Oppositionelle Märtyrer. Konstruktion und Instrumentalisierung von Märtyrern von der Antike bis ins 20. Jahrhundert

Ort
Münster
Veranstalter
Exzellenzcluster „Religion und Politik“, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Datum
20.06.2014 - 21.06.2014
Von
Sarah Thieme, Exzellenzcluster Religion und Politik, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Ausgangpunkt der von der koordinierten Projektgruppe „Martyrium und Märtyrerkult“ des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster organisierten Tagung war die Überlegung, dass oppositionelle Gruppen – im politischen wie im religiösen Kontext – ein besonderes Bedürfnis haben, eigene Märtyrer zu konstruieren, um ihre Gruppenidentität zu betonen. Ziel war es folglich, die Formen und Funktionen dieser oppositionellen Märtyrerkonstruktionen anhand von Fallbeispielen von der Antike bis ins 20. Jahrhundert hinein zu untersuchen. Leitend war die Frage nach der Instrumentalisierung der umgewidmeten oder neuerfundenen Märtyrer über die Epochen hinweg. Einzelne Beiträge fragten darüber hinaus nach einer erfolgreichen Kultimplementierung und nach der Rezeption des oppositionellen Martyriums. Im Fokus der Debatten standen neben dem Status der Opposition wiederholt Fragen der Medialität, Emotionalität und Körperlichkeit des Martyriums.

Die Tagung begann in chronologischer Reihung zunächst mit drei althistorischen Vorträgen, die regional einen Schwerpunkt auf Asia Minor und Syrien setzten. Zunächst fragte JOHANN LEEMANS (Leiden) in seinem Vortrag nach den Umständen oppositioneller Märtyrerkulte im Asia Minor des 4. und 5. Jahrhunderts. Nachdem er auf die Schwierigkeiten bei der Festlegung oppositioneller Gruppen für die antike Epoche verwiesen hatte, zeigte er am Beispiel des Orestes von Tyana und des Eupsychius von Caesarea auf, wie innerkirchliche Oppositionen, etwa die der Arianer, eigene Märtyrer konstruierten und wie die hegemoniale orthodoxe Kirche diese zu integrieren und zu harmonisieren suchte.

Daran anschließend vertiefte ALISSA DAHLMANN (Münster) die Ausführungen ihres Vorredners am Beispiel häretischer Märtyrer in nizänischen Gemeinden. Sie argumentierte, dass Märtyrerkonstruktionen der Legitimierung von Einfluss innerhalb des Christentums dienten. Die innerkirchlichen Konfliktgruppen bedienten sich dabei zwei Strategien: Neben der Ausgrenzung oppositionellen Märtyrer durch die nizänische Gemeinde mittels Differenzierungen, konnte sie am Exempel des von den Arianern kultisch verehrten Lukian von Antiochia auch aufzeigen, wie oppositionelle Märtyrer von der hegemonialen Kirche integriert und vereinnahmt wurden. Sie zeichnete einen zeitlichen Wandel hin zu einer einheitlich positiven Konstruktion des Märtyrers in beiden kirchlichen Konfliktgruppen im 5. Jahrhundert nach. Voraussetzung dieser Kultimplementierung durch die nizänische Kirche war eine Neukonstruktion der Märtyrerlegende, die etwa Angaben zu seiner oppositionellen Lehre des Toten verschwieg.

Den abschließenden Beitrag der althistorischen Vorträge zum Tagungsthema brachte MARIE KLEINE (Münster) ein. Am Beispiel des Heiligen Babylas zeigte sie eine Invention of Tradition[1] des Märtyrers durch Johannes Chrysostomos im Antiochia des 4. Jahrhunderts auf. Dieser habe den Märtyrer in Opposition zu Kaiser Julian, der sich als letzter römischer Kaiser pagan orientierte, als einen „Reisemärtyrer“ konstruiert und ihm einen Mythos vermeintlicher vorheriger Translationen zugeschrieben, um die erneute Translation im Kontext eines Kirchenneubaues für die Gläubigen nachvollziehbar erscheinen zu lassen. Zudem habe die Auswahl des derart konstruierten Märtyrers innerchristliche Auseinandersetzungen vermieden. Eindringlich brachte ALFONS FÜRST (Münster) in seinem Kommentar berechtigte Zweifel an einer voraussetzungslosen Neuerfindung des Märtyrermythos um den Heiligen Babylas aufgrund der engen zeitlichen Zusammenhänge an.

