Deutsch-jüdische Kultur- und Beziehungsgeschichte im östlichen Europa

Ort
Bad Kissingen
Veranstalter
Akademie Mitteleuropa e.V.
Datum
01.12.2013 - 05.12.2013
Von
Marco Bogade, Bamberg

Mitkonstituierend für Ostmitteleuropa ist das (frühere, in Resten bis heute) Vorhandensein einer deutschsprachigen und jüdischen Bevölkerung sowie die Verbreitung der deutschen Sprache (gegebenenfalls als Zweitsprache) im Alltag zwischen den verschiedenen Ethnien. Ostmitteleuropa ist geradezu geprägt von Misch- und Überlappungsgebieten verschiedener ethnischer und konfessioneller Gruppen, darunter Deutschen und Juden, wobei ein Teil der jüdischen Gruppen in Ostmitteleuropa sich als Deutsche oder Österreicher gesehen und gefühlt haben und diese heutige Unterscheidung wahrscheinlich nicht verstanden und keinesfalls geteilt hätten. In der Veranstaltung wurde die Beziehungsgeschichte zwischen Deutschen und Juden in Ostmitteleuropa in Ansätzen und durch unterschiedliche Zugänge (Literatur-, Kultur-, Sozial- und Stadtgeschichte, Identitätskonstruktionen und Mentalitäten, Stereotype, etc.) anhand einiger ausgewählter Themenkreise bekannt gemacht.

Am ersten Abend stand eine Einführung in das Leben und Werk des seinerzeit weltberühmten Tenors Joseph Schmidt – geboren 1904 im damaligen habsburgischen Kronland Bukowina, gestorben 1944 bei Zürich in einem Internierungslager für Flüchtlinge – auf dem Programm. Die Einführung gestalteten CARSTEN EICHENBERGER (Stuttgart) und ALFRED FASSBIND (Zürich) in dialogischer Form. Schmidt war zunächst Sänger in der Czernowitzer Synagoge, wo sein Gesangstalent als Chorsänger, später Vorbeter, entdeckt wurde. Sein Vater war ein strenggläubiger Chassid. Joseph Schmidt gehörte zeitweilig einer zionistischen Jugendorganisation an. Er erhielt Mitte der 1920er-Jahre in Berlin eine Gesangsausbildung und versuchte ein Engagement auf der Bühne zu erhalten. Aufgrund seiner geringen Körpergröße gelang dieses nicht. Jedoch wurde er 1929 für das neue Massenmedium Rundfunk entdeckt und avancierte zum Publikumsliebling. Über acht Jahre erlebte er unvorstellbare künstlerische Triumphe, in Deutschland, Österreich, den Nachbarländern, aber auch in England und den USA. Er spielte insgesamt über 200 Schallplatten ein, darunter über 40 Opern und 15 Operetten, aber auch über 100 Platten mit jüdischer liturgischer Musik der liberalen Berliner Reformgemeinde.

Im Zentrum des Vortrags von PETRA ERNST (Graz) standen Überlegungen über das schwierige Verhältnis von historischem Ereignis, individuellem Erlebnis und dem Erzählen darüber. Sichtbar gemacht wurde dies – aus aktuellem Anlass – am Beispiel ausgewählter deutschsprachig-jüdischer Texte zum Ersten Weltkrieg, vor allem literarischer und publizistischer Reaktionen auf die Kriegsereignisse in Galizien im ersten Kriegsjahr 1914/15.

FRANK SCHABLEWSKIS‘ (Düsseldorf) Vortrag zum Buch „Der Sturz“ von Robert Flinker gab eine literarische Sicht der Zeit, die das Seminar beleuchtete, wieder. Der Schriftsteller und Essayist Robert Flinker, geboren 1906 in Wischnitz, Bukowina, entstammte einer jüdischen Familie. Er war neben seinem Hauptberuf als Arzt auch als Schriftsteller tätig und verfasste Romane, Erzählungen und Gedichte. Zu Lebzeiten sind seine Romane und Erzählungen nicht erschienen. Sein Bruder konnte sie erst 1970 in Bukarest veröffentlichen. Flinkers Romane werden häufig wegen der mit literarischen Mitteln gestalteten „Paradigmen einer Machtstruktur“ mit Kafkas Werk verglichen. In der „Psychologie und Psychopathologie der Hysterie“, Leipzig 1938, beschäftigte er sich mit dem Phänomen der Masse, mit dem sich später Elias Canetti in „Masse und Macht“ auseinandersetzte. Der Druck auf seine Existenz schien damals noch nicht so groß gewesen zu sein. In diesem Roman spiegeln sich auch seine essayistischen Aufzeichnungen zur Massenhysterie wieder.

