Nursing 1914-1918: War, Gender and Labour in a European Perspective

Ort
Ingolstadt
Veranstalter
Karen Nolte, Institut für Geschichte der Medizin, Universität Würzburg; Susanne Kreutzer, Fachbereich Pflege und Gesundheit, Fachhochschule Münster, University of Applied Sciences; Marion Maria Ruisinger, Deutsches Medizinhistorisches Museum, Ingolstadt; Beatrix Schönewald, Stadtmuseum Ingolstadt
Datum
22.05.2014 - 24.05.2014
Von
Astrid Stölzle, Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Stuttgart

Von 22. bis 24. Mai 2014 fand in Ingolstadt die internationale Konferenz zu: „Nursing 1914-1918: War, Gender and Labour in a European Perspective“ statt. In den Forschungen zum Ersten Weltkrieg fand das Pflegepersonal in den Lazaretten bislang nur wenig Beachtung, obwohl die Schwestern und Pfleger, zusammen mit den Ärzten, einen wesentlichen Beitrag zum Kriegsgeschehen leisteten. Anlässlich des hundertsten Jahrestages des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs stellte sich die Tagung die Aufgabe, die Bedeutung der Kriegskrankenpflege im europäischen Raum herauszuheben. Insbesondere sollten Handlungsspielräume und -grenzen aufgezeigt, auf Geschlechterkonzeptionen eingegangen und am Ende analysiert werden, inwieweit sich das Berufsbild der Krankenschwester bzw. des Pflegers durch den Krieg verändert hatte. Dabei fanden verschiedene Methoden und Quellengattungen (Ego-Dokumente, wie unveröffentlichte und publizierte Briefe und Tagebücher, fiktionale Literatur und Filme sowie Bilder) Berücksichtigung.

Die Konferenz begann mit CHRISTINE HALLET (Manchester) und ihrem Einführungsvortrag über den internationalen Beruf der Krankenpflege in einem weltweiten Konflikt. Während sich noch zwei Jahre vor Ausbruch des Krieges ein internationaler Schwesternrat (International Council of Nurses) während einer Tagung in Köln darüber beraten hatte, wie man gemeinsam den Beruf der Krankenpflege stärken könne, entwickelten sich während des Krieges das Image der Krankenpflege, die Ausbildungsstandards und das Selbstbewusstsein Pflegender auf internationaler Ebene in unterschiedlicher Weise, obwohl alle denselben Traumata ausgesetzt waren. Die Folgen des Einsatzes in der Kriegskrankenpflege seien bis in die Zeit nach dem Krieg spürbar gewesen. Während beispielsweise das Ansehen der amerikanischen und britischen Schwestern aufgrund ihres Kriegseinsatzes stieg, litten Pflegende anderer Nationen unter dem Zusammenbruch des Krieges in der Zeit der Depression, was sich in diesen Ländern hinderlich auf die Entwicklung ihrer Pflegeberufe auswirkte.

ASTRID STÖLZLE (Stuttgart) befasste sich mit den deutschen Kriegskrankenschwestern und -pflegern, die in den Kriegslazaretten der Etappen gearbeitet haben. Die Frage, ob es geschlechterspezifische Unterschiede in der Wahrnehmung des Krieges gab, sei anhand der analysierten Ego-Dokumente so nicht zu beantworten. Wie der Krieg wahrgenommen wurde, sei weniger von Geschlecht, Alter oder religiöser Zugehörigkeit abhängig, als vielmehr von äußeren Umständen wie der jeweiligen Einsatzorte, der desolaten Unterkünfte oder der gegenseitigen Anerkennung bzw. Nicht-Anerkennung unter dem Personal und der Ärzte. Wie beim Pflegepersonal der Alliierten Kräfte würdigte das Militär die Arbeit der Schwestern und Pfleger zwar während des Krieges. Dies hatte aber langfristig keine positiven Folgen für den gesellschaftlichen Stellenwert der Krankenpflege.

CHERILYN LACY (New York City) stellte die Arbeit der französischen Schwestern (und Ärzte) in den zivilen Pariser Krankenhäusern vor und problematisierte eingangs die schwierige Quellenlage. Alltagsnahe Quellen über die Arbeitsbedingungen Pflegender seien kaum überliefert. Auch an die zivile Pflege in der Heimat wurden große Ansprüche gestellt. Die Möglichkeiten, der Bevölkerung zu helfen, seien von der Tatsache geprägt gewesen, dass das Militär sowohl Personal- als auch medizinisches Material derart beanspruchte, dass die Pflege in Krankenhäusern, die nur von wenigen Schwestern erbracht werden konnte, erheblich erschwert gewesen sei, auch weil es an Medikamenten und Hilfsmitteln fehlte.

