Dominanz durch Dinge? Zum Verhältnis von sozialen Asymmetrien und Materialitäten aus historischer Perspektive (XXXII. Tagung des Arbeitskreises Geschichte+Theorie)

Ort
Berlin
Veranstalter
Christiane Reinecke, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg; Nina Verheyen, Wissenschaftskolleg zu Berlin / Historisches Institut, Universität zu Köln; Arbeitskreis Geschichte+Theorie
Datum
27.02.2014 - 01.03.2014
Von
Florian Schleking, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Zweifelsohne nimmt das Problem der Wirkmacht von Objekten in geschichtswissenschaftlichen Fachdebatten der jüngeren Zeit einen prominenten Platz ein. Aber wie verhält sich diese Frage zur Analyse gesellschaftlicher Ungleichheiten? Ebendieser Verhältnisbestimmung widmete sich die Konferenz des Arbeitskreises Geschichte+Theorie zur „Dominanz durch Dinge“, die vom 27. Februar bis 1. März 2014 in den Tagungsräumen der Berliner WeiberWirtschaft stattfand.

Die Tagung konfrontierte sozialgeschichtliches Erkenntnisinteresse mit Theoriedebatten aus der Wissenschafts- und Technikforschung. Letztere problematisieren seit Jahrzehnten die prinzipielle Trennung von Sozialität und Materialität beziehungsweise von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren. Besondere Resonanz erzeugen nach wie vor die Provokationen der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) und insbesondere ihr populärster Vertreter, Bruno Latour. Zwar dreht sich ein Gutteil dieser Diskussionen um das Verständnis und die Verteilung von agency, also um ein zentrales sozialhistorisches Thema. Allerdings begegnet den Vorstößen oftmals der Einwand, gesellschaftliche Hierarchisierungen und Machtbeziehungen auszublenden. Latour selbst schien solche Bedenken wiederholt zu untermauern – beispielsweise durch seine harsche Abrechnung mit Pierre Bourdieu und anderen sozialwissenschaftlichen „Klassikern“, oder seine mehrdeutige Forderung, das Soziale neu zu versammeln und dabei konsequent (heuristisch) flach zu halten. Stehen sich Bourdieus Felder und Latours Kollektive unversöhnlich gegenüber? Ist eine Vermittlung überhaupt wünschenswert oder lässt sich das Spannungsverhältnis nicht vielmehr erkenntnisfördernd einsetzen? Letzteres war Ausgangspunkt der Konferenz und kann zugleich als ihr Ergebnis verbucht werden.

Zur Eröffnung skizzierten die Organisatorinnen CHRISTIANE REINECKE (Hamburg) und NINA VERHEYEN (Köln/Berlin) die Tagungsfragen und erläuterten ihr Plädoyer, diesen durch Dinggeschichten sozialer Asymmetrien nachzuspüren. Dem Asymmetriebegriff bescheinigte Reinecke dabei drei Vorteile gegenüber dem Ungleichheitsbegriff: er sei normativ weniger aufgeladen, nicht direkt an eine bestimmte soziologische Tradition gebunden und analytisch offener, was intersektionalen Zugriffen zugutekäme. Die Erforschung von Asymmetrien und Materialitäten zu verkoppeln böte die Möglichkeit, Korrelationen von Gesellschaftsformationen und Objekten – Ding-Mensch-Ordnungen – zu rekonstruieren. Vor diesem Hintergrund erschien es konsequent, dass der Konferenzablauf nach Dinggruppen strukturiert war.

Den Auftakt machte der Medienwissenschaftler MARKUS KRAJEWSKI (Basel). Sein Abendvortrag verband historische Beobachtungen mit konzeptionellen Überlegungen zum wandelbaren Objektstatus des Dieners. Im Fokus standen Prozesse, in denen häusliche Diensttätigkeiten von menschlichen Dienern auf dienende Dinge übertragen wurden. Der Vortrag konzentrierte sich auf den Drehtisch „revolving server or Lazy Susan“ von 1917, die „revolving server door“ Thomas Jeffersons sowie schließlich auf Google Glass mit ihren potentiellen zukünftigen Auswirkungen. An ihnen zeigte Krajewski, wie die Figur des Dieners die Unterscheidungen von menschlich/nicht-menschlich und Subjekt/Objekt verunsicherte, indem sie sich in ihre Zwischenräume einnistete. Zwar sei der Diener ohnehin subaltern verortet und funktional bestimmt gewesen, aber seine Anwesenheit bei geselligen Zusammenkünften habe deren Geheimnisse und Privatheit gefährdet. Seine Ersetzung durch Geräte wirkte dem zwar entgegen, doch mussten nun diese Geräte ihrerseits bedient werden. Menschliche Diener und ihre Herren mussten sich fortan gleichermaßen den Handlungsprogrammen ihrer dienenden Dinge unterwerfen. Mechanisierung, Elektronifizierung und schließlich Digitalisierung hätten diese Verschiebung noch weiter vorangetrieben. Im Falle von Google Glass werde nun gänzlich unsicher, wer Benutzer und wer Benutzter sei. In seinem Kommentar erkundigte sich BENNO GAMMERL (Berlin), ob dieses Prekärwerden und Umschlagen einem dialektischen Modell folge. Gammerl strich außerdem heraus, dass die Rolle des Konstrukteurs von Geräten genauer untersucht werden müsse. So könne ermittelt werden, inwieweit deren Pläne die agency von Dingen zu bestimmen vermochten.

