Arbeitskräfte und als Zwangsarbeiter.

Fazit

Die Vorträge, die alle auf ITS-Dokumenten basieren, zeigten neue Möglichkeiten für die Forschung auf: welche Perspektiven sich erkennen lassen, aber auch welche Grenzen. Die Konferenz brachte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen, die seit der Öffnung des ITS-Archivs mit den erstmals zur Verfügung stehenden Quellen zu ganz unterschiedlichen Schwerpunkten arbeiten oder gearbeitet haben. Sie stellten in sechs verschiedenen Themenfeldern Forschungsergebnisse über Nazi-Deutschland und den Zweiten Weltkrieg im Zusammenhang mit Verfolgung, Inhaftierung, Zwangsarbeit, Massenmord sowie über die daraus resultierenden Traumata der Nachkriegszeit vor.

Konferenzübersicht:

Welcome

Paul A. Shapiro (Jack, Joseph and Morton Mandel Center for Advanced Holocaust Studies, United States Holocaust Memorial Museum, Washington, DC)

Rebecca Boehling (International Tracing Service, Bad Arolsen / University of Maryland, Baltimore)

PANEL I In the Midst of Camps and Forced Labor I

Adam Seipp (Texas A&M University), On the Land: Forced Labor, Wartime Society, and the ITS Archive

Christine Schmidt (Wiener Library for the Study of the Holocaust & Genocide, London), Women behind Barbed Wire: Hungarian Jewish Women Slave Laborers in the Nazi Camps

Dan Stone (Royal Holloway, University of London), Discovering Christianstadt: Using the ITS Collections to Gain Insights into a Women’s Sub-Camp of Gross-Rosen

PANEL II Postwar Testimony, Memory, and Representations of Trauma in the ITS

Barbara Glück (Mauthausen Memorial), Biographies of Former Prisoners at Mauthausen and its Subcamps

Susanne Urban (ITS Bad Arolsen), “My only Document is the Number on my Hand”: Early Testimonies in the ITS Archive

Elizabeth Anthony (Clark University, Worcester / United States Holocaust Memorial Museum, Washington, DC), Representations of Sexual Violence in ITS Documentation

PANEL III Who is Disposable? Inclusion and Exclusion in Nazi Germany

Akim Jah (Potsdam), The Card Catalog of the Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (Reich Association of Jews in Germany)

Aleksandra Loewenau (Oxford Brookes University), Malaria Experiments on Prisoners at Dachau Concentration Camp: A Revised Study

Amy Carney (Pennsylvania State University), Caring for the Family: The SS “Family Community” in the ITS Lebensborn (Fountain of Life) Files

KEYNOTE PRESENTATION

Suzanne Brown-Fleming (Jack, Joseph and Morton Mandel Center for Advanced Holocaust Studies, United States Holocaust Memorial Museum), “Our Mothers, Our Fathers”: One German Town in the Records of the ITS Reception

PANEL IV Brutality in the Last Year of the War, 1944–45

Michael McConnell (University of Tennessee), Violence inside Germany’s Regional Prison System during Nazism’s End Phase

Idit Gil (Open University of Israel), Jewish Slave Laborers from Radom in the Last Year of the War: Social Aspects of Exploitation

Jörg Skriebeleit (Flossenbürg Concentration Camp Memorial), Confrontation–Reburial–Identification. De-Contextualization: Memorializing the Death Marches and their Victims

PANEL V Survivors and the Political Landscape of Postwar Europe

Jennifer Rodgers (University of Pennsylvania), Archive of Horrors, Archive of Hope: The International Tracing Service in the Postwar Era

Ruth Balint (University of New South Wales), The Use and Abuse of History: Displaced Persons in the ITS Archive

Laura Hilton (Muskingum University), The Experiences and Impact of the Stateless in the Postwar Period

PANEL VI In the Midst of Camps and Forced Labor II

Alexandra Lohse (American University, Washington, DC / United States Holocaust Memorial Museum, Washington, DC), The Nazi Forced Labor Program and ITS Documentation

Alexandre Doulut (University of Paris I), From Drancy to Cosel? One Transport in the ITS Archives

Marta Simó (Autonomous University of Barcelona), ITS, Spain, and the Holocaust

FINAL ROUNDTABLE ITS Archives and the Future of Holocaust Research

DISCUSSANTS

Rebecca Boehling (International Tracing Service, Bad Arolsen / University of Maryland)

Johannes-Dieter Steinert (University of Wolverhampton)

Paul Weindling (Oxford Brookes University)

Paul Shapiro (United States Holocaust Memorial Museum, Washington, DC)

Zitation
Tagungsbericht: The International Tracing Service Collections and Holocaust Scholarship, 12.05.2014 – 13.05.2014 Washington, D.C., in: H-Soz-Kult, 28.06.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5441>.
Redaktion
Veröffentlicht am
28.06.2014
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