ANNETT BÜTTNER (Düsseldorf) stellte die Entwicklung der Kriegskrankenpflege durch Diakonissen seit den Reichskriegen (1864, 1866 und 1871) bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs vor. Wohl sei die Kriegskrankenpflege der überwiegend weiblichen Pflegenden gewürdigt worden, allerdings erkannte das Militär auch seinen Vorteil in den selbstlosen und opferbereiten Diakonissen. Ein Mitspracherecht hatten die Diakonien in der zukünftigen Organisation der Kriegskrankenpflege nicht. Sie wurden stattdessen, geführt von einer staatlichen Autorität, dem Militär untergeordnet.

Anhand einer Publikation der Schwester Julie von Gerbéviller zeichnete KATRIN SCHULTHEISS (Washington DC) das Bild der bisher in der Forschung stark vernachlässigten französischen katholischen Ordensschwestern nach. Die allgemeine Auffassung, der Krieg hätte die Professionalisierung des Krankenpflegeberufs vorangetrieben, müsse durch die Tatsache, dass viele nur mäßig bzw. gar nicht ausgebildete Schwestern und freiwillige Helfer in der Kriegskrankenpflege arbeiteten, relativiert werden. Die katholischen Schwestern, die anders als die weltlichen nicht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit traten, stellten, so Schultheiss, ihre patriotische „Hingabe“ (devotion) als von Gott gegeben in den Vordergrund und nicht den vom Staat vorgegebenen Patriotismus.

SABINE BRAUNSCHWEIG (Basel) setzte sich anhand unveröffentlichter Briefe mit der Frage auseinander, welche Erfahrungen Schweizer Schwestern in österreichischen Militärlazaretten gemacht hatten. Als neutrales Land stand die deutschsprachige Schweiz eher den Mittelmächten, die italienisch- und französischsprachige Schweiz dagegen den Entente-Staaten nahe. Die Schwestern aus der Schweiz arbeiteten daher auf beiden Seiten. Dennoch wurde die politische Neutralität weder von den Schwestern selbst, noch von den Medien, dem Staat oder dem Roten Kreuz in Frage gestellt.

INGER-MARIE BORGESEN (Kolding, DK) und JORUNN MATHISEN (Halden, NO) untersuchten anhand veröffentlichter Briefe die Umstände und Bedingungen, auf die die dänischen und norwegischen Schwestern bei ihrem Einsatz in Österreich stießen. Die auf alliierter Seite und auf der Seite der Mittelmächte eingesetzten norwegischen Schwestern, sowie die in Österreich arbeitenden dänischen Schwestern behielten während ihrer Einsätze ihre Neutralität. Vor ihrer Tätigkeit in der Kriegskrankenpflege wurden sie in den Krankenhäusern in der Heimat gut vorbereitet. Ihr Einsatz galt daher als Schlüsselmotivation für eine professionelle Entwicklung der Pflege.

JANE POTTER (Oxford) stellte eine repräsentative Auswahl von Kriegsmemoiren britischer und amerikanischer Schwestern vor. Neben anderen ging sie der Frage nach, inwieweit die Autobiographien literarisch gestaltet waren. Im Ergebnis könne festgehalten werden, dass die von den Schwestern wiedergegebenen Erlebnisse durchaus mit literarischen Mitteln beschrieben worden sind. Als Motivationsgrund für die Niederschrift stünde der Versuch im Vordergrund, die eigenen Traumata zu überwinden und der Leserschaft die Unsinnigkeit eines Krieges zu präsentieren.

ALISON FELL (Leeds) zeigte anhand von veröffentlichten und unveröffentlichten Ego-Dokumenten (Briefe, Tagebücher, Zeitungsartikel, Memoiren) französischer und britischer Schwestern, wie diese den Umgang mit Soldaten aus Indien, Algerien oder dem Senegal reflektierten. Ursprünglich sollten weiße Schwestern keine Nicht-Weißen pflegen, doch brachte die Komplexität des Krieges es mit sich, dass von dem weißen Pflegepersonal die Pflege Nicht-Weißer gefordert wurde. Während einige der Ego-Dokumente an koloniale Reiseberichte erinnern würden, erweiterten andere ihr Verständnis für fremde Sprachen und Kulturen und stellten die Beziehung der Kolonisierten zur ihrer Kolonialmacht dar, wobei Respekt und Anteilnahme für die fremden Kulturen deutlich würde.