Die erste Sektion thematisierte die Verfügungsgewalt über Rohstoffe im langen 19. Jahrhundert. Eingangs befasste sich STEFANIE GÄNGER (Köln) mit der globalen Resonanz der Chinarinde im Zeitraum von 1770-1830. Die Rinde der Cinchona Bäume, die an den Andenhängen beheimatet waren, stellte das einzige wirksame Mittel gegen die grassierende Malaria dar. Der Zugang zu ihr entschied folglich darüber, wer in welchen Weltregionen eine Erkrankung überleben konnte. Das spanische Imperium als Monopolist versorgte hauptsächlich EuropäerInnen und so zog sich die Krankheit aus Nordeuropa weitgehend zurück. Außerhalb Europas wiederum ermöglichte die Versorgung von Siedlern, Armeen und Beamten mit Cinchona erst die Kolonisation eines von Malariagebieten durchzogenen Globus. Sie befeuerte um 1800 die „Great Divergence“ und wurde zur Bedingung der europäischen kommerziellen wie kriegerischen Expansion.

Im anschließenden Referat schlug SEBASTIAN HAUMANN (Darmstadt) vor, alternativ zur ANT auf die Praxistheorie Theodore Schatzkis zurückzugreifen, weil diese besser operationalisierbar sei. Nach theoretischen Vorbemerkungen wählte er das sogenannte „Decken“ von Sprengschüssen in Kalksteinbrüchen als Fallbeispiel, um seine Untersuchungsschritte systematisch zu demonstrieren. Zuerst rekonstruierte er die Zielvorstellungen der Sprengvorgänge, konfrontierte dann diese normativen Erwartungen mit zeitgenössischen „realistischen“ Beobachtungen. Im Ergebnis wichen sowohl die Praktiken, als auch die physikalischen Eigenschaften des Kalksteins von den Normvorgaben ab. Nach der Registrierung dieser Abweichungen sei wiederum das materielle Arrangement der Praktik verändert worden. Haumann schloss mit Bemerkungen zur historischen Beweiskraft praxistheoretischer Ansätze, welche die Strukturierung des Sozialen erklären helfe.

Sektion II beschäftigte sich mit der Technisierung sozialer Differenz durch Apparate. Im ersten Beitrag untersuchte STEFAN WÜNSCH (Berlin) die Modellierung gynäkologischer Untersuchungsstühle. Speziell interessierten ihn ärztliche Männlichkeitsentwürfe und die Verfestigung des Geschlechtsunterschieds in der gynäkologischen Praxis, die er in den Konstruktionserzählungen der Behandlungsstühle fand. Wünsch verfolgte die These, die Stühle hätten einen aktiven Anteil an der Verhandlung und Stabilisierung von Geschlechtlichkeit in der Untersuchungssituation gehabt. Ihre Leistung läge jedoch weniger in der konsolidierten Weiblichkeit der Patientinnen, als vielmehr in der materialisierten und gefestigten Männlichkeit des praktizierenden Arztes.

Das zweite Sektionsreferat von MAX GAWLICH (Heidelberg) zielte am Beispiel der 1938 eingeführten Elektrokrampftherapie auf das Problem von Machtwirkungen und Machtasymmetrien, Ausschluss und Vernichtung. Anhand seiner psychiatriehistorischen Fallstudie besprach Gawlich die Potentiale und blinden Flecken einer latourschen Perspektive. Er demonstrierte, wie die Elektrokrampftherapie Machtbeziehungen zwischen ÄrztInnen, PflegerInnen und PatientInnen neu konfigurierte und das Akteurspektrum um Ingenieure, Bastler und Unternehmer erweiterte. Der Apparat entzog sich dabei einer totalen Bestimmung durch das medizinische Personal. Sich in Behandlung zu begeben und der psychiatrischen Gewalt zu unterwerfen, versprach Heilungserfolg und möglicherweise eine Rettung vor der Aktion T4. Artefakt-zentrierte Zugänge, so bemerkte Gawlich kritisch, sollten nicht dazu verführen, PatientInnen als Opfer aus dem Blick zu verlieren. Wenn deren Spuren im Quellenmaterial nicht greifbar wären, würden sie allzu leicht als wirkungslos betrachtet und ausgeblendet – ein gleichermaßen moralisches wie methodisches Problem.

