Colloque d’Histoire de la Cartographie

Ort
Paris
Veranstalter
Ingrid Baumgärtner (Kassel); Patrick Gautier Dalché (Paris); Ute Schneider (Essen); Martina Stercken (Zürich)
Datum
04.07.2014 - 05.07.2014
Von
Bettina Schöller, Historisches Seminar, Universität Zürich

Das Kartographiehistorische Kolloquium bietet Nachwuchswissenschaftler/innen bereits seit einigen Jahren eine internationale Plattform zur Präsentation ihrer Projekte. Auch während der Tagung in Paris wurde kartographisches Material aus der Antike, dem Mittelalter und der Neuzeit zur Diskussion gestellt. Einmal mehr zeigte sich, dass die Funktions- und Wirkungsweisen von verschiedensten Formen geographischer Aufzeichnungen eine gemeinsame, die Epochengrenzen übergreifende Diskussionsgrundlage bieten.

Bereits seit längerer Zeit setzen sich Forschende mit der Tatsache auseinander, dass aus der Antike kaum kartographische Bilder überliefert sind. ANCA DAN verwies nicht auf die reiche Texttradition antiker geographischer Beschreibungen, sondern auf das häufig angewandte Mittel der Analogie und interpretierte es als Möglichkeit des Nachdenkens über geographische Gegebenheiten. Eine Visualisierung geographischer Vorstellungen sah sie insbesondere in den Zeichnungen von Figuren in fremdländischen Kostümen, denen in begleitenden Texten geopolitische Eigenschaften zugeschrieben wurden. In weiteren Texten nutzten Autoren die Vorstellung des metonymischen Verhältnisses von Mikrokosmos und Makrokosmos: Der Vergleich mit menschlichen Gliedmaßen sollte dem Leser nicht nur die Gestalt des Kosmos fassbar machen, sondern auch der Visualisierung regionaler geographischer Gegebenheiten dienen. Inwiefern diese Aufzeichnungen als Vorläufer anthropomorpher Karten der Frühen Neuzeit gelesen werden können, wurde im Anschluss an den Vortrag kontrovers diskutiert.

Ausgehend von der sogenannten Viðei-Karte, einer kosmologischen Karte im isländischen Landnámabók aus dem 12. Jahrhundert, machte DALE KEDWARDS auf den unterschiedlichen Umgang mit den Toponymen „Thule“ und „Island“ aufmerksam. Während auf dieser Karte, wie auf mittelalterlichen Karten verbreitet, zwei unterschiedliche Inseln verzeichnet sind, wird in geographischen Texten jeweils wahlweise einer der beiden Namen für das heutige Island verwendet. In der Antike hatte „Thule“ noch eine andere Bedeutung: Nicht ein realer Ort war damit gemeint, sondern „Thule“ war ganz allgemein ein Synomym für den weitest entfernten denkbaren Ort. Erst im Mittelalter wurde es dann, unter anderem von Adam von Bremen, mit Island identifiziert. Die Gleichsetzung dieser beiden Inseln war nach Kedwards politisch motiviert: Der Bericht über die Verbreitung des christlichen Glaubens in „Thule“ signalisierte, dass die Welt nun bis an ihre Enden christianisiert war.

Auf einer großen Zahl von Karten unterschiedlichen Typs aus dem 15. und 16. Jahrhundert hat EMMANUELLE VAGNON die Verortung und die Form des Kaspischen Meers vergleichend betrachtet. Mittelalterliche Gelehrte Westeuropas kannten das Kaspische Meer bereits aus den geographischen Schriften der Antike, dessen Eigenschaft als Binnenmeer erfuhren sie aber erst aus den Reiseberichten des 13. Jahrhunderts. Vagnon hat im Laufe der Zeit keine Vereinheitlichung oder Entwicklung hin zu einer präziseren Darstellung beobachtet, sondern eine Koexistenz unterschiedlicher Formen. Als Kriterium für die Präzision der Darstellung hat sich hingegen einmal mehr der Herkunftsort des Kartenautors erwiesen, dessen geographische Nähe zum Kaspischen Meer oder dessen mehr oder minder intensive Handelsbeziehungen zu dieser Region. Die Frage nach dem Einfluss der arabischen Kartographie blieb aufgrund der bisher nicht geklärten Austauschbeziehungen zwischen Karten des Okzidents und des Orients unbeantwortet.