Chronologisch voranschreitend beschäftige sich IGOR POCHOSHAJEW (Montreal) mit zwei fundamental-christlichen Quellen aus der Zeit des islamischen Cordoba im 9. Jahrhundert, in denen die Autoren, Alberus und Eunobius, die Martyrien von 51 christlichen Märtyrern gegen den Islam als Polemik verschriftlichten. Der Referent zeigte auf, wie die beiden Autoren die Märtyrerschrift nutzen, um Kritik an der islamischen Herrschaft zu üben und zugleich den christlichen Glauben aufzuwerten. Das stärkste Motiv war dabei der innerchristliche Appell an die Befürworter der christlichen Mehrheitsmeinung, die sich an die islamische Kultur in einer Phase der Herrschaftskonsolidierung anpassten. Die Märtyrer sollten diesen Christen als Vorbilder dienen, um ihren Glauben auch öffentlich konsequent zu leben. CHRISTOPH DARTMANN (Münster) mahnte in seinem Kommentar an, dass hierin keine Opposition sondern vielmehr der Versuch der Schaffung von gemeinsamer Identität als fiktive Opposition in einer heterogenen Christenheit zu sehen sei.

DANIELA MÜLLER (Nijmegen) ging in ihrem Vortrag der Frage nach, wie getötete Inquisitoren als Märtyrer im Dienst der kirchlichen Rechtsnormierung konstruiert wurden. Sie betonte die schwebende Situation der Heiligsprechung im 13. Jahrhundert zwischen der Kultimplementierung im Volksglauben und dem einsetzenden normierten römischen Heiligsprechungsverfahren und konnte aufzeigen, wie die Kanonisierungsprozesse der Inquisitoren (Konrad von Marburg, die Dominikaner in Südfrankreich, Petrus von Verona) durch Papst Gregor IX. genutzt wurden, um die binnenkirchliche Konkurrenz insbesondere durch die Bischöfe auszubremsen. Auch konnte sie Veränderungen im Kanonisierungsprozess nachweisen; so wurden den getöteten inquisitorischen Märtyrern etwa zusätzliche Wunder zugeschrieben, um die Heiligsprechung zu unterstützen. Unterstützung erhielten ihre Ausführungen durch den Kommentar von SITA STECKEL (Münster), die die Emotionalisierung der Botschaften über das Martyrium sowie die situative Sakralisierung der Rechtspraxis hervorhob.

Sodann wandte sich die Tagung oppositionellen Märtyrern moderner Ausprägung zu. In ihren Vortrag zur historiographischen Konstruktion katharischer Märtyrer erweitere ELISE WINTZ (Münster) die Perspektive der vorangegangenen Vorträge hinsichtlich der Rezeption oppositioneller Martyrien. Die Referentin beschäftigte sich mit dem gewachsenen Interesse französischer, insbesondere protestantischer Historiker des 19. Jahrhunderts an den Katharern und ihrer Verfolgung und fokussierte sich auf Napoléon Peyrat, der ein Martyrologium der katharischen Führungspersonen geschrieben hatte. Darin konstruierte dieser die verfolgten Katharer als oppositionelle Märtyrer mit einer eigenständigen südfranzösischen Identität. Das nationalistisch-regionalistische Moment der „martyrs of the homeland“ war für Peyrat zentral, da dies die regionale Identität in seiner Zeit stärken sollte. Zudem stellte er die protestantische Kirche in die Tradition der katharischen Märtyrer als Verteidiger des Glaubens gegen die katholische Kirche. Wintz zeigte abschließend auf, wie die Idee, die Katharer nicht mehr als Häretiker oder Opfer sondern als heldenhafte Märtyrer zu sehen, zunächst in der französischen Geschichtswissenschaft, dann in der Öffentlichkeit und schließlich im Tourismus rezipiert wurde. Im anschließenden Kommentar warnte DANIELA MÜLLER (Nijmegen) davor, den Rückgriff auf ältere Märtyrerdiskurse um die Katharer durch die Historiker des 19. Jahrhundert zu unterschätzen.