Die zeitgeschichtliche dritte Sektion nahm Produkte in den Blick. Zuerst ermittelte die Medienwissenschaftlerin MONIQUE MIDDELBRINK (Paderborn) den Mehrwert der ANT für die Analyse von Mediengebrauch. Als Testfall wählte Middelbrink die Einführung des Fernsehmöbels in westdeutsche Haushalte in den 1950er- und 1960er-Jahren. Das Fernsehgerät erwies sich als geeignete Sonde, um der Reorganisation häuslicher Dingordnungen und geschlechtlicher Topographien durch ein gendered object nachzugehen. Sein Eintreffen im feminisierten Milieu der Hausfrau irritierte eingespielte Einrichtungskonventionen und geschlechtlich differenzierte Alltagsabläufe. Nachdem der Fernseher zunächst in die Peripherie der Schrankwände verbannt und dadurch unsichtbar gemacht wurde, etablierte er sich zunehmend als eigenständiges Medienmöbel. Relativ kurzfristig hätten sich Familien mit Sitzgelegenheiten um das Fernsehgerät angeordnet, das sich seinerseits durch modernes Plastik-Design immer mehr von den übrigen Möbelstücken abhob. Die Raumordnung des Wohnzimmers richtete sich auf den Fernseher aus, der zusammen mit Fernsehsessel und Kühlschrank wiederum geschlechtsspezifische Verhaltensroutinen modifizierte.

VERENA LIMPER (Köln) nutzte das Potential Latours für eine innovative Neuperspektivierung der Familiengeschichte. Sie analysierte, welche Faktoren das Säuglingsfläschchen seit den 1950er-Jahren um sich versammelte und wie es im Zuge dessen Vater-Mutter-Kind-Beziehungen transformierte. Im ersten Schritt verfolgte sie den Wandel der „künstlichen“ Säuglingsnahrung und der Utensilien, um diese zuzubereiten und ernährungspraktisch einzusetzen. Limper konnte zeigen, wie Industrialisierung, Verwissenschaftlichung und „Humanisierung“ der Säuglingsmilch den Goldstandard Muttermilch relativierten; wie Weithalsflasche, Kühlschrank und Flaschenwärmer die Zubereitung von Säuglingsnahrung erleichterten und neu regulierten; und dass Trockenmilch, Fläschchen und Co. außerhäusliche Erwerbsarbeit von Müttern begünstigten. Der zweite Schritt verfolgte die These, dieses komplexe Zusammenspiel habe den Boden bereitet, auf dem sich der Familienvater seit den 1960er-Jahren neu positionierte. Er wurde berufen, die Mutter mittels des Fläschchens in der Säuglingspflege zu unterstützen, sich zur emotionalen Bezugsperson des Kindes zu machen und sich mit seiner väterlich-liebenden Männlichkeit zu identifizieren.

Die vierte und letzte Sektion der Konferenz widmete sich international vergleichend sogenannten Amtsdingen. Den Anfang machte HEDWIG RICHTER (Greifswald), die sich mit den Herrschaftsfunktionen von Wahlen und materiellen Wahlsettings in den USA auseinandersetzte. Sie ging von dem politisch-theoretischen Grundproblem aus, wie sich angesichts des Gleichheitspostulats der Aufklärung Herrschaft legitimieren ließ. Richter konstatierte, dass Wahlen im späten 19. Jahrhundert hieran maßgeblichen Anteil hatten, indem sie missliebige Gruppen vom Wahlakt ausschlossen, fernhielten, oder in ihrer Entscheidung manipulierten. Exkludiert wurden speziell arme, ungebildete Schichten, um 1900 dann aber auch die „wilde“ Maskulinität, die zur Jahrhundertmitte noch hegemonial gewirkt hätte. Stattdessen sicherten sich junge, weiße Männer die eigene Dominanz durch eine zivile, beherrschte Männlichkeit. Den Ausschluss unterer Schichten besorgten schriftliche Stimmzettel ebenso wie der Wahlgang, die Raumausstattung und die Benutzung von Wahllokalen, die allesamt zunehmend anspruchsvoller wurden.

