Der Erste Weltkrieg in der deutschen und französischen Erinnerung / La Première Guerre mondiale dans les mémoires française et allemande

Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Institut français d’histoire en Allemagne (IFHA), Frankfurt am Main
Datum
14.05.2014
Von
Céline Lebret / Philipp Siegert, IFHA, Goethe-Universität Frankfurt/M.

Die Debatte eröffnete die Reihe wissenschaftlicher Veranstaltungen mit dem Titel Rück/Blick, die das Institut français d’histoire en Allemagne (IFHA) anlässlich des hundertsten Jahres nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges konzipiert hat. Die Begegnung wurde vom Institut français d’histoire en Allemagne (IFHA) in Frankfurt ausgerichtet, in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft, mit Unterstützung des Fonds d'Alembert des Institut français und mit der Mission du Centenaire.[1] Die Diskussion unter der Leitung des Direktors des IFHA, Pierre Monnet, brachte zwei Exponenten der Weltkriegsforschung zusammen: ANTOINE PROST (Paris), Professor Emeritus der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne und Autor zahlreicher Bücher über Kriegsveteranen und die Unterrichtsgeschichte in Frankreich, sowie GERD KRUMEICH (Düsseldorf), Professor Emeritus der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und einer der anerkanntesten Spezialisten des Konflikts. Gegenstand der Debatte waren die Unterschiede in den Gedenkkulturen in Deutschland und Frankreich bezogen auf den Ersten Weltkrieg. Dabei stellten beide Referenten nahezu zeitgleiche Brüche in den jeweiligen Diskursen der beiden Länder fest, die aber inhaltlich sehr unterschiedlich ausfielen.

In ihren Eröffnungsbeiträgen gingen Antoine Prost und Gerd Krumeich auf das Gedenken und die gegenwärtige Wahrnehmung des Ersten Weltkriegs ein, um gleich zu Beginn die Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland hervorzuheben. Antoine Prost betonte, dass die Mission du Centenaire – eine öffentliche Einrichtung, die die Initiativen zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg koordiniert und deren wissenschaftlichem Beirat er selbst vorsitzt – tausende von Erinnerungsprojekten „zertifiziert“ habe, was die Verklärung dieses Ereignisses zeige, das in praktisch jedem Familiengedächtnis vorhanden und integrierender Bestandteil der nationalen Identität sei. Im Gegensatz dazu werde in Deutschland der Erste Weltkrieg immer im Lichte des Zweiten betrachtet. Diese Diskrepanz sei deutlich sichtbar geworden bei dem „Countdown“ der noch lebenden Veteranen bis zum Tode des letzten Kriegsteilnehmers im Jahr 2008; ein Vorgang, der in Deutschland völlig unterblieben sei. Dennoch, so Gerd Krumeich, sei der erste weltumspannende Konflikt nicht in Vergessenheit geraten. Der Beweis dafür sei der Erfolg vieler in diesem Jahr erschienener Bücher, die sich mit dem Ersten Weltkrieg befassten und teilweise zu Bestsellern wurden – wie zum Beispiel Christopher Clarks „Die Schlafwandler“[2], das mit 200.000 in Deutschland verkauften Exemplaren einen Rekord für ein Geschichtsbuch solchen Umfangs aufgestellt habe.

Im weiteren Verlauf der Diskussion haben die beiden Referenten drei wesentliche Abschnitte in der Erinnerungskultur und Interpretation des Ersten Weltkriegs unterschieden:

In der Zwischenkriegszeit seien in Frankreich vor allem zwei Akteure als Träger der Erinnerung tätig gewesen: Einerseits die Veteranen, die Gedenkveranstaltungen organisierten und Denkmäler errichteten, und andererseits der Staat durch den Unterricht, in dem der Krieg ab 1923 in den Grund- und ab 1925 in den weiterführenden Schulen auf dem Lehrplan gestanden habe. Die ehemaligen Soldaten hätten sich insbesondere in einer Vielzahl von Publikationen und Sammlungen von Augenzeugenberichten zu Wort gemeldet, in denen sie das Leid des Krieges angeprangert hätten. Tausende von Denkmälern seien in einem zutiefst pazifistischen Frankreich errichtet worden. Die Republik, weit davon entfernt, eine festgelegte Lesart des Krieges vorzugeben, habe eine Vielfalt von Interpretationen und damit Gedenkformen geduldet. Gerd Krumeich seinerseits bestand auf dem Entstehen von Unterschieden unmittelbar im Anschluss an den Krieg, da in Deutschland die Erinnerung an den 11. November von der Politik systematisch unter den Tisch fallen gelassen worden sei, weil die Niederlage wie ein Trauma erlebt worden sei. Die Gesellschaft sei zerrissen gewesen: Die Kriegsveteranen hätten sich missachtet gefühlt; die extreme Rechte habe die Revolutionäre als Vaterlandsverräter, als Schuldige der Niederlage gesehen. Die Nazis hätten sich die Figur des Veteranen zu eigen gemacht und mit ihrer Propaganda die „Kriegsversehrten“ geehrt und dem soldatischen Ehrgefühl geschmeichelt.