Am Beispiel der fünf „Scottish political martyrs“ um Thomas Muir zeigte ANDRÉ KRISCHER (Münster) die Entwicklung des Märtyrerbegriffs im Politischen am Beginn der Moderne auf. Ausgehend von der Selbstkonstruktion als politische Märtyrer durch die zum Exil verurteilten Aufständischen gegen die englische Krone, zeigte er Diskurslinien und Säkularisierungstendenzen des Märtyrerbegriffs seit dem 16. Jahrhundert in Großbritannien auf. Vor allem im 18. Jahrhundert sei das Martyrium viel diffuser, auch ironisch, jedoch stets politisch besetzt worden. In einem zweiten Schritt zeigte Krischer das Mobilisierungspotential der „Scottish political martyrs“ am Beispiel der oppositionellen Gruppe der frühen Chartisten auf, die sich auf die Märtyrer etwa bei Versammlungen aber auch in modernen Martyrologien bezogen. PETER BURSCHEL (Berlin) zweifelte in seinem Kommentar jedoch Säkularisierungsschübe durch die Politisierung des Märtyrerbegriffes an und machte sich für eine Betonung der religiösen Performance innerhalb der Politik stark.

Orthodoxe Neomärtyrer im Osmanischen Reich standen im Fokus des Vortrags von IONNIS ZELEPOS (München). Er analysierte, wie die fundamentale religiöse Gruppe der Kollyvaden doppelte Konvertiten auf ihr selbstgewähltes Martyrium vorbereitete und zeigte die typischen Handlungsmuster in den Viten der Neomärtyrer auf. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts sammelten die Kollyvaden zudem systematisch die Märtyrermythen in gedruckten Editionen, die bis heute verlegt werden und vermittelten darin die neue Programmatik des idealen Märtyrers. Die als Opposition zum herrschenden Islam propagierten Märtyrerkonstruktionen dienten der Bewegung vor allem zur Betonung ihrer religiösen Dominanz gegenüber der orthodoxen, aber im Besonderen gegenüber der Westkirche und zur Ausprägung einer spezifisch osmanisch-orthodoxen Eigenidentität. Abschließend verwies Zelepos auf die Umdeutung der Neomärtyrer zu nationalen Heiligen im Nationalstaatsbildungsprozess sowie auf ihre Vereinnahmung etwa durch die „Eiserne Garde“ in Rumänien.

SARAH THIEME (Münster) untersuchte die Instrumentalisierung von SA- und SS-Männern innerhalb der NS-Bewegung, die in der Zeit vor der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ in den 1930er-Jahren in Dortmund verstarben und dort als Märtyrer konstruiert und verehrt wurden. Am Beispiel ihrer Beisetzungsfeierlichkeiten zeigte sie auf, wie diese insbesondere zur Legitimierung von vergangener und zukünftiger Gewalt sowie zur kollektiven Identitätsstiftung und als individuelle Vorbilder für die Bewegungsaktiven nutzbargemacht wurden. Dabei betonte sie Sakralisierungsstrategien und die besondere Rolle evangelischer Geistlicher als Mythenkonstrukteure, die den Männern – ebenso wie die lokalen NSDAP-Funktionsträger – den Märtyrerstatus verliehen. Neben den Mytheninhalten standen die Funktionen der Rituale für die oppositionelle NS-Bewegung, wie die binnenintegrative Vergemeinschaftung, die Stärkung der nationalsozialistischen Heilsgeschichte und die Emotionalisierung über das Martyrium im Vordergrund des Vortrages. In seinem Kommentar unterstrich DANIEL SIEMENS (London) die Bedeutung des Ansatzes, Mobilisierungsstrategien über Märtyrer im lokalen Raum zu analysieren und betonte die Re-Sakralisierungsstrategien des Martyriums im engen Austausch zwischen protestantischen Pfarrern und lokalen NSDAP-Funktionsträgern.