Soziotechnische Ordnungsräume thematisierte ebenfalls Reineckes Beitrag zu westdeutschen Notunterkünften und Übergangssiedlungen um 1970. Mit dem Begriff cyborg marginalization beschrieb Reinecke Handlungsprogramm und Effekte, die den Siedlungen von wohlfahrtsstaatlichen Akteuren übertragen wurden. Sie rekonstruierte zunächst, wie sich Wohnungen zu materiellen Sozialtechnologien entwickelten. Großstädtische Verwaltungen setzten sie zur Disziplinierung von als deviant kategorisierten Gruppen (Obdachlose, Problemfamilien) ein. Ein 3-Stufen-System, bestehend aus Stadtrandunterkünften, Übergangswohnungen und schließlich Sozialwohnungen sollte das Problem Obdachlosigkeit soziotechnisch bearbeiten. Im zweiten Schritt analysierte Reinecke die marginalisierenden und isolierenden Momenten der Notunterkünfte: ihre städtische Randlage, schlechte Verkehrsanbindung, simple Ausstattung, mangelhafte Bauweise und hohe Bewohnerkonzentration sowie das daraus folgende große Konfliktpotential. Dies alles materialisierte und markierte die Differenz zwischen den Barackenbewohnern und der übrigen Stadtbevölkerung – sowohl in der Eigenwahrnehmung, als auch in der Berichterstattung und sozialwissenschaftlichen Kritik der 1970er-Jahre. Ihre Schlussfolgerungen ergänzte Reinecke um kursorische Bemerkungen zu den französischen „cités de transit“. Diese folgten einer post-kolonialen Logik und zielten auf eine „Zivilisierung“ und „Adaption“ migrantischer und speziell algerischer Familien ab.

Der abschließende Vortrag von WIEBKE WIEDE (Trier) untersuchte die Herstellung und Verwaltung von Arbeitslosigkeit. Sie fokussierte erst die Jobcentres, die seit 1973 in britischen Einkaufspassagen und Stadtkernen eingerichtet wurden. Jobcentres passten sich in ihre Umgebung ein und vermittelten den Passanten Offenheit. Vacancy Displays kategorisierten Stellenangebote und damit Arbeitssuchende nach Geschlecht und Branchen. Wenn letztere dort kein passendes Angebot fanden, folgten Gespräche mit Arbeitsberatern und schriftliche Antragsstellung. Deutsche Arbeitsämter hingegen verpflichteten zur Aufsuchung eines separaten Gebäudes und zu langem Warten in kargen Fluren. Stellenvermittlung und finanzielle Unterstützung befanden sich im selben Gebäude. Die „Wartearchitektur“ habe den Vollbeschäftigungsgedanken verkörpert, so dass der Anstieg der Arbeitslosigkeit in den 1970er-Jahren konsequenterweise die Wartebereiche überlastete. Abhilfe schaffte hier die Computerisierung. Der Arbeitssuchende war jetzt gehalten, sich zuerst selbstständig via Computer über Stellenangebote zu erkundigen. Als zentrales Ergebnis machte Wiede zwei unterschiedliche Subjektivierungsweisen von Arbeitslosigkeit aus, an denen die materiellen Settings teilhatten: hier das britische Konsumtionssubjekt, dort das zu verwaltende Angestelltensubjekt der Bundesrepublik.