Obwohl Kartenautoren der Frühen Neuzeit vermehrt den Anspruch formulierten, die Welt so präzise wie möglich zu vermessen, erweisen sich diese Karten im Hinblick auf ihre Form, Funktionsweise und Einbeziehung heilsgeschichtlicher und historiographischer Elemente stets auch als Produkte einer religiös geprägten Gesellschaft. In Anknüpfung an diese Tatsache stellte GERDA BRUNNLECHNER in ihrem Beitrag die Frage, ob sich die Genueser Weltkarte von 1457 nach dem vierfachen Schriftsinn lesen lasse. Die Beweisführung gelang Brunnlechner nicht nur mit einer detaillierten Analyse einzelner Kartenelemente, sondern auch mit dem Verweis auf die große Bedeutung, welche dieser Lesart während des ausgehenden Mittelalters sowohl bei der Interpretation als auch bei der Produktion von Texten und Bildern beigemessen wurde. Rege diskutiert wurde die Frage, ob die mandelförmige Karte auf das göttliche Auge verweist, das zur Entstehungszeit der Karte neu in dieser Form dargestellt wurde, oder ob sie sich eher an die Ikonographie der Mandorla oder der Seitenwunde Christi anlehnt.

LENA THIEL hat die Weltkarte des Andreas Walsperger (1448) in ihrem Entstehungskontext und im Vergleich mit zeitgenössischen geographischen Aufzeichnungen untersucht. Als prägend für die kartographische Tätigkeit Walspergers erwies sich dessen Vernetzung mit verschiedenen Hochschulen des süddeutschen Raums, die den Wissensaustausch in den Bereichen der Geographie, der Mathematik und der Kartographie pflegten. Derart geschult deklarierte der Kartenzeichner seinen wissenschaftlichen Anspruch unterhalb der Karte: Er strebte auf der Grundlage der ptolemäischen Geographie nach größtmöglicher Exaktheit. Dennoch unterlegte er seiner Darstellung bestimmte Deutungen, indem er zum Beispiel die Städte der „Ungläubigen“ schwarz kolorierte oder das Paradies im Osten überdimensioniert darstellte. Thiel hat zudem die Nähe der Weltkarte zu einer tabellarischen Aufzählung geographischer Orte betont. Im Anschluss daran formulierte sie die These, dass unterschiedlichen Wissensformaten durch die Art und Weise, wie sie Wissen ordneten, spezifische Bedeutungen verliehen wurden.

Die Italienkarten des Paulinus von Venedig hat NATHALIE BOULOUX untersucht: Es handelt sich um eine Gesamtkarte und je eine Karte des Nordens und des Südens, die sich im selben Manuskript befinden. Zum einen interessierte sie sich dabei für das Nummerierungssystem, das auf allen Karten erscheint und wohl nicht nur als Findhilfe diente, sondern vor allem auch die Konstruktion der Karte unterstützte. Zum anderen untersuchte sie die Ausgestaltung der geographischen Angaben: Während die Zeichnung der Küstenlinien an Portulankarten erinnere, die wohl als Vorbild dienten, seien die Regionen um Ferrara und Neapel besonders detailliert ausgestaltet. Bouloux erklärte diese Auffälligkeit mit der Tatsache, dass Paulinus hier als Gesandter weilte und in dieser Funktion auch Detailkarten dieser Regionen zeichnete. Diese dienten ihm dann wahrscheinlich, neben mündlichen Berichten und Itineraren, als Quellen für seine Italienkarten.

Sind die eidgenössischen Bilderchroniken des 15. und 16. Jahrhunderts bislang vor allem aus sozialhistorischer Perspektive betrachtet worden, hat DANIELA SCHULTE nun den Fokus darauf gelegt, wie die Chronisten urbanen Raum darstellten und die Erinnerung an bestimmte Ereignisse konstruierten. Am Beispiel zerstörter Städte durch Feuersbrunsten zeigte sie, wie Text und Bild in der Chronik zusammenspielten und dabei in je spezifischer Weise und doch interagierend einen bedeutenden Vorgang historisieren. Im Vergleich von Aufzeichnungen derselben Ereignisse in unterschiedlichen Chroniken zeigte Schulte, dass die Autoren die Ursachen der Katastrophe jeweils unterschiedlich interpretierten. Insgesamt hat sie die Tendenz festgestellt, dass die Städte von den Chronisten oft nicht individualisiert dargestellt und in der Regel – als ein Signal nach außen – nicht zerstört, sondern trotz des Unheils als intakter Raum und als eine soziale Einheit inszeniert wurden.