Der abschließende Vortrag von HELEN PRIZIPILLA (München/ Berlin) untersuchte die Integration oppositioneller Märtyrer der zionistischen Bewegung in Jiskor-Büchern, einem eigenen Genre jüdischer Gefallenengedenkbücher. Ausgehend von einem integrativen Gedenkbuch des Jabotinsky Institutes (Tel Aviv), das das Ziel verfolgte, aller Verstorbenen des zionistischen Kampfes, wie der jüdischen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus, der Freiheitskämpfer Israels, sowie der olei ha-gardom, die durch die britische Mandatsmacht zum Tode verurteilt worden waren, zu gedenken, zeigte die Referentin Konflikte über die Deutungshoheit der Toten als Martyrium zwischen der offiziellen israelischen Gedenkkultur und der Gruppenkultur der Untergrundkämpfer von Etzel und Lehi auf. So versuchten die oppositionellen Gruppen ihre Verstorbenen in die hegemonialen Märtyrerlisten einzuschreiben und ihre Binnenposition innerhalb der zionistischen Bewegungen zu stärken.

Die Auswertung der Tagung in der abschließenden Diskussion fiel zu Recht positiv aus. Der epochenübergreifende Zugang der Tagung und die thematische Vielfalt der Beiträge verdeutlichen die breite historische Schnittmenge des Martyriumkonzeptes und ihrer Funktionen für oppositionelle Gruppen. Deutlich wurde die Vielschichtigkeit der Beziehung zwischen Opposition und Martyrium, die sich seltener in oppositionellen Kollektividentitäten, doch vielfach in Identitätsbehauptungen für eine Gruppe spiegelten. Die Tagung verdeutlichte aber auch einen Wandel des Martyriumskonzeptes über die Epochen hinweg zu einem vermehrt politischen Martyrium der Moderne. Streitbar blieb die Frage, ob hierin Säkularisierungs- oder vielmehr (Re-)Sakralisierungstendenzen erkennbar werden. Gerade die Auseinandersetzung mit Konzepten der Körperlichkeit, mit Männlichkeitsdiskursen, aber auch die intensivere Einbindung der Emotionengeschichte versprechen zukünftiges Potential für die historische Martyriumsforschung.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung Johannes Hahn, Münster

Johan Leemans, Leuven: Eupsychius and Some Others. Instances of Oppositional Martyr Cults in Late Antique Asia Minor, mit einem Kommentar von Johannes Hahn, Münster

Alissa Dahlmann, Münster: Freund oder Feind? Ausgrenzung und Integration häretischer Märtyrer innerhalb nizänischer Gemeinden im 4. und 5. Jahrhundert mit einem Kommentar von Johan Leemans, Leuven

Marie Kleine, Münster: Translation und Topographie: Babylas als Oppositioneller Märtyrer im Antiochia des 4. Jahrhunderts mit einem Kommentar von Alfons Fürst, Münster

Igor Pochoshajew, Montreal: Christliche Opposition gegen den Islam in Cordoba im 9. Jahrhundert, mit einem Kommentar von Christoph Dartmann, Münster

Elise Wintz, Münster, Die Katharer als Märtyrer: eine politische und historiographische Konstruktion?, mit einem Kommentar von Daniela Müller, Nijmegen

André Krischer, Münster: Politische Märtyrer am Beginn der Modern, mit einem Kommentar von Peter Burschel, Berlin

Daniela Müller, Nijmegen: Der Inquisitor als Märtyrer. Konstruktionen des Heiligen im Dienste der kirchlichen Normierung, mit einem Kommentar von Sita Steckel, Münster

Ioannis Zelepos, München: Religiöser Fundamentalismus und nationale Vereinnahmung – orthodoxe Neomärtyrer im Osmanischen Reich (18./19. Jahrhundert), mit einem Kommentar von Martin Kintzinger, Münster

Sarah Thieme, Münster: Instrumentalisierung in Fundamentalopposition? Beisetzungen nationalsozialistischer Märtyrer in Dortmund, mit einem Kommentar von Daniel Siemens, London

Helen Przibilla, München: Die Unseren und die Anderen. Zionistisches Gefallenengedenken zwischen Hegemonie und Opposition, mit einem Kommentar von Werner Freitag, Münster

Abschlussdiskussion, Moderation: Werner Freitag, Münster

Anmerkung:
[1] Eric Hobsbawm / Terence Ranger (Hrsg.), The Invention of Tradition, Cambridge 1983.

Zitation
Tagungsbericht: Oppositionelle Märtyrer. Konstruktion und Instrumentalisierung von Märtyrern von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, 20.06.2014 – 21.06.2014 Münster, in: H-Soz-Kult, 05.08.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5493>.
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05.08.2014
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