Die von DANIEL MORAT (Berlin) geleitete Abschlussdiskussion war darauf angelegt, den Mehrwert von ANT und vergleichbaren Ansätzen für eine zeitgemäße Reformulierung sozialgeschichtlicher Fragen auszuloten. Soziale Asymmetrien zwischen Menschen(gruppen) und wie Dinge sie herstellen und reproduzieren helfen – diese Gesichtspunkte hatten, so rekapitulierte Morat zutreffend, die Tagung dominiert. Zur mittlerweile klassischen kategorialen Trias sozialer Differenzen, race, class und _gender, lägen Dinge quer. Sie könnten aber deswegen nicht zu einer eigenen vierten Ungleichheitsdimension erklärt werden, sondern blieben ein Faktor unter anderen. Auf einer allgemeinen Ebene kritisierte Morat zudem die grobe Trennung von Menschlichem auf der einen und Dingen auf der anderen Seite. Trennschärfere Differenzierungen auf beiden Seiten seien ebenso hilfreich wie eine stärkere Berücksichtigung von Übersetzungen zwischen den Sphären. Die auf der Konferenz präsentierten Fallbeispiele können in der Rückschau durchaus als Schritte in ebendiese Richtung begriffen werden. Als zentral erwies sich erneut die kniffelige Frage, welches Wissen über verschiedene Agenzien – etwa Rohstoffe, Medikamente oder Körper – eine historische Erforschung von Materialitäten zum Ausgangspunkt nehmen sollte und kann, ohne sich in Anachronismen zu verfangen. Zudem nahm die Abschlussdiskussion die Frage (wieder) auf, welche Materialitäten der Fokus auf Dinge und der Dingbegriff selbst möglicherweise aus einer Analyse ausschließen. Neben Medien wurden hier Tiere, speziell aber Körper genannt, die nicht überall und jederzeit unter dieser Kategorie gefasst werden können. Die Grundsatzfrage aber – von Stefan Wünsch am Vortag konzise formuliert – ob und warum man nach wie vor an der Sozialgeschichte als Ausgangspunkt historischen Arbeitens festhalten müsse, wurde leider nicht wieder aufgegriffen. Doch leistete die Tagung einen bedeutsamen Beitrag zu einer der zentralen Fragestellungen aktueller Fachdiskussionen, dem eine weite Resonanz zu wünschen ist: Was das asymmetrische Soziale in der Sozialgeschichte war[1], was es heute ist und wie es in Zukunft theoretisch entworfen und methodisch nachgezeichnet werden kann.

Konferenzübersicht
Eröffnung: Die Dominanz der Dinge und die Geschichte sozialer Asymmetrien

Christiane Reinecke (Hamburg)/Nina Verheyen (Berlin/Köln), Einführung in Konzepte und Fragen der Tagung

Markus Krajewski (Basel), Wenn Dinge dienen: Bemerkungen zum Eigenleben der Objekte

Kommentar: Benno Gammerl (Berlin)

Sektion I: Rohstoffe: Die Verfügungsgewalt über Dinge im langen 19. Jahrhundert
Moderation: Manuel Borutta (Köln)

Stefanie Gänger (Köln), Asymmetrie und Substanz. Chinarinde und Malaria während der globalen Sattelzeit (1770 – 1830)

Sebastian Haumann (Darmstadt), Die soziale Relevanz der physikalischen Eigenschaften von Kalkstein. Eine Fallstudie zu Verfügungsgewalt und Materialität am Beispiel des niederbergischen Kalksteinabbaus im 19. Jahrhundert

Sektion II: Apparate: Die Technisierung sozialer Differenz 1850-1950
Moderation: Philipp Felsch (Berlin)

Stefan Wünsch (Berlin), Mit Schrauben und Muttern den Geschlechterunterschied festigen. Die ersten gynäkologischen Untersuchungsstühle

Max Gawlich (Heidelberg), Die Stabilisierung ärztlicher Macht durch den Apparat? Die 1938 eingeführte Elektrokrampftherapie in Latourscher Perspektive

Sektion III: Produkte: Ungleicher Konsum im 20. Jahrhundert
Moderation: Nina Verheyen (Berlin/Köln)

Monique Miggelbrink (Paderborn), ‚Gender by Design‘? Gestaltung und Aneignung des Fernsehmöbels in westdeutschen Haushalten der 1950/60er-Jahre

Verena Limper (Köln), Familiengeschichte mit Latour schreiben? Das Säuglingsfläschchen als (Mit)Gestalter von Vater-Mutter-Kind-Beziehungen (1945-1980)

Sektion IV: Amtsdinge und die Differenzierung der Staatsbürger
Moderation: Tobias Becker (Berlin)

Hedwig Richter (Greifswald), Das Wahllokal als Aktant. Soziale Ungleichheit trotz juristischer Gleichheit in politischen Wahlen in den USA und Preußen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Christiane Reinecke (Hamburg), Cyborg marginalization? Zum Verhältnis von Notunterkünften und „Problemfamilien“ im französischen und westdeutschen Sozialstaat um 1970

Wiebke Wiede (Trier), Produzenten sozialer Asymmetrien? Apparate in deutschen und britischen Arbeitsämtern der 1970er- und 1980er-Jahre

Abschlussdiskussion
Moderation: Daniel Morat (Berlin)

Anmerkung:
[1] Patrick Joyce, What is the Social in Social History?, in: Past & Present 206 (Feb. 2010), S.213-248.

Zitation
Tagungsbericht: Dominanz durch Dinge? Zum Verhältnis von sozialen Asymmetrien und Materialitäten aus historischer Perspektive (XXXII. Tagung des Arbeitskreises Geschichte+Theorie), 27.02.2014 – 01.03.2014 Berlin, in: H-Soz-Kult, 15.07.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5456>.