Colloquium Atticum III: Athen in der Archaischen Zeit

Ort
Hamburg
Veranstalter
Werner Rieß, Alte Geschichte, Universität Hamburg
Datum
16.06.2014
Von
Michael Zerjadtke, Historisches Seminar, Universität Hamburg

Am Montag, dem 16. Juni 2014 fand in Hamburg zum dritten Mal das Colloquium Atticum statt. Der von Werner Rieß initiierte Workshop hat aktuelle Projekte und Forschungstrends rund um Attika zum Gegenstand. Im Rahmen der Reihe soll etablierten Forschern/innen wie auch Nachwuchswissenschaftlern/innen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Arbeiten als work in progress zur Diskussion zu stellen.

Zum diesjährigen Colloquium Atticum fanden sich Wissenschaftler/innen aus fünf Ländern im Warburghaus der Aby Warburg Stiftung zusammen, um ihre Forschungen über Athen in Archaischer Zeit vorzustellen. Auch wenn auf die explizite Untergliederung der Referate in Sektionen verzichtet wurde, ließ sich dennoch eine Zweiteilung ausmachen. Während die ersten drei Referenten/innen sich auf eine körper- und sozialgeschichtliche Sicht konzentrierten, standen für die letzten drei die Konfliktgeschichte sowie Solon im Fokus des Interesses.

Nach einleitenden Grußworten von Jürgen Sarnowsky (Hamburg) und Werner Rieß (Hamburg) eröffnete ANNETTE HAUG (Kiel) mit einem Vortrag über Kleidung und Nacktheit auf spätgeometrischen und früharchaischen Vasenbildern Athens. Hierbei konnte sie nicht nur einen Wandel der visuellen Konzepte aufzeigen, sondern auch herausarbeiten, wie Rollenkonzepte, die in Bezug auf spezifische Handlungssituationen (Szenen) entfaltet werden, und Körperkonzepte aufeinander rückwirken. Männer würden nicht per se nackt, Frauen bekleidet imaginiert, vielmehr orientiere sich die Körperperformanz an den Handlungszusammenhängen, in die sie eingebunden sind: Krieger sind gerüstet, Wagenlenker bekleidet, männliche Trauernde nackt. Am Übergang zum 7. Jahrhundert zeichne sich dabei ab, dass es mit der zunehmend formalen Differenzierung der Kleiderformen möglich wird, diese noch stärker attributiv, zur Charakterisierung sozialer Rollen einzusetzen. An einer personalen Individualisierung hätten diese frühen Bilder aber noch kein Interesse.

Es folgte ZINON PAPAKONSTANTINOU (Chicago) mit Ausführungen zu Sport und Siegesmonumenten der athenischen Oberschicht. Training und sportliche Wettkämpfe hätten nicht vorrangig der körperlichen Ertüchtigung gedient, sondern definierten vor allem auch den gesellschaftlichen Status des Sportlers und Siegers. Stiftungen von Siegesmonumenten und Darstellungen von Sportlern auf Grabstelen sollten den Siegerstatus perpetuieren und vom Individuum auf das Geschlecht übertragen. Familiennarrative seien die Folge gewesen. Anders als die Adeligen in den meisten griechischen Poleis hätten die athenischen Aristokraten ihre Selbstdarstellung vornehmlich auf die Heimatpolis konzentriert. Man sei somit weniger mit den Oberschichten anderer Stadtstaaten in Konkurrenz getreten, sondern habe vielmehr den Wettbewerb untereinander gepflegt, was offenbar gerade unter der Peisistratidenherrschaft notwendig war. Sport habe auf diese Weise sowohl der sozialen Abgrenzung der Aristokratie als auch als verbindendes Standesmerkmal gedient.

HANS VAN WEES (London) referierte über Luxus, Einfachkeit und die Darstellung sozialer Gleichheit im archaischen Griechenland. Anhand von Sybaris und Kroton, Sparta sowie Athen zeigte er einen Wandel im aristokratischen Ethos auf, der seinen Ausdruck in neuen Entwicklungen in der Selbstdarstellung fand. Wo zuvor noch ostentativer Prunk und ausschweifende Gelage das Bild der Oberschicht kennzeichneten, hätte ab etwa 530 vor Christus eine zur Schau gestellte Bescheidenheit Einzug gehalten. Der Wandel in der Selbstdarstellung sei vermutlich mit den institutionellen Veränderungen in vielen Poleis Griechenlands in Verbindung zu bringen, die den innergesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und egalitärere Strukturen innerhalb der Elite aufbauen sollten. Nur eine Minderheit innerhalb der Eliten habe dem Trend hin zur Egalität widerstanden und stellte aggressive Trunkenheit, Sexualität und Gewalt noch ostentativ zur Schau. In Kroton, Sparta und Athen lässt sich der Übergang zur Darstellung der relativen Austeriät auf das Ende des 6. Jahrhunderts datieren, womit die spartanischen Syssitien in einen zeitlichen wie sinnhaften Zusammenhang mit den kleisthenischen Reformen gerückt würden.

NICOLE REMMELE (Hamburg) stellte anhand der unterschiedlichen Interventionen durch Solon die Bandbreite der Möglichkeiten dar, auf die Lösung innergesellschaftlicher Konflikte hinzuwirken. Da die bis dato zur Beilegung genutzten Mittel nicht mehr funktioniert hätten, sei Solons Eingreifen auf verschiedenen Ebenen erforderlich gewesen. Drei Wirkungsmodi der solonischen Aktivitäten seien unterscheidbar: ein informeller (Gedichte), ein formeller (Gesetze) und ein systemischer (staatliche Institutionen). Dabei hätte jede Ebene auf ihre Weise zur Lösung des Konfliktes beigetragen. Die Gedichte hätten vorrangig der Erläuterung der solonischen Aktivitäten und damit dem conflict-management gedient, die Gesetze dem conflict-settlement und die Institutionen der conflict-resolution. Damit seien jedoch die tieferen Ursachen des innergesellschaftlichen Konfliktes nicht aus der Welt geschafft worden. Auch in anderen Poleis seien die soziopolitischen Krisen mit derartigen Interventionen bekämpft worden, jedoch nicht mit einem solch breiten und komplexen Spektrum.