ROBERT LUFT (München) behandelte in seinem Beitrag das Thema „Jüdische Identitäten in Böhmen und Mähren im 19. und 20. Jahrhundert“. Darin ging er auf die rechtliche, demographische und soziokulturelle Entwicklung der Juden von 1800 bis 1945 ein.

CAROL SAUERLAND (Warschau/Warzsawa) analysierte in seinem Vortrag eine Publikation, die Alfred Döblin nach seiner Polenreise 1924 schrieb. Döblin war dorthin gefahren, um „wahre Juden“ kennenzulernen, denn er war nach den pogromartigen Vorgängen im Osten Berlins, in der Gollnowstraße und Umgebung, zu dem Schluss gekommen, dass er nicht wisse, was wahre Juden seien. Döblin selbst war zwar jüdischer Herkunft, praktizierte den Glauben jedoch nicht.

Der Vortrag von MIREK NEMEC (Aussig/Ustí nad Labem) setzte sich anhand des 1922 erschienenen und in Österreich populären Roman „Die Stadt ohne Juden“ von Hugo Bettauer mit den Stereotypen in der Wiener Gesellschaft auseinander. Es wurde versucht, die Positionierung von Bettauer im durch den Zerfall der Habsburgermonarchie ausgelösten Prozess der Bildung einer neuen österreichischen Identität zu deuten. Der Autor warb, nach dem Urteil des Referenten, für eine jüdisch-österreichische Symbiose, die vor 1914 erst das typisch Wienerische ermöglichte und auch nach 1918, in anderen politischen Bedingungen, weiter ausmachen sollte.

Der Beitrag von OLAF TERPITZ (Wien) behandelte das Thema „Übersetzung und Übertragung. Kulturelle Begegnungen in Petersburg und Berlin (1880er- bis 1920er-Jahre)“. Das Thema vereinigte die Bruchzonen, die zwischen „imperialer“, „postimperialer“ und gleichfalls auch gewissermaßen „postnationaler“ Kondition europäischer Judenheiten auftraten. Wohlgemerkt europäischer Judenheiten – nicht nur weil die Problematik und Idee Europas seit dem 19. Jahrhundert die deutsch-, österreichisch-ungarisch und eben auch die russländisch-jüdische Judenheiten in ihrer kulturellen Produktion prägten. Die gegenseitigen Wahrnehmungen der europäischen Judenheiten zeichneten sich etwa in den Dichotomien von Deutsch vs. Russisch, Ost vs. West, Jiddisch vs. Hebräisch, säkular vs. sakral usw. aus.

Mit den (interreligiösen) Erzählungen von Leopold Kompert beschäftigte sich INGRID STEIGER-SCHUMANN (Zürich) in ihrem Forschungsprojekt. Kompert präsentierte mit der zunehmenden Durchlässigkeit zwischen christlicher und jüdischer Lebenswelt nicht nur die vielfachen Konstellationen und mannigfaltigen Probleme, sondern bot auch einige bedeutsame Lösungsansätze und lebensbejahende Kompromisse zu diesen Fragen.

István Szabós Film „Ein Hauch von Sonnenschein“ untersuchte RENATA CRIŞAN (Großwardein/Oradea). Sie führte aus, dass es in der europäischen, der ungarischen und speziell der jüdisch-ungarischen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts viele tragische Aspekte gab. Das „Epochenporträt“ umfasst die Krise und den Niedergang des österreich-ungarischen Kaiserreichs, den Ersten Weltkrieg, die ungarische Revolution von 1919, den Aufstieg des Faschismus, den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust, die Revolution von 1956 und schließlich den Zusammenbruch des Stalinismus.

Im interaktiven Beitrag von BRITTA KORKOWSKY (Göttingen) analysierten und diskutierten die Teilnehmenden in neu zusammengestellten Gruppen literarische Texte russisch-jüdischer Autoren. In den Literaturen der Zwischenkriegszeit war Berlin vielfach Kulisse und Gegenstand literarischen Schaffens. Die Referentin stellte dem Publikum ausgewählte Texte, Prosa und Lyrik, von Vera Lur'e, Il'ja Ėrenburg, Viktor Šklovskij, Lev Lunc und Vladislav Chodasevič in deutscher Übersetzung zur Verfügung und es war die Aufgabe in Kleingruppen die jeweiligen Texte zu lesen und Fragen nach Erzählperspektive, Handlungsräumen und handelnden Personen zu erschließen.

NOÉMI KORDICS (Oradea/Großwardein) nahm sich der „Geschichte und Lebensgeschichte zwischen den zwei Weltkriegen in Arthur Holitschers Autobiographien“ an. Gegenstand der Untersuchung waren die beiden 1924 und 1928 veröffentlichten Autobiographien „Lebensgeschichte eines Rebellen“ und „Mein Leben in dieser Zeit“. Arthur Holitscher wurde 1869 in Budapest als Spross einer großbürgerlichen deutschsprachigen-jüdischen Kaufmannsfamilie geboren.