Während des Zweiten Weltkrieges habe die Wahrnehmung des Ersten eine neue Wendung erfahren. Unter dem Vichy-Régime sei das Gedenken (an 1914-18), das von der Besatzungsmacht untersagt war, als subversiv erachtet worden. Der 11. November sei somit zu einem Moment des Widerstands geworden, wie beispielsweise mit der Parade der maquisards der départements Ain und Haut-Jura im Jahre 1943 vor dem Totenmahnmal des Ersten Weltkrieges in Oyonnax. Dort wurde ein Blumengebinde in Form der croix de Lorraine niedergelegt mit der Inschrift „Die Sieger von morgen den Siegern von 14-18“. Trotzdem sei der Erste Weltkrieg auf den Lehrplänen geblieben. In Deutschland sei die Erinnerung an den Krieg vom nationalsozialistischen Regime instrumentalisiert worden. Er wurde zum Gegenstand massiver staatlicher Propaganda, insbesondere durch Filme, durch die Glorifizierung der Vergangenheit Hitlers als „Feldgrauer“ und durch die Ehrung der Veteranen. Die Instrumentalisierung des Ersten Weltkriegs durch den Nationalsozialismus sei ein Schlüssel ihres Erfolgs gewesen. Die Niederlage von 1945 habe also der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ein Ende gesetzt, da diese nun mit der Propaganda des Dritten Reichs eng verbunden gewesen sei.

Antoine Prost erklärte, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Erinnerung in Frankreich verzerrt worden sei durch die Unantastbarkeitserklärung des Kriegsveteranen und wegen der Trägerschaft des Gedenkens durch die Zivilgesellschaft, den Unterricht und die Veteranen – und nicht durch den Staat. Recht bald sei das Bewusstsein dafür aufgekommen, dass man von den Zeugenberichten zur Geschichtsschreibung übergehen müsse, da die Zeugen nach und nach ausstürben. Die soziale und wirtschaftliche Dimension des Krieges sei erst spät in den Analysen und den Schullehrplänen aufgetaucht. Seit Ende der 1990er-Jahre strukturiere der Bipol Verdun/Auschwitz die schulischen Programme, wobei der Erste Weltkrieg als Blaupause für die Massengewalt des Zweiten interpretiert werde. Dabei müsse aber kritisch angemerkt werden, dass die Schulbücher Begriffe vermengten, die nicht dieselbe Wirklichkeit einfingen. So werde zum Beispiel der Begriff des „Konzentrationslagers“ für den Ersten Weltkrieg verwendet, was zwar zutreffe, hier aber Gefangenenlager meint – so werde eine strittige Kontinuität in das Denken der Schüler eingebracht. Im Übrigen werde die Erinnerung an den „Großen Krieg“ – anlässlich der Jahrestage bestimmter Schlachten – von Schauspielern und den Medien aufgegriffen: so werde daraus eine Spielsaison gemacht. Gerd Krumeich betonte, dass seit dem Zweiten Weltkrieg die Wahrnehmung der beiden Kriege inhärent miteinander verwoben sei und dass der Erste Weltkrieg in Deutschland kein identitätsstiftendes Moment sei. Die historiografischen Kontroversen hätten sich auf die Schuldfrage konzentriert, eine Frage, die die Forschergemeinschaft seit Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“[3] beschäftige und die kürzlich durch das Buch von Christopher Clark fortgeführt worden sei, wobei demgegenüber in Frankreich Fragen nach den Kriegsursachen überholt seien.

Die Referenten haben deutlich gemacht, dass es zwar zeitlich parallele Entwicklungen in dem Gedenken an den Ersten Weltkrieg in Deutschland und Frankreich gegeben habe, dass diese inhaltlich aber nicht übereinstimmten. Der Bruch, den der Zweite Weltkrieg darstellte, hat die Erinnerung an den Ersten wesentlich umgeformt: Während in der Weimarer Republik aufgrund der Niederlage so etwas wie ein staatliches Schweigen geherrscht habe, sei in Frankreich die Erinnerung sehr wach gehalten worden – allerdings primär durch nicht-staatliche Akteure und mit völlig unterschiedlichen politischen und sozialen Hintergründen. Während des Zweiten Weltkriegs, vor allem in der Zeit der Besetzung Frankreichs, habe der Diskurs eine Wendung erfahren: In Frankreich erhielt das Gedenken an den Sieg von 1918 einen subversiven Charakter. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei das Gedenken an die Veteranen von 1914-18 in Deutschland fast vollständig geendet, da es zu sehr von der nationalsozialistischen Propaganda thematisiert und instrumentalisiert worden war. In Frankreich wurde zur selben Zeit die Figur des Veteranen nahezu unantastbar, was zu einer Verzerrung der Erinnerung führte. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs habe sich in den französischen Lehrplänen ein „Duopol“ Verdun/Auschwitz etabliert, das im Ersten Weltkrieg die Blaupause für die Massengewalt des Zweiten verortet. In Deutschland sei hingegen im Laufe der Jahrzehnte noch vor der Frage der Gewalt diejenige nach der Schuld gestellt worden – für beide Kriege.

Konferenzübersicht:

Gerd Krumeich (Düsseldorf) / Antoine Prost (Paris), Debatte: Der Erste Weltkrieg in der deutschen und französischen Erinnerung / La Première Guerre mondiale dans les mémoires française et allemande

Moderation: Pierre Monnet (Frankfurt am Main)

Anmerkung:
[1] Der Tonmitschnitt der Debatte ist verfügbar auf <https://soundcloud.com/if-deutschland> (17.9.2014).
[2] Christopher Clark, Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, München 2013.
[3] Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht: die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18, Düsseldorf 1961.

Zitation
Tagungsbericht: Der Erste Weltkrieg in der deutschen und französischen Erinnerung / La Première Guerre mondiale dans les mémoires française et allemande, 14.05.2014 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 18.09.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5589>.