Anhand des zeitgenössischen bzw. kurz nach dem Krieg produzierten Films als historische Quelle analysierte KAREN NOLTE (Würzburg), wie Schwestern im Film einem breiten Publikum dargestellt wurden. Die Filme seien so konstruiert, dass diese entweder die Bevölkerung für oder gegen den Krieg mobilisieren sollten. In einem ersten Schritt zeigte Nolte, wie die Schwestern in den Kriegs- und Antikriegsfilmen dargestellt wurden. In einem zweiten sollte analysiert werden, wie einzelne Szenen mit Schwestern die jeweilige Aussage des Filmes unterstützen. In den drei vorgestellten Filmen wurde deutlich, dass Lazarettszenen, die den Pflegealltag darstellen, eher in Anti-Kriegsfilmen zu sehen waren, da diese Filme damit auch die sterbenden und verwundeten Soldaten zeigten und so die Unsinnigkeit des Krieges deutlich machten.

Gemäß dem Tagungsziel wurde das Pflegepersonal an den Kriegsschauplätzen in Europa während des Ersten Weltkriegs aus mehreren Perspektiven in den Blick genommen. Dies betraf die Herangehensweise mit unterschiedlichen Quellengattungen, die verschiedenen religiösen und weltlichen Schwestern sowie ihre multinationale Herkunft. Gemeinsam war allen Pflegenden – trotz unterschiedlicher Ausbildungen − die Anerkennung ihrer Tätigkeit durch das Militär und ihren Heimatstaat. Sie erhielten Ehrungen in Form von Medaillen und wurden als Heldinnen gepriesen. Dies galt in der Hauptsache für das weibliche Pflegepersonal. Männliche Pfleger erhielten diese Form der Anerkennung nicht in dem Maße. Zudem wurde festgestellt, dass die Geschichte männlicher Pfleger noch weitestgehend ein Forschungsdesiderat darstellt. Nach dem Krieg ging die Professionalisierung des Pflegeberufs in den verschiedenen Herkunftsländern der Schwestern ihre eigenen Wege. Während britische und amerikanische Schwestern im Gesundheitssystem bis heute hoch anerkannt sind, finden deutsche Schwestern in ihrem Beruf wenig Würdigung. Diese unterschiedliche Entwicklung ist, wie die Tagung zeigte, historisch bedingt, wobei der Erste Weltkrieg sicher eine entscheidende Schlüsselrolle gespielt hat. Es wäre in jedem Fall von großem Interesse, die historische Entwicklung des Pflegeberufs im 20. Jahrhunderts im internationalen Austausch zu diskutieren.

Konferenzübersicht:

Einführungsvortrag (Keynote lecture)

Christine Hallet (Manchester), Nursing: An International Profession in a World Conflict.

1. Sektion History of Everyday Nursing

Astrid Stölzle (Stuttgart), Nursing in the First World War. Civil nursing Staff in Military Hospitals behind both the Eastern and Western Frontlines of the German Empire.
Cherilyn Lacy (New York City): Doctors and Nurses in Parisian Hospitals during the First World War

2. Sektion Denominational Nurses

Annett Büttner (Düsseldorf), Between the Wars – Deaconess Motherhouses and the Preparation for Voluntary War Nursing, 1871-1914.
Katrin Schlutheiss (Washington DC), “For God and Country”: Religious and Secular Nurses in World War I France.

Führung durch die Ausstellung “Who cares?” Geschichte und Alltag der Krankenpflege

3. Sektion Neutral Countries

Sabine Braunschweig (Basel), The Experience of Swiss Volunteer Nurses in Austrian Military hospitals in the First World War.
Inger-Marie Borgesen (Kolding) und Jorunn Mathiesen (Halden), Danish and Norwegian Nurses at the European Battlefield

Führung durch das Bayerische Armeemuseum “Erster Weltkrieg”

Führung durch das Deutsche Medizinhistorische Museum

4. Sektion Representations

Jane Potter (Oxford), „I am alone am left to tell the tale“: Nurses` Literary Responses to the Great War
Alison Fell (Leeds), Race, Empire and Gender: Accounts of Caring for Colonial Troops in World War I Nurse Memoirs.
Karen Nolte (Würzburg), Nurses, War and their Representations in Cinema.

Zitation
Tagungsbericht: Nursing 1914-1918: War, Gender and Labour in a European Perspective, 22.05.2014 – 24.05.2014 Ingolstadt, in: H-Soz-Kult, 26.07.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5472>.
Redaktion
Veröffentlicht am
26.07.2014