JOSINE BLOK (Utrecht) widmete sich in ihrem Beitrag den möglichen Inspirationen Solons bei der Einführung der Seisachteia. Im Orient sowie in der Welt des Alten Testaments seien Schuldenkrisen, wie sie auch in Athen zum Problem wurden, schon zuvor häufiger aufgetreten. In der ganzen Welt des Mittelmeerraumes und im Orient war die Verschuldung der kleinen Bauern ein strukturelles Problem. Darüber hinaus sei der überaus hohe Zinssatz auf Kredite, allen voran auf Getreide, eine wichtige Ursache für die Verelendung gewesen. In Athen, wo weder Überbevölkerung noch Mangel an Land herrschten, kam dieses Problem wohl ebenfalls auf. Der Konflikt sei dort durch die Verkleinerung der Ackerflächen aufgrund von Erbteilung und Arbeitskräftemangel verstärkt worden. Solon sei aufgrund seiner Tätigkeiten im Mittelmeerhandel und seiner Reisen in den Osten über verschiedene Mechanismen zur Stabilisierung einer Gesellschaft in anderen Regionen des Mittelmeerraumes gut informiert gewesen. Speziell eine Regelung aus dem Vorderen Orient habe als Vorbild für die Seisachtheia dienen können, nach welcher Kredite allein auf Ländereien und Besitz aufgenommen werden durften, Schuldknechtschaft jedoch verboten wurden. In einem wichtigen Punkt würden sich jedoch die orientalischen Reformen von der athenischen Regelung unterschieden haben: während die orientalischen Herrscher immer wieder Schulden komplett erließen, handelte es sich bei der Seisachtheia um einen einmaligen Schuldenschnitt.

Mit dem letzten Vortrag widmete sich WERNER RIESS (Hamburg) Solon als dem „ersten Reformer Europas“. Auch wenn seine Gesetzesinitiativen auf den ersten Blick, der oftmals in der Forschungsliteratur römisch-rechtlich geprägt gewesen sei, inkohärent erscheinen würden, würden sie doch der Systematik des griechischen Denkens folgen, das den Einzelnen ganz als Teil der Polis begriff. Solons Eingriffe hätten auf allen Ebenen des „Kosmos“ gewirkt: Individuum, Oikos, Nachbarschaft, Landwirtschaft und Polis griffen auch in die privatesten Bereiche des Lebens ein, wie die Sexualität, die ebenfalls als die Polis beeinflussend gesehen wurde. Solon habe sich als sophos gesehen, als ein Weiser in ionischer Tradition, der eher belehren als durch gesetzliche Regelungen bestimmen wollte. Seine Methode sei der Kompromiss gewesen, ausgedrückt durch die Idee der Mitte; seine Ziele seien Identitäts- und Solidaritätsstiftung gewesen. Seine Gesetze seien daher nicht nur als moralisierend zu verstehen, sondern zielten tatsächlich auf ein Gleichgewicht zwischen Arm und Reich ab, wobei die Oberschicht sich solidarisch gegenüber den Armen verhalten sollte. Das Erreichte musste dann noch durch Institutionen abgesichert werden.

Die Zusammenschau der Vorträge durch Werner Rieß, der die körpergeschichtlichen mit den konflikttheoretischen Ansätzen zusammenführte, ordnete das solonische Wirken in einen größeren historischen Kontext ein und skizzierte Forschungsdesiderata. Weder die athenischen Krisenphänomene noch die Lösungsansätze waren exzeptionell, Parallelen zu anderen Poleis treten heute immer deutlicher zutage. Solon bediente sich eines ganzen Repertoires an Kriseninterventionen, von denen einige aus dem Vorderen Orient gestammt haben dürften. Neu war jedoch die Anzahl und Dichte der Regelungen innerhalb eines kurzen Zeitraums, die im griechischen Denken durchaus einen Anspruch auf Ganzheitlichkeit erhoben, womit das somatische Denken Solons ganz im gesellschaftlichen aufgehoben scheint. Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen der Tagung deutlich, dass ein erneuter Blick sowohl auf die einzelnen Maßnahmen Solons, ihre Herkunft und Bedeutung als auch auf ihr komplexes Zusammenwirken in Athen lohnenswert ist.

Konferenzübersicht:

Jürgen Sarnowsky / Werner Rieß (beide Hamburg), Grußworte

Annette Haug (Kiel), Kleidung und Nackheit: Körper- und Rollenbilder im frühen Athen

Zinon Papakonstantinou (Chicago), Sport, Victory Commemoration and Elite Status in Archaic Athens

Hans van Wees (London), Luxury, Austerity and Equality in Archaic Greece

Nicole Remmele (Hamburg), Die Lösung innergesellschaftlicher Konflikte im archaischen Athen

Josine Blok (Utrecht), Debt and its Aftermath: Anchoring Innovation in Solon's Athens

Werner Rieß (Hamburg), Solon, der erste Reformer Europas?

Zitation
Tagungsbericht: Colloquium Atticum III: Athen in der Archaischen Zeit, 16.06.2014 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 13.08.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5511>.