PÉTER VARGAS (Budapest) widmete sich dem ungarisch-jüdischen Autor Andreas Latzko (1876-1953). Latzko gehört zu den vergessenen ungarischen Autoren deutscher Sprache, der in keine Schublade der Literaturgeschichte hineinpasst. Für die ungarische Literatur war er uninteressant, da er überwiegend nicht auf Ungarisch schrieb. Er stammte aus einer jüdischen Bankiersfamilie, wurde aber römisch-katholisch getauft. Als Sohn einer Wienerin war seine ‚Mutter‘-Sprache zwar Deutsch, er musste sich jedoch diese Sprache als Absolvent ungarischer Mittelschulen mit einigen Mühen erarbeiten.

SZABOLCS JÁNOS (Oradea/Großwardein) referierte über das jüdische Bürgertum in Großwardein/Oradea/Nagyvárad, die zweitgrößte ungarische Stadt vor dem Ersten Weltkrieg. Die ersten schriftlichen Belege über jüdische Zuwanderer nach Großwardein stammen nach der Pestepidemie dabei aus dem Jahre 1710.

CHIARA CONTERNO (PADUA/PADOVA) widmete sich den „Psalm-Gedichten von Isaak Schreyer (1890-1948)“, einem jüdischen Schriftsteller aus der Bukowina. Im Ersten Weltkrieg war Schreyer als Korporal einer Fernmeldeabteilung eines Infanterieregiments an der russischen und italienischen Front tätig. Dessen ungeachtet fand er Zeit, um an der Front Gedichte über die Kriegserfahrung zu verfassen.

Die vom Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und Medien (BKM) geförderte Veranstaltung diente dazu, die deutsch-jüdische Beziehungs- und Kulturgeschichte in Ostmitteleuropa zu entdecken und zu vertiefen. Außerdem förderte sie die länderübergreifende Vernetzung von mitteleuropäischen Studierenden untereinander und mit Vertretern einschlägiger Institutionen, Universitäten und Forschungseinrichtungen. Es sollte auf das gemeinsame deutsche und jüdische Kulturerbe in den jeweiligen Herkunftsregionen in Ostmitteleuropa (Archive, Autoren, Zeitungen, Zeitschriften etc.) hingewiesen werden.

Konferenzübersicht:

Carsten Eichenberger (Stuttgart) / Alfred Fassbind (Zürich), Vom Czernowitzer Synagogensänger zum Rundfunkstar und verfemten und verfolgten des Naziregimes – eine multimediale Präsentation

Petra Ernst (Graz), Geschichte erzählen – Galizien in der jüdischen Kriegsliteratur des Ersten Weltkriegs

Frank Schablewskis (Düsseldorf), Der bukowiner Autor Robert Flinker – ein früher Adept Franz Kafkas

Robert Luft (München), Jüdische Identitäten in Böhmen und Mähren im 19. und 20. Jahrhundert

Carol Sauerland (Warschau/Warzsawa), Das Bild der Ostjuden in Döblins „Reise in Polen“ und Roths „Juden auf Wanderschaft“

Mirek Nemec (Aussig/Ustí nad Labem), Jüdisch-Österreichische Symbiose? Wiener Stereotype in der Zwischenkriegszeit

Olaf Terpitz (Wien), Übersetzung und Übertragung. Kulturelle Begegnungen in Petersburg und Berlin (1880er- bis 1920er-Jahre)

Ingrid Steiger-Schumann (Zürich), Leopold Kompert: Seine Erzählungen und das Zentralmotiv der religionsübergreifenden Liebes- und Eheverbindungen

Renata Crişan (Großwardein/Oradea), Epochenporträt im Film: Bilderbogen einer Familie „Ein Hauch voll Sonnenschein“

Britta Korkowsky (Göttingen), Eine Stadt, viele Perspektiven: Berlin als literarischer Raum der Zwischenkriegszeit in europäisch-jüdischen Literaturen

Noémi Kordics (Oradea/Großwardein), Großwardein/Nagyvárad/Oradea: Geschichte und Lebensgeschichte zwischen den zwei Weltkriegen in Arthur Holitschers Autobiographien

Péter Vargas (Budapest), Andreas Latzko‘s pazifistische Erzählungen

Szabolcs János (Oradea/Großwardein), Die Rolle des jüdischen Bürgertums im kulturellen Leben Großwardeins

Chiara Conterno (Padua/Padova), Die Psalm-Gedichte von Isaac Schreyer

Zitation
Tagungsbericht: Deutsch-jüdische Kultur- und Beziehungsgeschichte im östlichen Europa, 01.12.2013 – 05.12.2013 Bad Kissingen, in: H-Soz-Kult, 03.07.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5445>.