Unter dem Ansatz der Wissensgeschichte[1] thematisierte NILS BENNEMANN den Umgang mit Wissen im transnationalen Kontext am Beispiel der Rheinkarten des 19. Jahrhunderts. Das Kartierungsprojekt der Zentralkommission für Rheinschifffahrt ist nicht nur im Hinblick auf die Flussgeschichte interessant, sondern auch auf den Herstellungskontext der Karten, der weniger von nationalen als vielmehr von regionalen Interessen geprägt worden war. Bennemann verglich am Beispiel der badischen und französischen Rheinkarten die unterschiedlichen Produktions- und Vermessungsmethoden. Dabei konnte er aufzeigen, wie die über Jahrzehnte geführten Diskussionen um die Notwendigkeit neuen Kartenmaterials, um die Vereinheitlichung der Zeichensysteme, die Orientierung der Darstellung und die angezielte Nutzung der Karten schließlich in einen Prozess der Standardisierung mündeten.

Am 1972 in Deutschland initiierten Gesamthochschulkonzept hat TIMO CELEBI aufgezeigt, wie Gesellschaftspolitik und Raumplanung miteinander verknüpft wurden. Als Fallbeispiel zog er Nordrhein-Westfalen heran, da das Bundesland zu dieser Zeit besonders bestrebt war, sich mit einer modernen Planung des Hochschulraums vom Ruf eines landesweiten „Schlusslichts“ zu befreien. Besonderes Augenmerk richtete Celebi dabei auf das Kartenmaterial von Clemens Geissler, das 1965 als Dissertation unter dem Titel „Hochschulstandorte, Hochschulbesuch“ erschienen war.[2] Das Kartenmaterial Geisslers visualisiert die statistisch erhobenen Daten. Begünstigt durch die Wahl des Zeichensystems trete darin ein Krisenmoment deutlich zutage: Die Verteilung der Hochschulen konnte mit der sozialen Entwicklung nicht Schritt halten. Für die Planer der 1970er-Jahre war die Karte denn auch ein wichtiges Argument zur Neugestaltung des Hochschulraums und somit ein einflussreiches politisches Instrument.

In der Diskussion der unterschiedlichen Beiträge wurde deutlich, dass sich der von der jüngeren Forschung geforderte Ansatz durchgesetzt hat, Karten nicht mehr isoliert, sondern stets im Kontext ihrer Überlieferung, ihres zeitspezifischen, kulturellen und politischen Umfelds zu untersuchen.

Konferenzübersicht:

Anca Dan (Paris), Représentations anthropomorphes de l'espace est-méditerranéen: quelques exemples, de l'Antiquité à la Renaissance

Dale Kedwards (York), Maps in words in medieval England

Emmanuelle Vagnon (Paris), Cartographie de la mer Caspienne, XVe-XVIe siècles

Gerda Brunnlechner (Hagen), Die Genueser Weltkarte von 1457 - lesbar nach dem vierfachen Schriftsinn?

Lena Thiel (Kassel), Wissenschaft und Kartografie – Die Weltkarte des Andreas Walsperger (1448)

Nathalie Bouloux (Tours), Les cartes d’Italie de Paulin de Venise

Daniela Schulte (Zürich), Displaying a destructed city in the late Middle Ages

Nils Bennemann (Essen), Die badisch-französischen Rheinkarten im Kontext einer transnationalen Wissensgeschichte, 1828-1849

Timo Celebi (Essen), Hochschulstandorte, Hochschulbesuch. Karten im Kontext nordrhein-westfälischer Hochschulplanung und Gesellschaftspolitik in den 60er und 70er Jahren

Anmerkungen:
[1] Philipp Sarasin, Was ist Wissensgeschichte?, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur (IASL) 36/1 (2011), S. 159-172.
[2] Clemens Geissler, Hochschulstandorte, Hochschulbesuch, Hannover 1965 (Dissertation).

Zitation
Tagungsbericht: Colloque d’Histoire de la Cartographie, 04.07.2014 – 05.07.2014 Paris, in: H-Soz-Kult, 14.08.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5506>.
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Veröffentlicht am
14.08.2014